Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 43 (1938)
- Issue
- Heft 60 (29.7.1938)
- Date
- 1938-07-29
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2651273-2653549-2653598--32475-2684201- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Haifa 1× ep/1047930
OCR text
jüdische Rundschau PALÄSTINA-BLATT Nr. 60, 29. JULI 1938 Die Front halten und die Nerven behalten Von unserem palästinensischen Korrespondenten gl. Haifa, 24. Juli 1938 Stärkung schwacher Außenpunkte Es ist eines der Anzeichen des verstärkten und veränderten Terrors *4er letzten Wochen, daß er in kurzen Abständen wirkliche Ueberfülle auf jüdische Siedlungen bringt. Die bewaffneten Terroristen begnügen sich nicht wie früher mit Schüssen aus der Entfernung und dem Hinterhalt, die von Wächtern und Militär relativ leicht abgewehrt werden können. Es werden regelrechte Ueberfälle veranstaltet, die in zwei Fällen die Angreifer bereits in die Siedlungen hincinbrachtcn und Opfer forderten. Die Terroristen arbeiten in diesen Fällen offenkundig unter genauer Kenntnis der strategischen Lage der Siedlungen. Das gilt sowohl für den Ueberfall auf Giwath Ada in Samariah als auch für den auf Kirjatli Cliaroscheth im westlichen Teil der Ebene Jesreel. In beiden Fällen handelt cs sich um relativ schwache, schlecht ״befestigte“, strategisch angreifbare Punkte. In beiden Fällen brachen die Terroristen in die außenliegenden Häuser der Orte, in beiden Fällen fielen ihnen Siedler zmn Opfer und in beiden Fällen wurde größeres Unglück durch den Widerstand der an Zahl ungenügenden Verteidiger abgewehrt. Die Juden haben sieh nach diesen schweren Erfahrungen nochmals mit verstärkten Forderungen um Bewaffnung und Schutz an die Engländer gewandt. Zugleich aber setzt sich die Ansicht immer mehr durch, daß die jüdische Verteidigung auf eine breitere Basis gestellt werden muß. Man muß der Tatsache ins Gesicht sehen, daß der arabische Angriff heute viel breiter und verbissener geworden ist als früher, daß er anscheinend größere Hilfsmittel zur Verfügung hat — woher, ist eine bisher unklare Frage — daß er durch die Fälle des mutmaßlichen oder angeblichen Gegenterrors von jüdischer Seite sich mehr als früher auf die Sympathien weiter Kreise stiitzt und daß daher sämtliche Punkte des Landes, insbesondere aber die strategisch verwundbaren, besser und gründlicher als bisher geschützt werden müssen. Und es ist ebenso klar, daß die Engländer, sei es mm Militär oder Polizei, im Moment noch nicht stark genug .sind, um fiir den Schutz jedes einzelnen Punktes bereit zu sein. Es ist zwar bereits Verstärkung aus Aegypten eingetroffen, aber die Stärke des Militärs hat noch nicht die drei versprochenen Brigaden erreicht. Die Juden sind also vor die Aufgabe gestellt, ihre Verteidigung zu einem großen Teile selbst vorzunehmen, was sie ja auch seit Jahren getan haben, soweit sie nur irgend die Möglichkeit dazu von den Behörden erhielten. Unterdessen hat die Regierung der jüdischen Fordederung nach mehr Waffen mehr und mehr Gehör geschenkt. Es ist nachdrücklich darauf hingewiesen, daß die Verteidigungsmöglichk eiten der Juden gerade in letzter Zeit größer und größer geworden sind. Zugleich ist aber auch die Angriffsfläche breiter geworden und eine Verstärkung der Außenpositionen tut not, Es ist charakteristisch für die Dringlichkeit, mit der diese Fragen im Jisehuw behandelt werden, daß der Pflanzer verband in der letzten Woche einen Aufruf veröffentlicht hat, in dem er seine Mitglieder auffordert, den schwächeren Kolonien das nötige Geld und die n ü t i - gen Menschen zur Verteidigung zu stellen, und daß ״Dawar“, das Arbciferblatt (das sonst dem Pflanzerverband nicht freundlich gesinnt ist), diesen Aufruf mit besonderer Freude begrüßt hat. Der Jisehuw hat viel Kraft aus dem Bewußtsein gezogen, daß die lange Zeit der Unruhen es nicht vermocht hat, die Juden auch mir zur Räumung eines Punktes zu zwingen. Jetzt, in diesen Wochen, muß es sieh erweisen, ob nach