Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 43 (1938)
- Issue
- Heft 76-77 (23.9.1938)
- Date
- 1938-09-23
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Sep 193$ Nr. 76/77 / Jahrgang 43 Preis 25 Rpi, JÜDISCHE RUNDSCHAU Redaktion, Varlag and Anzelganvarwaltangi Bnrtln WIS, Malnakaatr. 10 Farnraf 1 919031, Talagramm*A.drc»«e1 Orghlp. — In Fällen höhertr Gewalt besteht kein Anspruch aut Nachlielerunp oder Erstattung etwa tchon geiahller Bezugsgebühren- Bezugspreis einschließlich Bestellgeld je Monat RM 2,-־, je Vierteljahr RM 5,75; bei Abholung RM 1,88 bzw. RM 5,39 (einschließlich Poslzeilungsgebühr von 10,96 Rpi je Monat). — Postscheck Konten der Vertriebs - Abteilung für Groß - Berlin Berlin 71573, für das übrige Reich! Berlin 17392 BERLIN כ״ז אלול תרצ״ח FREITAG, 23. SEPTEMBER 1938 Erscheint jeden Dienstag and Freitag, Gciltig ist die AnxeisenprelaUat« Nr. 5 vom 1. April 1936. Die zwölfgespaltcne mm - Zeiic 20 Rp{s für Familien• Nachrichten 15 Rpf. Keine Gewähr für Aufnahme von Anzeigen in bestimmten Ausgaben oder an bestimmten Plätzen. Einzelanzei^en nur gegen Vorauszahlung auf Postscheck - Konto Berlin 71618 oder bar Montag bis Freitag 9 — 18 Uhr. Armahmesehluß für die Dienstag - Ausgabe Montag 10 Uhr, für die Freitag ־ Ausgabe: Mittwoch 15 Uhr. Familien - Anreigen am Tag: vor Erscheinen 16 Uhr Der Zionismus erstrebt fQr das indische Volk die Schaltung einer Öffentlich - rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina. (Baseler Programm) ״Das Leben und das Gute, der Tod und das Böse" Rosch Haschana 5699 Das Bewußtsein, daß die nächsten Tage für uns einen Einschnitt im Ablauf des Jahres darstellen, ist heute in weiten jüdischen Kreisen viel tiefer, als es in früherer Zeit der Fall war. Gewiß waren die ״Jamim Noraim“, der Beginn des Monats Tischri für sehr viele Juden ein seelisches Erlebnis, auch für solche, die sonst während des ganzen Jahres von ihrem Judentum nur geringen Gebrauch machten, aber dieses Erlebnis lag doch mehr in der Sphäre des Gefühls; es war die F e i c r t a g s s e e I e des Juden, die in diesen Tagen zum Vorschein kam und nur in einem sehr lockeren Zusammcnliang mit dem Menschen des Alltags stand. Und wie fiele Zehntausende gab es in den Ländern des Westens, die nicht einmal diesen seelischen Anteil nahmen, die auch an den Tischri-Tagen abseits standen und nichts davon wußten, was das Herz ihrer Väter und die Seele der breiten Schichten des jüdischen Volkes in diesen Tagen bewegte! Heute spürt wohl jeder von uns wieder stärker den Rhythmus des jüdischen Jahres. Das ist nicht nur in Palästina so, wo dieses Jahr mit dem Alltag verbunden ist, sondern überall in der Welt, wo Juden als Juden leben, spüren sie auch, wie das Jahr der Juden abläuft. I Gewiß entstammt diese Verbindung mit dem jüdisehen Element in uns auch heute bei vielen nicht einem inneren Bedürfnis, sondern sie ist etwas Unfreiwilliges, von außen Auferlegtes, das man gewiß stillschweigend trägt, ohne es doch mit der vollen Liebe zu umhegen. Es wäre falsch, wenn wir diese Erscheinung übersehen wollten, die nur zu erklärlich ist, wuchsen doch viele von uns unter ganz anderen Vorstellungen auf und haben ihr Judentum erst in späteren Jahren erlebt, als es ihnen Nachteile brachte. Dennoch muß gerade Urnen immer wieder gesagt werden, daß sie vor die Wahl gestellt sind, ihr Judesein als etwas Zufälliges und Unbequemes zu empfinden, oder es zu ihrem Eigentum zu machen, das als Ausdruck des wahren Wesens der Persönlichkeit empfunden, geliebt und entfaltet wird. Wir sehen, wenn wir nach U e b e r s e c blicken, auch heute nach all jenen Erfahrungen, die Millionen Juden machen mußten, dort vielfach den Versuch, dem jüdischen Schicksal individuell zu entgehen, das Judentum auf/ulösen und zu einem imaginären Schemen zu machen. So lesen wir in dem Brief eines jungen Menschen aus Deutschland, der nach Kanada ausgewandert ist, folgende charakteristische Worte: ״Als ob ich ein Schuljahr wiederhole, scheint mir dieser Proz״IS der Assimilation, die hier blüht und deren Früchte ich in Deutschland schon gekostet habe... Warum warten die Juden an der Straßenkreuzung ihres Schicksals immer am das gelbe Licht, während sie d wh beim grünen viel bequemer die Straße hätten überschreiten können?