Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 43 (1938)
- Issue
- Heft 54 (8.7.1938)
- Date
- 1938-07-08
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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ir. 54 / Jahrgang 43 Preis 25 Rpf. JÜDISCHE RUNDSCHAU!(•«Ulctfoii, Verlag und Anselgenverwaltangf Berlin W15, Meinekeatr. 10 Famafi 019031* Telegramm-Adreeae 1 Orghlp. — In Fallen höherer Gewalt besteht kein Anspruch auf Nachlieferung oder Erstattung etwa schon gezahlter Berursgebühren. Bezugspreis einschließlich Bestellgeld je Monat RM 2,—, je Vierteljthr RM 5,75 j bei Abholung RM 1,88 hzw. RM 5,39 {einschließlich PosUeitungsgebühr von 10,96 Rpf je Monat). — Postscheck: - Konten der Vertriebs Abteilung lur Greß״Berlin Berlin 71573* für das übrige Reich« Berlin 17393 BERLIN ט׳ תמוז תרצ״ר! FREITAG, 8. JULI 1938 Eredselnt Jeden Dienstag and Freitag. Gültig ist die AnzeigenprelalJate Nr« 5 vom 1. April 1936. Die zwöifgespaltcne mm-Zrilc 20 Rpf, für Familien- Nachrichten 15 Rpf• Keine Gewähr für Aufnahme von Anzeigen in bestimmten auf Postscheck - Konto Berlin 71618 oder' har Montag bis Freitag 9 — 18 Uhr. Annahmeschluß für die Dienstag * Ausgabe Montag 10 Uhr, für die Freitag Ausgabe : Mittwoch 15 Uhr. Familien - Anzeigen am Tag vor Erscheinen 16 Uhr Dar Zionismus erstrebt für das Jüdische Volk die Schaffung einer Öffentlich - rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina. (Baseler Programm) Evian-Konferenz eröffnet 32 Staaten beraten über das Auswanderungsproblem — Die Eröffnungsreden Von unserem nach Evian entsandten Sonderberichterstatter E v i a n 1 e s B a i n s, 7, Juli (telephonisch) Die Konferenz, auf die so viele mit Erwartung und Hoffnung blicken, ist nun im Gange. Der kleine versonnene Badeort, zauberhaft am Genfer See gelegen, ist seit zwei Tagen von eigenartigem Leben erfüllt. Er ist der herrlichste Konferenzort, den man sicli denken kann, wenn auch äußerlich nicht mit all den Notwendigkeiten eines solchen Betriebes ausgestattet (z. B. sind die Telephon- und Postverliäitnissc recht ungenügend). Die Konferenz tagt im Hotel Royal, das über dem Ort auf einer steilen Höhe liegt, mit Drahtseilbahn vom Quai aus errcichbar. Das prachtvolle Hotel ist jetzt bevölkert von einer bunten Schar von eleganten Diplomaten. Die wichtigsten Delegationen haben dort auch ihr Quartier, und unter den Gästen, die zahlreiche andere Häuser füllen, sind viele Delegierte jüdischer Verbände. Sic gehören nicht zur Konferenz, sie versinnbildlichen die Peripherie, die durch das, was hier beraten und beschlossen wird, aufs stärkste betroffen werden wird. Es ist das erstemal, daß eine derartige Konferenz mit offiziellem Charakter Zusammentritt. Die Veranstaltungen, die sich bisher mit dem sogenannten Flüchtlingsproblcm beschäftigten, gingen meist vom Völkerbund aus unä paßten sich in dessen Tätigkeit ein. Sie hatten auch keine großen Ergebnisse. Hier aber wurde eine Konferenz von Vertretern von Staaten nur zu diesem Zweck und ganz unabhängig vom Völkerbund einberufen. Auch sachlich besteht ein wichtiger Unterschied: Während alle früheren Veranstaltungen dieser Art sich immer nur mit den bereits nusgewanderten Emigranten befaßten, die für die Länder ihres neuen Aufenthalts ein unerwünschtes Problem bildeten, ist diesmal von vornherein anerkannt, daß es sich auch um die Menschen handelt, die erst in Zukunft auswandern werden. Dies wurde von dem Vertreter des einberufenden Staates, Mr. Taylor, in seiner Eröffnungsrede ausdrücklich betont. Die