Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 43 (1938)
- Issue
- Heft 63 (9.8.1938)
- Date
- 1938-08-09
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 63 ✓ Jahrgang 43 Praia * Mt RUNDSCHAU ■•daktloB, V.rlaj and ABXiigtaTarwaltaBfi BarllnWlS, Malnaka1tr.il Famrafi 9190SI, Talajramm•Adraiaci Orjjhlp. - ln Filltn höhortr Gew»l baatcht kam Anspruch •uf Nachlieferung oder Entartung etwa schon gezahlte Bezug!gebühren. Bezugspreis einschließlich Bestellgeld je Monet RM 2,—, je Viertel jahr RM 5.75: bei Abholung RM 1,88 bzw. RM 5,39 (eioschlieBlicb Poetzeitung« gebühr von 10,96 Rpf je Monet). — Po.tr.ched־ Konten der Vertriebs - Abteilun für GroS-Berlin: Berlin 715 73, für des übrige Reich: Berlin 1739 BERLIN י״ב אב חרצ״ח DIENSTAG, 9. AUGUST 1938 bnhtjet Jaden Dienstag and Freitag. Gültig ist die Anzeigen Preisliste Mr. 5 vom 1. April 1936. Die zwölfgeapaltene mm - Zeile 20 Rpf. für Familien• Nachrichten 15 Rpf. Keine Gewähr für Aufnahme von Anzeigen in bestimmte■ Ausgaben oder an bestimmten Plätzen. Einzelanzeigen nur gegen Vorauszahlung suf Postschedc - Konto Berlin 71618 oder bar Montag bis Freitag 9-18 Uhr. AnnahmeschluB für die Dienstag-Ausgabe: Montag 10Uhr, für die Freitag-Ausgabe! Mittwoch 15 Uhr. Familien Anzeigen am Tag vor Erscheinen 16 Uhf Dar Zionismus erstrebt für das IDdische Volk dlo Schäftung elnor Sffontllch - rechtlich gesicherten Helmstitte In Palästina. (Baseler Programm) Malcolm MacDonald in Palästina Ueberraschendcr eintägiger Besuch im Flugzeug — Besprechungen mit den Lundesbehörden — Vor durchgreifenden Befriedungsmaßnahmen? Jerusalem, 7. August. Nach einem offiziellen Communlqu« ist der englische Staatssekretär für die Kolonien, Malcolm MacDonald, am letzten Sonnabend überraschend Im Flugzeug in Palästina eingetroffen. Der Staats- Sekretär hatte eine eingehende Unterredung mit dem High Commissioner MacMichael über die Lage in Palästina, an der auch General Haining, der Oberbefehlshaber der britischen Truppen in Palästina, sowie Major Saunders, der Leiter der Palästina-Polizei, teilnahmen. In dem Communiquc wird der Wunsch betont, die außerordentlich gespannte Lage in Palästina zu befrieden. Malcolm MacDonald ist Sonntag wieder mit dem Flugzeug über Aegypten nach London zurückgekehrt. Die Reise des Staatssekretärs für die Kolonien nach Palästina wird damit begründet, daß der High Commissioner bei der gespannten Lage für eine Reise nach London nicht abkömmlich gewesen sei. Die amtliche Mitteilung des Besuches rief in ganz Palästina grolle Ucbcrraschung und zahlreiche Mutmaßungen hervor. Obwohl MacDonald zu Fuß die Altstadt von Jerusalem besuchte, wurde er von niemandem erkannt. MacDonald fuhr auch nach Bethlehem und zu den Salomonischen Teichen und überflog vor seiner Abreise Galiläa und Samaria. Der High Commissioner, Sir Arthur MacMichael, wird Montag abend um 8 Uhr eine Ansprache im Radio halten. ״Palcor“ glaubt annehincn zu dürfen, daß keine Acnderung der Politik in Frage kommt, Rafft England sich auf? Die Nachricht, daß der Kolonialmiiiistcr Malcolm Mac- Donald zu einem eintägigen Besuch nach Palästina geflogen ist, trifft die breitere (!