Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1938-07-01 · Heft 52 (1.7.1938) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
43 (1938)
Issue
Heft 52 (1.7.1938)
Date
1938-07-01
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2651273-2653549-2653590--32351-2684069
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Nr. 52 / Jahrgang 43 Preis 25 Rpi. JÜDISCHE FREITAG, 1, JULI 1938 Redaktion,Verlag andAnzefganv.rwaltnngt BerlinWlS,Melnekotr. 10 F.rnrafi 919031, Telegramm-Ad re* •e: Orghlp, - In Fällen höherer Gew.ll besteht kein Anspruch •uf Nachlieferung oder Erstattung etwa schon geuhlter Benagsgebühren. Bezugspreis einathlieBHch Bestellgeld je Monat RM 2.—, je Vierteljahr RM 5,75; bei Abholung RM 1,88 brw. RM 5,39 (einsdilisBlidr Postieitungsgebühr von 10,96 Rpf je Monat). — Postscheck - Konten der Vertriebs. Abteilung für GroB.Berlin: Berlin 71173, für das übrige Reich! Berlin 17392 RUNDSCHAU Oer Zionismus erstrebt für das indische Volk die Schäftung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina. (Baseler Programm) Vor der Konferenz in Evian Die Delegationen In einem Interview teilten Mitglieder der amerikan i s c h 0 n Delegation für die Konferenz in Evian mit, daß Präsident Roosevelt die bestmöglichen Resultate von der Konferenz erwartet. Auf Grund der Instruktionen Präsident Roosevelts werden mit Ausnahme einiger öffentlicher Sitzungen die Beratungen der Konferenz hinter geschlossenen Türen stattfinden. Die Delegation erwartet, daß die Konferenz 10 —12 Tage dauern wird. Sie hofft, daß als ihr Resultat die Schaffung eines zwischenstaatlichen Büros mit dem Sitz in Paris beschlossen werden wird, mit der Aufgabe, die Beschlüsse der Konferenz zu verwirkliehen. Dieses Büro soll mit den an dem Emigrationsproblem interessierten Organisationen Zusammenarbeiten. Außer den von uns bereits genannten Persönlichkeiten und Delegationsführern wird auch der Leiter des Internationalen Nansen-Amtes, der Norweger Hansson, an der Konferenz teilnehmen, selbstverständlich aucli der Völkerbundskommissar für Auswanderer aus Deutschland, Sir Neil Malcolm. Die Leitung der Schweizer Delegation hat Dr. Roth m und inne, der Leiter des Eidgenössischen Fremdenanites. Die dänische Delegation führt Minister St ei ncke (vgl. auch unseren Artikel ״Frankreich vor der Konferenz in Evian“). Der mexikanische Vertreter beim Völkerbund, Sefior Primo Villa Michel, wurde von der mexikanischen Regierung zum Vertreter bei der Konferenz bestimmt. Die Regierung von Luxem bürg wird bei der Konferenz durch eine Delegation vertreten sein. Der Vorsitzende des jüdischen Hilfskomitees in Luxemburg wird beratendes Mitglied der Delegation sein. Das ״Soiort-Programm“ Wie wir erfahren, ist beabsichtigt, daß die Konferenz außer den grundsätzlichen und. auf lange Sicht wichtigen Fragen, für die wahrscheinlich eine ständige Körperschaft gebildet werden wird, sich mit einem Sofort-Programm befaßt, das die Auswanderung im nächsten Jahre betrifft. Die von gewissen jüdischen Stellen aufgcstellte Forderung, daß — entsprechend den gegebenen Notwendigkeiten — im nächsten Jahre Einwanderungsmöglichkeiten für 100000 jüdische Aus- Wanderer eröffnet werden, wird in dem Kreise der Delegationen der Konferenz für unerfüllbar hoch gehalten. Dagegen konzentrieren sich die Bemühungen um einen Plan, für 50 000 Menschen innerhalb eines Jahres Einwanderungsmöglichkeiten zu beschaffen, in dem Sinne, daß sie nach ihrer Einwanderung als endgültig eingegliedcrt gelten können. Dabei ist ins Auge gefaßt, daß die nach den amerikanischen Einwanderungsgesetzen für Deutschland und Oesterreich hestehende Quote von 2S000 Menschen für USA. voll ausgenutzt wird, während die übrigen 