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Jüdische Rundschau · 1938-08-12 · Heft 64 (12.8.1938) · page 9

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
43 (1938)
Issue
Heft 64 (12.8.1938)
Date
1938-08-12
Page
– (sequence 9)
Language
German
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jüdische Rundschau PALÄSTINA-BLATT Nr. 64, 12, AUGUST 1938 Juden aus Deutschland siedeln*1 Von Jerusalem nach London Von unserem palästinensischen Korrespondenten gl. H a i f a , 4. August 1938 Von den zahlreichen Kommissionen, die sich bisher mit Palästina befaßt haben, hat noch keine so wenig Kontakt mit der Bevölkerung gehabt, wie die letzte, die eben nach London zurückgekehrt ist. Bis auf zwei Zeugen — lind wahrlieh nicht die wichtigsten -- fanden die Vernehmungen bei geschlossenen Türen statt. Sowohl die englischen Beamten als auch die Vertreter der jüdischen Institutionen zogen diese vertraulichen Beratungen vor. Die Gründe dafür sind einleuchtend: gerade bei derartig komplizierten I ragen, die ausnahmslos eine wirtschaftliche und politische Bedeutung besitzen, kommt es auf eine in ö glichst objektive Be- Handlung an; es war wichtig zu vermeiden, daß die Verhandlungen der Kommission auf irgendeine Weise propagandistisch wirken. Und so erfuhr das Publikum während der drei Monate, in denen die Kommission ihr Material sammelte, nur wenig von dem, was hinter den geschlossenen Türen sich abspielte. Und cs ist sehr wahrscheinlich, daß sich auch in London die Dinge ähnlich abspielen werden. Die Lage in Palästina macht nicht mir die Frage nach dem Was, nach den Konsequenzen der technischen Kommissionen überaus brennend, sondern ebenso dringend erhebt sich die Frage nach dem Wann, dem Zeitpunkt der Publikation des Berichts. Wir können heute noch nichts Endgültiges auf die Frage nach dein Wann antworten, aber man wird nicht fehlgehen, wenn man annimmt, daß die Kommission sich mehr als halbwegs dem Abschluß ihrer Arbeit genähert hat, so daß wir bei Beginn der neuen Parlamcntssaison auf entscheidende Beschlüsse der Regierung zu rechnen haben. Es erhebt sich also die Frage, wie sich die Monate, die bis zur endgültigen Entscheidung Vorbeigehen müssen, hier im Lande gestalten, ob der Terror jetzt, wo die Kommission das Land verlassen hat, naehlasscn wird oder ob er seine Anstrengungen aufrecht erhält, um die Kommission in London in ihrer Haltung zu beeinflussen. Die Engländer mühen sich anscheinend mit allen Kräften, gegen die Terroristen vorzugehen, ln der Berggegend von Nablus und Tnlkerem wird in letzter Zeit von scharfen Kämpfen berichtet, von durchgreifenden Säubcruiigsaktionen im Norden, und in diesen Tagen wird der Tegart-Wall fertiggcstellt und damit der Schmuggel von Waffen und Menschen sehr erschwert. Dazu werden für September Verstärkungen aus England erwartet, während die Juden mehr als früher zur Kooperation mit dem Militär herangezogen werden. _ Ein Vermißter gefunden Jerusalem, 8. August. (Palcor.) Der 20jährige Seehariahu Kikayon, der am 31. Juli aus der Wohnung seiner Ettern in Tel Awiw verschwand, ist heute, barfuß und mit einem Bart, in Tel Awiw aufgetaucht. Er berichtete der Polizei, daß er am Abend des 31. Juli aus der Wohnung hinausgerufen worden sei, einen Kopf hieb erhalten, habe und ohnmächtig in einem Auto entführt worden sei. Als. er aus der Ohnmacht erwachte, habe er entdeckt, daß ihm Arme und Beine fcstgcbunden und auch die Augen verbunden waren. In diesem Zustande sei er bis heute morgen geblieben, ohne zu wissen, wo er sich befand; heute jedoch sei er in die Nähe von Petacli Tikwa gebracht und befreit worden. Die Polizei bemüht sich, fcstzristcllen, wo Kikayon versteckt gehalten wurde. Er ist nach Jerusalem gebracht worden, um einem polizeilichen Verhör über die Umstände seiner Entführung unterzogen zu werden. Moledeth Von C. Z. Kloetzel, Jerusalem ״Wie kommt man nach Moledeth?