etwas pessimistische Anschauung, die in den letzten Tagen in jüdischen Kreisen bestand, ist durch den Verlauf der Eröffnungs- Sitzung am Mittwoch etwas verbessert worden. Dies wurde vor allem durch die Rede des englischen Vertreters, Lord Winter ton, bewirkt, der in vorsichtiger Weise, aber doch unzweideutig für seine Regierung Zu- Sicherungen für eine positive Mitwirkung der Lösung des Auswanderungsproblems gab. Er sprach dabei im Namen Englands und seiner Kolonien, während er für die selbstverwalteten Domini- 011s des englischen Weltreichs nicht sprach, weil die wichtigsten von diesen selbständig vertreten sind (Kanada, Australien, Neuseeland). Die Reden des ersten Tages brachten wohlabgewogene und ruhige Erkiärungen, die zeigen, daß die Konferenz die Größe des Problems kennt. Auch die sachlichen Ziele wurden bereits angedeutet, wobei sich ein kleiner Unterschied zwischen der amerikanischen und englischen Auffassung ergab. Während Amerika die Einsetzung eines ständigen Büros in Paris befürwortet, hat England anscheinend Bedenken, eine neue Maschinerie zu schaffen und möchte den einzelnen Regierungen die Ausführung der Konferenzheschlüsse überlassen, während für gemeinsame Angelegenheiten die Völkerbundsorgane herangezogen werden könnten. All diese Fragen werden in den Kommissionen geklärt werden. Als der Hauptpunkt des Auswanderungsproblcms wird allgemein die finanzielle Seite empfunden, insbesondere die Mitverwertung des eigenen Vermögens der Auswanderer für den Aufbau ihrer Existenz. In dieser Hinsicht wird die Konferenz wahrscheinlich versuchen, die Mitwirkung aller hierfür zuständigen .Stellen zu erreichen. Die Zahl der Konferenzteilnehmer hat sich durch das Hinzukominen von Australien und Irland zu den bereits in da־ vorigen Nummer der ,,Jüdischen Rundscjhau“ genannten Staaten auf 32 erhöht. Es besteht die Absicht, eine Subkommissipn der Konferenz mit der Aufgabe zu betrauen, die Verbindung mit den Vertretern der nicht offiziell zur Konferenz gehörenden privaten Organisationen aufzunehmen. Es hat auch schon eine gemeinsame Besprechung aller Vertreter dieser Organisationen, die mit wenigen Ausnahmen jüdisch sind, unter Vorsitz von Ben t wich stattgefunden. Interessant ist für die Leser der ,,Jüdischen Rundschau“ auch die Tatsache, daß der englischen Delegation auch Sir John Shuckburgh angeliört, der Unter- Staatssekretär des Kolonialamtes, der in der Vergangenheit besonders eng mit dem Palästinaproblem verbimden war. Ferner fungiert als Lord Wintertons Sekretär Cazalef, der vor kurzem Palästina zusammen mit Mrs. Dugdale und Professor Weizmann besuchte. Der Verhandlungsbericht Die Eröffnungssitzung der Konferenz fand am Mittwoch nachmittag statt. Als erster Redner sprach der Vertreter Frankreichs, Senator Berenger, der die Gäste begrüßte und seiner Freude Ausdruck gab, daß Frankreich die Konferenz beherbergen dürfe. Sodann hielt der Vertreter Amerikas, Mr. Taylor, die einleitende Rede, in der er einen großzügigen Ueberblick über das Problem gab, das aus der Tatsache entstanden ist, daß unter den heutigen politischen Verhältnissen Europas viele Tausende von Menschen aus ihren früheren Lebensverhältnissen licrausgerisscii wurden und nun einen neuen Aufenthalt und eine neue Existenz suchen müssen. Diese Situation habe den Präsidenten Roosevclt veranlaßt, die Initiative zur Einberufung der Konferenz in Evian zu ergreifen. Die Zustimmung, die dieser Entschluß bei mehr als 30 Regierungen gefunden hat, ist eine große Ermutigung für das einberufende