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Jüdische Rundschau · 1938-10-04 · Heft 79 (4.10.1938) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
43 (1938)
Issue
Heft 79 (4.10.1938)
Date
1938-10-04
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Nt, 79/> Jahrgang 43 Prei• 25 Rpf. JÜDISCHE RUNDSCHAU Redaktion, Varlag and AnzefgeRVerwaltfingi BartlnWlS, Hilubaitr.l( Zentral 1 919031, Telegramm■ Adreaao 1 Orghlp. - In Fällen höherer Gewnll Beeayelebähren. einschliefllir.il Beitelljfeld je Mannt RM 2,—, je Vierleljehr RM 5,75; bei Abholung RM 1,88 hiw. RM 5,39 (eln.cMeBlich PosUeilun*.- «bflhr von 10 Rpl je Monat). — Postscheck Konten der Vertriebe Abteilung für QroS-BerUn Berlin 71573, für de. übrige Reich: Berlin 17393 BERLIN ח׳ תשרי תרצ״ח u STAG, 4, OKTOBER 1938 Eredhelnt jeden Dienetag and Freitag. Gültig rat die Anaeiganpreiellite Nr. 5 vom 1. April 1936. Di, rwölfgeepaltene mm . Zeile 20 Rpf, für Familien• Nachrichten 15 Rpf. Keine Gewähr für Aufnahme von Anzeigen in bestimmten Ausgaben oder an bestimmten Plätzen. Eimelanzeigen nur gegen Vorauszahlung auf Postscheck - Konto Bcrlio 71618 oder bar Montag bis Freitag 9—18 Uhr. Annahmeschluß für die Dienstag ■Ausgabe: Montag 10Ubr, für die Freitag-Ausgabe: Mittwoch 15 Uhr. Familien •Anzeigen am Teg vor Erscheinen 16 Uhr Oer Zionismus erstrebt für das (Udlsclie Volk die Schaft״na einer Öffentlich - rechtlich gesicherten Heimstätte In Palästina. (Baseler Programm) Die letzten Dinge Nur wenige Menschen unter uns werden die Ereignisse dieser Zeit ohne tiefe seelische Erschütterung erleben. Es geht heute um mehr als um Gestaltung des äußeren Lebens, um mehr als einen Wechsel des Wohnortes oder den Uebergang in neue soziale Verhältnisse — wir sind vor die letzten und entscheidenden Fragen des Lebens gestellt. Die Geschichte hat uns in ihre Arme genommen, sie trägt uns durch das Leben, stürzt uns in seine Tiefen und offenbart uns zugleich seine fernen Hoffnungen. Der Mensch, der Jude, der solches in seinen Tagen erlebt, ist nicht mehr angewiesen auf die Erzählungen von den Geschlechtern der Vergangenheit, die Aehnliches erfuhren, er weiß vielmehr, welche Gewalten in ihm sich offenbaren, wie sehr er einem unergründlichen Schicksal ausgesetzt ist. Furcht und Zittern, Glaube und Hoffnung ergreifen von uns Besitz in einem Maße, wie es die Generation vor uns nicht kannte, die in einer Zeit der langsamen Entwicklungen und der scheinbaren Ruhe dahinlebte. Wir stehen wieder vor den Entscheidüngen des Schicksals in ihrer monumentalen Einfach• heit und sind gezwungen, mit ihnen zu rechten. ״Vom Tode, von der Furcht des Todes, hebt alles Erkennen des All an. Die Angst des Irdischen abzuwerfen, dem Tod seinen Giftstachel, dein Hades seinen Pesthauch zu nehmen, des vermißt sich die Philosophie. Alles Sterbliche lebt in der Angst des Todes, jede neue Geburt mehrt die Angst um einen neuen Grund, denn sie mehrt das Sterbliche. Ohne Aufhören gebiert Neues der Schoß der unermüdlichen Erde, und ein Jedes ist dem Tode verfallen, jedes wartet mit Furcht und Zittern auf den Tag seiner Fahrt ins Dunkel.