“ fragte ich in Jcrusalcm die Weisen. ״Tja“, sagten sie, ״da gibt cs verschiedene Möglichkeiten. Sie können z. B. mit der Eisenbahn nach Ejn Charod fahren; von da sind es nur etwa 11 Kilometer.“ ״Und wie bewältigt man diese 11 Kilometer? Man kann sie in diesen Zeiten nicht gut zu Fuß absolvieren.“ ״Tja“ sagten die Weisen, ״da warten Sie am besten, bis das Auto von Moledeth in Kfar Jechcskel Wasser holt.“ ״In Ejn Charod meinen Sie!“ ״Nein, in Kfar Jeclieskei!“ ״Aber warum schicken Sic mich dann nach Ejn Charod?“ ״Die Station von Kfar Jechcskel heißt Ejn Charod.“ ״Und wie heißt die von Ejn Charod?“ ״Tel Josef.“ ״Und die von Tel Josef?“ ״Die hat überhaupt keinen Namen. Da gibt’s nur ein Schild, auf dem sfeht drauf; ״Zur Baumschule.“ Danach hielt ich es für geraten, mich nach der zweiten Möglichkeit zu erkundigen, nach Moledeth zu gelangen. Sie war ganz einfach. Man hatte nur nach Afulch zu fahren und dort ein Taxi nach Moledeth zu mieten. Ich setze mich neben den Chauffeur. Bevor wir aus Afulch herausfuhren, hielt er an einein Haus, stieg aus und kam mit einer Parabeliimi-Pistole wieder. ״Geladen und gesichert!“ sagte er, während er sie zwischen uns beide auf den Sitz legte. Dann unterhielt er mich die 24 Kilometer bis Moledetii damit, daß er mir ausführlich schilderte, wie am Abena vorher plötzlich arabische Terroristen mitten in Afuleh erschienen seien und es eine wilde Knallerei gegeben habe. ״Passen Sie ein bißchen auf“, sagte er zwischendurch, ״vier Augen sehen mehr als zwei, und ich muß vor allem aut den Weg achten." Ich paßte ein bißchen auf, aber es passierte trotzdem nichts. So reist man heute in Palästina.... ״Moledeth“, — was man je nach Belieben mit ״Vaterland“ oder ״Heimat“ übersetzen kann, — liegt völlig isoliert auf einer weiten Hochebene nordöstlich des Emek Jesreel, in der Richtung auf das obere Galil. Kfar Jechcskel, mit dem es durch einen fahrbaren Weg verbunden ist, ist neun Kilometer entfernt. Andere Siedlungen, z. B. Beth Alfa, liegen in der Luftlinie bedeutend näher, sind aber infolge des ungünstigen Geländes — tiefe Wadis — viel schwerer zu erreieben. Schon von weitem sicht man in der heißen, flimmernden Luft das typische ״befestigte Lager־‘, als das die meisten Siedlungen der letzten zwei Jahre gegründet worden sind, mit dem gedrungenen Wachtturm über dem Viereck der Sehutzmauern, innerhalb dessen sich die Baracken zusammendrängen. Ringsherum dehnen sich Felder, die teils mit Getreide und Mais bestellt sind, teils aufgebrochen von der zwölffachen Pflugschar des Motorpflugs. Der ,,Irgun Moledeth“, der diesen Punkt besetzt hält und dieser Tage seinen ״ersten Geburtstag“ aut eigenem Boden feiern kann, besteht bis auf wenige Ausnahmen aus jüngeren Menschen, die aus Deutschland gekommen und drei, vier, fünf Jahre schon im Lande sind. Ein großer Teil von ihnen hat seine Hachsehara in Nahalal durcligcmacht, ein anderer war in Frankreich auf Hachsehara, che er nach Erez Jisraei übersiedelte. Der Rest war in verschiedenen Kibbuzim, *) Siche die ersten Berichte aus dieser Serie in den Nummern 93, 98 (1937); 2, 18 , 20, 21, 22, 28, 33 (1938). Red. hat aber dort keine rechte Befriedigung gefunden. So traten sic dieser Gruppe bei, die von vornherein die Absicht hatte, einen ״Mosch a w" zu gründen, 11. h. eine Siedlung, in der bei weitgehender Kooperation doch jeder seine eigene Wirtschaft besitzt. Von dieser Siedltingsforni ist in unserer Literatur wenig die Rede, und sie tritt in der öffentlichen Diskussion weit zurück hinter dein großen Interesse, das dein wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Problem der Koüektivsiedltmg entgegengebracht