Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 43 (1938)
- Issue
- Heft 44-45 (3.6.1938)
- Date
- 1938-06-03
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 44/45, 3. JUNI 1938 Palästina vor der Entscheidung Memorandum der Jewish Agency an die Mandatskommission Ein Brief Dr. Weizmanns Wie üblich, legt auch in diesem Jahr die Jewish Agency als Iirformatkmsmaterial für die Permanente Mandatskomnission des Völkerbundes der Kommission einen Berieht über die Entwicklung des Jüdischen Nationalheims vor, der von einem ausführlichen Briet Dr. Weizmanns an den High Commissioner in Jerusalem begleitet ist. Dr. Wcizmann protestiert darin gegen die einschneidenden und willkürlichen Beschränkungen der jüdischen Einwanderung im Jahre 1937 sowie in der Periode März—September 1938. Diese Beschränkungen seien völlig unvereinbar mit den Verpflichtungen der Mandatarmacht, wie sie im Mandat niedergelegt und bei mehreren Gelegenheiten durch die Mandatarmacht selbst und den Völkerbund bestätigt worden sind. Durch die Einschränkung der jüdischen Einwanderung habe die Mandatarmacht die arabischen Terroristen in ihrer ungesetzlichen Tätigkeit ermutigt und dazu beigetragen, das Land, das sich vorher einer beispiellosen Prosperität erfreute, in eine ernste Wirtschaftskrise zu stürzen, der das Jüdische Nationalheim nur dank der Stärke und Widerstandskraft seiner Wirtschaftliehen Struktur und der Ausdauer und Zurückhaltung seiner Bevölkerung standhalten konnte. Das Zögern der Regierung Der Brief erinnert weiter an die Haltung des Zionistisehen Kongresses und des Council der Jewish Agency anfesichts der Entscheidungen der englischen Regierung im uli 1937 auf Grund des Peel-Berichts. Dr. Weizmann drückt sein Bedauern über das lange Zögern der Regierung aus, irgend etwas auf Grund jener Entscheidungen zu unternehmen. Seit der Veröffentlichung des Peel-Berichtes sind mehr als neun Monate vergangen, bis eine neue Kornmission nach Palästina abgereist sei. ״Die ständige Verschlechterung der öffentlichen Sicherheit und der wirtschaftlichen Lage“, schreibt Dr. Weizmann, ״sind 11t großem Maße dem Zustand des Zweifels und der Unentschiedenheit zuzuschreiben, der durch die dauernde Untätigkeit der Regierung hervorgerufen worden ist. Ohne der eventuellen Entscheidung der zuständigen Stellen der Jewish Agency über diese Frage irgendwie vorgreifen zu wollen, möchte ich doch die dringende Notwendigkeit fiir die Herabsetzung der Periode der Ungewißheit auf ein Minimum betonen wie auch der baldmöglichen Bekanntgabe eines klaren Plans, nach dem endgUltige Entscheidungen getroffen werden können.“ Gagen die Einwanderungsbeschr&nkung Der Brief weist auf die Unruhe hin, die die Einwanderungsbeschränkung in der jüdischen Welt ausgelöst hat, und erinnert daran, daß die Mandatskommission im Herbst 1937 diege Maßnahme als ״Abkehr von den durch den Völkerbund sanktionierten Grundsätzen, daß die Einwanderung der wirtschaftlichen Aufnahmefähigkeit proportional sein muß“, betrachtete. Der damalige englische Außenminister bczeichnete in derselben Sitzung die Maßnahmen als ״rein zeitwei 1 i g“, um ״vorübergehenden und außergewöhnlichen Bedingungen“ zu begegnen. Dennoch habe die