Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 43 (1938)
- Issue
- Heft 44-45 (3.6.1938)
- Date
- 1938-06-03
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 1 IDISCHP r 11 ki r!«; ־׳ w a 11 Nr. 44/45, 3• VI. 1938 Um die religiöse Problematik Ursachen und Konsequenzen* Von Dr. Max Nu fl bäum Warum unrcliglös? In der einschlägigen Literatur jüdischer und nicht jüdischer Autoren wie in den zahlreichen Diskussionen, die in den letzten Jahren geführt worden sind, erblickte man die säkularisierenden Ursachen in der Mentalität des Menschen der Neuzeit. Man behauptete, daß der Mensch der modernen Welt ungläubig sei und seine Wclterkenntnissc ausschließlich von der Naturwissenschaft und der Mathematik, der Physik und der Chemie her beziehe. Weil er in der Ratio immer noch den Wesensgrund von Welt und Menschheit sehe, glaube er nicht an einen von der Vernunft nicht erfaßbaren, übersinnlichen Plan der Geschichte, und wenn noch eine Spur von Gläubigkeit in seinem Innern vorhanden sei, so sei die- *es Gefühl aufgesogen durch das Kollektivum der modernen Zeit, welches all seine Energien auf sich konzentriere. Die Nichtgläubigkeit oder das Nicht-glaubcn-können des modernen Menschen habe zum heutigen nnreligiöscn, säkularisierten Weltbild geführt. Es bestehe deshalb kaum eine Aussicht, die Situation zu ändern, und die Religion müsse — zumindest für die gegenwärtige Epoche — außerhalb des modernen Weltbildes bleiben. Wir können uns nicht entschließen, dieser These zuzustimmen. Gewiß ist es wahr, daß der Mensch der Neuzeit stolz ist auf die Entdeckungen der Naturwissenschaft und die Errungenschaften der Technik, aber schließlich sind wir in der Zwischenzeit bereits durch eine philosophische Schule des Irrationalismus gegangen und wissen, daß gerade führende Denker der Gegenwart ihren Enttäuschungen über die Natur- Wissenschaft, weiche nicht imstande war, die Rätsel des Le* bens zu lösen, bewußten Ausdruck verliehen. Zugleich hat man erkannt, daß zwischen den Erkenntnissen der Natur- Wissenschaft und der Religion kein prinzipieller Gegensatz besteht. Wenn aber der Mensch der Gegenwart einerseits von den naturwissenschaftlichen Ergebnissen enttäuscht ist, andererseits zwischen diesen Erkenntnissen und denen der Religion gar kein Widerspruch existiert, so kann cs nicht allein am modernen Weltbild des Menschen liegen, wenn er nicht zur Religion gekommen ist. Wir können uns deshalb nicht zu der Ueherzeugung durchringen, daß der heutige Mensch gewissermaßen a priori ungläubig sei. Wer auf diesen Qebieten Erfahrungen mit den Menschen unserer Generation machen konnte, weiß, daß es noch selten eine so gläubige Epoche, eine so glaubensmäßig-bcdingte Zeit gegeben hat, wie die unsrige. Man darf, trotz aller Kritik, die wir a!1 der religiösen Situation der Gegenwart üben, nicht vergessen, daß Tausende von Menschen in den letzten Jahren doch zur Religion gekommen sind, und daß die Svnagogen in Deutschland bis auf den heutigen Tag genau so gefüllt geblieben sind, wie in den ersten Monaten des Jahres 1033 — zum Unterschied von allen Lehrhäusern, deren Zuhörerschar sichtbar kleiner geworden ist. Auch die sogenannte ״Aufgcsogcnlicit durch das Kollektivum“ scheint uns nicht der Wirklichkeit zu entsprechen. Betrachtet man die Entwicklung der letzten Jahre, so wird jeder Unvoreingenommene konstatieren können, daß die Menschen unserer Zeit den Aufstieg von den rein vitalen zu den ideellen Werten unseres