Öffentlichkeit völlig überraschend. Sie wird in jüdischen Kreisen hoffnungsvoll aufgenommen «׳erden als ein Zeichen dafür, daß die englische Regierung mit der Politik des Gchenlassens in Palästina ein Ende machen will. Ein so ungewöhnliches Ereignis wie dieser 71! Beginn der Parlamentsferien unternommene Besuch des Ko-!onialministeis muß mehr als eine bloße Geste sein. Die englische Regierung will damit zweifellos andeuten, daß diejenigen Kreise, die mit einem Erlahmen ihrer Energie rechnen, sich getäuscht haben. Die Verwunderung der Welt darüber, daß das englische Weltreich im Laufe von zwei Jahren mit der Revolte einer Handvoll arabischer Terroristen nicht fertig geworden ist, und die an diese Tatsachen geknüpften Erörterungen und Folgerungen können allmählich auch in England selbst nicht ohne Wirkung geblieben sein. Trotz der Kleinheit Palästinas gehört das Palästinaproblem heute zu den Sorgenpunkten der englischen Politik. Der jugendliche Kolonialminister, unseres Wissens das jüngste Mitglied des Kabinetts, sieht es mit Recht bald nach Uehernalime seines Amtes als seine wichtigste Aufgabe an, in Palästina Ordnung zu schaffen, und er greift persönlich ein. Die Wood he ad- Kommission ist zurückgekchrt. Sobald die militärische Niederwerfung der Unruhestifter gelungen und die Sicherheit im Lande wiederhergcstcllt ist, wird die Möglichkeit gegeben sein, positive politische Lösungen ins Auge zu fassen. Dabei wird England freilich auch nicht mehr, wie es bisher getan hat, den untätigen Zuschauer spielen dürfen, sondern Die Sitzung des Intergouvernemcntalen Komitees für Wanderungsfragen wurde am •i. August beendet. Es wurde eine Reihe von Beschlüssen gefaßt. So wurde beschlossen, Mr. Robert Pell, ein Mitglied der amerikanischen Delegation aus dem Kreise der Beamtenschaft des State Department in Washington, dem Direktor des Ständigen Büros, Mr. Georges Rublce, als Assistenten beizugeben. Die beteiligten Regierungen werden sich sämtlich an den Kosten des Ständigen Büros beteiligen. Der Kontakt mit den privaten Hilfsorganisationen wird durch die Vcrmittlung des Büros des Völkerbundskommissars für Aus- «׳anderer aus Deutschland hergestellt werden. Der Völkerbundskommissar (Sir N'eill Malcolm) wird an allen Sitzungen des Ständigen Büros teilnehmen, auf denen die Zulassung von Auswanderern in Einwaiiderungsländer und die Arbeiten der privaten Hilfsorganisationen erörtert werden. I!1 ähnlicher Weise wird der Direktor des Internationalen Arbeitsamtes sich an den Sitzungen über Wanderunfjjsproblemc beteiligen. Alle Regierungen werden dem Ständigen Büro in London laufend mitteilen, in welchem Ausmaß sie bereit sind, zur Lösung der Wanderungsfragen beizutragen. Mr. Myron Taylor sagte in der Konferenz, daß nach Meinung der amerikanischen Regierung innerhalb der nächsten 5 oder 6 Jahre insgesamt 500 000 bis 600 000 Menschen durch die Tätigkeit des Ständigen Büros zur Auswanderung ebracht werden sollen. Die amerikanische Regierung sei ereit, ihre Einwanderungsquoten für Deutschland und das ehemalige Oesterreich gänzlich für dieses Ziel zur Verfügung zu steilen. Die erste und bedeutendste Aufgabe des Ständigen Büros würde sein, die Mitarbeit der Rcgiertmgen der Herkunftsländer, insbesondere mit Rücksicht auf wird die Initiative ergreifen müssen zu einer Lösung, die zwar, wie es nach Lage der Dinge auch unmöglich wäre, nicht allen Beteiligten alles gibt, aber doch so wesentliche Vorteile sowohl für Juden als auch Araber enthält, daß sich ein Zustand der Befriedung und des gemeinsainen Aufbaues!!erstellen ließe, unabhängig davon, ob nach dem Berichte der Woodhead-Komtnission eine durchgreifende Gebiets- und politische Teilung im'Lande vollzogen wird oder ein anderer Ausweg gefunden wird.,Wir hoffen, daß die Beratungen MacDonalds mit den führenden ..Persönlich*,, keiten der Zivil- und Militärbehörden in Palästina zp .einem positiven Ergebnis in bezug auf die n ä c 11 s t e n S c h r:i 11 e geführt hat. Die jüdische Bevölkerung Palästinas ist überzeugt, daß es längst möglich gewesen wäre, die Unruhen zu beenden, wenn England die Kampfkraft der jüdischen Bevöjkerung voll