Einvvanderungs- Situation bisher keine Aenderung erfahren. Dr. Weizmann legt dann dar, daß diese Begrenzung nicht ohne die Zu- Stimmung des Völkerbunds hätte erfolgen dürfen, und daß, PALÄSTINA TRINKT ״ATARA״-KAFFEE solange das Mandat besteht, seine Bestimmungen für alle Teile gleich angewandt werden müßten. Dr. Weizmann drückt sein Bedauern darüber aus, daß die Regierung in so hohem Maße es für notwendig befunden hat, von ihrer übernommcnen Verpflichtung der Erleichterung der jüdischen Einwanderung abzugehen. Auch das Problem der sogen, ״i 11 e - galen Einwanderer“ wird in diesem Zusammenhang angeschnitten, wobei Dr. Weizmann die Gründe auseinandersetzt, warum diese Menschen nach Palästina kamen, und feststellt, daß die Regierung von verschiedenen Arbeiterschcdulen 8000 Zertifikate auf Kosten illegaler Einwanderer abgezogen hat, ohne eins davon zu benutzen, um den Status von Personen dieser Kategorie zu regulieren. Die Kgl. Konimission habe zwar ihre Legalisierung empfohlen, aber cs sei noch nichts unternommen worden, um diese Empfehlung auszuführen, obwohl die Angelegenheit von äußerster Dringlichkeit ist. Die Jewish Agency steile auf dem Standpunkt, daß die Zeit nunmehr gekommen sei, um die Lage dieser unglücklichen Mensehen endgültig in der von der Kgl. Konimission vorgcschlagenen Weise zu regeln. Die jüdische Hillspolixei Dr. Weizmann verweist ferner auf den andauernden Terror und drückt die Hoffnung aus, daß die Anstrengungen für die Wiederherstellung von Frieden und Sicherheit bis zuletzt fortgesetzt werden. Die jüdische H i 1 f s p o I i z e i habe sich in dieser Zeit als wertvolles und unentbehrliches Eiement im Sicherheitssystem des Landes erwiesen. Zahlreiche Angriffe gegen jüdische Siedlungen konnten nur durch ihre Mitwirkung abgewiesen werden. Die Jewish Agency hoffe, daß die Regierung die notwendigen Erleichterungen fiir die Aufrechterhaltung und Ausbildung der Hilfspolizei ausdehnen werde und daß in allen Sicherheitsformattonen, die in Zukunft errichtet werden sollen, die Juden wirksam vertreten sind. Für Neu-Interpretation des Art. 18 des Mandats Im vorletzten Absalz des Briefes erwähnt Dr. Weizmann die anormale Außenhandelssituation Palästinas, die durch die Beschränkungen des Art. 18 des Mandats entstanden ist. ״Ich erfahre, daß mail keine Abhilfe sieht, sofern nicht die Bedingungen des Art. 18 verbessert werden. Die Jewish Agenev möchte hiermit unterbreiten, daß das Problem von solcher unmittelbaren Dringlichkeit fiir alle Teile des Wirtschaftskörpers Palästinas ist, daß eine autoritative Neu-Interpretation des Art. 18 vom Völkerbund nachgesucht werden müßte, die Palästina instand setzt, seine eigenen Handelsverbindungen mit anderen Ländern zu unterhalten; die Angelegenheit darf nicht vertagt werden, bis eine endgültige Entscheidung hinsichtlich der politischen Zukunft des Landes getroffen ist.