wie vor die Möglichkeit vorhanden ist, die Front in ihrer ganzen Länge zu halten. Allem Anschein nach kommen auch die Engländer mehr und mehr zu der Erkenntnis, daß sie von den Juden bedeutsame Hilfe in ihrem Kampfe erwarten können, freilich immer unter der Voraussetzung, daß diese fähig sind, die Outsider in ihren Kreisen, die die Politik der ״Hawlaga“ nicht mitmachen, zu disziplinieren. Die öffentliche Meinung In diesem Punkte freilich ist der Kampf, der vor einigen Wochen im jüdischen Lager eingesetzt hat, immer noch nicht beendet. Vielleicht die schlimmste Folge des verstärkten Terrors der letzten Wochen, der überall fühlbaren Unsicherheit und der Durchbrechung der mit ״Hawlaga“ be/.eichnetcn inneren Disziplin ist der in verschiedensten jüdischen Kreisen fühlbare Zweifel an der englischen Haltung. In allen Städten —- auf dem Lande woht weniger -- stößt man auf die bange Frage, wie es möglich sei, daß die Engländer eine solche Verschärfung des Zustandes zulassen. Viele unter den Juden halten es fiir undenkbar, daß die Engländer mit dem Terror nicht fertig werden können, wenn sie es ernsthaft w ollen. In dieser Auffassung Siegt eine gefährliche Verkennung der Situation. Niemand wird zwar leugnen können, daß vielfach von den Behörden Fehler begangen werden, die dann vom Publikum, das ohnedies überempfindlich um! stark nervös ist, sein scharf vermerkt werden. Aber es wird oft übersehen, daß die Lage an sich überaus kompliziert, der angreifende Terrorist, der sich Ort, Zeit und Opfer auswühlt, immer im Vorteil ist und daß man nicht, ohne Handel und Wandel völlig stillzulegen, ein ganzes Land unter rein strategischen - nicht kriegsslratcgisdien, sondern terrorstrategischen (icsiditspunkten auf lange Zeit hinaus regieren kann. Die Vcrwi rrung der öffentlichen M e i n 1111 g, die immer noch nicht behoben ist, liegt freilich zu einem guten Teil daran, daß aulhcntischc Informationen fehlen, dafür aber Gerüchte wie Lauffeuer verbreitet werden. Die Presse arbeitet unter außergewöhnlich schweren Bedingungen. Es bestehen viele Einschränkungen, Verbote sind an der Tagesordnung, bei Pressetelegrammen nach dem Ausland bestellt seit einigen Tagen Zensur. Die Exekutive, der Wand Lcurni und die lokalen Körperschaften, die mit ihnen in Verbindung stehen, bemühen sich in letzter Zeit, in kleineren Kreisen Aufklärung zu verbreiten, eine ruhigere Stimmung zu schaffen, die Disziplin zu stärken. Solche Versuche sind von größter Wichtigkeit, aber sie erreichen ohne Zweifel zu geringe Kreise, die Masse, die leicht entzündliche Straße ist heute mehr denn je ohne Führung und bereit, alles Mögliche und Unmögliche zu glauben und sich von momentanen Erregungen hinreiflen zu lassen. Welche große Gefahr in diesem Zustand liegt, bedarf keiner weiteren Erläuterung. Die Regierung und die Bevölkerung Man spricht im Lande sehr viel von der Verpflichtung der Regierung, Ruhe zu schaffen, den Terror zu unterdrücken, Schuldige ihrer Bestrafung zuzuführen. Und ohne Frage ist itas heute ihre zentrale Aufgabe. Jedoch hätte das Oberkommissariat heute mehr denn je noch eine zweite Pflicht: in einen engeren Kontakt mit der Bevölkerung zu treten, ihr über das, was im Lande geschieht, Aufklärung zu geben, eine ähnliche Beruhig ungsaktion durcluuführen, wie sie von den jüdischen Institutionen heute versucht wird. Davon ist jedoch nicht das geringste zu s p ü - ren. Palästina ist ein Land, in dem es so gut wie gar keine Verhinduiigskanäle zwischen dem Oherkommissariat und der Bevölkerung gibt. Es wäre heute die Pflicht der höheren Beamten, einen engeren Kontakt herzu- Ein Verteidigungs-Fonds Jerusalem, 23. Juli (Palcor). Das vom Waad L e u iti i am 10. Juli eingesetzte Komitee des Jisehuw kündigt eine Sonderaktion an, die unter dem Namen ״Kofer Ha jisehuw“ der Aufbringung von Geldmitteln für Verteidigungszwecke dienen soll. Die I lohe der Beiträge wird entsprechend der Höhe des J a 11 r e s e i 11 k o m - mens des Beitragenden festgesetzt