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Jüdische Rundschau · 1938-10-28 · Heft 86 (28.10.1938) · page 13

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
43 (1938)
Issue
Heft 86 (28.10.1938)
Date
1938-10-28
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Nr. 86,28. X. 1938 J0D1SCHF Rt!Nn?.rHAU Seite 13 Das Opfer Eine Entgegnung von Schalom Ben ־Chorin In der Jom Kippur-Nummer nahm Schlomoh Wechsler zu dem immer wieder auftauchenden Problem der Stellung des modernen Juden zum althcbräischen Opferritual das wort. (״Die Gestaltung des Festes“, JR. Nr. 79, S. 3.) Auf den Ursprung des Opfers weisend, bemerkt Wechsler richtig״Die Grundlage des primitiven Opfers ist die Angst.“ Dabei vergißt der Autor freilich, daß wir es in dem zur Diskussion stehenden Opferritual des Pentateuch keineswegs mit einem ״primitiven Opfer“ zu tun haben, sondern das antike Dokument einer bis zur höchsten Vollendung ausgebildeten inetaphysisch-biologischen Systematik hier zu uns spricht. Wechs- Ser verfällt einer ebenso verbreiteten wie unrichtigen Ansicht, wenn er konstatiert: ״Das Opfer bedeutet Verzicht.“ Dem ist nicht so. Das ״Opfer“ kann im Pentateuch eine Reihe von Bedeutungen haben — nur ״Verzicht“ kann cs niemals׳ bedeuteil. Das hebräische Wort ,Korban‘ kommt bekanntlich von ,karov‘ nähern, nahebringen. Deshalb übersetzen auch Buber—Rosenzweig philologisch und sinngemäß richtig in ihrer Verdeutschung der Schrift dieses Wort mit ,Darnahung‘. Aehnlich übersetzt Oskar Goldberg ,Das Heranzubringende!‘ Welcher Zweck wird im Ritual der alten Hebräer mit dem Opfer verfolgt? Der Pentateuch gibt selbst indirekt die Antwort, indem er die Opfer als ,Lechem Elohim‘ ,Brot Gottes‘ (Lev. 21, 8) bezeichnet. Unter dieser ,Speise Gottes‘ versteht der Pentateuch ein Manifestationsmittel der Gottheit. Das Opfer dient demnach primär der Herbeiführung von Theophanien. Wenn die Gottheit sieh offenbaren will, so geht diesein Üifenbarunpsakt stets eine ,Vcrleiblichung* voraus. Die ,Scheehina‘ ,Gegenwart‘ Gottes manifestiert sich: im Feuer oder im Wasser, oder in der Wolke, die ja ihrerseits ein Wassergebilde ist. (Es gibt zwar Fälle von Theophanien, denen kein Opfer vorausgeht. Etwa die Berufung Mosis am Dornbusch. In diesen Fällen ist aber die Gottheit der anredende Teil; wünscht hingegen der Mensch von sich aus Gott anzurufen, so muß dieser Anrufung das Opfer, welches die An- Wesenheit Gottes licrbeizieht, vorausgehen.) Diese pentatcuchische Auffassung des Opfers wurde von den Propheten radikal verworfen. So läßt Jesaia den Herrn sprechen: ״Was soll mir die Menge eurer Opfer?“ (1, 11), Jeremia schilt: ״Eure Opfer gefallen mir nicht“ (6, 20) und Hosen verkündet im Namen Gottes: ״Denn ich habe Lust an der Liebe und nicht am Opfer“ (6, 6), ähnlich wie es schon 1. Sam. 15, 22 heißt: ״Gehorsam ist besser als Opfer.“ Alle diese prophetischen Stellen sind jedoch nicht so zu verstehen, daß die Propheten das Opfer an sich verworfen hätten; sie verwerfen lediglich die A u s s c h 1 i e ß 1 i c h k e i t des OpfeTS, das für sie seinen Sinn verliert, wenn es von Frevlern dargebracht wird. Aber auch ihnen liegt es fern, das Verzichtsmoment beim Opfer zu betonen, ja es nur wahrzunehmen. Das, was Wechsler ״Opfergedanken“ nennt, ist völlig unbiblisch und nur aus dem europäischen Doppelbegriff des Wortes verständlich. (Es sei hier allerdings eingeräumt, daß auch im modernen Hebräisch das Wort Korban diesen Doppelsinn