“ Ein Appell an die Regierung Der Schluß des Briefe« lautet: ״Zur Zeit der Allfassung dieses Briefes beginnt di« Teihuigskommission ihre Untersiichiingen in Palästina, die nach der Mitteilung des Staats- Sekretärs vom 4. Januar wahrscheinlich viele Monate in Anspruch nehmen werden. Inzwischen ist es von äußerster Dringlichkeit, daß Schritt« zur Förderung der Wirtschaftliehen Erholung und zur Unterstützung der weiteren Ent- Wicklung unternommen werden. Die Jewish Agenev weil), daß es noch Wege und Mittel gibt, durch die die Regierung dem Wirtschaftsleben des Landes zu Hilfe kommen kann. Ich möchte bitten, daß ernsteste Erwägung den Forderungen nach Unterstützung langfristiger Anleihen zuteil wird, die von Pflanzervereinigungen, Landwirten mit Gemischtwirtschaften und Fabrikanten aufgenonimen ־worden sind. Ebenso dringend ist die Erteilung der Erlaubnis an gewisse Stadtverwaltungen, Anleihen für öffentliche Arbeiten aufzulegen. ln diesem Zusammenhang möchte ich besondere Aufmerksamkeit auf die seit langem vorgebraehte Bitte der Stadtverwaltung von Tel A w i w um Erlaubnis der Auflegitng einer größeren Anleihe lenken, die die Kgl. Kommission empfohlen hat. Ich möchte ferner erwähnen, daß das wichtige Werk der Regulierung im H 111 e g e b i e t aufgehalten wird wegen der Weigerung der Regierung, ihre Verpllichtun־ gen in dieser Angelegenheit zu umgrenzen, und möchte die Hoffnung ausdrüeken, daß dieses Hindernis bald beseitigt sein möge. Es gibt noch verschiedene andere Wege, durch die die Regierung dem Wirtschaftsleben wirkliche Hilfe bringen könnte, ohne irgendwelche neuen Lasten der Staatskasse aufzubürden, z. B. durch den Beschluß, neue fiskalisehe Vereinbarungen mit Nachbarländern zu treffen, mul durch den Kauf einheimischer Produkte für Regierungszwecke, wo immer dies möglich ist. Vor allem aber möchte ich noch einmal um die schnelle Beseitigung der Willkürliehen Beschränkungen bitten, die kürzlich der jüdischen Einwanderung auferlegt worden sind. Kerne andere Maßnähme würde so wirkungsvoll zur Wiederbelebung des Vertrauens in die Zukunft des Landes und zur Förderung schöpferischer Initiative beitragen. Dies ist um so mehr unumgänglich angesichts der Not, die weite Teile der jiidi- Befestigtes Lager an der Grenze An der Nordgrenze in der Nahe von Kadesh Naphtali hat eine Abteilung von 4 00 jüdischen Arbeitern ein befestigtes Arbeitslager bezogen, bevor sie ihre Arbeit bei der Errichtung des Dralitzaunes an der Grenze Palästinas aufnehmen. Das Arbeitslager soll nach Vollendung des Zaunes in eine dauernde Siedlung umgewandclt werden. Die Arbeiter umfassen Mitglieder der Allgemeinen Arbeiter- Organisation, der Misrachi-Arbeiter-Organisation und der agudistischen Arbeiter-Organisation sowie eine Gruppe von Juden aus Pekiin, der alten jüdischen Siedlung, aus der die Juden infolge des arabischen Terrors vor einiger Zeit fortziehen mußten, Panzerwagen wurden zum Schutze des Lagers herbeigebracht, das mit einer eigenen Dynamomaschine, mit Schein- Werfern, einer Ambulanz und Acrztcn der Kuppath Cliolim ausgestattet ist. Ein Militärflugzeug wird die Arbeiter täglich zur Arbeit und wieder zurück begleiten. Die Eßvorräte werden aus Haifa für die Lagerbewolincr lierbeigeschafft, die in Kürze auf 1000 Mann verstärkt werden sollen. Die Errichtung des .