“ In der Tat liegt in dieser Betrachtung die ganze Wahrheit. Es ist gewiß nicht möglich, für das Verhalten der Juden in der Welt eine einheitliche Norm aufzustellen. Die Unterschiede zwischen den Ländern und Erdteilen sind gewaltig, und dementsprechend sind die Lebensformen der jüdischen Gemeinschaften ver- Wegen der kommenden Feiertage erscheinen die nächsten Ausgaben 78 am Freitag, dem 30. Sept. 79 am Dienstag, dem 4. Okt. 80/81 am Freitag, dem 7. Okt. 82/83 am Freitag, dem 14. Okt. 84 am Freitag, dem 21. Okt. Fa m i I i e n - N a c h r i ch te n nehmen wir bis 2 u m Tage vor Erscheinen gegen Mittag entgegen schieden. Was aber bei allen Differenzen gleichartig sein sollte, das ist die Selbstverständlichkeit, mit der der Jude — Jude sein soll, die Unbedingtheit, mit der er seine jüdische Verbundenheit empfindet, und die Klarheit, mit der er sein Judentum als einen nicht fortzudenkenden Wert behandelt, so teuer wie Vater und Mutter und so selbstverständlich wie das Leben selbst. Dann wird der Einzelne und werden jüdische Gemeinschaften auch nicht mehr in den Fehler verfallen, das zu wiederholen, was anderswo als Irrweg erkannt wurde, und so die innere Würde einzubüßen, die die Voraussetzung der Achtung durch die Umwelt ist. Manche unter uns neigen heute dazu, im Schicksal der Juden unserer Zeit etwas Geheimnisvolles zu sehen, sie grübeln nach dem Sinn der schweren Schläge, die das jüdische Volk in den letzten Jahren erlitten hat, sic suchen nach Schuld und Sühne. Uns scheint, daß all dem gegenüber ein Moses-Wort gilt: ״Das Verborgene ist des Ew igen, unseres Gottes, aber das Offenbare ist unser und unserer Kinder auf ewig: Zu üben alle Worte dieser Weisung“. (5. Buch Mose, Kap. 29, 28). In der Tat, darin liegt wohl die ganze Geschichtsphilosophie des Judentums, die auch für uns und unsere Zeit Geltung beanspruchen darf: Aus dem, was offenbar ist, eine Lehre zu ziehen und sein Verhalten danach zu richten. * . Ein schweres Jahr liegt hinter uns. Das Schicksal hat in das Leben wohl jeder Familie unter uns eilige griffen. Niemand von uns gibt sich der Täuschung hin, daß die Zukunft für uns leicht sein wird. Jeder blickt über die Länder des Erdballs und grüßt in Gedanken jene Menschen, die dorthin gezogen sind. Die Tage der Besinnung, die vor uns liegen, lassen uns die Entfernung und die innige Verbundenheit mit ihnen 1un so stärker empfinden. Zehntausende rüsten sich zum Aufbruch, der sie in die Welt hinaus zu einem neuen Lehen und zu neuen Möglichkeiteii der Arbeit führen soll. Es tut daher not, in dieser Stunde nicht illusionäre Hoffnungen zu züchten, sich mit billigem Trost über die Schwere der Zeit hinwegzuset/en, sondern das zu sagen, was in diesem Augenblick wohl allen, für die w׳ir sprechen, das Herz bewegt. Wir Juden erleben unser Wanderschicksal erneut in einer Welt, die nicht stabil ist. Begriffe wanken, die noch vor kurzem unverrückbar erschienen. Die Welt hallt an vielen Stellen vom Kriegslärm wieder, ln dieser Zeit treten wir auf, ein kleines Volk, über die Welt verstreut, innerlich in viele Gruppen zerspalten, und erheben den Ruf, uns in unserer Not beizustehen. Wird dieser Ruf gehört werden? Wenn er gehört wird, wird man ihn nicht allzu bald vergessen? Uns befällt manchmal ein Gefühl der Verzagtheit, wenn wir daran denken, daß unsere jüdischen und nichtjüdischen Sachw alter, die in den politischen Zentreu der Welt für uns tätig sind, sich das Gehör der Staatsmänncr und Kabinette verschaffen sollen. Sie treten im Namen eines kleinen Volkes auf, das nichts anderes für sich ins Feld führen kann als die Ideen der Humanität und das historische Gewissen, das sicli für ein Volk einer jahrtausendealten Kultur einsetzt. Dennoch dürfen wir nicht müde we־den, gerade in dieser Zeit, die voller Ungewißheit ist, was der nächste Tag bringen mag, unsere Stimme zu erheben. Denn es gilt, ein Werk von geschichtlicher Einmaligkeit zu vollenden, uni uns in neue Lebensverhältnisse hinüberzuführen, einen ganzen Volksteil über Länder und Meere hinweg in eine neue Heimat zu geleiten. Niemand weiß, ob die Zeit, die heute dafür gegeben ist, nicht unwiderruflich verrinnt, ob das, was heute versäumt wird, in späteren Jahren nachgeholt werden kann; darum fordern wir von den Menschen und Instanzen, die sich um uns bemühen, das Eine: Nützet die Atempause, die zwischen Heute und einem unbekannten Mo gen liegt, um einen wichtigen Teil des jüdischen Volkes, der nichts will 4s Leben und Arbeit, in die Welt hinauszuführen! Wir erheben diesen Ruf im Namen all der Menschen, die es angeht, in! Namen ihres Lebensw illens und ihrer Zukunftshoffmmg; aber wir wissen, daß diese Menschen — wir selbst .