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Jüdische Rundschau · 1938-08-05 · Heft 62 (5.8.1938) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
43 (1938)
Issue
Heft 62 (5.8.1938)
Date
1938-08-05
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Nr. 62 / Jahrgang 42 Preis 25 RpJ. JÜDISCHE RUNDSCHAU Rt^aktton, Varlag und Anx«lg*nrerw1Hnag1 Berlin W15, Mainekeitr. 10 Farnrnf t 519031, Talegramm•Adiei■• 1 Orghip• - ln Fällen höherer Gewalt besteht kein Anspruch aut Nachlieferung oder ErsUUun* etwa schon serahltef BerugsgebQhren. Bezugspreis einschlieSlich Bestellgeld je Monat RM 2,—־, je Viertel• jahr RM 5,75; hei Abholung RM 1,88 b/w. RM 5,39 (einschließlich Postreitungsgebühr von 10,% Rpf je Monat). — Postscheck Konten der Vertriebs-Abteilung für Groß-Berlin Berlin 71573, für das übrige Reich; Berlin 17393 BERLIN ח׳ אב ת ר צ"ח FREITAG, 5, AUGUST 1938 Erscheint jeden Dienstag and Freitag. Gültig ist di« Anxelgenprelaltete Nr, 5 vom 1. April 1936. Die zwölfgespaltene mm-Zeile 20 Rpf, für Familien» Nachrichten 15 Rpf. Keine Gewiihr für Aufnahme von Anzeigen in bestimmten Ausgaben oder an bestimmten Platzen, hinzrlanzeigen mir gegen Vorauszahlung auf Postscheck - Konto Berlin 71618 oder har Montng bis Freitag 9 — 18 Uhr. Annahmeschluß für die Dienstag ־ Ausgabe Montng 10 Uhr, für die Freitag - Ausgabe '• Mittwoch 15 Uhr. Familien ־ Anzeigen am Tag vor Erscheinen 16 Uhr Dar Zionismus erstrebt fOr das jüdische Volk die Schaffung einer öffentlich - rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina. (Baseler Programm) Roosevelt ernennt Georges Rublee Der Direktor des Ständigen internationalen Büros für Wanderungsfragen in London ־־־־־ Die Fortsetzung der Evian-Konferenz begonnen Taylor: ״Tausende unserer Mitmenschen blichen nach uns um Hilfe und Beistand, in Tausenden haben wir Hoffnungen geweckt; um keinen Preis dürfen wir versagenff Die Londoner Tagung (Eigenbericht der ,.Jüdischen Rundschau“) London, 3. August In Anwesenheit der diplomatischen Vertreter der 32 Staaten, die an der Konferenz in Evian tcilgenommen haben, wurde am 3, August, 11 Uhr vormittags, im Locarno-Saal des Auswärtigen Amtes in London die Tagung des Zwischenstaatliehen Regierungskomitecs zur Regelung der Auswanderung aus Deutschland (ind. Oesterreich) durch den amerikanischen Delegierten Myron C. Taylor eröffnet. Er dankte zunächst der englischen Regierung für die der Konferenz gewährte Gastfreundschaft und fuhr dann fort: Taylors Eröffnungsrede ,,Es ist meine selbstverständliche Pflicht als derzeitiger Vorsitzender, dem Komitee über die Fortschritte der Arbeit zu berichten, die auf Initiative von Präsident Roosevelt in Angriff genommen und in Evian geleistet worden ist. Um cs kurz ziisammenzufassen, hat unsere erste Tagung vom 6. bis 15. Juli 1938 drei konkrete Dinge zustandegebracht. Sie hat den 32 Regierungen, die zu ihrem Erfolg zusammen• wirkten, empfohlen, in Ergänzung 7.1t bestehenden Institutionen einen Apparat zu schaffen für Verhandlungen zwischen den Ursprungsländern der unfreiwilligen Auswanderung, den Durchzugsländern und den Liindem endgültiger Niederlassung. Sie nahm von privaten Organisationen und Einzelpersonen Pläne und Vorschläge zur Verbesserung der Bedingungen, unter denen die unfreiwillige Auswanderung vor sich geht, entgegen. Sic empfing von den Regierungen der Zufluchtsländer und der Länder endgültiger Niederlassung einige Hinweise betreffend den Beitrag, den ein jedes von ihnen zu einer Lösung beizt!