angenommen hat, so daß man etwa von den ,Korbanoth‘ der Unruhen spricht, allein dem Pentateuch als der Quelle althebräischer Opfervorschriften ist diese Doppelbcdcutung fremd.) Zu dieser historisch-philologischen Feststellung, die gegenüber Wechslers Formulierungen in Erinnerung gebracht wer• den muß, tritt ein theologischer Einwand gegen die Fest- Stellung ״Wir haben das Opfer nicht mehr und wollen es auch nicht mehr wiederherstellen“, die im Namen des ,modeinen Judentums* vorgebracht wird. Die Synagoge betet heute — wie seit nahezu zweitausend ahren — um die Wiederherstellung des Opferrituals. Es ieße sich der Wirklichkeit verschließen, wollte man leugnen, daß der moderne westliche Jude keinen inneren Zugang mehr zum alten magischen Opferritual hat. Aber ist diese psychologische Tatsache ein ausreichender Grund dafür, jene Stellen der Liturgie, welche die Bitte um Wiedererrichtung des Opferkultes enthalten, zu streichen? (Und das verlangt Wechsler ja unausgesprochenermaßen, wenn er sagt, wir wollen das Opfer nicht mehr wiederherstellen.) Man kann freilich nicht, wie Franz Ro ennveig einmal betonte, um etwas beten, was man gar nicht will. Aber recht verstanden ist alles Gebet um den einzigen offenbarungsmäßig verankerten, sakramentalen Gottesdienst Israels, Gebet um Aufhebung der Diskrepanz, die zwischen dem ge offenbarten Wort und dem dieser Offenbarung entfremdeten Bewußtsein des heutigen Juden besteht. Es ist immer Gebet um jenes ,neue Herz‘, von dem Jecheskel weissagt: ״Und ich gebe euch ein neues Herz, und einen neuen Geist setze ich in euer Inneres ... Und meinen Geist lege ich in euer Inneres und mache, daß ihr in meinen Satzungen wandelt, und meine Gebote wahrt und sie übt“ (36, 26—2?). Der gläubige Jude nimmt seine Zeit und seine eigene Bewußtseinsgrundlage zwar zum Ausgangspunkt seines religiösen Denkens, aber er weiß jede Zeit und jedes menschliche Denken und Fühlen überschattet vom Anbruch Eine Freitag - Abend - Erinnerung Ein griechischer Jude erzählt die folgende Episode aus dem Weltkriege. Es war iin Juli 1917. In unserer Stadt Larissa in Thessa- Jien standen Truppen-Abteilungen der alliierten Armeen, darunter auch zweihundert Engländer, geführt von Major Fnwel und einem anderen jungen Offizier, dessen Namen wir nicht kannten. Damals war der Respekt vor unseren religiösen Traditionen in Larissa noch sehr stark, in der Klaus wurde täglich gebetet, die Freitag-Abende waren voll geistlicher Erhebung, und wir hatten, uns auch daran gewöhnt, jüdische Soldaten der fremden Truppen hei uns zu sehen. Eines Freitag-Abends in jenem Juli gab es eine Ueberraschung. Wir hatten gerade das Abendgebet begonnen, als ein junger englischer Offizier in die Klaus eintrat, dessen eindrucksvolles Gesicht und kluge, tiefe Augen sogleich die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich zogen. Er ging mit festen Schritten an den Bänken der Beter vorüber, näherte sich der heiligen Lade und beugte sich tief davor, wie die sephardische Tradition es erfordert. Diese Geste ergriff uns alle. Danach zog er sich sogleich an ein Betpult zurück, das der Schammes ihm anwies, zog ein kleines Gebetbuch mit Silberbeschlägen aus der Tasche und begann andächtig zu beten. Bis zum Ende des Gottesdienstes blieb er an seinem Platze stehen. Die Haltung und ungekünstelte Frömmigkeit des jungen Offiziers begeisterte mich wie die andern Vorsteher unserer Gemeinde, und als wir die Klaus verließen, ging ich auf ihn