- mehr darstellen als mir eine beliebige Anzahl von Einzelnen, deren materielle [:Nisten/ es zu sichern gilt. Es sind Juden, die bewußt oder unbewußt etwas in sich tragen, was sie durch alle Jahrhunderte lind Jahrtausende der Geschichte erhalten hat und was auch heute, in einer Zeit, in der das jüdische Volk sich zu neuem Leben sammelt, das eigentliche Wesen ihres Daseins ausmacht. Wir, Juden wissen, daß wir zwischen Gut und Böse gestellt sind, daß das Leben das Gute und der T od das Böse ist. Daß vor dem Volk als ganzem und vor jedem Ein/elnen die Pflicht der Wahl zwischen Gut und Böse steht (der Toraabschnitt dieses Schabbath handelt von dieser Frage). Es ist die Pflicht der Wahl, der man sich nicht entziehen kann, etwas, das in allen Lebensfragen immer wieder an uns licrantritt, das uns verfolgt, wenn wir ihm zu entweichen suchen, weil unsere Seele, unser historisches Gedächtuis so geprägt ist. Als Träger dieser Eigenschaft treten wir heute in der Welt auf mit dem Anspruch auf Lebe n u nd neue Be w ä 11 r 11 n g unter Verhältnissen, die uns das Dasein als schaffende Menschen ermöglichen. Damit berühren wir jenes andere Wesentlichste, das uns alle in dieser Stunde des Jahreswechsels angeht. Auch in Palästina gibt es in dieser Zeit des schweren Kampfes um die Zukunft des Landes ein Exempel dafür, was wir als Volk im Leben darstcllen. Wir sind weit entfernt davon zu glauben, daß in diesem Lande bereits jenes besteht, was wir als eine ideale Ausprägung jüdischen Volksdaseins betrachten. Dennoch scheint es uns, daß auch dort starke Kräfte vorhanden sind, die trotz allem, was wir seihst bemängeln oder vermissen, ei 11 Ausdruck d er tieferen E Icmentc u nse• res Wesens sind. Wenn in dem Ringen um die Zukunft Palästinas der Gedanke der N i c h t v e r g c 1» tung von Akten des Terrors, die gegen uns ausgeführt wurden, trotz allem mit einer sehr grollen Einhelligkeit und Disziplin verwirklicht wird, so scheint es uns, daß darin mehr zu sehen ist als eine Erkenntnis der Politik oder als eine taktische Methode. In der Stärke, mit der diese Parole sich durchsetzte, drückt sich vielmehr ein unbewußtes Gefühl dafür aus, was wir in Erez Jisrael wollen, bis wohin wir gehen können, sollen wir nicht uns selbst untreu werden. Die andere Seite, die arabischen Aktivisten bekamp* feil uns mit den Methoden der Rebellion und pflegen einen radikalen N a t i o 11 a 1 i s 111 u s. Wir stellen die Frage: Sollen wir den Kampf mit ihnen im gleichen Zeichen aufnehtnen? Wenn wir diese Frage bejahen würden, dann ist es "gewiß, daß in Palästina derjenige siegen wird, der die stärkeren Waffen hat. Wir aber meinen, daß wir uns die Kampfmethoden und die Grundlage unseres Ver- Haltens nicht vom Gegner verschreiben lassen sollen. Auch jetzt brauchen wir nicht davon ahztiweidien — selbst in der Zeit des Terrors und der Vcrtcidigung unseres Werkes —, dasjenige als den eigentlichen Faktor, der von unserer Seite in der Auseinandersetzung wirksam ist, zu betrachten, was wir diesem Lande an Kräften unserer Seele zuführen. So gewiß cs ist, daß jüdischcs Blut, das in Palästina vergossen wurde, uns und unsere Jugend um so tiefer mit dem Laude verknüpft, so sicher ist es auch, daß wir dieses Blutopfer nicht E\sUa, Ue&ei&Utk Bei Uebcrfüllen in Palästina kamen in den letzten Tagen 5 Juden ums Leben. ln der Politischen Kommission des I’ ö 1 k e r b u n de s fand eine Erörterung des Palästinaproblcms statt. Dr. Bernhard Kahn, der bisherige europäische Direktor des Joint, siedelt nach Neu> York über. Prof. Hugo Bergmann hielt in Stockholm und Upsala, anläßlich einer Tagung für die Jerusalemer Universität viel beachtete Vorlesungen. 1