“ Diese Worte, mit denen Franz Rosenzweig die Einleitung zu seinem ״Stern der Erlösung“ begann, geboren aus dem Erlebnis eines einzelnen Menschen in der Zeit des großen Krieges, sprechen zu uns wie die Gedanken, die un* bewußt in unserem Innern schlummern. Es scheint uns manchmal, als ob unsere Welt, in der wir zu leben gewohnt waren, in ihren Grundfesten schwanke, und daß uns ein Abgrund hinabzureißen droht. Die Furcht vor dem Nichts ist uns wieder so gegenwärtig wie vergangenen Geschlechtern, die gewohnt waren, ihr Leben im Angesicht des Schicksals zu führen. Das Judentum hat hierfür ein Symbol von eindringlicher Kraft geschaffen. Es wurde vielleicht nicht immer und nicht von allen in seiner Würde erkannt; heute aber geht es jedem auf, mag er es nun selbst für sich halten oder nicht. Am Jom Kippur vereint sich die männliche Gemeinde zum Gebet in den Sterbegewändern, sie tritt zusammen, lebend und handelnd im Angesicht des Letzten, das dem Menschen bestimmt ist. Es ist die Gemeinde, und es ist die Tat des Gebetes, die an diesem Tage im Vordergrund stehen. Auch dies kommt uns heute mehr denn je zum Bewußtsein, was es bedeutet, wenn Menschen den Versuch machen, sich in der betenden Gemeinde zu einen. Es gilt die Verlorenheit und Verlassenheit der menschliehen Seele zu überwinden. Auf sich gestellt, einsam, dem Schicksal preisgegeben, lebt der Mensch sein Dasein. Es ist oft schwer zu ertragen, die Stunden des Zweifels, ja der Verzweiflung kommen, in denen unser Herz nicht nur nach Aussprache begehrt, sondern wo es darum geht, die Vereinzelung in einer höheren Ebene zu überwinden. Der Versuch wird seit Jahrtausen• den von den Menschen gemacht, in verschiedenen Formen und auf verschiedenen Wegen. Das Gebet, das den Menschen über sich hinaus führt und das — gesprochen von vielen Einzelnen — in die Einheit des Göttlichen mündet, dient diesem Ziele. Es kommt um so mehr zur Verwirklichung, wenn die Gemeinde sich versammelt und zu dem geistigen Vorgang des Gebetes auch der materielle des örtlichen Zusammenseins tritt. Wigan der kommenden Feiertage erscheinen die nlcheten Ausgaben 80/81 am Freitag, dem 7. Okt. 82/83 am Freitag, dem 14. Okt. 84 am Freitag, dem 21. Okt. Fa m II ien ־ Na c h rieh ten nehmen wir bis zum Tage vor Erscheinen gegen Mittag entgegen Einwanderung nach Chile Ein neuer Gesetzentwurf Die chilenische Regierung hat dem Kongreß vor einiger Zeit ein neues Einwanderungsgesetz zur Beratung übergeben. Die Einwanderung soll danach in zwei Gruppen eingeteilt werden, nämlich die freie Einwanderung und die Ansiedlung von Kolonisten. Einschränkungen sollen für alle Ausländer bestehen, die ins Land kommen. Diejenigen, die bevorzugt werden, sollen klassifiziert werden, und diejenigen, die noch nicht urbar gemachtes Land bearbeiten wollen, sollen begünstigt werden. Körperlich unfähige oder moralisch unerwünschte Elemente werden nicht zugelassen. Auch müsse verhindert werden, daß Personen einwandern, die den Chilenen in ihren Berufen Konkurrenz machen können. Für jede Nationalität soll eine Quote festgesetzt werden; 70 0',״ dieser Quote müssen Landarbeiter, Spezialarbeiter in der Industrie, Fischerei, im Bergbau, oder Lehrer, Studenten oder Künstler sein, d. h. Personen, welche die Produktion des Landes oder das kulturelle Niveau der Bevölkerung heben können. Die vorgesehenen Einschränkungen bestehen nicht für diplomatische oder Konsularvertreter, für Touristen oder für Personen, die sich vorübergehend in Chile auflialten. Auch nicht für Ausländer, die Geld ins Land (mindestens 250 (XX) Pesos) bringen und noch nicht vorhandene Industrien einrichten wollen. Für die Kolonisation sollen in erster Linie die Ländereien südlich von Puerto Montt in Betracht gezogen werden; für Kolonisten besteht keine Einwanderungsquote. In den einzelnen Bestimmungen heißt es dann weiter, daß keine Ausländer unter IS Jahren ohne Verwandte und auch keine über 55 Jahre, die hier keine Verwandten haben, zugelassen werden. Im Monat Januar wird für jedes Jahr die Finwandererquote