zu und bat ihn, dem Schabbath zu Ehren beim Abendessen mein Gast zu sein. Der Offizier lehnte zuerst kategorisch ab und dankte für die Ehre, aber als auch andere zu uns traten und ihm erklärten, mein Haus stehe immer allen jüdischen Brüdern offen, sagte er endlich zu, und wir gingen miteinander heim. Nun muß ich gestehen, daß ich mich etwas ״moderner“ und ״freier“ zu verhalten beschlossen hatte, wenn ich einen jüdischen Soldaten aus der britischen Armee als Gast mitbrachte, und das auch meiner Frau mitgetcilt hatte, — kurzum, wir setzten uns ohne Kiddusch zu Tisch. In diesem Augenblick aber fragte unser junger Gast verwundert: der Ewigkeit, in der — nach dem Zeugnis der Propheten — die Erde voll sein wird der Erkenntnis Gottes und die Wirklichkeit Israels ein ,priesterliehes Königreich‘, ln diesem Reiche Gottes ist die tragische Fremdheit zwischen dem Wort der Offenbarung und dem heutigen Juden, an den dieses Wort ebenso gerichtet ist wie an die Generationen vor uns, nicht mehr denkbar. Und um diese Versöhnung zwischen Schöpfer und Geschöpf kann auch der ,moderne Jude*, zumal am Jom Kippur, in der Wahrhaftigkeit des Herzens beten. Illllllllllllllllllllllllilllllilllllllllllllllllllllllll■ yiicld mtUt VMmewqi Ut de0 tildi! Unsere Rubrik ״Versprengt in der Welt“, die immer größeren Umfang annimmt, ist ein untrügliches Spiegelbild jüdischer Geschichte der letzten Jahrzehnte. Es ist altes Judenschicksal, zu wandern, aber diese Wanderung darf nicht dazu führen, daß der Zusammenhang untereinander, die Beziehungen zu Verwandten und Freunden abgebrochen werden. In jeder Ausgabe der Jüdischen Rundschau sehen wir die Folgen eines solchen Abbruches natürlicher Be- Ziehungen. Die Rubrik ״Versprengt in der W'elt“ zeugt von dem Leid und den Sorgen, die die Zusammenhangslosigkeit unserer Menschen geschaffen hat. Wir versuchen, diesen Fehler einer vergangenen Zeit durch unsere Su-chrubrik, soweit möglich, wiedergutzumachen. Aber die« ist nicht genug1. Wer Verantwortungsbewußtsein hat, der muß jetzt, wo so viele Familien von neuem auseinandergerissen werden, Vorbeugen. Verwandtschaften, Freundschaften, Bekanntschäften, persönliche und geschäftliche Beziehungen, sie dürfen sich nicht ins Nichts auflösen; örtliche Trennung darf nicht zu einer menschlichen Interesselosigkeit werden. Wie kann man hiergegen Abhilfe schaffen? Der Auswandernde hat zu viele Sorgen und Besorgungen vor seiner Abreise, als daß er sich von jedem seiner Verwandten oder Freunde persönlich oder auch nur schriftlich verabschieden könnte. Er fährt ab, so mancher aus seinem Kreise erfährt es erst nach Wochen, Monaten — oder gar nicht. Es ist ihm auch unmöglich, von seinem neuen Wohnsitz aus die Beziehungen sogleich wieder aufzunehmen. Mit dem Aufbau einer neuen Existenz ist er viel zu sehr heschäftigt, als daß er jetzt eine weitverzweigte Korrespondenz führen könnte. Er bleibt unauffindbar. Hier Abhilfe und Vorsorge zu schaffen, ist eine wichtige Aufgabe. Der Verlag der ״Jüdischen Rundschau“ hat sich entschlossen, diese Aufgabe auf sich zu nehmen. Im Anschluß an die Familienanzeigen und in deren Format werden künftig jüdische Auswanderer vor •oder kurz nach ihrer Ausreise sich von allen verabschieden, von denen ihnen ein persönlicher Abschied unmöglich ist. Sie sparen Arbeit und Porto und haben die Gewähr, niemand vergessen und niemand verletzt zu haben. Ferner teilen die bereits Ausgewanderten allen denen, die zurückblieben, aber auch