- tragen bereit ist, durch welche der jetzige ungeordnete Exodus von Männern, Frauen und Kindern, die kein bestimmtes Wandcrungszicl haben, ersetzt werden soll durch ciu System geordnctonAuszugs aus den Ländern, aus denen die unfreiwillige Auswanderung kommt. Ich freue mich, berichten Schritt im Geiste weitestgehender Zusammenarbeit der beteiligten Regierungen und im tiefen Bewußtsein des ernsten Charakters unserer Aufgabe und der dringenden Notwendigkeit ihrer raschen Erfüllung getan worden ist. Ich bin ferner sicher, die Meinung aller, die der Evianer Tagung beiwohnten, zum Ausdruck zu bringen, wenn ich sage, daß uns stets gegenwärtig war, Tausenden Hoffnungen geweckt hatten und daß wir Beistand nach uns ausblickten, daß wir in weiteren Tausenden Hoffnungen geweckt hatten und daß wir um keinen Preis versagen durften. Myron Taylor Archiv 1 können, daß der erste Wir sind in London ziisainmengekommen, um einen zweiten Schritt von äußerster Wichtigkeit zu tun. Es ist uns aufgegeben, den Apparat für Verhandlungen, den wir gcschaffen haben, in Gang zu setzen, den Umfang unseres Problems, gestützt auf die in Evian gesammelten Informationen, abzuschätzen und von den Vertretern der an dieser Tagung teilnehmenden Regierungen eine genauere Erklärung darüber entgegen/.unehmen, was sic zu tun bereit sind, um einen der Hauptfaktoren der Unruhe in den internationalen Beziehungen zu beseitigen. ln der morgigen geschlossenen Sitzung werde ich eine ins Einzelne gehende Darstellung der technischen Situation geben und versuchen, sic in konkreten Formulierungen zu beurteilen. Heute will ich als vorläufiger Vorsitzender mich darauf beschränken, in allgemeinen Zitgen die Situation, mit der wir uns zu befassen haben, in ihren Beziehungen zu aktuellen Weltgeschchnisscn zu umreißen.“ Der Redner betonte dann nochmals die Notwendigkeit von geregelter Ordnung an Stelle von Anarchie und Chaos und bezciehnctc als Ziel der Konferenz, daß in dieser die Interessen vieler Nationen berührenden internationalen Angelegenheit ein ״rechtlich geordnetes Kompromiß“ maßgebend sein sollte. Er fuhr dann fort: ,,Ein derartiges Uebereinkotnmen streben wir liier an, und es ist die Absicht unserer Regierungen, daß wir in diesem Streben von dem wahren Geist westlicher Zivilisation beseelt *eien, daß ein jeder von uns sein Teil dazu beitrage, daß Ile — die Ursprungsländer der unfreiwilligen Auswanderung, die Durchzugsländer und die Länder endgültiger Niederlassung — davon Nutzen ziehen. Bei der Fixierung unseres Kurses in diesem komplizierten Problem dürfte ferner die Erkenntnis förderlich sein, daß wir es in gewissem Sinuc mit Urkräften zu tun haben, die durch alle Zeiten hindurch im Weltgeschehen zum Ausdruck gekommen sind. Die W andc r ti n g d e r V ö 1 k e r a ti s dem Osten nach dem Westen war ein Seil, dessen viele Stränge sich durch die Blätter der Geschichte winden. Stämme und Völkerschaften früher Tage, landlose Bauern und freie Arbeiter in jüngeren Zeiten sind dauernd auf der Stiche nach Lebensunterhalt westwärts gezogen. Bedauerlicherweise sind in den Jahren nach dem Weltkrieg Kräfte, ähnlich denjenigen, die den Güterstrom manchn!al hemmen und manchmal künstlich fördern, in der Weise wirksam geworden, daß der B c vö I k e r 11!1 g s s t r o in in manchen Fällen gehemmt und in anderen Fällen in Bewegung gesetzt wurde. Die Folge davon ist, daß Tausende menschlieber Geschöpfe aus einer Heimat, in