festgesetzt. Jeder Ausländer muß bei der Ankunft 100 Pesos entrichten. Kolonisten müsse״ verheiratet sein, Kinder besitzen, und in der Landwirtschaft, im Forstwesen «der in der Fischerei bewandert sein, außerdem mindestens 20 000 Pesos Kapital haben. Auch Kolonisten, die über 55 Jahre alt sind, können zugelasstn werden, aber diese müssen mindestens -10 (XX) Pesos und zwei erwachsene Sohne besitzen. An Ländereien kann der Staat bis zu 500 Hektar im Gesamtwerte von 15 01X) Pesos gratis zur Verfügung stellen, die mindestens drei Jahre lang bearbeitet werden müssen und unter fünf Jahren nicht hypothekarisch belastet oder verkauft werden dürfen. Falls der Staat die Ländereien verkauft, müssen sie nach Ablauf von drei Jahren in 20 Jahresquoten abbezahlt werden. Hilfsarbeit in Belgien Von unserem Berichterstatter. B r ü s s e 1, 23. September Das belgische Hilfskomitee, das auf die Initiative Max Gottschalks 1033 gegründet wurde, übt seine Tätigkeit nunmehr über 5 Jahre aus. Aus der provisorischen Institution, als die es seinerzeit die Gründer angesehen hatten, scheint eine ständige Einrichtung zu werden. Das Komitee hatte schon mehrmals seine Tätigkeit stark eingeschränkt oder selbst, wie der Bericht über das Geschäftsjahr 1037/3$ angibt, ganz eingestellt. Jetzt ist die Tätigkeit des Komitees insofern begrenzet, als es nach dem neuert Regierungserlaß sich nur derjenigen annehmen kann, die bis zum 27. August sich gemeldet ׳haben. Aber es ist zweifellos, daß seine Existenz eine Notwendigkeit bleibt. Die Tätigkeit des Komitees besteht in erster Linie darin, den Emigranten die Weiterwanderung, insbesondere nach Uebersee, zu ermöglichen. Die Unterstützungen und sonstige Hilfe, die es gewährt, dienen zunächst dazu, die Wartezeit in Belgien zu überbrücken. Für diejenigen, die die Erlaubnis haben, in Belgien zu bleiben, sorgt die Hidag, das von den jüdischen Emigranten gegründete Hilfswerk. Das belgische Hilfskomitee hat bedeutende Summen zur Erreichung seiner Zwecke ausgegeben. Die Ausgaben haben im Laufe von 5 Jahren fast Frcs. 8 000 000 erreicht. Die grundlegende Unterstützung wurde von der Hicetn gegeben, die auch die für die technischen Fragen unentbehrliche Hilfe bei der Sorge für die Weiterwanderung geleistet hat. Interessant sind die Ziffern, die der Bericht über die Zahl derjenigen angibt, die mit Hilfe des Komitees nach anderen Ländern weiterwandern konnten. Es sind bis jetzt 3150 Personen. Da offiziell die Zahl der Emigranten auf etwa 3000 angegeben wird (in dieser Ziffer ist allerdings die Einwanderung seit Frühjahr 1938 noch nicht enthalten), so hat sich zu diesem Zeitpunkt die Zahl derjenigen, die in Belgien verblieben sind, und derjenigen, die es mit Hilfe des Komitees verlassen haben, etwa die Waage gehalten. Eine ganz besonders bedeutsame Leistung, die ebenfalls auf die Anregung und tatkräftige Hilfe Max Gottschälks zurückzuführen ist, stellt die Gründung des Arepror (Association pour la Redueation ptofessionelle des Rcfugies) dar. Da die von dem Komitee geleitete Auswanderung fast ausschließlich nach Südamerika führte, den Auswanderern vielfach aber wesentliche Vorausselzungen fehlten, um sich eine neue Existenz. aufzubauen, wurde eine Lehrwerkstätte gegründet, die von Prof. Schlesinger eingerichtet wurde. Hier ist ein Lehrer vom Institut des Arts et Metiers de Bruxelles tätig, ein Lehrer für Spanisch, für Buchhaltung, ein Atelierchef lind verschiedene technische Lehrer. Wesentlich ist die Erlernung einer qualifizierten Arbeit. Die Schüler lernen Feile, Meißel und Bohrer gebrauchen, am