Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 43 (1938)
- Issue
- Heft 53 (5.7.1938)
- Date
- 1938-07-05
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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fr. 5p / Jahrgang 43 Preis 25 Rpl, JÜDISCHE RUNDSCHAU Redaktion, Verla}{ und Anxelfenverwaltnng! BurllnWlS, Moin«lccatr. 10 fmmmh 919031, Telej!ramm-Adre»ac: Orghlp. -־ In Fällen höherer Gewalt besteht kein Anspruch auf Nachlieferung oder Erstattung etwa schon gerahlier Benigagebühren. Bezugspreis einschlieBlich Beetellgeld je Monat RM 2,-, je Viertel- ]ehr RM 5,75; bei Abholung RM 1,88 bzw. RM 5,39 (einschlieBlich Postwitungsgebühr von 10,96 Rpf je Monat). — Postscheck - Konten der Vertrieb. - Abteilung für Groß-Berlin: Berlin 71573, für das übrige Reich: Berlin 17392 BERLIN ו׳ תמוז תרצ״ח DIENSTAG, 5. JULI 1938 Erscheint jeden Dienstag and Freitag. Gültig ist die Antelgenprelellste Nr. s vom 1. April 1936. Die rwölfgespaltene mm - Zeile 20 Rpf. für Familien. Nachrichten IS Rpf. Keine Gewähr für Aufnahme von Anzeigen in bestimmten Ausgaben oder an bestimmten Plätzen. Einrelanxeigen nur gegen Vorauszahlung auf Postscheck - Konto Berlin 71618 oder bar Montag bis Freitag 9—18 Uhr. Acnabmeschluß für die Dienstag. Ausgabe: Montag 10 Uhr, für die Freitag -Ausgabe! Mittwoch 15 Uhr. Familien - Anzeigen am Tag vor Erscheinen 16 Uhr Der Zionismus erstrebt fOr das!attische Volk die Schaffung einer Öffentlich ־ rechtlich gesicherten Heimstätte In Palästina. (Baseler Programm) Öffnet die Tore! Zur Konferenz in Evian Die Auswanderungs-Not Die Judenheitist kein ״Partner“ der Konferenz in Evian. Kein jüdischer Vertreter wird unter den Delegierteil sein, denn es handelt sich uni eine auf die Initiative einer Großmacht (USA.) zusanuncngetretene Konferenz von Vertretern von Staaten, und es gibt keinen jüdischen Staat. Dies allein schon wirft ein Licht auf das Problem, das die Konferenz zu behandeln hat: das Problem eines staatenlosen Volkes. Die Vertreter dieser 30 Staaten sollen sich mit der Frage befassen, was mit den Hunderttausenden von Juden geschehen soll, die jetzt von ihrer Wirtschaftliehen, und zum großen Teil auch von ihrer moralischen und kulturellen, Verankerung losgelöst, sozusagen frei in der Luft schwebend, ״Luftmenschen“ im wahrsten Sinne, irn europäischen Raum vorhanden sind. Die Konferenz beruht auf der Erkenntnis, daß eine solche Menschenniasse — mag man sie nun lieben oder hassen — in diesem Zustand nicht belassen werden kann, weil dies, ganz abgesehen von humanitären Gesichtspunkten, ein soziales Problem ersten Ranges bietet, durch das nicht nur die unmittelbar Betroffenen allein, sondern auch ihre Nachbarn in Mitleidenschaft gezogen werden. Wenn die 30 Delegationen in Evian und die hinter ihnen stehende Ocffentlichkeit ihrer Länder die volle Tragweite und den Ernst dieses Problems erkennen — und daran wollen wir nicht zweifeln, denn sonst hätte man diese Konferenz nicht einberufen und nicht so repräsentativ beschickt —, dann werden sie sich auch dessen bewußt sein, daß mit Palliativmittein oder mit Resolutionen hier nicht viel zu machen ist, daß es vielmehr eines wirklichen organisierten Eingreifen s bedarf, einer gewaltigen, auch finanziell fundierten Aktion, um die in Fluß geratenen Menschenmassen neu eitizuordnen und zu verwurzeln. Wir wollen hier nicht von den vielen persönlichen Tragödien sprechen, wir wollen nicht den Seelenzustand derer schildern, die sich