der sie seit langen Zeiten seßhaft waren, entwurzelt werden und auf hoffnungslose Wanderschaft geraten. Aber ebenso wie eine Zeit gekommen ist, in der Staatsmänncr in der Erkenntnis, das Frieden und Sicherheit der Welt in weitem Umfang von besseren wirtschaftlichen Vcrhältnissen abhängig sind, sich um Wiederherstellung geordneter Welthandelsverhältnisse bemühen, ebenso ist auch die Zeit gekommen, da Regierungen in der Erkenntnis, daß durch ungeordnete Bewegung von Menschen in großer Zahl allgemeine Unruhe hervorgerufen wird, 1111t die Wiederherstellung geordneter Wanderungsverhältnisse sich bemühen müssen. Die Einsicht, daß diese Not w e n d i g k e i t l> e - steht, hat uns hier zusammengeführt. Als Mitglieder der Familie zivilisierter Nationen stehen wir unserer Aufgabe gegenüber. Sie ist nicht leicht, aber wir sind überzeugt, daß wir sie lösen werden, wenn alle, die an der Regelung des Problems der unfreiwilligen Wanderung interessiert sind, ihre Anstrengungen mit den unseren vereinigen. Die Schwierigkeiten, die uns entgegenstehen, sind meiner Meinung nach nicht unüberwindlich, wenn auch das Problem mit vielen Komplikationen belastet ist. Wenn aber unserem Wunsch nach einer redlichen 1 osimg entgegengekommen wird, so werden wir eine Methode ausfindig machen, und wir werden dies in Ruhe und Objektivität, vor- Urteils- und leidenschaftslos tun.“ Nach der Ansprache Taylors, die auf die Delegierten einen tiefen Eindruck machte, sprachen die Führer der englischen und der französischen Delegation, Lord Winter ton und Senator Be r enger. Zum Vorsitzenden der Londoner Tagung und zugleich des ständigen ״B ü r o s“ wurde Lord W i 111 c r t o 11 gewählt. Die Nominierung der vier stellvertretenden Vorsitzenden wurde den Delegationen der V e r e i 11 i g - ten Staaten, Frankreichs, Brasiliens und Hollands überlassen. Zum Leiter des ständigen Büros, das auf Grund der Beschlüsse von Evian die praktische Arbeit leisten soll, wurde einstimmig durch Zuruf der amerikanische Rechtsanwalt Georges Rublee, Washington, gewählt. Die Wahl Rublees wird in den Kreisen aller Delegationen als eine besonders glückliche bezeichnet. Man ist überzeugt, daß es dem Büro unter seiner Leitung gelingen wird, praktische Erfolge zu erzielen. Rublees Eintreffen in London wird für den 15. August erwartet. Er wird sein Amt sofort antreten. (Siehe auch Seite 11.) Die Londoner Konferenz wurde am Donnerstag in einer geschlossenen Sitzung fortgesetzt, wobei die konkreten Vorschläge der einzelnen Regierungsvertreter angehört wurden. Anläßlich des Zusammentritts des Komitees in London bringt die ״T i m e s“ einen Vorbericht ihres diplomatischen Korrespondenten, in dem gesagt wird, daß in den Kreisen der zu der Konferenz nach London gekommenen Delegierten der einzelnen Staaten mau sich dessen bewußt sei, daß man einem fast endlosen Problem gegenübersteht. Wenn aber auch nur einigermaßen eine organisierte Form der Emigration Zustandekommen könne, dann, so sei die allgemeine Meinung, könne ein Platz für die Reftigies gefunden werden. Heute lasse die Organisation noch sehr viel zu wünschen übrig. Im weiteren Verlauf dieses Berichtes ist dann die Rede davon, daß in den nächsten drei Jahren je 120 000 J u - den aus Deutschland aus w a ח d c r n 111 ii ß t e n. Augesichts des für die nächsten Monate erwarteten Ansturms von neuen Auswanderern bemerkt die ״Times“, daß für sie vor'äufig kein Platz vorhanden sei. trotz der in Evian