Daseins vollzogen haben. Das Bekenntnis vom Individuum zum Kollektivismus ist in jedem Falle ein Fortschritt und ein Erklimmen gewisser höherer Sprossen in der Wertskala menschlicher Existenz. Gewiß bedeutet diese Hinwendung an sich noch nicht eine solche auch zu den religiösen Werten. Aber sie stellt eine Sehnsucht nach besseren und höheren Idealen dar, und es dürfte nicht schwer sein, ■Menschen, die dir Aufgeschlossenheit besitzen, ihren individuellen Rahmen zu sprengen und sich in BRIEFMARKEN M. Ernst Potsdamer Str. 84 den der Gemeinschaft zu stellen, auch noch in den erweiterten Kreis religiöser Werte zu ziehen. Wenn das Schicksal einen Juden dazu bewegt, seinen früheren Standpunkt zu vorlassen, um eine ״Alija“ zum Volkstum?11 machen, so müßte auch die Möglichkeit bestellen, ihn auf die höchste Sprosse jener Leiter führen zu können, die auf Erden steht und im Himmel ihren zentralen Verankerungspunkt besitzt. Wir sind daher der Ueberzcugimg, daß der heutige Mensch — und dies gilt speziell für den jüdischen Menschen — eine besondere Bereitschaft zur Gläubigkeit besitzt, und daß gerade die Konstellation unserer Tage dazu angetan ist. ihn bis an die Quellen der Religion heranzubringen. Wenn das Resultat trotzdem nicht befriedigend ist und das Problem der Religiosität unserer Generation bis auf den heutigen Tag ungelöst blieb, so sind die Ursachen in einem anderen, bisher in der Diskussion völlig unberücksichtigten Faktor zu suchen: ln der Re 11• gion selbst. Leben ist die Kardinalschuld der Religion gewesen, deren Früchte wir heute ernten müssen. Vergegenwärtige man sich, welche Chancen die jüdische Religion in den letzten fünf Jahren hatte, wie sic sic hat vorübergehen lassen, weil sie fürchtete, zu den Ereignissen Stellung nehmen zu müssen und — mit wenigen Ausnahmen — nicht den Mut besaß, die Geschehnisse zu erklären, wie auch den Sinn zu offenbaren, der in jeder historischen Wende von diesem Ausmaß vorhanden sein muß — und man wird die Tragweite einer solchen Unterlassungssünde begreifen. Die jüdische Orthodoxie verharrte in ihrer dogmatischen Abgeschlossenheit und ließ sich auch von dieser neuen Zeitwelle nicht beirren. Der jüdische Liberalismus, der von ganz anderen Voraussetzungen seinen Ursprung nahm, stand den Dingen getrau so ratlos gegenüber, und das Ende war, daß die Menschen sich in letzter Bereitschaft einfanden, das erlösende Wort zu hören, daß aber die Religion sich in allen Sprachen ausgeschwiegen hat. Gewiß ist es unpopulär und menschlich grausam, einer Generation, welche die für unerschütterlich gehaltenen Stationen des Lebens verliert, zu offenbaren, daß all dies ein jüdisches Schicksal sei, sehr bew u ß t von einem Plan der Welt her gelenkt, mit dem großen Ziel, die Ewigkeit des jüdisehen Volkes s i ch e r 7. u s t e 11 e n. Aber gerade diese Antwort auf die Zeit hätte von einem religiösen Zentrum her gegeben werden müssen. und noch etwas Zweites. Neben der Konfrontierung mit dem Leben wichen unsere religiösen Institutionen auch einer solchen mit dem Begriff des ״Volkstums“ aus. Sowohl die Orthodoxie wie auch der Liberalismus haben bis auf den heutigen Tag die letzten Konseq u e n z e n der jüdischen Renaissance noch nicht gezogen, wir reden und schreiben über das ״jüdische Leben“ unserer Tage. Aber wer genau hinsieht, bemerkt, daß das Leben sich immer noch in gewissen Straßen konzentrierter jüdisch-politischer Arbeit, aber nicht in den religiösen Innenbezirken