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Jüdische Rundschau · 1938-11-04 · Heft 88 (4.11.1938) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
43 (1938)
Issue
Heft 88 (4.11.1938)
Date
1938-11-04
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 JODtSCHS RUNDSCHAU Nr. 88, 4 XI. 1938 Gehen die Karäer unter? Das letzte Kapitel Das Zentrum der einzigen jüdischen Sekte, die man als solche bezeichnen kann, der Karäer, war in de!1 Vorkrie;s- Jahrzehnten die Halbinsel Krim. Außerdem gab es im zaristischer! Rußland noch einige karäische Gemeinden, insgesamt etwa zehntausend Seelen,!Jeher das Schicksal der Uemeinden ist zur Zeit lediglich zu erfahren, dal! im jetzigen polnischen Reiche etwa tausend Karäer leben, und zwar in den Hauptgemeinden Troki unweit Wilna,!11 Luck und in Ha'icz. In Konstantinopcl gab es 1914 eine Gemeinde mit etwa 500, in Kairo etwa 250 Familien. Die Gesamtzahl der Karäer wurde 1914 aut 14 000 geschätzt. Die Karäer waren im zaristischen Rußland itn Besitze aller bürgerlichen Rechte und politisch und ökonomisch in vorzüglichen Verhältnissen. Viele von ihnen wurden Offiziere, Beamte und Akademiker, ihre Assinuiierimg schien unaufhaltsam, und Uebertritte zur griechisch-orthodoxen Kirche waren an der Tagesordnung. Achnli-ch s:and es mit den Karäern in der Türkei. In Kairo dagegen, wo die Karäer seit tausend Jahren im jüdischen Viertel leben und arabisch sprechen, hätten sie sich ohne den Konservativismus der jüdischen Rabbiner! wahrscheinlich eher dem Judentum assimiliert. Die neueste karüisehe Gemeinde ist in Paris, sic besteht aus russischen Emigranten, die meisten sind reich und Anhänger der Monarchie. Tragisch ist das Schicksal der ältesten Karäergemeinde, in Jerusalem. Sie entstand vor fast zwölf Jahrhunderten als eine Gründung des gelehrten Anan ben David, der aus Bagdad kam um! ledig ich die biblischen Gebote für verbindlieh erklärte, die mündliche Lehre verwarf, den Kalender I-Mst h יי su י י■ -,י •״ rh ,1.1 uVVu'ahl, das Altstadt ger'i'iiuber de; gr<>I!(-n ' chaw tludu-n ' Schule unweit «Irrt F Ein Prozeß Das letzte Stadium dieser Entwicklung bestand darin, daß ein Mann das gesamte Eigentum der karäischen Gemeinde in Besitz nahm, Elijahu sinani, der von der Synagoge einen kleinen Raum mit Torarollcn zum Beten bestimmte, die übrigen Raume für sich und die Seinen als Wobnun״ bezog, die drei kar.iischen Ocinciinlegehäudc in der Altstadt, einige unbebaute Grundstücke und sogar den alten Karaerfriedhof für seinen Besitz erklärte und seit mehr als zehn Jahren in eigener Regie führte. Mit einem gewissen Recht, insofern er außer einem jungen Alarm, vier Frauen, fünf Mädchen und einem Knaben die ganze Gemeinde bildet, einen neuen Chacham aus Konstantinopel, der dein Zionismus nahesteht und die alte Frage aufwarf, wem denn eigentlich führte schlier.:ich dazu, rtali die Kairoer Gemeinde sich das Jm 1'י׳ו' k! I״-,1 " ’< ״I!'',יי 'v׳ h"1 rtT!״ס''- Namen ihrer Gemeinde forderte, daß Ihr Mann der ״Vormund“ des gesamten karäischen Besitzes in Jerusalem bleibe. Der von der Kairoer Gemeinde bestellte Vormund wiederum führte im Namen des neuen Kairoer Chacham eine alte, vor vierhundert Jah: en gefällte Gerichtsentscheidung an, wonach sämtliche Besitztümer der Gemeinde den armen Karäern von Jerusalem und denen gehören, die von auswärts nach Jerusalem kommen, insbesondere aus Damaskus (wo es aber längst keine Karäer mehr gibt) und aus Kairo. Ferner habe die Kairoer Gemeinde beschlossen, zwanzig karäische Familien aus Kairo in den Jerusalemer Gemeinde-Gebäuden unterzubringen und dieser neu zu etablierenden Gemeinde einen Vorbeter und einen Schammascli zu bestellen. Das Gericht entschied zugunsten des Kairoer Vorschlags. Sinani stammt