Land, im weiteren Verlauf seiner Rede wies Taylor darauf hin, daß das Problem so groß und verwickelt sei, daß nach seiner Meinung die Konferenz nicht mehr tun könne, als eine Maschinerie einzusetzen, die sich ständig mit der Sache bcfassen muß. Es sollte unser endgültiges Ziel sein, eine Organisation zu schaffen, die sicli mit allen Auswanderungsfragen beschäftigt. Diesmal aber gilt unsere Aufmerksamkeit dem dringendsten Problem, nämlich dem der Auswanderer aus Deutschland einschließlich Oesterreich. Aus diesem Grunde hat meine Regierung in ihrer Einladung speziell von dem Problem der Auswanderer aus Deutschland (und Oesterreich) gesprochen. Dabei handelt es sich um zwei Arten von Personen: t. Jene, welche noch nicht Deutschland (und Oesterreich) verlassen haben, aber den Wunsch haben, in Kürze auszuwandern, und 2. die Personen, welche bereits Deutschland verlassen haben und sich auf Wanderschaft befinden. Der Präsident der Vereinigten Staaten hat eine beratende Körperschaft geschaffen, an deren Spitze der ehemalige Flüchtlings-Kommissar James MacDonald steht, der auch der amerikanischen Defegation in Evian angehört. Außerdem schlägt Mr. Taylor vor, auch den gegenwärtigen Kommissar des Völkerbundes, Neill Atalcolm, einzuladen und gibt seiner Genugtuung Ausdruck, daß der Präsident des Nansen-Amtes, Hansson, Delegierter Norwegen« ist. Taylor fährt fort: Die amerikanische Regierung hat Schritte ergriffen, damit das Einwanderungskontinßent von Deutschland und dem ehemaligen Oesterreich, das 1m ganzen 27 370 Personen beträgt, voll ausgenutzt werden kann, so daß diese Zahl von Emigranten in einem Jahr in Amerika einwandern kann. Im weiteren Verlauf seiner Rede stellte er dar, daß es zum Zwecke der Zusammenarbeit der an der Aktion beteiligten Regierungen notwendig sei, ständige Einrichtungen 7u schaffen. Er stellt sich vor, daß eine regelmäßige Zusammenkunft von diplomatischen Vertretern der beteiligten Regierungen in einer europäischen Hauptstadt, am besten in Paris, veranstaltet werde, und zu diesem Zwecke müsse auch ein ständiges Sek retariat geschaffen werden, welches dem Komitee zur Seite steht. Die Kosten dieses Sekretariats müssen von den beteiligten Regierungen getragen werden. Das Problem, so schließt Taylor seine Rede, ist nicht mehr ein rein privates, sondern es erfordert das Eingreifen von Regierungen. Wenn man die gegenwärtigen Wandernngsströme ungeordnet vor sich gehen läßt, dann würde die Welt von einer der größten Katastrophen menschlichen Leidens bedroht sein. Die Konferenz ist dazu berufen, dies zu verhindern. Der nächste Redner, Lord Winter Ion, der Vertreter Englands, erklärte zunächst, daß die englische Regierung bestrebt ist, 1m vollsten Ausmaß mit der Regierung der Vereinigten Staaten und den anderen hier vertretenen Regierungen ztisanimciizu,arbeiten, tun die Schwierigkeiten, die mit dem AuswaiufcrungsprobU’m zmammenlumgcii, zu erleichtern. England betrachtet ctie.ses Problem in der Hauptdie Einwanderer haben häufig das ciigliwlw Lehen bereichert Wintertoii verweist daun auf die im Jahre!1HS in (Senf atisgewandcrfen Emigranten aus I)einsciiland 1! 1111 erklärt,^daß und auch auf die Auswanderer aus ()esterreich atK/udclincn (es handelt sieh dabei vor allein um gewisse hrlcichternngen des Aufenthalts und de« Arbcitsrerhtv .V d. R.). England hat bisher in der Aiiswamlerungsfrage eng mit den freiwilligen privaten Organi.