abspielt. Die ungeheure Entwicklung der jüdischen Renaissance wie die volkstumsmäßige Erfasstmg jüdischer Massen in der Gallith werden kaum zur Kenntnis genommen und nur selten verzeichnet. Man hat in führenden Kreisen jüdisch-religiösen Lebens noch nicht die KÜHLSCHRÄNKE auch IR1GIDAIRE NÄHMASCHINEN StNQER u. a. FRANKFURT a. M. BeHhQvamt.rftti« 62 * Tel. 75716 y «ן NÄHM ASCHIN mX UOLDSCHMIDT elementare Wahrheit erkannt, daß es ein jüdischreligiöses Leben ohne den Einbau nationaler Kräfte und ohne ein Einmündeti-Iassen neuer Werte der jüdischen Renaissance nicht geben wird und gar nicht geben kann. Wir leben heute in einer kollektivistischen Zeit, und jeder religiöse Versuch, der — wie die Diskussion der letzten Monate zeigt — immer noch von einem individualistischen Standpunkt ohne jede Berücksichtigung des Kollektivums unternommen wird, ist von vornherein zum Scheitern verurteilt. Dieses Problems des Volkstums betrifft die jüdische Orthodoxie gleichermaßen wie den jüdischen Liberalismus, nur daß die Gefährlichkeit der Situation bei beiden eine graduelle Verschiedenheit aufweist. Die Orthodoxie ist kein Problem. Sie ist eine Tatsache. Sie ist dogmatisch normiert und wird das Lehen in ihrem kleinen, aber geschlossenen Kreise weiterzuführen wissen. Wenn aber der jüdische Liberalismus nicht den Sprung von seiner synagogalen Abgeschiedenheit in das Leben und von seinem individualistischen Ausgangspunkt in das Kollektivum wagt, wird er eines Tages als leer gewordene Fassade sang- und klanglos zusammensinken. Wir glauben an eine Zukunft der jüdischen Religion — aber dazu muß sie sich dem Leben im allgemeinen und dem Volkstum im speziellen ״stellen“. Zieht man die Tatsache in Betracht, daß in der bisherigen Entwicklung kollektivistische Epochen aus sich heraus immer Religion erzeugten und daß individualistische zugleich unreligiös waren, so wird man sagen müssen, daß die Beziehung zwischen Religion und Kollektivum in der Geschichte einer gewissen Gesetzlichkeit unterliegt. Es kann unmöglich etwas Zufälliges sein, daß die Epochen der Renaissance, der Aufklärung und des Liberalismus mit ihrer individualistischen Einstellung zugleich areligiös waren und daß die Romantik auch eine Annäherung an die Religion erstrebte und ein religiöses Weltbild entworfen hat. Deshalb glauben wir auch, daß das Untertauchen des Individuums im Kollektivum den Weg nach oben erst recht eröffnet. Denn auch zur kollektivistischen Einstellung eines Menschen gehört ein starker Glaube. Erklärt man einem solchen Juden in seiner Sprache und von seiner Ebene her, daß alle Geschehnisse der Geschichte einem bewußten Plan eines höheren Wesens entsprechen, so wird man ihn ohne Schwierigkeiten von seiner auf das Volkstum glaubensmäßig bezogenen Situation bis hinauf zu Gott führen können. Die Ursachen des heutigen, auch innerhalb des Judentums säkularisierten Weltbildes sind also nicht ausschließlich heim Menschen, sondern auch bei der ״Religion“ zu suchen. Werden sich die führenden Männer des religiösen Lebens zu diesem Schritt entschließen, ihren Rhythmus mehr dem leben der Welt und dem des jüdischen Volkes anzupassen, so wird es eine religiöse Renaissance geben. Man darf aber dann keine Halbheiten begehen und seine Ohren nicht vor dem Ruf unserer Menschen, und besonders unserer Jugend verschließen, der einen Schrei nach autoritativen Bindungen bedeutet. Wenn Menschen zu uns kom* men, weil sie anfangen wollen, ein jüdisches Leben auch im religiösen Sinne zu führen, sagen wir ihnen gewöhnlich: ״Fange an — ganz gleich wo und sieh zu, wie weit du mit dem Auf-dich-nehmen der Gebote kommst.