zur Geltung kommen gelassen hätte. Die jiidisehe Bevölkerung, die ihre Positionen zwei Jahre unerschiitterlieh verteidigt, hat, genau wie die Regierung, ein dringendes Interesse daran, daß die Unruhen beendet werden und daß nicht nur die Juden, sondern auch die friedlichen Araber von diesem Druck befreit «erden. Darum «׳ärc es nach der Sachlage natürlich, wenn die Militärbehörden und die jüdische Bevölkerung bei der Ueberwindung des Terrors zusammenwirkten und einer Wiederkehr normaler Zustände und ruhigen ökonomischen und kulturellen Aufbaues den Weg bereiteten. Leider haben auch während des Ministerbesuches wieder eine Reihe von Terrorakten stattgefunden. Ohne hinter der dem natürlichen Bedürfnis nach einer direkten persönliehen Fühlungnahme dienenden Reise besondere Geheimnisse zu wittern, wird man doch mit Erwartung den «eiteren Entschlüssen Englands entgegensehen. die finanzielle Ermöglichung der Auswanderung, ferner die Bereitwilligkeit anderer Länder zur Aufnahme von Ein- Wanderern zu erzielen. — Lord Winterton wurde ermäehtigt, zu gegebener Zeit das Komitee zu einer neuen Sitzung einzuberufen. Auch nach Schluß der offiziellen Sitzung haben zahlreiche Delegierte die Gelegenheit benutzt, untereinander Informationen auszutauschen. Insbesondere sind hierbei die Schwierigkeiten zur Sprache gekommen, di>e io einzelnen europäischet» Ländern aus dem nach den Landesgesetzcn befristeten Aufenthalt von Aus«׳anderern entstanden sind. Nachdem die Londoner Sitzung geschlossen ist, warten alle die Tausende Auswanderungsbediirftigen auf den Beginn der Tätigkeit des Direktors Rublee. In einem Wort kann ihre Not zusammengefaßt werden: Eite tut not. Es geht um Tausende von Familien, die am Rande des Abgrunds stehen und deren Wohl und Wehe davon abhüngt, ob die neue ״Maschinerie“, von der in Evian und London die Rede war, schnell in Gang gesetzt werden kann. (Siehe auch den Bericht über einen Vortrag von Hope-Simpson, S. 2) Druckfehlcrberichtigung. In Nr. 62 vom 5. August (S. 1) . ist in der Rede von Myron C. Taylor, durch Zeilenverweehslung ,ein Druckfehler unterlaufen.; Es muß in der :Rede richtig heißen: ... daß ״Tausende unserer Mitmenschen nach Hilfe und Beistand ausblickten, daß wir in weiteren Tausenden Hoffnungen geweckt hatten und daß wir um keinen Preis versagen durften.“. , ״Wessen Not größer ist “ ״ ״ ״Wessen Not größer ist, wird in diesem Kampf bestehen. Zu der Größe unserer Xol habe ich das größte Vertrauen, l'nd dies scheinI mir wahre Ge• währ, daß wir bestehen.“ Diese Worte entstammen einer Zuschrift, die uns in die־ sei! Tagen aus Palästina erreichte. Sie beziehen sich auf die gegenwärtige politische tage in Palästina und drücken die Meinung eines Mannes aus, der die Dinge sehr real zu sehen gewöhnt ist mul auch in Augenblicken der schärfsten Spannung und Auseinandersetzung mellt so sehr sentimental und gefühlsmäßig reagiert, als daß er sich bemüht, die wahren Triebkräfte des Handelns auf/udeckeii. 111 der Tat ist in der Auseinandersetzung um das Schicksal Palästinas die Not des jüdischen Volkes einer der Hauptfak* toren, wenn nicht der stärkste, der von unserer Seite aus wirksam wird. Fs ist nicht allein der historisch begründete Anspruch des jüdischen Volkes auf die Wiederherstellung seiner nationalen Existenz auf dein Boden seiner klassischen Geschichte, nicht allein die religiös untermauerte Verbundenheit der Juden mit dem Fände Israels, die in den Augen der Welt unseren Rechtsanspruch auf Palästina begründen, sondern zugleich die reale Tatsache der unermeßlichen Not von Milhonen Juden in weiten Teilen der Erde, die nach Abstellung verlangt und ■— in