Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 42 (1937)
- Issue
- Heft 1 (5.1.1937)
- Date
- 1937-01-05
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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JÜDISCHE RUNDSCHAU |1 JJ f | fj J^m Jj £j^f^ Palästina ehrt Toscanini - Toscanini ehrt Palästina Festtage in Tel -Awlw Von Werner Bloch Am 20. Dezember kam Arturo Toscanini mit seiner Gattin auf dem Flugplätze in Ludd an. (Siehe das Bild in Nr. 104/05 der „J. R." — A. d. Red.) Am Tage vorher war Huber man in Tcl-Awiw eingetroffen. Nach kurzem Empfang auf dem Flugplätze begab sich Toscanini in eine kleine Villa in R a ni a t h G a n, die ihm eine musikfreudige Familie für die Dauer seines Aufenthaltes in Palästina zur Verfügung gestellt hat. Es dauerte nicht lange, und Toscanini war bei seiner ersten Probe mit dem Palästina-Orchester. Danach besichtigte er das Messegelände und den neuen Hafen. Die dort, gesehene Leistung jüdischer Arbeiter machte auf ihn einen tiefen Eindruck. Am Abend des gleichen Tages war er bereits im Kreise von 2000 Arbeitern im neuen Konzertsaale, wo eine Feier anläßlich der Beendigung der für das Jahr 1936 vorgesehenen Hafenarbeiten stattfand. Die Tageszeitungen hatten an diesem Tage dem siebzigjährigen Künstler warme Begrüßungsartikel gewidmet. Ihm und Huberman galten die Grüße des J i s c h u w. Die öffentliche Meinung Palästinas wurde von den Sorgen des Tages abgelenkt. Seit Wochen standen im Mittelpunkte der Pressenachrichten und aller Gespräche die Sorgen um unsere politische Zukunft, das Rätselraten um die Royal Commission und ihre Arbeiten und die ernsten Fragen um die Sicherheit. Man dachte nur an zähe Arbeit zur Ueberwindung der politischen und wirtschaftlichen Hindernisse, ohne den Oedanken an Muße und schöne Künste. Das änderte sich mit der Ankunft Toscaninis in Palästina. Die geschmackvollen Plakate und Zeitungsinserate des „Palästina-Orchesters" hatten zwar seit langem das Eröffnungskonzert unter Toscanini angekündigt; der Kartenverkauf ging auch seit Wochen flott vorwärts. Im Norden von Tel-Awiw sah man die Musiker des Orchesters täglich zur Probe eilen. Man rüstete, und die „Leute vom Bau" hatten viel zu tun, viel zu bereden und viel zu prophezeien. Aber — Tel-Awiw wurde erst zur Konzertstadt, als der Maestro in ihr weilte. Sein Kommen hielt Tel-Awiw in Atem. Aber nicht nur das bevorstehende künstlerische Ereignis ließ die Herzen der Tel- Awiwcr leichter und höher schlagen, sondern das Gefühl, daß in Palästina ein Gast weilt, der nach wenigen Tagen seines Aufenthaltes voll Sympathie, ehrlicher Freude und offensichtlicher Begeisterung an dem schöpferischen Aufbau Palästinas teilnimmt. Zwischen den anstrengenden Proben besuchte Toscanini Kibbuzim bei Petach Tikwah, eine Arbeiterinnenfarm, Mikweh Israel und Rarnoth Haschawim. Bei den letzten Proben ist der Saal mit Arbeitern gefüllt, die auf seine und ■Hubermans Veranlassung eingeladen waren. Besonderen Wert . hatte Huberman auf die Einladung von Mitgliedern der Kwuzoth und Kibbuzim gelegt. Sie kamen schnell aus den Kolonien, aus Judäa, Scharon und Schomron, auch aus Beth Alfah, Ejn Charod und Deganiah. Tel-Awiw durchlebte eine Woche, die erfüllt war vom „Toscanini-Fieber". Man konnte niemandem auf der Straße begegnen, der nicht mit der Frage begann: „Gehst du zum Eröffnungskonzert am 20. oder zum Konzert der Histadruth am 27.?" — „Weißt du, daß beide Konzerte ausverkauft sind?" — „Fünftausend Plätze!" — „Ich weiß gar-nicht, was ich an« ziehen soll!" — „Die Musiker hatten Angst, ob sie vor Toscanini