“ — Dies ist eine Antwort fiir den Anfänger. Sie bedeutet kein abgeschlossencs Programm. Wir gestehen offen, daß wir an* dcrerscits nicht imstande sind, unseren heutigen Menschen, und besonders unserer Jugend, die 613 Gebote und Verbote des Schulchan Aruch aufzubürden. Der völlig!!«dogmatische und den Menschen an nichts bindende religiöse Liberalismus aber redet unseren Menschen heute genau so wenig an und gibt seiner Bequemlichkeit zuviel Nahrung. Wir er* heben deshalb die Forderung nach einem uns adäquaten, von den klassischen Linien der Tradition und dem konkreten jüdischen Lebensinhalt her zu bestimmenden ״neuen Schulchan Aruc h“. Dazu gehört von beiden Seiten ein ungeheurer Mut — aber kein größerer, als ihn unsere alten Lehrer in kritischen Zeiten der Geschichte immer aufgebracht hanen, wenn sie die Religion vor den Ueber* Hutungen des Lebens schützen wollten. Die Orthodoxie müßte sich in einer Stunde der Gefahr zur Auflockerung ihres dogmatisch-normierten Gebäudes ent* schließen und der Liberalismus zum Auf-sich-nehmcn ge* wisser klassisch-substanzieller Pflichten und Gebote. (Dienemann hat einen solchen Versuch bereits gewagt.) Die Jugend sehnt sich nach Bedungen, der Mensch unserer Tage sucht einen Halt. Soll man ihm diesen Stützpunkt verwehren, weil sich zwei Richtungen im Judentum nicht zu einem außergewöhnliehen Schritt entschließen können? Die Stunde ist ernst. Noch ist es nicht zu spät. Und man vergesse den Satz unserer Weisen nicht: ״Versäume nicht das Gebot, das die Stunde dir zuträgt.“ ... Die religiöse Problematik Pnlöstinns Dieser Aufsatz darf nicht schließen, ohne einen Blick aut die religiöse Problematik des heutigen Palästina zu werfen. Die Frage ist hier insofern_ eine andere, als wir in Erez Israel vor einer Verwirk* lichung unserer jüdischen ' Renaissance stehen. Werden wir in Palästina trotz des heute noch säkularisierten Weltbilde* zu einer national-religiösen Haltung wiederfinden? in den Ländern der Zerstreuung kann der einzelne Jude einer etwaigen Entscheidung bei der Beantwortung dieser Frage leicht aus dem Wege gehen, da er sich in Anonymität und Unbetciligtlicit hüllen kann. Anders in einem zukünftigen Judenstaat in Palästina. Hier wird man offen und ehrlich die offizielle Antwort zu geben haben. Ob die Rejigiosität im kommenden Judenstaat eine dogmatische oder eine freie sein wird, ist dabei eine Frage zweiter Ordnung. Wichtig aber ist die Forderung nach dem religiösen ״Ueberbau“ unseres zionistischen Gerüstes. Der Zionismus, der — wie viele andere jüdische Bewegungen der Neuzeit — der Konfrontierung mit der Religion ausgewichen war und sich dieser Frage verschlossen hatte, muß jetzt zu diesem brennenden Problem das Wort ergreifen. Es ist historisch einfach undenkbar, daß die neue palästinensische Generation nicht mehr die FähigUDt besitzen soll, zu iener religiösnationalen Totalität zu gelangen, die substanziell im jüdischen Volks-ich verankert ist. Es ist für einen religiösen Menschen unvorstellbar, daß unsere chaluzische Jugend den Himmel über die Erde vergißt, und daß die schwere Arbeit auf dein eigenen Boden ihren Blick von den Sternen alnveiulcn soll. Palästina ist das große historische Experiment, anläßlich dessen das jüdische Volk sich sowohl dem Leben, als auch dem