übrigens aus einer alten griechisch-jüdischen Familie. Sein Ahnherr war der berühmte Sinani el Yeliudi, der als Schiffsjunge in die Flotte des türkischen Admirals Barbarusso eintrat und es selbst zum Admiral brachte, Jemen eroberte, die Spanier aus Tripolis und Tunis vertrieb und dort von 1550—1570 als Vizekönig herrschte. Dieser Sinani war ein Karäer aus einer der griechischen InselgemeLnden. Bel den Karäern in Riga Eine Todesanzeige in einer in russischen Lettern ged ruckten Zeitung — schreibt ein Berichterstatter — machte mich aufmerksam. Es war am zweiten Tag des Laubliütttnfcstes, die Karäer halten immer nur den ersten Tag unserer Feste, und der Verstorbene, Isaak ßcnjaminowitsch Baum, war einer der angesehensten Karäer von Riga. Die Beerdigung war insofern interessant, als sie seit acht Jahren die erste war; es ist unverkennbar, daß die karäische Gemeinde in Riga und wohl nicht nur hier ausstirbt. Sie besteht aus etwa Der densnle DameD-. der vornehme Herr. ״״SiaFloridaS RUF. 913131 ,HORENCZYK dreißig Mitgliedern, die sämtlich auf dem karäischen Friedhof erschienen waren. Der crs'e Eindruck: samt und sonders jüdische Gesichter, jüdische Augen. An der Spitze ihrer Prozession ging der ״Chacham“, der zugleich Rabbiner und Vorbeier der kleinen Rigaer Gemeinde und eigentlich ihre Seele Ist, auf dem Kopf ein schwarzes Käppchen, wie auch bei uns die Vorbeter es tragen, gekleidet in einen langen Talar und darüber ein Arba Kanfoth. Zum Friedhof, der neben dem mohammedanischen liegt, gehen die Männer zu Fuß, nur einige Frauen fahren den weiten Weg in ihren Autos; es ist offenbar karäischer Brauch und Pflicht, dem Sarg zu folgen. Zuerst wird dann der Sarg auf den Friedhof getragen, die Trauernden folgen und gruppieren sich um das offene Grab. Der Friedhofswächter und die Totengräber (weder Karäer noch Juden) lassen den Sarg hinunter, schütten das Grab mit Erde zu und legen die Blumenkränze darauf, die die Begleiter mitgebracht haben. Der Chacham spricht dann aus einem karäischen Gebetbuch ein hebräisches Totengebet, und die anderen Karäer sehen ihm auf die Lippen; keiner von ihnen versteht auch nur ein Wort des hebräischen Gebetes. Aber obwohl ich hebräisch sehr wohl verstehe und das Gebet mit unseren Gebeten offenbar vieles gemein hat, verstand ich doch auch den Chacham kaum, und zwar wegen der Monoton.e seines Singsang-Vortrags und wegen der Aussprache; diese irt eigentlieh sefardisch, aber da es den Karäern schwer fällt, das Chet (ch) und Gimel (g) wie wir zu sprechen, benutzen sie dafür ein h. Der Chacham ist übrigens ״neu“ in Riga. Es gab zuvor einen karäischen Geistlichen namens Pandula hier, dann hatte der eben verstorbene Isaak Benjaminowitsch Baum als der einzige Rigaer Karäer, der des Hebräischen mächtig war, den Posten ausgefüllt, und erst vor kurzem hat man den jetzigen Chacham aus Wilna kommen lassen und zum geistigen und geistlichen Führer der Rigaer Gemeinde bestellt. Ein Gang durch den kleinen Friedhof: es sind nur einige Dutzend Gräber, meist einfache Grabsteine, die Mehrzahl der Aufschriften in russischer Sprache, die Mehrzahl der Namen aber jüdisch und biblisch: Mosche, Schmuei, Esther, Elijahu, Shmaryahu. Vier große Grabtnäler fallen aut: Mitglieder der Familie Maikapar, dazwischen das große Denkmal, das die Angestellten der Firma Maikapar dem Gründer der bekannten Zigarettenfabrik erbaut haben. Das größte und künstlerischste Monument steht über dem Grab des reichen Karäers Kushlin. Ein alter Grabstein trägt eine hebräische Inschrift: Dem ewigen Andenken an den Knaben Benjamin, Sohn des Shmaryahu des Chacham und Chasan Fuki, geboren in der Stadt Cherson im Jahre 5608, gestorben zu Riga am...