Drehstuhl und mit dem Schleifstein arbeiten, schweißen, löten usw. Fs werden ihnen weitere Kenntnisse beigebracht, um sich als Elektriker auszubilden. Schüler, die sich besonders befähigt zeigen, werden in andere Werkstätten beschickt, um 7. B. autogenes Schweißen .gründlieh zu lernen. Bestimmte Artikel, die in der Werkstatt hergestellt werden, sind für den Verkauf bestimmt, ln regelmäßigen Abständen finden Prüfungen statt und am Ende der Lehrzeit erhält der Schüler ein Diplom. Die Schiller, denen auf diese Weise eine Bcriifsunischichtung ermöglicht wird, kommen aus den verschiedensten Kreisen und Berufen. Auf diese Weise hat sich das Hilfskomitee die Möglichkeit geschaffen, die wirklich geeigneten und umstellungsfiihigen Elemente für die Auswanderung zu bestimmen. P. R. Wir wissen, daß der Mensch trotzdem nicht aus seinem Einzeldasein genommen werden kann; es ist das Wesen der betenden Gemeinde, daß sie nicht für die Dauer existieren kann, daß ihr Aufschwung und ihre Einung zeitlich beschränkt sind, und daß sie wieder auseinanderfällt. Das unterscheidet sie ja von einem Kollektiv, daß sie eben nicht eine Samrnlung von — im übrigen selbständigen — Einzelmensehen ist, die bestehen bleibt, solange das Organisationsprinzip Geltung behält, das man für diese Jaammlung anwandte; in der betenden Gemeinde wird vielmehr das Einzelwesen aufgehoben zugunsten einer Einung jenseits der Sphäre des Individuums. Darum ist die betende Gemeinde von einer Tragik umwittert, jener Tragik der menschlichen Vereinzelung, die nicht aus der Welt geschafft werden kann, weil sie dem Prinzip der Schöpfung innewohnt. Zugleich aber liegt in dem Versuch ihrer Ueberwindung das ei ge ntliehe Bedürfnis des Menschen, das vielleicht durch Zeiten, ja durch Generationen von anderen Strebungen überdeckt werden mag, das aber dann mit elemcntarer Wucht hervorbricht, wenn der Mensch vor den Urkräften des Lebens und der Geschichte steht. Gewiß ist nicht jeder von uns, nicht jeder Jude unserer Zeit fähig, sich den Formen einzugliedern, die das historisch gewordene Judentum für diesen Versuch des Wachsens über sich selbst hinaus, der Ueberwindung von Furcht und Zittern, der Verlassenheit der Seele, im gläubigen Gebet gewählt hat, aber auch wer draußen vor den Toren des Heiligtums steht, ist nicht ausgeschlossen von jenem tiefen Bedürfnis, sein Leben — wenn auch nur für eine Zeit — dem Gesetz derVereinzelung zu entziehen. Denn er empfindet, daß uns von dorther die Kraft kommt, das Leben in 5יי׳יי?י׳■ Alltaglichkeit zu bestehen. * Die Judenheit der Welt hat mit allen Völkern des Erdballes Tage der bangen Erwartung erlebt. Die Frage nach Krieg oder Frieden ist dem erlösenden Rufe des Friedens gewichen. Ein Krieg, der Europa und die Welt erschüttert hätte, würde auch über das auf alle Länder und Völker verteilte jüdische Volk Leiden gebracht haben, deren Ausmaß niemand übersehen konnte, und wir fühlen heute so, als sei uns und der Welt das Leben neu geschenkt worden. Die Gebete von Millionen Juden werden sich am heiligsten Tage des jüdischen Jahres gewiß darin vereinen, daß der Welt und den Völkern eine lange Zeit des Friedens beschieden sein möge, daß die Konflikte, die noch ungelöst sind, beseitigt werden, und daß die Nationen in Eitle*■ Ue&eJi&Uck ln Palästina kam es in den letzten Tagen zu zahlreichen Zusammenstößen •und Gefechten. Vier Juden wurden getötet. Im September kamen 3 000 jüdische Einwanderer nach Palästina. Hugo Valentin (Upsala) vollendet am 4. Oktober das 5ö. Lebensjahr.

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