unverschuldet als Objekte eines soleben gewaltigen historischen Umwandlungsprozesses und all der damit verbundenen Leiden sehen. Wir wollen auch nicht die Gefahren schildern, die in einer fortschreitenden sozialen Deklassierung und Pauperisierung eines bisher an dem wirtschaftlichen Organismus mittätigen Bevölkerungselernentes liegen. Worauf es vielmehr ankommt, ist ein Ueberblick über die Möglichkeiten einer Lösung, die sich darbieten. Wir sind überzeugt, daß die Mitglieder der Konferenz von Evian, die ja gewiß das Material eingehend studiert haben, sich allmählieh konkrete Vorstellungen darüber bilden, was nottut und was geschehen kann. Das jüdische Volk steht bei dieser Konferenz nur wartend vor der Tür. Im Beratungssaal werden keine jüdischen Vertreter sein; aber das Resultat der Beratungen wird niemanden so sehr angehen wie das jüdische Volk. * Wir Juden haben in den letzten Jahrzehnten gelernt, für uns selbst zu denken. Frühere jüdische Generationen waren eingesponnen in ihrer religiösen Vorstelluiigswelt und ließen resigniert die weltliche Seite des Lebens nach ihren eigenen Gesetzen ablaufen; der moderne Jude will nicht mehr bloß Objekt der Aktionen anderer sein, er will sich selbst helfen. Das jüdische Volk hat sich zu aktivem Eingreifen organisiert, um sein Schicksal zu gestalten. 111 dieser Hinsicht ist freilich noch lange nicht alles zufriedenstellend. Leider spielt innerhalb der jüdischen Gemeinschaft Vereinspsychologie noch eine sehr große Rolle, und so kommt es, daß überall, wo von jüdischen Dingen die Rede ist, eine ganze Anzahl von Organisationen und Vereinen mit ihren Separat-Aktionen auftreten. Auch gegenüber der Konferenz in Evian ist cs nicht gelungen, die großen jiidisehen Organisationen zu einer einheitlichen Stellungnähme in bezug auf das der Konferenz zu unterbreitende Material zu vereinigen. Die Mitwirkung der jüdischen Organisationen, obwohl sie — als ״Privatverbände“ — auf der Konferenz nicht vertreten sind, ist darum so wichtig, weil auf ihnen die finanzielle Hauptlast für jede künftige Aktion ruhen wird. Es scheint, daß die an der Konferenz teilnehmenden Staaten nicht gewillt sind, sich auch finanziell in größerem Stil an der künftigen Aktion zu beteiligen. Daß aber jede derartige Umsiedlungsaktion gewaltige Mittel braucht, liegt auf der Hand, und ebenso einleuchtend ist, daß diese Mittel nicht nur auf philanthropischem Weg b e ־ schafft werden können. Dies wird ein Hauptproblem der Konferenz bilden. Dr. Ru pp in ist als Vertreter der Jcwish Agency nach Evian abgefahren. Viele werden sich erinnern, daß er es war, der am 24. August 1933 auf dem XVIII. Zionistenkongreß ein Referat über die Judenfrage in Deutschland hielt, dessen Kernpunkt ein Vorschlag zur Seßhaftmaciiung von Juden aus Deutschland in Palästina war. (Daraus ist dann die sogenannte ״Deutsche Abteilung“ der Jewish Agency hervorgegangen, die unter der Leitung von Dr. Georg Landauer Gewaltiges zur Eingliederung von Juden aus Deutschland in Palästina beigetragen hat.) Ruppins Referat von 1933 war die Antwort der zionistischen Welt auf die Ereignisse von 1933. Nicht rhetorische Aufwallungen, sondern eine konstruktive Tat der Selbsthilfe durch organisierte Aus- Wanderung und Aufbau neuer jüdischer Lebenszentren tat not. Ruppin begnügte sich damals nicht mit der Darlegung der palästinensischen Verhältnisse, sondern er gab einen Gesamtüberblick. Nach seiner Meinung sollte man in fünf bis zehn Jahren 200000 