allen denen, die vor ihnen auswanderten, ihre neue Anschrift mit, sobald sie sich fest niedergelassen haben. Wir glauben, daß diese Rubrik nicht nur den Zusammenhang mit den Zurückgebliebenen wahren, sondern auch dazu dienen wird, den Ausgewanderten die Einordnung zu erleichtern. Denn dank der weiten Verbreitung der Jüdischen Rundschau auch unter den Ausgewanderten in ca. 60 Ländem der Erde wird mancher unserer Leser im Auslände, der die Anzeigenden von früher her kennt, derart auf sie aufmerksam werden und ihnen in mancher Hinsicht behilflieh sein können. Unsere Leser finden die ersten dieser Anzeigen unter den Familien-Anzeigen der heutigen Ausgabe. שווו1ווווו1!ווו1!!ווווווווווו1וו!1וווווו11וו1ו1!וווו1ווווווווו1וווווווו1ו1וווווווווווווווווווו1וווווווווווווו11!וו Familien-Nach rieht aus dem Reich Das Ehepaar Arno und Rose! B i c k, Darmsfadt, begeht am 3. November die silberne Hochzeit. Herr Seelig L. Cohn, Lübeck, St. Annenstr. 24, begeht am 1. Noveimber den 60. Geburtstag. Das Ehepaar Max Schwarcund Tenny, geb. Lindenbaiim, Bochum, Röttstr. 7, begeht am 30. Oktober‘die goldene 11001.zeit. Herr Bernhard Stein, Breslau, Kurtu rstenstr. 22, begeht am 30. Oktober den 80. Geburtstag. Beuthen. Infolge Schrumpfung der Gemeinde und aus Sparsamkeksrück sichten wird der Gottesdienst, der viele Jahrzehnte hindurch in der großen (liberalen) und in der kleinen (konservativen.» Svn.tgoge tbgehaltcn worden ist, an den Freitagabenden und Sonnabenden ״Und — Kiddusch sagt ihr hier nicht?“ Wir waren alle tief beschämt, und ich fand kein Wort der Entschuldigung. Ich gab meiner Frau ein Zeichen, bald waren der Wein und der große Kidduschbccher auf dem Tisch, und der Offizier lächelte zufrieden. Ich füllte den Becher bis zum Rande und reichte ihn dem Gaste mit der sephardischen Wendung: ״Bekawod. Senor!“ Mit ernstem Gesicht erhob sich der Offizier, setzte seine Mütze auf, zog wieder das kleine Gebetbuch mit den Siiberbeschlägen aus der Tasche, hielt den Reeller hoch empor und sprach den Kiddusch wie ein rechter Talmid Chacham. Er wartete jedoch auf unser Amen-Sagen, und als er geendet hatte, reichte er jedem von uns die Hand und rief: ״Schabbath Schalom!“ Und wir antworteten: ״Schabbath Schalom Um’worach!“ Während des Essens sprach er sehr schlicht, voller Charme und Natürlichkeit. Danach unterbrach er plötzlich die Unterhaltung, zog sein kleines Gebetbuch aus der Tasche und sagte still das Tischgebet. Darauf bat ich ihn um Erlaubnis, mir sein Gebetbuch an- Zusehen. Er reichte mir das kleine alte Büchlein gern und sagte: ״Dieses Gebetbuch ist ein altes Erbstück in unserer Familie. Meine liebe Mutter hielt es immer unter sieben Schlössern wie ein Heiligtum, wie einen Schatz. Als ich in den Krieg zog, rief sic mich in ihr Schlafzimmer, öffnete ihre Schatulle und reichte mir das Büchlein. Das wird ein Schatz für dich sein, sagte sie mir, ein Schutz gegen alle Kriegsgefahren und auch eine Erinnerung an deine Mutter und an deine ganze Familie. Wenn du wohin kommst, wo Juden sind, bete aus diesem Buch. Vergiß nicht, mein Kind, die Bitte deiner Mutter, und mögen Gottes Engel dich begleiten und dich schützen. —“ Einige Minuten später erhob sich unser Gast, dankte herzlich für unsere Gastfreundschaft, hinterließ seine Visitenkarte und ging festen Schrittes. Wir geleiteten ihn bis zur Straße und sahen ihm nach, bis er in der Dunkelheit verschwand. Die Visitenkarte enthielt nur die Aufschrift: ״L, Höre- B e 1 is ha, Kapitän der Britischen Armee.