-at ionen /tisammengea rbeitet und wird das auch in Zukunft tun. Ls gibt für England zwei Arten von Einwanderern: 1. Junge Menschen, die besonders zur Ausbildung und zur Erziehung nach England kommen, um spater in irgendein überseeisches Land weiter zu wandern und 2. solche Auswanderer, die im Lande bleiben wollen. Von denen, die zum ständigen Aufenthalt nach England gekommen sind, haben, wie die englische Regierung anerkennt, viele einen wertvollen Beitrag zum nationalen Leben auf verschiedenen Gebieten geliefert, insbesondere neue Unternehmungen geschaffen, die zur Belebung der Industrie und des Handels beitrugen. England wird auch in Zukunft dieselbe Praxis aiiwemlen, die es bisher durchgeführt hat. Die englische Regierung ist bereit, mit Woldwollen alle Gesuche von Menschen, die nach England zugelassen worden waren, wegen R e w i I I i g 11 n g s fündig e n Aufenthalts zu erwägen. England glaubt,‘ daß einer der nützlichsten Beiträge, den verschiedene I.ander 711 den Zielen der Konferenz leisten könnten, der Mare, ihre Bereitschaft zu erklären, diejenigen Auswanderer aus Deutschland und Oesterreich, die sicli bereits ohne ständiges Aufenthaltsrecht in ihren Grenzen befinden, endgültig zuzulassen. Ich werde im Verlaufe der Konferenz noch Mitteilung machen, in welcher Weise England bereit ist. ,Menschen atif/tinehmcu, die in Zukunft Deutschland und Oesterreich verlassen werden. England denkt (Iahe; an -eine Kolonien und politischen Verliältiii-se. Trotzdem studiert England die Frage, inwieweit die Kolonien sich an der Erleichterung des Austvandererproblenis beteiligen können, und es denkt dabei vor allem an gewisse ostafrikanische Gebiete. Es ist nicht ausgewählter Lamilien in dem ersten Stadium aiifnelunen könnten. Aber man hofft, daß die Untersuchungen, die jetzt im (iange sind, in dieser Hinsicht ein gutes Resultat ergeben werden. Ich glaube, daß, wenn alle hier vertretencn Regierungen gewillt sind, von sich aus einen posi■ tiven Beitrag —■ sei er auch noch so bescheiden — zur l.ösmig des Problems 7!1 leisten, diese Versammlung einen großen Fortschritt bedeuten kann in bezug auf ihre primäre LU&cMUk Am Mittwoch körn es in Uaiia im Anschluß on eine Bombenexplosion zu einer Schießerei. Es wurden sechs ,7 u 11e n u n 11 z w a n z i g .1 r a her net ö t c t und über hundert verletzt, darunter eine größere Anzahl schwer, ferner wurde in Tel .110 1(0 aus einem vorüberfährenden Zuge eine Bombe geworfen, durch die eine Person getötet und zwei verwundet wurden. In der Jcrusalerne r Altstadt ivurden am Donnerstag früh zwei Araber durch einen Bombenwurf getötet. Bei einem Gefecht, im F.mek Jesrcel wurden zehn Araber getötet. Auch an anderen Punkten des Landes harn es zu Gefechten und Terrorakten. Bei dett Terrorakten in Jerusalem und im Grenzgebiet, von Tel .-111'iio mul Jaffa am Montag und Dienstag־ ivurden zwei Juden und neun Araber getötet und sieben Juden und. fünfzehn Araber verwundet, zlri den gleichen Tagen kam cs auf dein Lande and in Tiber ins zu einer Anzahl von l 'eherfälten und Terrorakten, bei denen vier Juden getötet wurden. Knhmiulminister Malcolm MacDonald hat den High Commissiotter ungefragt, oh eine Verstärkung der llilfspalizci notwendig ist. In Haifa und Jerusalem wurden sechs Araber zum T o de verurteilt. Zur Wirtsehaftsankurbelung in Palästina wird ein Ponds von £P 205 000 von der Jeivish Agencv geschaffen. Dr. Hu pp in hegibl sich im Interesse der Palästina- Arbeit nach Amerika. In Detroit tagte die JahresiKrsammlung der Zionistisehen Organisation von Amerika. Zum neuen Vorsitzenden wurde Rabbiner Solomon Goldman aus Chicago gewählt.