bestehen würden." — „Aber schon nach der ersten Probe. ..." „Wie rüstig ist Toscanini mit seinen siebzig Jahren! Zwischen den Proben fährt er noch im Lande herum!" — Das sind Gesprächsfetzen aus der Woche vor dem Eröffnungskonzert. Die lange, breite Ben-Jehuda-Straße, die zum Stadion, Ausstellungsgelände und zum Hafen führt, wurde am 26. Dezember die Auffahrtsstraße zum großen Konzertsaale von Tel-Awiw. In mustergültiger Ordnung und seltener Pünktlichkeit eilten die Besucher zum Konzertsaale. Dieses Konzerthaus wurde von Oskar Kaufmann durch Umbau des italienischen und des internationalen Pavillons auf der Levante-Messe geschaffen. Winterlich-europäisches Konzertwetter lag über Tel-Awiw. Die Spannung, die in der Stadt herrschte, wuchs unter dem Eindruck des festlich erleuchteten Foyers und des großen Saales, der lange vor Beginn des Konzertes gefüllt war. Zweitausendfünfhundert festlich gekleidete Menschen suchten langsam ihre Plätze auf, begrüßten Bekannte und hielten Ausschau, „wer alles da war". — Und alles war da! Chaim Weizmann und seine Gattin, Ben Gurion, Schertok, Rokach und Hos friedlich mit allen Stadtverordneten, alle markanten Gestalten Tel- Awiws, Jerusalems und Haifas, der Industrie, des Handels, der Banken, der Arbeiterschaft; die Künstler, die Schriftsteller, die lokale und internationale Presse. Die englische Beamtenschaft war in ihren Spitzen fast vollzählig vertreten. Das diplomatische Korps und Gäste aus Aegypten, Syrien, Irak und auch aus Europa waren erschienen. Offizicrstiniformcn belebten das Bild. Um 8.40 Uhr betrat der High Commissioner, von Bronislaw Huberman geleitet, den Saal. Um 8.42 Uhr erhob der Meister den Stab. ... Am Schlüsse des Eröffnungskonzertes sprach Bronislaw Fl u b c r m a n dankende Worte an Toscanini. Er hatte während des Konzertes neben dem High Commissioner gesessen. Innere Erregung spannte seine Züge, und nur ab und zu war eine besondere Zufriedenheit über die Qualität des Orchesters und über die große Leistung Toscaninis auf seinem Gesichte zu lesen. In Bescheidenheit hatte er abgelehnt, bei dem Eröffnungskonzerte als Solist unter Toscanini zu spielen. Er wollte Tel-Awiw, 27. Dezember II maestro In dem rostroten Bühnenhalbrund erhebt sich die traumzarte Erscheinung des Meisters, fast unwirklich, von ergreifendem Adel. Die tiefliegenden beschatteten Augen nach innen gewandt, gleichsam die Partitur aus dem tiefsten Seelenzentrum ablesend, mit der Linken feinste tonliche Nervenschwingungen ins Orchester hineinsendeud, während die stabfübrende Rechte mit äußerster Oekonomie Rhythmen, Phrasen, Formen organisiert, fast unentschlossen und die Atmosphäre abtastend, beginnt er den Raum, die Menschen zu verwandeln. Man fühlt sich im Märchenland, in einer Zeit, die keine Zeit ist, in einem Raum, der kein Raum ist. Irgend etwas erinnert an Verdi, an Busoni, den Unvergessenen. Interpretation Das alt-junge Eres Israel wurde gewürdigt, die geniale Wiedererzeugung epochaler Musikschöpfungen zu erleben. Haften wir vordem die „Unvollendete" überhaupt schon einmal gehört? Kannten wir die Neben- und Gegenklänge des Hauptthemas? Toscanini, der große „Zurechtrücker", der das Chaos der Musik richtigstellt, Maßstäbe aufrichtet, dem abgespieltesten Thema durch winzige Akcellerierung oder Retardierung, durch minutiöse Cäsuren an unerwarteten Stellen, durch Heraushebung bisher unentdeckier oder mißachteter oder verdeuteter Nebenthematik den Ursprungssinn zurückgibt. Der mit edler Ruhe und visionärer Hingegebenheit die verschlungenen Wege der transzendenten Fäden des