“ Rabbiner Dr. Lazarus 50 Jahre An dieser Stelle wurde bereits berichtet, daß Rabbiner Dr. Paul Lazarus in Wiesbaden am 1. Oktober in da! Ruhestand getreten ist; dem Gesagten sei nun aus Anlaß seines fünfzigsten Geburtstages, den er am 30. Oktober d.J. begeht, zur Abrundung der Würdigung seiner Persönlichkeit noch hinzugefügt, was Dr. Lazarus zu einer markanten Figur im Rabbinerstand in Deutschland macht. Er kam aus der Jugendbewegung, und es blieb für den ganzen Verlauf seiner amtlichen Tätigkeit bestimmend, daß er mitten in ihr gestanden hat. Denn infolgedessen stand er der Jugend, die er religiös zu unterweisen, der er Richtung zu geben hatte, nicht nur als Lehrender, in der Distanz des Aelteren, gegenüber, sondern er lebte mit der Jugend mit, er war ihr Vertrauter, er kannte ihre seelischen Nöte, ihre Wünsche und ihre Abneigungen, er verstand sie und wurde darum von ihr verstanden. Jahrelang gehörte er der Leitung des Jüdischen Jugendbundes an, und sein Wort und sein Rat waren maßgebend in ihm. Es lag in der Natur der Sache, daß er dadurch über den Kreis der Gemeinden hinaus, in denen er wirkte, zu einer führenden Gestalt der Judenheit in Deutschland wurde. Er war einer der Ersten, die die Bedeutung des Palästinaaufbaus, der seelischen und praktischen Anteilnahme der Juden in Deutschland an ihm erkannten. Daher war er von Anfang an propagandistisch für den Keren Hajcßod tätig; tma seine unausgesetzte Beschäftigung mit den Problemen des nationalen Elements irn Judentum führte ihn schließlich zürn organisatorischen Anschluß an den Zionismus. Es gehört zu der charakteristischen Eigenart des Rabbiners, wie er im Judentum in Deutschland geworden ist, daß er nicht nur im Dienst in der Gemeinde aufgeht, in Kanzel und 'Unterricht, sondern daß er sich auch als Forscher betätigt. Die geschichtliche Forschung, insbesondere die Lokalforschung, verdankt Lazarus wertvolle Beitrage. Von Anbeginn seiner rabbimschen Laufbaiin hielt er es für eine gebieterische kommen 1!nit allen ״Forschungen auf dem Gebiete der theologie und ihren Verzweigungen; in der Anwendung der psycho-therapeutischen Forschungen auf die praktische Seeldes geleistet. In den leitenden Ausschüssen der Rabbinerverbände, in deren Mitte er oft referierte, wies er mit Nachdruck auf die hier zu lösenden Probleme hin. Alle, die ihn kennen, schätzen an ihm die hingehende Fürsorge für den geistigen Stand seiner Gemeinde. Er wurde nie müde, nach immer neuen Möglichkeiten der geistigen Arbeit in ihr zu suchen, nach immer neuen Wegen, die Mitgliedern in die Fragen der Vergangenheit und Gegenwart einzuführen, ihr Interesse anzuregeri und wachzuhalten. Darum baute er in erster Reihe das Instrument des Jüdischen Lehrhaus cs in seiner modernen Gestaltung in beispielgebender •Art aus. Darüber hinaus aber gibt es keine Einriehtung kultureller oder sozialer Art in der Gemeinde, in der er nicht mit voller Kraft mitgearbeitet hätte, und meistens war die Mitarbeit die tatsächliche Leistung. Er ist ein vorbildlicher Seelsorger, zu jedermanns Dienst jederzeit be. t, um jeden Einzelnen sich bekümmernd. Ohne Ucbertreibunj, darf man sagen, daß er sich mit unauslöschliehen Zügen in das Gedächtnis der Gemeinde und jedes ihrer Glieder eingezeichnet hat. Seine persönliche Liebenswürdigkeit und seine Fähigkeit, Freundschaft zu bewahren, haben ihm einen großen Kreis von Freunden und Verehrern geschaffen. Dr. Max Dienemann Am