ausgespiociienen 1 lo.tnmg, daß die Einwanderungsgesetze der einzelnen Länder erleichtert werden würden. Heimreise August 1938 Von Dr. S i e g f 1׳ i e d M 0 s e s, Tel Avviw An Bord der iertisaiemme“, 31. Juli Die Europa-Reisen der Palästinenser sind sonst zumeist mehr oder weniger Kollektiv-lmternclumingen. Man fahrt zu Beratungen in Zeiten, in denen für die zionistische Arbeit ,,Saison“ ist und die zugleich auch für berufliche Arbeit nicht besonders geeignet sind; man fährt im Sommer gemeinsam oder gleichzeitig ״zum Kongreß“. In den letzten Jahren fuhren auch viele, sehr viele einfach zur Erholung. Das ist dies Jahr, diesmal alles ganz anders, und so ist cs kein Wunder, daß man allein auf dem aitvertrauten Schiffe ist. Und die Gedanken schweifen kurz, zurück nach Europa, eilen dann nach Erez Jisracl und verweilen dort lange und bang. Dies Jahr hatte man sich, äußerlich und innerlich, darauf eingerichtet, nicht nach Europa zu reisen. Da kam ein Telegramm, das Beteiligung an der Delegation für die Konferenz von Evian forderte. Man machte sich auf den Weg, bedrückt und schweren Herzens: an dem Morgen, an dem man das Flugzeug in Haifa bestieg, war das Todesurteil an Ben Josscf \ollstreckt worden. 111 Evian hatte man zunächst die Empfindung, daß die Reise doch wohl uberflüssig gewesen sei. Es schien, daß die Initiative: und der gute Wille der Amerikaner nicht imstande sein würden, etwas anderes zuwege zu bringen als einen Austausch diplomatischer Noten, in Und• lieh zwar, aber alten Stiles; wohlwollend zwar, aber ohne verpflichtenden Inhalt. Und an diesem (/u der unser Herz bedrängenden Not einen scharfen Kontrast bildenden) stilvoll diirehgefühi ten Gartenfest schienen die mitanwesenden jüdischen ()rga11is,1־tions\crt!e!cr nur als Zaungaste teil/unehmcn - - alle fremdartig und nicht dazugehörig wirkend, ciu Teil wenig diszipliniert durcheinandert'Iattenid; jeden fall« nicht ״kraft Rechtens“ anwesend, sondern ״geduldet“. Als sinnvoll konnte man die Anwesenheit in Evian erst von dem Augenblick ab empfinden, in dem klar wurde, daß die Konferenz zwar die von manchen zunächst erhofften sofortigen Ergebnisse nicht bringen, wohl aber den Grund legen würde zu einer dauernden Organisation. Von diesem Augenblick ab ergab sich die Aufgabe, der Konferenz und ihren wichtigsten Exponenten die Materialien zu liefern, die für die künftige Arbeit, des dauernden Exckutiv-Organs der Evian-Konferenz die Probleme der jüdischen Auswanderung und die Rolle Palästinas als Einwamlerungsiand ins rechte Licht rückten und so die Richtung dieser Arbeit mitbcstimmen konnten. Es ergaben sich Aufgaben, die mit der Gestaltung der jüdischen Zusammenarbeit mit dem künftigen Exekutivorgan Zusammenhängen. Die Mitarbeit an den Evian-Prohlcmcn erhielt ihren Sinn, als man — enttäuscht und doch auf die Zukunft bauend — Evian als eine Etappe einschätzen lernte, eine Etappe auf einem Wege, der doch noch zu der wirksamen Welthilfe UeUMLck Die T e i l u n g s ■ Ko m in i s s io n hat ihre Arbeit in Palästina beendet und ist am 3. August nach London abgereist. Gegen die Ansicdtnng von Juden in Kord •Rhodesien wurden in Süd-Rhodesien Proteste laut. Das Todesurteil gegen den jüdischen Polizisten Mor• dethai Schwort: wurde bestätigt. Die jüdischen Aerzte in Deutschland verlieren um 30. September 1938 ihre Approbation. Der Dichter S. J. Agnon begeht am 6. August seinen 30. Geburtstag.

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