wird. Fs ist deshalb vielleicht nicht unnötig, einmal zu betonen, daß in den Moschawoth mehr als die Hälfte der landwirtschaftlichen jüdischen Bevölkerung Palästinas lebt. Der zukünftige Moschaw ,.Moledeth'־ ist für hundert Familien geplant. Zur Zeit besteht er aus 70 Menschen, die -10 ״Wirtschaftseinheiten״ bilden, d. 11. entweder Familien (bis jetzt 18, mit 3 Kindern) oder Einzelgänger, die in der midisten Zeit zur Familiengniiulung schreiten wollen. Im neuen Lager befinden sich 50 Menschen, darunter 10 Frauen; der Rest bleibt vorläufig noch in ßc’er Ttivia, der südlichsten jüdischen Kolonie Palästinas, wo die Gruppe eine Hilfswirt- Schaft unterhält und bisher bei eien Besitzern jüdischer Orangenplantagen gearbeitet hat. Ihre verhältnismäßig sehn eile Ansiedlung wurde bewirkt durch eine große amerikanisch-jüdische Organisation, die für Linwandcrcr aus Deutschland Mittel zur Verfügung stellte, die cs dem Keren K a j c 111 1׳ t 11 ermöglichte, SIMM) Dunam für ״Moledeth“ zu erwerben. Fs ist schwerer Roden, der nach entsprechender Bearbeitung für jede Art Kultur nutzbar gemacht werden kann. Wie groß die Zahl der Familien sein wird, die man auf dieser Fläche endgültig ansicdeln kann, hangt davon ab, ob tmd in welchem Umiaiig Wasser gefunden wird. Etwa einen Kilometer von! I.agcr entfernt wird jetzt gebohrt, aber die Voraussagen der Fachleute sind nicht übermäßig günstig. Von der Menge des gefundenen Wassers hängt die Möglichkeit alt, die zukünftigen Wirtschaften wenigstens teilweise zu intensivieren. In! Augenblick wäre man freilich schon zufrieden, wenn inan nicht jeden Tropfen Wasser mit dem Lastauto aus Kfar Jechcskel holen mußte. Da zu den Transportkosten auch noch'die für die Bewachung des Transportes kommen, zahlt Moledeth heute für den Kuhikincter Wasser 17 Piaster! Die 8000 Dunam Boden erstrecke״ sielt weit von dem Platz, der aus strategischen Grunde״ für das provisorische Lager gewählt werden mußte, ihre äußerste Grenze liegt nicht weniger als 6,5 km von ihm entfernt. Trotzdem sieh in unmittelbarer Nähe nur arabische Dörfer befinden, darunter einige von recht bösem Ruf, muß die gesamte Fläche wenn nicht bestellt, so mindestens bearbeitet werden, um jeden Finsprueh gegen das jüdische Besitzreclit zu verhindern. Das angewandte System ist das des ״drv farming'־, extensive Bestellung durch Maschinen. Wirklich angebaut sind bisher nur 3500 Dunam: mit Weizen, Gerste, Mais und Viehfutter. Der Rest des Bodens wird einer intensiven Bearbeitung durch Pflug und Egge unterzogen, was seiner späteren Nutzbarmachung sehr zugute kommen wird. Die maschinelle Ausrüstung der Gruppe ist erstklassig. Sie besitzt drei große Traktoren, zwei kleine Combines, eine fahrbare Heupresse, große und kleine I )iscus-Pflügc, eine Discus-Eggc, zwei Sämaschinen, eine Düngerstreumaschine. Dagegen ist der Tierhcstand noch gering: drei Reitpferde für die Ghaffirim, vier Maultiere zum Ziehen, zwei Kühe und 100 Hühner, tun den Eigenbedarf an Milch, Butter und Feiern zu decken. Fitten Gemüsegarten konnte man bisher aus Wasser-!Mangel nicht an legen. Unter diesen Umsbinden ist es zu begreifen, daß der tägliche Verpflegungssatz mit 5,5 Piaster wesentlich über dem Durchschnitt Hegt. Daß die Gruppe heute, unbeschadet ihrer spateren Moschaw-,Absichten, als ein Kibbuz lebt und wirtschafiet, ergibt sich aus den äußeren Verhältnissen. Fs bestehen bei ihr aber auch Zweifel, ob es später möglich sein wird, die Individualwirtschaft in reiner Form einziiftihren, insbesondere dann, wenn die Wasser- Versorgung zur Intensivierung nicht ausreicheti sollte. Man diskutiert den Plan, zum mindesten den Getreideanbau lind die Viehhaltung kollektiv zu organNercn. Die I inaii/icnmg der Siedlung erfolgt aus Anleihen der ״Abteilung der Jewislt