Juden aus 30 Staaten in Evian Die Zahl der an der Konferenz in Evian teilnehmenden Regierungen wird 30 betragen, und zwar werden folgende Staaten durch Delegationen vertreten sein: Argentinien, Belgien, Bolivien, Brasilien, Canada, Chile, Columbien, Costa Rica, Cuba, Dänemark, Ecuador, Frankreich, Großbritannien, Guatemala, Haiti, Holland, Honduras, Mexico, Neu-Seeland, Nicaragua, Norwegen, Panama, Paraguay, Peru, Schweden, Schweiz, Uruguay, Venezuela, San Domingo und die Vereinigten Staaten von Amerika. Die Konferenz soll nach dem Vorschlag Präsident Roosevelts nicht allein das Problem der jüdischen Emigranten erörtern, sondern ganz allgemein dia Frage der Emigration behandeln. Die zur Verhandlung stehenden Punkte werden folgende Fragen umfassen: 1. Die Konferenz soll Maßnahmen zur Erleichterung der Seßhaftmach 11 ng von Emigranten aus Deutschland und Oesterreich erwägen. Es sollen nicht nur diejenigen Emigranten darunter verstanden werden, die bereits ausgewandert sind, sondern auch diejenigen, die noch vor ihrer Auswanderung stehen. 2. Die Konferenz soll sich mit den bestehenden Ein- Wanderungs-Regelungen beschäftigen; die vertretenen Regierungen werden der Konferenz über die bei ihnen bestehenden Immigrations-Bestimmungen und über die Zulassung von Emigranten nach Zahl und Art berichten. 3. Die Konferenz wird sich mit der Frage der Papiere für diejenigen Emigranten beschäftigen, die keine Identitätspapiere besitzen. 4. Die Konferenz, soll ein Büro in einer europäischen Hauptstadt einrichten, das ein Programm für die Lösung des Emigrantenproblems im allgemeinen ausarbeiten und durchführen soll. 5. Die Konferenz soll Empfehlungen annehmen können, die sich an die teilnehmenden Regierungen richten. Die Vorschläge der amerikanischen Organisationen, die sich mit der Emigranten hi Ife beschäftigen, sind dem Beratungskomitee unterbreitet worden, das von ^Präsident Roosevelt in Washington eingesetzt wurde. Dieses Komitee faßte die Vorschläge zusammen und unterbreitete sie Präsident Roosevelt, der sie dem amerikanischen Delegationsführer Mr. Myron Taylor zuleitete. Der Führer der französischen Delegation, Henry Bereuger, wurde vom französischen Außenminister Bonnet empfangen, der mit ihm Fragen, die die Konferenz betreffen, erörterte. Dr. Arthur Ruppin hat sich als Vertreter der Jewish Agency nach Evian begeben. Die Agudas Jisroel wird in Evian durch H. A. Guttmann und Dr. Engels vertreten sein. Zu Vertretern der niederländischen Regierung auf der Konferenz von Evian sind ernannt Mr. W. C. B eucker A n d r a e, Chef der juristischen Abteilung des Ministeriums für auswärtige Angelegenheiten, Ing. R. A. V e r w e y, Direktor des Reichsdienstes für Arbeitslosenversicherung und Arbeitsvermittlung, sowie Mr. Hooykaas vom Justizministerium. Deutschland auswandern lassen, davon sollte Palästina 100000 aufnehmen und die übrigen 100 000 dachte sich Ruppin damals so unterbringbar, daß die Vereinigtet! Staaten 50 000 und die übrigen Länder (vor allem l'ehersee) auch 50 000 atifuelimen sollten. Von diesem Pro* gramm ist ein großer Teil tatsächlich erfüllt worden. Aber die jüdischen Verhältnisse haben sich in einer Weise verschärft, wie im Sommer 1933 der Referent nicht voraussah. Es hat sich gezeigt, daß Ruppin die Ziffer der Auswanderuiigsbedürftigen unterschätzt hat. Unter Hinzunahme Oesterreichs ist das Auswanderungsbedürfnis viel größer, lind vor allem ist eine Besch leunigung des Tempos der Auswanderung