Kollektivum in neuer Opferbereitschatt gegenübergcstellt sieht. Die Voraussetzungen sind also gegeben, und der Weg zur Religiosität müßte geebnet werden. Eine solche Chance, wie sie die jüdische Religion in dieser Zeit in Palästina hat, dürfte sie bisher in der 2000jährigen Geschichte jüdischer Galuth noch nicht besessen haben. Denn erstmalig hat sic wieder die Möglichkeit, ihren Schritt dem Rhythmus des jüdischen Lebens und dem Takt des neu erwachten Volkstums anzupassen. Sie kann das Leben wieder gestalten und unsere Jugend wieder formen, wenn sie — auch hier eine Frage des ״Wie“ — den richtigen Weg einschlägt und unsere Menschen in ihrer Sprache wirklich anredet. Wir glauben, daß es noch nie eine Zeit gegeben hat, in der die Bibel unserem Volk wieder soviel zu sagen hätte, wie in diesen Jahren des Auf haus, Aber auch dies ist eine Frage des ״Wie“, und die Lehrtätigkeit Bubers auf dem Skopusberge kann auch hier neue Wege zeigen. Die beiden Pfeiler unserer national-religiösen Totalität, die unsere Existenz durch Jahrhunderte getragen haben, müssen in ihrer Ganzheit wieder zueinander gebracht werden. Es wird kein glückliches jüdisches Leben geben ohne die Durchdringung mit ethisch-religiösen Werten unserer Tradition unef umgekehrt nie eine religiöse Weltanschauung, die den Anspruch erhebt, das Leben führend zu formen, ohne die Einbeziehung des doppelten Rhythmus von weltlichem Leben und jüdischem Volkstum. Religion und Leben Um von vornlurrMi jedes Mißverständnis auszuschlicßen, sei hier ausdrücklich bemerkt, daß die Religion diejenige geistige Disziplin im menschlichen Leben ist, die zu allen Zeiten, besonders aber in Epochen einer historischen Wende, dem Menschen am meisten zu sagen hat. Aber nicht das ״Was“ steht hier zur Diskussion, sondern das ״Wie“. Auf diesem Gebiete sind allerdings von seiten der ״Religion“ hier unverzeihliche Fehler gemacht worden. In der modernen Theologie ist gesagt worden, daß der heutige Mensch wenig ״Unruhe zu Gott“ besitze. Es ist aber übersehen worden, daß die Religion in der modernen Zeit wenig Unruhe zum Leben besaß. Wenn der Mensch unserer Tage, enttäuscht von den philosophischcn Erkenntnissen und den mathematischen Resultaten, in die Welt der Religion flüchtet, um dort Ruhe zu finden, das Statische vom Dynamischen, das Substanzielle vom Attributhaften unterscheiden zu lernen, so trifft er nicht auf eine einheitliche, geschlossene Welt, die ihm eine Antwort auf die Geschehnisse der Zeit gibt, sondern auf eine in mehrere Schattierungen gespaltene, irrationale Sphäre, welche zu ihm in einem anticiuicrt-liturgischen Stil redet, kaum zu seinem Herzen vorstößt und ihn wesensmäßig nicht anspricht. Es ist ein nicht entschuldbarer Fehler der Religion, daß sie nur solange Schritt mit dem Leben gehalten hat, als sie es selbst beherrschen und formen konnte» wie etwa im Mittelalter, aber in der modernen Zeit, wo das Leben sich selbständig machte, hinterherhinkte und seine Erscheinungen nicht erklärte. Dieses Ausweichen vor der Konfrontierung mit dem *) Siehe den Aufsatz in Nr. 36. Vgl. ferner den Aufsatz von Schalom Ben-Chorin: ״Die Frage nach der Wahrheit“ im Palästina-Blatt (Seite 15) der heutigen Nummer. 