Agency“, die für die Betnebsausrtistung eine Summe von LP 3000 atisgeworfeu hat, zu 4 ״״ Zinsen und bei einer Amortisation binnen 23 |alm־n. Andere Summen sind, zum Teil mit Hilfe des Keren Kajemeth, für den Bau und die nötigen Sicherheitsmaßnahmen flüssig gemacht worden. Selnitztnauern, Wachtturm mit Scheinwerfer und ausgebaute Verteidigungsstellungen haben allem 1 inkostet! von 900 Pfund verursacht, die in ruhigen Zeiten überflüssig Auch auf den inneren Betrieb der Wirtschaft lastet die Unsicherheit schwer. Fs kamt kein Wagen, kein Traktor das Lager verlassen, ja, die Rohrleute können nicht zur Bohrstelle /►eiten, ohne von Ghaffirim begleitet zu sein. Von den vierzig männlichen Mitgliedern des Lagers sind dreißig von der Regierung anerkannte und bewaffnete Ghaffifim -- aber mir drei davon werden von ihr bezahlt. Die Siedler von Moledeth haben ausgerechnet, daß ein volles Drittel ihrer Arbeitsleistung durch Waelielialten in An- Spruch genommen wird. Man kann sieh draußen vom Leben solch einer kleinen isolierten Menschengnippe kaum eine Vorstellung machen. Wer nicht auf den Feldern arbeitet . unter ständiger Gefahr eines Uebcrfalls - ist auf die hundert Quadratmeter innerhalb des Lagers beschränkt. Tag tmd Nacht steht auf dem Turnt jemand auf Ausguck, und vom Dunkelwerden bis zur Morgendämmerung spielt unermüdlich der Scheinwerfer. Nichts ist seltsamer, als ein paar Nachtstunden auf diesem Turm zu verbringen. Rings sieht man die Projektoren der jüdischen Siedlungen, die ihr Licht nach allen Seiten streuen oder irgendwelche Botschaften in Morse/cidien gegen das Firmament funken. Aber auch die Araber signalisieren. Man zeigte mir ein in der Nähe gelegenes Beduinenlager, von dem aus dcutliehe, wenn auch primitive Lichtsignaic gegeben wurden. In einem Zelt brannte Feuer, und irgend jemand bewegte sich so vor dein Zeltcingang auf um! ab, daß der Lichtschein in ״Striche und Punkte" zerlegt wurde. ״Wahrscheinlich ist ein englisches Militärauto nach der Pipeline unterwegs!“ sagten die Leute von Moledeth. Sie sagten es mit Bedauern, denn sie batten sich in den Kopf gesetzt, daß ich die ״Attraktion“ ihrer Gegend kennenlernen sollte: nächtlichen Brand der Oelleitung. Die Araber graben sie an einer Stelle auf, an der sie dicht unter der Oberfläche lieg(, schießen Löcher hinein und entzünden das Oel, das unter starkem Druck entweicht. Fs soll ein wundervoller Anblick sein ... aber in den zwei Nächten, die ich in Moledeth verbrachte, stand dieses Feuerwerk nicht auf dem Programm der Araber. Moledeth ist bisher nicht angegriffen worden. Möge sein ״erster Geburtstag־‘ auf eigener Scholle den tapferen jungen Männern und Frauen ein glückliches tmd friedliches Jahr einleiten. Von der Universität Jerusalem 1g,: J Unser Bild zeigt eine Sitzung des Senats der Universität Jerusalem unter Vorsitz von Prof. Bergmann. Am linken Tisch auf der linken Seite (vom He schauer aus nach hinten) die Professoren A. Fraenkel (Mathematik), II. Torczyncr (hebräische Sprache). J. üiittnumn (jüd. Philosophie), Dr. D. Werner Senator (Administrator), Dr. M. Ben-D'avid (Sekretär). Rechte Seite des linken Tisches die Professoren P. Baer (mittelallerl. jüd. Geschichte), M. D. Kaplan (Pädagogik), L. A. Mayer (Orientalia). — Am rechten Tisch auf der linken Seile: Dr. A. Geiger (Physiologie), Dr. K. Reich (Anatomie), die Professoren E. Wertheimer (Physiologie), I,. Farkas (Physik. Chemie), I. ,/. Ktigler (Hygiene und Bakteriologie). Rechte Seile des rechten Tisches: Dr. A, Big (Botanik: inzwischen verstorben), die Professoren S. Klein (Palästina-Forschung), M. Fekele (Mathematik), &i. Buber (Philosophie), B. Brulzkus (Ockonomie), 1. Klausner (hebräische Literatur). Foto! Alfred Beruhe»,

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