“ Und damit beginnt die Geschichte des Friedhofs. Der Sohn des Chacham Fuki war sechzehn Jahre alt, als er s'.arb, und die Karäer wollten ihn auf dem jüdischen Friedhof beisetzen. Aber der damalige Rigaer Oberrabbiner Pom- . Sekfe der Karäer, denen schon Maimonides geantwortet hatte), der Knabe wurde also in einem Wäldchen hinter der Stadt beerdigt und damit der Grund für den heutigen Friedhof gelegt. Mit den Karäern verließ ich den Friedhof, und die kurze Zeremonie!unterließ mir einen seltsamen Eindruck. Die Sekte ist ein abgerissener Zweig vom jüdischen Stamm und, wie es scheint, dem Untergänge geweiht; eine Gemeinde von ״wahren Juden“, wie sich die Karäer nennen, mit jüdischem Aussehen, mH Bräuchen, die nur der Chacham kennt, mit einer hebräischen Sprache, die außer dem Chacham niemand versteht, mit einem Friedhof voll russischer Inschriftent der wohl allein noch übrig bleiben wird. Wir gingen in die Stadt, am mohammedanischen Friedhof vorüber, auf dem es weder Grabsteine noch Inschriften gibt,.., H. Eine alte Verordnung Von Rabb. Saul Kaatz, Hindenburg (O.-S.) In dem aus dem 14. Jahrhundert stammenden, von dem Rabbiner Menachcm ben Serach in Toledo verfaßten, vielmals aufgelegten Werke ״Zcda laderech“ (״Reisezehrung“), einem volkstümlichen religkmsgesetzliehen Kompendium, fitidet sich unter dem Titel ״Verordnungen der. Gemeinden in Deutschland“ eine rätselhaft erscheinende Bestimmung, die in Fachschriften vielfach zitiert wird, deren Sinn aber nicht von allen richtig aufgefaßt wurde. Sie lautet: ״Niemand darf in der Synagoge verschließen, außer wenn ihm die Gemeinde zweimal oder dreimal keine Antwort gegeben hat. Die Gemeinde soll seine Wone anhören und ftecht schaffen. Man darf jedoch nicht anklagen außer bei dem Gebet uw a lezijon go’el." Der Inhalt des Buches Zeda ladercch ist aus älteren Quellen geschöpft. Wir müssen daher, um die Be- Stimmung zu verstehen, die früheren Werke befragen, denen sie entlehnt ist. Hierzu gehören in erster Reihe die Takkanoth (Verordnungen) des Rabbenu Oerschom ben Jehuda, der am Anfang des elften Jahrhunderts in Mainz Wirkte und die geistliche Autorität der Juden Deutschlands, Frankreichs und Polens bildete. Die Verordnungen des Rabbenu Oerschom liegen uns in mannigfachen Fassungen vor. Diese sind übersieh dich zusammengestellt von dem verstorbenen Breslauer Rabbiner Dr. Ferdinand Rosenthai. Zu diesen Verordnungen gehört auch die Regelung eines eigentümlichen Rechtsmittels, das zur Zeit, als die Juden ihre eigene Gerichtsbarkeit hatten, von dem angewendet werden durfte, welchem von der Gemeinde bzw. dem zuständigen jüdischen Richter das Recht verweigert wurde: Er war befugt, die Abhaltung des Gottesdienstes zu verbieten, um hierdurch die Gemcindeäl.estcn zu!!öligen, ein Richtcrkollegium zur Austragung des Streites einzusctzeii. Wenn jemand von diesem Rechtsmittel Geb: auch machte und die Abhaltung des Gottesdienstes verhinderte, dann war es dem Vorbeter untersagt, das Gebet fortzuset/en, bis die Angelegenheit entschieden war. Und nun verstehen wir die oben angeführte Ver- Ordnung des Kompendiums ״Zeda ladercch“: ״Niemarid darf in der Synagoge (das Gebet) verschließen (d. 11. sperren, verhindern), außer wenn ihm die Gemeinde zweimal oder dreimal (auf seinen Antrag, eine Rechtsverhandlung anzuberaumen) keine Antwort gegeben hat usw.