1111111111111111111111111111111M11H1n111111111111111111111!111H111111111111111111111111111111111n11111111111111111u11M1111111111111!n111111111111111111111111111111n11m1n1111111111n11mn1111n11111111111nmnnn1H1111nn1!1111111n1n1111111111111Hn1111111n1111111u11111111111111H111111111111111n111m Jüdische Ethik Der Oberrabbiner von Kopenhagen hat in den letzten Jahren eine sehr wertvolle Arbeit geleistet 1m Dienste der Belehrung über jüdische Dinge. Sein neues Werk (M. Friediger: Grundtrock af Jodedotnmens Etik (Grundzüge der Ethik des Judentums], dänisch. —- G. E. C. Gads Forlag, Kdbenhavn 1938) leitet er mit einem Worte von Rabbi M. Ch. Luzatto ein, wonach er nichts Neues lehren, IFESTft strample, strioüum 1 wasche, Hanöscmifie / Bin.-letiBnibg. I Brunswsldstr. 56 9 ».8»y. PI. r«l. TU* 11 I sondern nur das allzu oft und allzu kicht Vergessene in Erinnerung bringen will. In straffer und konzenfrierter Form behandelt er das Wesentlichste aus dem Gebiete der jüdischen Sittenlehre und ihrer Quellen, zeigt das jüdische Ideal des Monotheismus und der Einheit der Menschheit auf, wie auch die sich daraus ergebenden Verhaltung*- weisen der Liebe und des Friedens. Gerechtigkeit an alle, Respekt vor der menschlichen Ehre, Bescheidenheit im eigenen Auftreten, diese ewigen Forderungen erfahren eine knappe Formulierung. Eine etwas ausführlichere Darstellung ist der jüdischen Sozialethik gewidmet, der Fremdengesefzgeoung, der Bewertung von Arbeiter und Arbeit und den jüdischen Formen der sozialen Fürsorge. Die jüdische Handelsmoral wird behandelt unter besonderer Berücksichtigtin g des Zinsen problems, der jüdische Eid unter dem Aspekt der Heiligung oder Entheiligung des / göttlichen Namens, die Familie mit dem Problem der Sexualethik. Friedigere Buch ist nicht polemisch. Fn scWkhter Sachlichkrit trägt es vor und dokumentiert seine Darlegungen mit •Belegen aus dem jüdischen Schrifttum von der ältesten bis zur jüngsten Zeit. Es ist keine Künstelei oder Willkür, wenn wir in diesem Zusammenhänge ein anderes Buch anzuzeigen wünschen, das mit dem vorhergenannten und seinem Inhalt scheinbar wenig zu tun hat. (O. Kon: Maadanej Melccli, hebräisch [Gedanken und Betrachtungen zum Buche ״Mischle“]. — Selbst- Verlag des Verfassers, Lodz 1938.) ״Maadanej - Melech“ (Königliche Oeniisse) ist sein Name und in seiner prachtvollen Ausstattung bietet es sich schon rein äußerlieh als ein Genuß dar. Der Inhalt ist nicht weniger überraschend. Der Autor ist nicht etwa ein amerikanischer Rabbiner, sondern ein jüdischer Industrieller aus Lodz. Quer über das Titelblatt geht ein Textstreifen: ״Der Erlös des Buches ist der Erlösung des Bodens in unserm Lande durch den Keren Kajemeth Lejisrael gewidmet.“ Aus dem Meere von Talmud una Midrasch, aus dem Reichtum der aggaxiischen Literatur sind hier Perlen gesammelt und vereint zu einem Mischlekommentar. Nicht zuletzt hat der Autor aus den Erfahrungen des eigenen Lebens geschöpft und gelernt, die Spruehweisheit Salomos uns in überraschende Lebensnahe zu rücken. — Es ist nur eine Auswahl, die so gedeutet ist, aber keine zufällige Auswahl. Man fühlt, daß dem Autor daran lag, sich insbesondere auf den Spuren der Ethik des königlieben Dichters zu bewegen und soziale Gedanken modernster Art aus den alten Lehrsätzen herauszulesen. Hillel Zeitlin hat dem in flüssigem Hebräisch geschriebenen Werk eine interessante Einleitung vorangestellt, eine warme Huldigung für einen ״königlichen Kaufmann“. Menschlieh ergreifend ist das Vorwort des Autors, der davon berichtet, wie er vom orthodoxen Judentum ausging, dann zum Europier wurde und schließlich unter dem Einfluß des Zionismus wieder zum ludentum zurückkehrte. Rabb. ן u 1 i 11 s Samuel, Oslo