werden. Das Komitee nahm einstimmig eine Resolution an, in der es heißt: Selbst- Beherrschung sei eine mutige Verteidigung, während Vergeltungsakfe gegen Unschuldige verwerflich seien. stellen. Welche Mittel dazu benutzt werden sollen und können, ist eine technische Frage. Es gibt ein Pressedepartement in Palästina, das heute mehr als je verpflichtet wäre, die Zeitungen und damit das Publikum mit authentischen Nachrichten zu versorgen. Aber die Informationen, die dort ausgegeben werden, sind sehr mager, von irgendwelchen Richtlinien ganz zu schweigen. Es gibt eine Jerusalemer Raumstation, und die Lokalnaehriehten, die sie täglich ausgibt, werden ängstlich von lattsenden verfolgt. Sie sind jedoch überaus lakonisch und niemals mit irgendwelchen aufklärenden, ermahnenden oder führunggebenden Reden verbunden. Her gegenwärtige lliglt Commissioner ist irn weiteren Publikum kaum je zu hören oder zu sehen, und doch würde vermin lieh das Land auf eine bc-timmte politische Führung von der höchsten Stelle aus reagieren, wenn es entsprechend vorbereitet ist. Wenn aber die Behörden sieh gelegentlich zu einer Mahnung oder einem politischen Eingreifen entnhli; ßen, so geschieht dt> in der Regel spät, wenn nicht zu vp 11. hin Beispiel bietet der bekannte Brief von Wedgwood, der in den letzten Wochen im Lande Aufselten erregt hat. Dieser Brief hat eine große Verwirrung im jüdischen Publikum, das ohnedies heute sehr labil ist, angi rieht et. In der hebräischen Abschrift des Briefes wurde zu allein anderen der Ab-'chnitf, der die Angriffe auf Unsc In d< 11 g t verwarf, weggelassen und die angeriebfete Verwill nag wurde dadurch nur großer. Nachdem dieses Schreihen etliche Wochen im Lande zirkuliert hatte, auch bereits seinen Widerhall in der I omlotier Presse fand, verbot schließlieh Jerusalem seine Verbreitung, sehr spät, wenn nicht zu spät. Und obwohl man im Oberkommissariat gut darüber unterrichtet sein muH, daß das jüdische Publikum Auf- Uurungen und Beruhigungen notig hätte - von den Massen der Araber ganz zu schweigen , bleibt es dort nach wie vor still, und die Juden wundern sielt, was dort wohl beabsichtigt, gedacht und getan wird. Aussicht auf langen Kampf Die technische Kommission, die die Aussichten der Teilung nachprüfen soll, wird Anfang August ihre Arbeit hier beenden und sie in London wieder aufnehmen. Bei manchen regt sich die leise Hoffnung, daß es nach Abreise der Herren im Lande wieder ruhiger werden würde. In jedem Falle wird man sich noch auf einen langen Kampf einrichten müssen. Da eine politische Entscheidung grundsätzlicher Art in London in den nächsten Monaten kaum zu erhoffen ist und Terror der Art, wie er augenblicklich im Lande herrscht, in der Regel lange andauert, muß man sich darauf gefaßt machen, daß die Unsicherheit noch lange;Inhalten kann. Es kommt für die Juden alles darauf an, daß sie diese Zeit ohne Einbuße wichtiger Positionen überstellen. Und das wird nur möglich wenn die Juden fähig sind, ihre Nerven zu behalten und einen kühlen Kopf zu bewahren. Gerade in dieser Beziehung jedoch haben wir in letzter Zeit schwere Erfahrungen ״entricht'. Die Nervosität stieg, insbesondere unter dem Eindruck der Jerusalemer und ljaifaer Ereignbse und der Bombe in Tel Avvfvv und durch die von den Kreise im Jiscluivv, die ihren klaren Kopf behalten haben, versuchen mit allen Kräften, dieser inneren Verwirrung und Der neue Kibbuz Giwath Hadiamisdia lFie wir bereits in Nr. 58 meldeten, wurde in der Nähe von Kirjalh Anawim in den jnd Stelle im November 1037 getöteten fünf Chtduzim den Namen Giwath Haeluwü .cha (//figi. _ am ersten Tage errichtet wurde; das Bild rechts den Nachrichtensland mit Telephon und Blinkgerät, die benutzt werden. ■hen Bergen bei Jerusalem eine neue Kolonie begründet, die :um Andenken an die an dieser ׳"״TL c"״ .. Das Biu 5‘1*י־ Ja? e':ste provisorische Haus der Siedlung, das Her Stellung der Verbindung mit den Nachbar Siedlungen sogleich Feto*: H. Orusfckcs, Jerusalem