22(XX) sich auf Palästina (ca. 10 000) und vor allem auf s ü d a m e r i k a n i s c 11 e Staaten verteilen. Auch hofft man, daß gewisse kleinere europäische Staaten, die bereits früher eine größere Zahl von Emigranten auf genommen haben und aus politischen und wirtschaftlichen Gründen ihre Grenzen jetzt für Einwanderer sperren mußten, wenigstens eine Geste machen werden in der Form, daß sie eine beschränkte kleine Zahl von Auswanderern zulassen werden. Nach unserer Meinung muß der Versuch gemacht werden, die hier vorgesehene Zahl von 50 000 für das nächste Jahr noch erheblich zu erhöhen, da das Bedürfnis ein viel höheres ist. Die Auswanderungsziffer wird wahrscheinlich näher an die 100000 als an die 50 000 sein, und die Konferenz darf über die Größe und den Ernst des Problems nicht im Zweifel gelassen werden. Frankreich auf der Konferenz Von unserem Berichterstatter K. Paris, 29. Juni Die französische Regierung hat sich in den letzten Tagen mit der Vorbereitung der französischen Stellungnahme der Evianer Konferenz, beschäftigt. Der französische Außenminister Bonnet hat sowohl den amerikanischen Gesandten in Paris, Bull i t, wie den Leiter der amerikanischen Delegation in Evian, Myron Taylor, empfangen und hat sich mit ihnen über alle einschlägigen Fragen unterhalten. Zum Vorsitzenden der französischen Vertretung auf der Konferenz wurde bereits vor einigen Tagen (wie bereits gemeldet. Red.) der Senator und Vorsitzende der Kommission für auswärtige Angelegenheiten im Senat, Henry Berenger er- Bannt, der bereits als Präsident des französischen Flüchtlingskomitees große Erfahrungen auf diesem Gebiete besitzt. Der französischen Delegation werden ferner der frühere Botschaftsrat in Berlin, Pierre Arnal, und der Gesandte de Reffye angeboren. Zinn Sekretär der französischen Dele- Ration in Evian ist der Sohn des französischen ständigen Völkerbundsdelegierten Paul - Boncour, Jean Paul-Bontour, ernannt worden. Selbstverständlich werden auch die führenden französischen jüdischen Institutionen bzw. großen jüdischen Organisationen wie Ica, Joint, Alliance usw. und die Hilfskomitees Delegationen nach Evian senden. U. a. fährt als Vertreter des Keren Hajeßod Kurt Blumenfeld zur Konferenz. In Frankreich legt man den Beratungen der Konferenz m Evian große Bedeutung für die Regelung der Emigrationsfrage bei. Frankreich hat sich — so betont man auf französischer Seite — in den letzten Jahren bei der Aufnahme von Emigranten besonders tolerant gezeigt und hat auch zahlreichen unbemittelten Personen den Aufenthalt gestattet. Schwierigkeiten, die sich aus einer kurzsichtigen Anwendung der administrativen Bestimmungen gegenüber den Emigranten ergeben — diesen wurde wohl der Aufenthalt, nicht aber die Gründung einer Existenz gestattet, so daß sie notwendig gegen die Arbeitsgesetzc verstoßen mußten —sind unterdessen durch eine rationellere Regelung der Frage im wesentliehen beigelegt worden. In den letzten Monaten hat sich allerdings Frankreich in der Aufnahme von Emigranten wosentiieh zurückhaltender gezeigt, was teilweise auf die Verschlechterung der Wirtschaftslage, teilweise auf eine fremdenfeindliche Propaganda in. einem Teil der öffentlichen Meinung zurückzuführen war. Nichtsdestoweniger konnte in der Praxis der französischen Konsulate in den Auswanderimgsländem festgestellt werden, daß in besonders dringlichen Fällen noch Visen nach Frankreich gewährt wurden. Frankreich wird aber auf der Evianer Konferenz seinen Standpunkt in cnergischer Weise dahin geltend machen, daß der Aufnahme von mittellosen Emigranten in den Einwandcrungsländcrn eine enge Grenze gesetzt ist. Nach französischer Ansicht ist eine wirklich zufriedenstellende Lösung־ des Problems nur durch ein sachgemäßes Zusammenwirken der Auswanderungs- und der Einwanderungsliindcr zu erreichen, wobei es den Auswanderern möglich gemacht werden sollte, zumindest einen Teil ihres Vermögens zur neuen Existenzgründung mitzunehmen. Man ist hier der Mcinung, daß eine weitere finanzielle Belastung der Eiinvanclerungsländer durch Einwanderung mittelloser Personen in dem bisherigen Maße untragbar ist. Die französische Delegation wird den Versuch unternehmen, die Evianer Konferenz zu einer ständigen beratenden Instanz für die Emigrationsfragen auszubauen und sieht als verbindendes Organ die Schaffung einer permanenten Kommission für Auswanderungsfragen vor. Inwieweit diese Institution mit dem bisherigen Völkerbundskommissar bzw. mit dem Nansenamt Zusammenwirken wird, ist noch nicht klar. Die Welt ist daran gewöhnt, daß die Juden durch ihr Dasein ein Problem darstcllen. Darin liegt eigentlich nichts Besonderes, denn es gibt im Leben der Menschheit genug Tatbestände, die Reibungen mit sich bringen, ja viele Fragen, die unlösbar sind oder doch nur zum Teil gelöst werden können. Auch auf dem Gebiete des nationa len Lebens im engeren Sinne sind diese Fragen Legion und bieten denen, die sich mit dem Schicksal der Menschheit beschäftigen, genug Stoff zur Erprobung ihrer Kunst. Dennoch ist es niemals angenehm, selbst Objekt einer solchen Frage zu sein, denn man befindet sich in einer ungemütlichen Situation, wenn man durch sein Dasein einen Stein des Anstoßes mehr zu den vielen anderen Hemmnissen auf dem Wege der menschlichen Gesellschaft bildet. Nun gibt es gewiß genug Selbstdarstellungen der Judenfrage in den verschiedensten Formen der Literatur, im Drama, Roman, in politischen Dokumenten, Memoranden und was es sonst noch an Möglichkeiten gibt, sich Gehör zu verschaffen. Dennoch leiden die meisten dieser Darstellerngen daran, daß sie den Leser nur recht unvollkommen ins Herz, in die Seele des Juden, um den es geht, blicken lassen, und man kann nicht leugnen, daß sehr viele unter den Staatsmännern, Sozialpolitiken! und sonstigen um das Schicksal der Welt Besorgten nur eine unzureichende Vorstellung von dem haben, was die Judenfrage in ihrem innersten Kern eigentlich ist. Sie empfinden wohl mehr das Unbehagen, das sie selbst und ihre Völker wegen des Bestehens einer solchen Frage angcht, sic sehen, daß durch die Zuwanderung von Juden soziale Unruhe und mancherlei Belastungen entstehen, ihr Herz spurt wohl Mitleid mit jüdischen Auswanderern, die die Heimat vieler Generationen verlassen mußten, aber was In diesen Juden nun wirklich vorgeht, was den Juden das Herz bewegt, das wissen sie doch kaum. Vielleicht kümmert sie es auch nicht, ist cs doch überhaupt sehr schwer, den Schlag des menschlichen Herzens bei einem anderen zu empfinden und in die tieferen Schichten des Nebenmenschen zu blicken, mag dieser mit uns auch eng verbunden sein. Wir Juden dürfen uns also vielleicht nicht beklagen, wenn wir nicht immer ganz verstanden werden, und wenn man nur an die Außenseite unseres Problems herangeht, ohne wirklich zu empfinden, worum es uns selbst geht, nämlich um Leben und Sterben, um Ehre und Freiheit, um Zukunft oder Siechtum. Wir sind damit in einer ähnlichen Lage wie andere menschliche Gruppen, Die Frage nach den praktischen Wirkungen der Evianer Konferenz läßt sich natürlich erst beantworten, wenn die Stellung der 27 Staaten, die an der Konferenz tcilnehmen, vorliegen wird, ln Frankreich selbst muß man feststellen, daß es um die Ansiediungspläne von Emigranten in den landwirtschaftlichen Bezirken Mittel- und Südwestfrankreichs wieder sehr still geworden ist, von dem Madagaskarprojekt gar nicht zu sprechen. Es haben