“ Dieses in das früheste Mittelalter zurückreichende Rechtsmittel wurde später, um es vor Mißbrauch zu schützen, durch mannigfache Verordnungen geregelt und eingeschränkt. Unter anderem wurde bestimmt, daß dieses Rechtsmittel nur an Wochentagen und erst kurz vor der Beendigung des Gottesdienstes angevvendet werden durfte. Ein gänzliches Verbot dieser Maßnahme eines Rech*heischcnden erfolgte aber nicht. Steht doch das ihr zugrunde liegende Motiv in Einklang mit Gedanken der Heiligen Schrift, insbesondere mit denen, welche die Propheten zu verkünden nicht müde wurden, und deren praktische Folgerung das eigentümliche Rechtsmittel der Gebeissperrung in einem gewissen Sinne darstellte. Der Kl assentag;uter Mathematiker, aber!1 etwas gebracht, wenn gi.tiu-1 l.t 11!t.e. Niemals• aus Colorado ein Teleabend bestellt. Seit elf Jahr en kommen wir füllt an diesem Tag des Abiturs zusammen. Noch niemals hat einer gefehlt. Wir sehen uns oft lange Zeit nicht und wissen nicht viel voneinander — aber auf eine nicht ganz durchsichtige und gewöhnliche Art halten wir zusammen: keiner von uns hat jemals diesen Tag vergessen. Paul in Denver. Zum ersten Mal wird heute abend ein Stuhl leer bleiben. Ich 'steige die Treppen hinunter, nehme eine Bahn und fohre i;n unser Restaurant. ״Guten Abend, Herr Ober, im hinteren Zimmer ist gedeckt wie immer? Danke schön, ich weiß Bescheid! Und ein Gedeck können Sie wieder abräumen, wir sind heute nur vier." Es ist acht Uhr. Ich hin der erste. Auf der alten Wandulir geht das Pendel hin und her. Wie seit Jahren steht der Tisch festlich angerichtet, stehen tlle Stuhle, auf denen jeder von uns seinen bestimmten Platz hat. Der kleine Raum ist erfüllt von der erregenden Freude der Erwartung. Der Ober bringt einen leichten Mosel. Merkwürdig, wie jedes Jahr jedem Menschen ein neues Gesiebt gibt. Fast habe ich Angst, den anderen nach einjähriger Trennung gegenüberzutreten. Und Paul ist in Denver! Wir werden ihm in einem Telegramm antworten, daß er sich schon immer gern vor einer ״Lage" gedruckt habe. Ich blättere inzwischen in einem jüdischen Blatte, in dem sich die Länder der Welt widcrspiegeln wie in einem Atlas ohne Bilder. Zwischen Südafrika, Manila und Holland steht ein Bericht über Chile. Dann lese ich die Unterschrift: Heinz Gujnpel, San.iago. Mir gegenüber steht ein Stuhl, den blicke ich an, und dann in die Zeitung zurück. Deutlich ist da Santiago gedruckt. Santiago — ich kenne seine Gassen nicht und nicht die Sprache seiner Menschen, ich kenne seine Steine nicht und weiß nicht, wie dn! Sonne dort untergeht. Mir gegenüber steht ein Stuhl — Heinz Gumpel, hat er nicht eben noch hier gesessen und wir haben darüber gelacht, wie er während der ״Odyssee“ dem Lehrer auf den Schlips gestarrt hatte, bis der verlegen wurde und an der Krawatte nestelte? Mager, spitz und trotzdem sehr behäbig hatte er sich auf dem Stuhl geräkelt und über seine Brillengläser nach der Weinflasche geblinzelt.,. Seilt Ihr, meine Freunde, nun sind nur noch wir drei übrig geblieben. Ja, Knusper, so darf ich Dich doch nennen, obwohl Du schon lange Dr. phil. bist und eigentlich Ernst heißt — und Du, Arthur, dessen größter Ehrgeiz es war, den alten Marat hereinzulcgcn. Marat war kein Held der französischen Revolution, sondern hieß mit bürgerlichem N'amcn Menz und war dazu verdammt, uns französ.sehen Unterricht zu geben. Obwohl er nachweislich an keiner Erkrankung der Atmungsorgane litt, behauptete er, bei gesch'ossencm Fenster nicht unterrichten zu können. Das hatte zur Folge, daß im Winter bald der eine, bald der andere um die Erlaubnis bat, sich den Mantel anziehen zu dürfen. 