Partiturgewebes zu der vom Schöpfer geahnten Ur-Idee hinleitet. Der die Schwächen der Romantiker in Kraft und Größe verwandelt, ohne das Positiv-Romantische zu opfern, und der sogar die zweite Brahms-Symphonie zu der Vollendung bringt, die ihrem Verfasser vielleicht vorgeschwebt hatte, jedoch nicht zu erreichen vergönnt war. Der das Klingen jeder Instrument-Kombination dem Geistigen, dem Inhaltlich-Sinnhaften dienstbar macht und dabei doch das Extremste, Reinste und Charaktervollste aus jedem Instrument herauszieht. Der das Wirkungsmittel der äußersten Steigerung, des sattesten Tntti-Klanges nie um des äußeren Effektes willen verwendet, der die Partitur mit fast unpersönlichem, geradezu analysierendem Respekt realisiert und der dabei nicht einen Deut seiner überaus charaktervollen Persönlichkeit aufgibt. Einer Musikerpersönlichkeit, die — ähnlich der des Pianisten Busoni und des Cellisten Casals — romanisches Temdicsen gewaltigen Künstler in den Mittelpunkt der feierlichen Eröffnung stellen; er, der dieses Orchester geschaffen hat. In monatelanger Arbeit hatte er in der ganzen Welt Musiker für dieses Orchester erwählt. Mit unerschütterlicher Energie hat er an der Verwirklichung seines Traumes: „f ür das kleinste Land — das beste Orchester der Welt" gearbeitet. Er hat die finanziellen Grundlagen zu diesem Werke gelegt. Er hat viele Konzerte zugunsten des Fonds für das Palästina-Orchester gegeben und sich nicht gescheut, Gelder für diesen Fonds bei reichen Juden der Welt zu sammeln. Voir der Idee besessen, hat er unermüdlich —• auch während der schweren Unruhemonate in Palästina --- seine Arbeit fortgesetzt. Er hat Toscanini gewonnen. Ihm werden wir die Dirigenten und die Solisten für die nächsten Konzerte verdanken. Ais nur wenige glaubten, daß wir noch in diesem Jahre die ersten Konzerte des Palästina-Orchesters hören würden, war er es, der immer wieder erneut zur Arbeit und zur Vorbereitung aufrief. Das Toscanini-Konzert war sein Sieg über die schwer e, häßliche und grausame Realität. Im Rahmen des I'alästina-Aufbaus hat er ein Kulturwcrk geschaffen, das uns allen neue Lebenskraft und neuen Mut gibt. Seine besondere Verbundenheit mit den schöpferischen Kräften Palästinas kam zum Ausdrucke, als die Zuhörer des I Iistadruth-Konzertes ihn als einen verehrten Freund feierten. perament mit nördlicher, geradezu fanatischer Gediegenheit und Traditionskultur verschmilzt. Einer Dirigentenindividualität, die von so monumentaler llebtr/.eugnng.skraft ist. daß sie es wagen kann, das Werk ohne die selbstbiographischen Hinzu« fügungen der meisten Interpreten herauszustellen. Orchester Es scheint fast vermessen, daß ein so junges und problematisches Gebilde, wie es das palästinensische Musikgetriebe heute naturgemäß darstellt, es der größten Musikkapazität zumutet, die ersten Schritte seiner Orchesterentwicklimg zu betreuen. Viele waren — von prinzipiellen Erwägungen abgesehen — von vornherein ängstlich, skeptisch und voller Skrupeln. Aber dann kam die große Ueberrasehung: dieses aus Juden der ganzen Welt, aus zum Teil hervorragenden holländischen, polnischen, ungarischen, deutschen, palästinensischen, österreichischen, russischen Musikern zusammenkonstruierte Orchester (etwa 70 Spieler, darunter 7 Damen) wird nicht nur in wenigen Wochen intensivster Vorbereitungsarbeit durch den Dirigenten Steinberg bis zu einem unvorstellbaren Grad vereinheitlicht, die Streicher und Bläser bis auf geringe Unebenheiten ausgeglichen und sublimiert, so daß es schon zu Beginn der zwölf letzten Proben, die der fast siebzigjährige Toscanini