־ der 85 km lang sei!' und ca. £ 100000 kosten wird, soll in z w e i M o n a t e!1 vollen d e t werden. Vorbereitungen werden für den Bau von acht Pol i z ei gc bau d e n getroffen, die an der Grenze an dem Zaun entlang gebaut werden sollest. Die Kosten für diese Gebäude werden auf £ 50 000 geschlitzt. Kerner sollen die Patrouillen den Jordan entlang verstärkt werden. selten Diaspora im f aule des vergangenen Jahres betroffen hat. Die Einwanderung nach Palästina ist heute fast der einzige Hoffnungsstrahl 1111 Leben Hunderttausender von Juden, die in ihrer Existenz bedroht sind. Die jewish Agency vertraut ernstlich darauf, daß die Mamlatannucht tun wird, was zur Erfüllung dieser Holtuung in ihrer Macht liegt.“ * Das Memorandum Das Memorandum der Jewish Agency an die Mandats- Kommission gibt auf 26 Druckseiten einen eingehenden Ueberbliek über das gesamte Leben Palästinas. Die Zahl der jüdischen Bevölkerung wird für Ende 1937 mit 416 600 (schätzungsweise) angegeben, d. 11. 30,3 0״ der Gesamthevölkerung. Ein I finftel der jüdischen Bevölkerung lebt in 219 landwirtschaftlichen Siedlungen. Der Geburtcnübersciiiiß der Juden beträgt 18.8 pro Tausend. Die Einwanderung 1937 belief sich auf 10536 Personen, darunter 3636 aus Polen und 3601 aus Deutsch-!and. 1275 Personen kamen auf Kapitalistenzertifikat ins Land. Der Bericht erwähnt die Arbeit des Zentralbüros für die Ansiedlung von Juden aus Deutschland, das seit 1933 rund £ 750000 für landwirtschaftliche und städtische Siedlungszwecke ausgegeben hat, und auch 1937 eine umfangreiclic Tätigkeit, insbesondere auch auf dein Gebiete der Jugendalija entfaltet hat. Im Jahre 1937 erwarben die Juden 29367 Dun am Land in Palästina; der gesamte jüdische Bodenbesitz betrug Ende 1937: 1 266 831 Dunain. Der KKL erwarb 1937 ein Gebiet von 13 507 Dunain und hatte am Ende des Jahres 30,5 "0 iles jüdischen Bodenbesitzes zu eigen. Mit Unter- Stützung des Keren Hajeßod wurden 1937 sechzehn neue Siedlungen jnit 1188 Menschen auf 35 110 Dun am Land gegründet. Diese Siedlungen sollen später 1200 Kamilien mit je 2030■ ־ Dunain Boden aufnehinen. Man erfährt ferner aus dem Bericht, daß die vorbereitenden Arbeiten im H ulegebiet fortgesetzt wurden, daß jedoch ein Erfolg nicht erwartet werden kann, ehe nicht gewisse Streitfragen bezüglich der Konzession entschieden sind (vgl. die Bemerkungen im Brief Weizmanns). Die Krise und ihre Auswirkungen Das Memorandum schildert dann ausführlich die Tätigkeit der I :1!1 d w i r t s c 11 a f t 1 i c 11 e n 1 11 s t i t u t i o n e!1: der Versuchsstation in Rcchowoth. des I)anicl-Sieff-Instituts, der verschiedenen Hanken und Kooperativen. Es wird die Ent- Wicklung des Oraugenexports sowie die Beseliäftigungslage in den Pflanzungen dargclegt, wobei sielt hei einer Umfrage Fortschritte des Aufbaus •11IW > -!^יי5ו^ ■*יי-*' Links: Die neue Rassco-Sicdlung S’dot Warhurg, die am t. Juni von Dr. Ruppin feierlich eingeweiht wurde. Die Siedlung liegt an der vor kurzem fertiggeslellten Straße Kfar Saha—Ramat Hakowesch und ist für 40 Familien jüdischer Einwanderer aus Deutschland bestimmt, von denen 15 Familien bereits ihre Häuser bezogen haben und mit der Arbeit begannen. — Rechts: ,Im 22. Mai wurde die neue Schule in Herzlia-Gimmel ״Bet S e / e r Brandei s“ von Ussischkin eröffnet. Das Bild zeigt das Schulgebäude kurz nach der Eröffnungsfeier. Foto■: W«u«r Mich1״ Schw•» tmd B. Weisieuatem, Tel Awiw P i