Schemini-Azerefh-Fest nahm Rabbiner Dr. Lazarus Abschied von der Gemeinde. Im überfüllten Gotteshaus sprach zunächst der 1. Vorsitzende, Justizrat Marxheimcr, in längerer Rede dem scheidenden Rabbiner den Dank für die hingebungsvolle zwanzigjährige Arbeit aus. Sodann hielt Dr. Lazarus seine Abschiedspredigt, der er das Bibelwort: ״Ein jeder nach Maßgabe seiner Kraft" zugrunde legte. Am Simchath-Tora-Vorabcnd verabschiedete sich im Gotteshause von ihrem Rabbiner und Lehrer die Jugend, in derer» Namen Herr Dr. Adolf Reinstein, der jetzige Lei!;.־ des jüdischen Sportvereins, warme Worte des Dankes an Dr. Lazarus richtete. ‘ Alle jüdischen Vereine unter Führung des Vorstandes der Gemeinde überbrachten in einer internen Feier ihre Dankesgrüße. Frau Hilde S t eck e 1 in ach e r, die KKL-Kommissarin, überreichte zum Zeichen der Dankbarkeit namens der Gemeindemitglieder die Stiftung eines Dr. Paul und Frau Indwiga Lazarus-Gartens in Palästina. Den Dank aller Vereine faßte R.-A. M. Liebmann in einer warmherzigen Ansprache zusammen. Jüdische Geschichtsbetrachtung: Dr. Werner Cahnmann hat vor kurzem hier (״Jüdisehe Rundschau“ vom 23. August) die Forderung nach einer erweiterten jüdischen Soziologie gestellt. Die Betrachtungsweise des neuen Faches; ,,Gegenwartskunde“ soll auch auf die Vergangenheit angewandt werden, Vielleicht ist es nützlieh, einmal darauf hinziiweiseti, daß diese neue Art der Geschichtsbetrachtung doch nicht mehr eine so ganz ״ungelöste Bildungsaufgabe“ ist, wie Dr. Cahnmann meint. Wirmöchten hier einen Versuch darstellen, die soziologische Betrachtungsweise der Welt der Bibel in dem von Cahnmann geforderten Sinne in die jüdische Schule eirizuführen. Dieser Versuch wurde vor einiger Zeit im Landschulheim Kristinehov in Schweden unternommen. Während eines Konzentrationsabschnittes wurde dort in einem jüdischen Geschichtskurs der Oberstufe (14- bis 16jährige) das Thema ״Bauerntum und Landwirtschaft int alten Israel“ behandelt. Vom Unterrichtslcitcr wurden die hauptsächlichen Arbeiten der Religionssoziologie und Auerbach ״Wüste und Gelobtes Land“ zugrunde gelegt. Den Schülern wurde das Quellenlieft ״Omerzeit und Schawuotl!“ in die Hand gegeben, das verschiedene Beiträge zu dem Thema _ enthält, ln der Hauptsache jedoch stützte sich der Unterricht auf die Erarbeitung der illustrierenden Quellenstcllen in der Bibel im Text der Ucbcrsctzimg Martin Bubcrs. Auf dieser Grundläge wurde ein geschlossenes Bild der gcsellschaftlich-wirtschriftlichen Struktur des alten Israel zu geben versucht. Die Schichtung der Hauptkreise des Beduinen-, Bauern- und Hirtentums w'Urde in ihrer eindeutigen Typik dargestellt. Sie wurden vorgeführt in ihrer naturgegebenen Verteilung aut die entsprechenden Landschaftszonen: Wüste, Hügelland und Steppe. Es wurden für jeden Kreis die zugehörigen ״Charakterticre“, Nutzpflanzen und Erwerbsquellen gezeigt und die Einwirkung der ökonomischen Grundbedingungen verfolgt. Das Gegeneinander der Siedlungstvpen, die Treunung von Stadt und Land und die sich daraus ergebenden Frontstellungen in den sozialen und kriegerischen Verwicklangen wurde gleichfalls verdeutlicht. So wurde das Schema des allzu einseitig ״vergeistigten“ und ,,versittlichten“ alten JIsrael mit der lebendigen Wirklichkeit eines tätigen und sorgenden Jischuvv mit seinen realen Spannungen und Kräften erfüllt. Dr. E, Wolf, Landschulheim Kristinehov (Schweden)

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