mit jugendlichster Anspannung selber geleitet hat, sonder n auch zu einer Höhe der Leistung gebracht, die den Vergleich mit den besten Orchestern der Welt schon heute aushält. Toscanini selber beurteilte es mit „molto bene" — und das sagt alles, auch die Daseinsberechtigung dieses von Huberman mit opfermutigem Idealismus und zielbewußter Energie zusammengestellten Orchesters ist damit erwiesen. Für Palästina selber waren die Konzerte der ersten Saison bei aller gigatitesker Kulturleisfung doch erst ein Teil seiner Aufgabe. Man muß sich immer wieder klar machen und eisern daran festhalten, daß ein repräsentatives Palästina- Orchester nicht nur die Aufgabe hat, den Kern des Musiklebens, sondern auch die sehr dringliche, die Grundlagen der Musik e r z i e h u u g zu schaffen. Neben oder sogar über der künstlerisch-repräsentativ» extensiven steht die intensive und aufbauende Funktion. Und zu dieser gehört nicht nur: das Publikum durch meisterliche Darstellungen mit der klassischen und romantischen Literatur vertraut zu machen. Das Orchester einer jungen, pionierhaften Gemeinschaft muß in seiner WirktingsphysJognomie ebenfalls jung und pionierhaft sein, es muß sieh zu einer zentralen Pflege- und Anregungsstatie für die Musik entwickeln, die aus unserer Zeit heraus entsteht, besonders für eine neue jüdische Musik. Neue Musik ist beim erstmaligen Hören schwer zu erfassen. Aus diesen Erwägungen heraus hat der große Musikerneuerer und Komponist jüdischer Abstammung Arnold Schönberg, seinerzeit in Wien den „Verein für musikalische Privataufführungen" begründet, der den I lörer durch zahlreiche öffentliche Proben und mehrmaliges Aufführen derselben Werke mit der neuen Klangwelt vertraut gemacht hat. Auch das Palästina-Orchester sollte ein wirkliches, in Palästina verwurzeltes Orchester werden, das nicht den größten Teil des Jahres auf Auslandstourneen zubringt, sondern im Lande selber. Die organisierten „Freunde des Palästina- Orchesters" sollten sich ebenfalls zu einem Kreis zusammenschließen, der sich um Vertiefung und wirkliche Erfassung der Kunstwerke durch Teilnahme an öffentlichen Proben, Einruhrungsvorträgen usw. bemüht. Erst dann, erst wenn das Orchester sich in den Dienst zeitgenössischer, besonders jüdischer Musik und vertiefter Heranbildung des Publikums stellen wird, wird es trotz des großartigen Debüts alle die Opfer rechtfertigen, die mit seiner Erhaltung verknüpft sind. Unten: Blick ins Publikum In der ersten Reihe: Dr. Weizmann, Frau Vera Wei%- mann, Leonard Stein; Herr im<i Frau Dt Landsherg: gan; rechts: Frau und Herr Hoofien. Das erste Konzert Von unserem Musik-Berichterstatter Huberman dankt Toscanini nach dem Konzert; die Musiker acclamieren den Meister (Die» üt nicht die heanstandtte „Blitzlicht"-Aufnahme) Foto: R, Weiie«niteiu, Tel-Awiw * NebenbemcrkunRen zu Toscaninis erstem Programm Welcher Dirigent dürfte es wagen, eine Ouvertüre an den Schluß zu setzen f Nur Toscanini, der große Operngestaltcr, darf dieses Wagnis unternehmen. Die Oberon-Ouvertüre verklingt — der Vorhang geht auf — und Elfen lachen silbern im Mondlicht. — Aber diese Methode sei im allgemeinen nicht zur Nachahmung empfohlen: Ouvertüre bleibt Eröffnungsstück. — Kein orientalisches Orchester würde ein Anfangsstück an den Schluß setzen. — Nur Toscanini darf es wagen! — Sommernachtstraum und Oberon: ein jüdischer und ein arischer Komponist äußern sich zum selben Thema. — Am fesselndsten wirkte die wenig bekannte Ouvertüre „Scaia di Seta" von Rossini. Die Holzbläser wurden zu exzessivstem klanglichem Wohllaut gesteigert