1latte man einmal den Mantel, so klagte man über kalte Füße. Marat gestattete den i'r erenden, im Zimmer auf und ab zu geben. So kam es, daß schließlich die ganze Klasse im Mantel und mit aufgeschlagenem Kragen während des Unterrichtes hin und her lief. Es traf sich gut, daß wir damals gerade ״Le tour de la France“ lasen. Durch einen überraschenden Besuch des Direktors nahmen d esc Soaziergänge ein vorzeitiges Ende. Ein Glas auf Marat! Draußen schlägt der Regen aut die Dächer. Der Mosel ist herb und süffig- Warum sitzt Ihr da und trinkt nicht? Seid nicht traurig, claß wir nur noch drei s:nd — auf Lf nz war niemals Verlaß, das ha te sich schon in Litern herausgestellt, als wir eine falsche Uebcrsetzung von ihm abscliriehen. Und was kann man schon von einem Menschen wie Paul erwarten, der den Tacltus dazu benutzt, um Briefmarken zu sammeln? Man soll lieber seü.e Erinnerungen sammeln, Blatt um Blatt, Seite um Seite, und an solchen Abenden wie heute blättert mau in den Seiten sein« Gedächtnisses, und die Jahre der Vergangenheit entfalten sich. Trinken wir, Knusper, und sitze nicht so gebeugt da, den Kopf zwischen die Schultern cingezogen, die Leute brauchen nicht gleich zu wissen, daß Du im Turnen eine Vier hattest. Ich vergesse Dir nie, daß Du zu einer Zeit einen Schnurrbart trugst, wo unser Haarwuchs solche Zierde noch nicht gestattete, Du hättest warten sollen, bis auch wir so weit waren. Arthur, ich weiß, jetzt willst Du wieder einen Witz vom Id einen Moritz erzählen. Der kleine Moritz ist inzwischen ein alter Mann geworden und es ist ihm garnicht danach zumute, törichte Fragen zu stellen, Arthur, tue uns den Gefallen .... Die Tür geht auf und neben mir steht der Ober. Ob er eine zweite Flasche bringen solle? Nein, wirklich, jetzt habe ich ganz in Gedanken die Flasche ausgetrunken. Wie spät es ist? Zwölf Uhr. Und die Gedecke dürfe er doch wieder abräumen? Gestern mittag wäre hier ein Brief angekommen, er bitte um Entschuldigung, daß er ihn nicht gleich gebracht habe, aber das Ii.nilen am Buffet hüte ihn entgegengenommen und nicht gewußt, für wen er bestimmt sei.... Vor mir liegt ein Kuvert mit dem Lnfipoststenipel und fremden Marken. Ich öffne es. ״Lieber Klassentag, eigentlich dürfte man Euch garn'eht mehr so bezeichnen, denn wie ich höre, näht Arthur in Kapstadt Krawatten, und ich sitze auf einem Hügel bei Jokneain und weide Schafe. Aber Du und Paul und Heinz weidet wohl wie jedes Jahr beisammen sitzen und Euch die alten Geschichten erzählen, über die schon damals niemand mehr gelacht hat. Während ich hier schreibe, sehe ich auf die Straße hinunter, die nach Haifa führt. — Einen Augenblick, eines meiner Lämmer war aut Abwege geraten, und ich mußte es durch Steinwürfe zurückrufen ־— ja auf der Straße dort unten ist gestern ein Autobus von Arabern überfallen worden. Ihr solltet lnkh hier sitzen sehen, in der Hand den Hirtenstab, über der Schulter das Gewehr. Wenn wir auf weiter entlegene Weideplätze ziehen, bekomme ich bewaffnete Begleitung mit, sonst könnte es Vorkommen, daß ich eines Tages ohne die Herde zurückkomme — oder die Herde ohne mich. Stellt Euch das aber nicht besonders heldenhaft vor — ich konnte niemals am Reck die Welle machen oder den Hechtsprung über den Bock — und ich kann auch jetzt nicht jeden Augenblick die Gefahr empfanden. lieber den Feldern drüben im Eniek geht jetzt bald die Sonne unter, die Luft ist glasklar, ich muß abwärts, denn schon schreien einige Schafe; die wollen gemolken werden. Macht keine verdutzten Gesichter, kh melke sie selbst, Melken ist eine fürstliche Beschäftigung. Wenn Ihr bei Homer nicht geschlafen hättet, wüßtet Ihr jetzt, daß auch Odysseus Schafe melken konnte ... Ich lege den Brief hin. Vier leere Stühle stehen um mich herum. Der Tisch ist festlich gedeckt und in Erwartung. Das Pendel der alten Wanduhr geht hin und her. Nun bin ich schon tief in der zweiten Flasche. Vier lee_re Stühle. Wie die Gesichter in der Entfernung zerrinnen! Es ist bald Lokal- Schluß. Ich werde nicht darauf warten, ich gehe. Kann man das verdammte Pendel nicht anhaltcn? Ich allein bin übrig geblieben. Ich habe mich ein wenig verspätet. Alle vier sind fort. Ich muß mich beeilen. Draußen regnet es noch immer. Zahlen, Ober!

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