gewissem Umfange wenigstens — durch den Aufbau Palästinas gemildert werden kann. Vielleicht ist das Schicksal des jüdischen Volkes, da* heute zu einem erheblichen Teil gezwungen isi, zum Wandcr• stab zu greifen und aus dessen Reihen noch weit größere Massen den Weg der Wanderung beschreiten würden, wenn sie es nur könnten, trotz allem keine isolierte Erscheinung. Wenn heute Juden aus dem übervölkerten europäischen Raum hinausgedrängt werden, so sind sie in gewissem Maße ein Teil einer weit größeren Bewegung, die unabhängig von der Judenfrage existiert und dazu führt, daß eine Völkerwanderung von Ausmaßen, wie wir sie kaum je in der Geschichte kannten, im Entstehen ist und in Zukunft vielleicht dieses Maß noch überschreiten wird. Das b e v ö 1 k e r 11 n g s p o I i tische O I e i eh g e «■ i c 111 d e r W e 11 ist seit Jahrzehnten‘ gestört und drängt nach Ausbahn/ierttng. Wenn mail die Dinge einmal von dieser Seite aus betrachtet, so stellt sich' die jüdische Wanderbewegung der Neuzeit als ein Teil dieses Vorganges dar, wobei ihre Besonderheit darin liegt, daß wir Juden als ein schwaches, politisch mul wirtschaftlich erkennbares Element am rapidesten in diesen Prozeß cinbc/ogen werden. Dennoch wollen wir niclit übersehen, welch große Chance für die Entwicklung unserer eigenen Zukunft darin liegt, daß gewaltige Massen von Juden in der Vergangenheit und wohl auch in der Zukunh in jene Räume des Erdbailes gelangen, in denen der Druck der l ■ebervölkeriing und damit auch soziale und politische Spannungen nicht so stark sind, wie auf dein alten Boden Europas. Darin mag eine Früchte tragen kann. heit bei der Entwicklung jener von uns oft als ״leer" betrachteten Räume gestellt sind. Allerdings müssen wir uns hüten, in einen vielfach gemachten Irrtum zu verfallen. Auch jene Räume, um die es sich dabei handelt, d. 11. die Ländcrkomplexe, die für die Beoedhmg durch Europäer überhatipt in Frage kommen, sind 11 i dt t ״I e e r" in ei 11 e m a bsol uten Sinn e, sondern sie sind v e r 11 a! t 11 1 s!11 ä ß i g diuin besiedelt; die Stufe ihrer wirtschaftliche״ Entwicklung liegt so niedrig, daß eine dichtere Besiedlung mir dann tnöglieh wird, wenn die natürlichen Bedingungen geändert und die Intensität der Produktion erhobt wird. Wir kennen diesen Vorgang seihst aus Palästina, das ja auch ein Land ist, in dein nur dadurch ein Zustrom von Menschen möglich wird, daß man seine natürlichen Bedingungen verbessert und zugleich mit den Menschen Kapitalien int Lande investiert. Jene ״leeren“ Räume sind also ebensowenig leer, wie die dicht bevölkerten Teile der Erde; was sie von ihnen unterscheidet, ist jedoch die Chance, die sie als erst zu entwickelnde Wirt- Schaftsgebilde in sich bergen. Dabei muß man, wo immer man die Dinge praktisch berührt, mit erheblichen Schwierigkeiten rechnen, die nicht zuletzt darin liegen, daß die in jenen!.ändern vorhandenen weißen Bevölkerungsgruppen vielfach die Entwicklung ihrer Heimat möglichst von den Strömungen des Weltgeschehens isolieren möchten. Aus einem begreiflichen Wunsch nach Ruhe, nach Unberührtheit von den schweren Problemen in UdkMitk liei den Terrorakten in Palästina in der Vorgänge• nen Woche kamen 11 völf Juden ums Leben, davon acht hei einer Minenexplosion in der \ 11 hc von Kfar Saba, Der Schauspieler Maurice Schwartz traf in Palästina zu einem Gastspiel ein. ln Italien wird die Beteiligung der Juden am Leben des Staates im Verhältnis ihrer Bevölkerungszahl gere• gelt werden. Sir John H ope -Simpson trat in einer Rede in Oxford für Oef f nun g der Tore für Einwanderer in Eng* Londoner Sitzung: zu Ende Ein Assistent des Wanderungs-Direktors