sich gegen den Gedanken einer geschlossenen jüdischen Siedlung bzw. einer jüdischen Gruppensicdlung auf französischem Boden Widerstände von den verschiedensten Seiten, darunter auch von französischjüdischer Seite, geltend gemacht, die die Verhandlungen zum Stocken brachten. Ein Appell an England In der Londoner ״Times“ vom 2<1. )uni setzt sich in einem Brief Sir Robert W a 1 e v - C o h e!1 dafür ein, daß das britische Weltreich sich großzügig an der von der Konferenz in Evian angestrebten Schaffung von L i 11 w a ״ de tu ח gsm dg! i ck ’ .:ten bekauern eine neue Welt auf/.ubaueii, um die Leiden der alten die Gastfreundschaft von Landern, in weiche Zuflucht suchende Menschen Aufnahme gefunden haben, belohnt worden ist. Die Jahre nach dem Krieg“, so׳ führt der Briefsclirviher weiter aus, leicht größer \:,t als יי alle anderen. Innerhalb des ’ britischen Empire gibt es riesig e G e b i e t e, die nach einer Bevölkerung hungern. Auf drei solche Gebiete ist meine Aufmerksamkeit gelenkt worden. Boden ist da, nur Geld ist nötig, um die Menschen zu transportieren und ihre neue Heimat auszustatten. Die Geschichte des britischen AVcltrcichs beweist, daß solches Geld sich tausendfach bezahlt macht.“ Sir Robert richtet daher zum Schluß einen warmen Appell an die englische Regierung, das britische Empire möge bei der Konferenz eine entscheidende Rolle spielen, indem es große leere Gebiete für Kolonisation zur Verfügung stellt. (Die englische Delegation in Evian wird bekanntlich von Lord W i n t e rto 11, Mitglied des englischen Kabinetts, geführt.) die eine ״Frage“ darstcllen und deren Herz gewiß auch anders aussieht als das unsere, ohne daß man so leicht hinein blicken kann. Wundern wir uns also nicht, daß die Welt seihst in ihren uns wohlgesinnten Teilen mehr an die Statistik denkt an die Gewährung von Papieren und Brot, als an das, Dennoch sollte von uns der Versuch gemacht werden, wenigstens einen Nachhall unseres Herzschlages spürbar werden zu lassen, wenn Menschen z.usammentreten, um über das Schicksal von Juden zu beraten. Es war ja ohne Zweifel eine der größten Leistungen; Theodor H e r 11 s, daß er für die, mit denen er zusammen« traf, den Fürsten und Staatsmännern der Welt, ein wenig den Vorhang vor der jüdischen Seele lüftete, daß er, der selbst in vieler Hinsicht entjudet war, dennoch mit seinen glühenden Augen und seiner königlichen Gestalt und Ge- Ikirde wie eine Verkörperung des Judcnschicksals erschien. Und wenn der Zionismus in der politischen Welt Fuß faßte, so verdankt er cs nicht allein einer zufälligen Konjunktur, sondern zu einem Teil wenigstens dem Umstand, daß in ihm etwas von der Sehnsucht des jüdischen Volkes und seiner Jugend nach neuem Leben, nach Freiheit, nach Ehrlichkeit und Schönheit zum Ausdruck kommt und von der Umwelt gespürt wird. Heute ist die Frage der jüdischen Emigration wieder in den Brennpunkt des Interesses gerückt worden, tteteA Ik&eA&lick Das Todesurteil gegen Schlomo Ben Josef, einen der Verurteilten aus Rosch Pina, wurde am Mit(- woch in Akho vollstrcckt. Die von zahlreichen Seiten eingereichten Gnadengesuche bzw. Versuche, zu einem neuen Verfahren zu gelangen, halten keinen Erfolg. Es kam in Jerusalem und Tel Awiw zu Demonstrationen und Proteststreiks; über Jerusalem wurde ein Ausgeh• verbot verhängt. Nach einer Demonstration wurde auch über Tel Awiw der Ausnahmezustand verhängt. Die jüdischen nationalen Körperschaften haben in Mani• festen zur Aufrcchtcrhaltung von Ruhe und Ordnung auf gef ordert. Jabotinsky wurde vorn Kolonialminister Malcolm Mae Donald empfangen. Was Juden das Herz bewegt Eine Teilfrage des Wanderungsproblems

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.