unerläßlieh; was Ruppin damals für fünf Jahre vorgesehen hat, ist heute ein Pensum für ein oder höchstens zwei Jahre. Nach seinem Referat von 1933 hat Ruppin Südamerika besucht; ca־ war der erste, der nach dem Umsturz von 1933 die Juden Deutschlands auf die Möglichkeiten der Einwanderung nach S ii d a 111 e r i k a hinlenkte und ihnen (durch die ,,Jüdische Rundschau“) ein Bild der Möglichkeiten Südamerikas gegeben hat. Wir sind überzeugt, daß Ruppin der Konferenz wertvolle Anregungen geben kann, wenn sie seinen sachverständigen Rat hören will. Die JTewish Agency hat der Konferenz ein Memorandum unterbreitet, daß noch nicht veröffentlicht wurde, ln dem Genfer Bulletin der Jewish Agency ist ein der Konferenz in Evian gewidmeter Artikel veröffentlicht, worin zunächst zwei Hauptbedingu iigen jedes großen Auswanderungsplanes festgestellt werden, und zwar 1. daß die Auswan* derung in geordneter Form vor sich gehen müsse, denn ein Strom von mittellosen und zum Teil ausweislosen ״Flüchtlingen“ kann von den Einwanderungsländern nicht systematisch absorbiert werden, und 2. daß ein Finanz plan besteht, mit dessen Hilfe die Einwanderer in ihre neuen Wohnländer so eingeordnet werden können, daß sie deren ökonomische Struktur nicht stören. Der Hauptteil der Ausführungen des Bulletins betrifft aber den Beitrag, den Palästina zur Lösung dieses Problems leisten kann. Die Aufnahmefähigkeit Palästinas Das Memorandum führt aus, daß nach den Erfahrungen der Jahre 1923 und 10 37 die Einwanderung durchschnittlich 9 0יי der jeweils bestellenden jüdischen Gemeinschaft Pa- Iästinas befragen habe; nehme'man dies für die Zukunft als geltenden Malisiah an, so konnte die Einwanderung im nächsten Jahr etwa 3S 000 befragen, im darauffolgenden Jahr 42 000, im dritten Jahr 46 000 usw. Ls gehe auch noch einen anderen Maßstab: in Palästina werden jährlich für den Konsum der jüdischen Bevölkerung Imliistricprodukte im Werte von 2 4SI 000 Pfund emgefnhrt, davon könnten 1203000 Pfund in Palästina zu konkurrenzfähigen!,reisen hergestellt werden. Dies würde Arbeit für 4000 Arbeiter, mit " deren Familie also Raum für 20 000 Personen schaffen. Was die Landwirt- Schaft betrifft, so könnten von Produkten im Wert von 199S000 Pfund, die für die Bedürfnisse der jüdischen Bevölkerung eingeführt werden, etwa für 1 000 000 Pfund Produkte von jüdischen Landwirten im Lande erzeugt werden. Nimmt man die Jahresproduktion eines jüdischen Landwirts mit 160 Pfund an, so erhält man Arbeit für 6077 neue landwirtschaftliche Einheiten, bzw. 30 000 Personen. Zu diesen 50 000 Personen in Industrie und Landwirtschaft treten weitere 50 000, die ihren Lebensunterhalt im Handel, Transportwesen, Touristik, akademischen Berufen und als Beamte usw, finden werden. Demnach können schon nach den jetzigen Marktverhältnissen 100 000 Juden einwandern, wahrscheinlich sogar 120000. Für die Zukunft entwirft dann das Memorandum den Plan Ue&eMick Die Vernehmungen vor der Teilungs- Kommission werden voraussichtlich Ende Juli zum Abschluß gelangen. Das Ausgeh ver bot in Jerusalem und Tel Aw iw wurde mit Ausnahme der an Jajja angrenzenden Stadtteile Tel Aun'uzs aufgehoben. ln Palästina wurde eine berittene Polizeitruppe von 800 Mann eingerichtet. Zwei jüdische Hilfspolizisten, die früher verwundet wurden, sind ihren Verletzungen erlegen. .4m Montag kam es in Jerusalem und Tel Awiw, Jaffa zu mehreren Terrorakten mit arabischen Todesopfern. 8 Juden wurden verhaftet.