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Jüdische Rundschau · 1938-05-27 · Heft 42 (27.5.1938) · page 9

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
43 (1938)
Issue
Heft 42 (27.5.1938)
Date
1938-05-27
Page
– (sequence 9)
Language
German
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י JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 42, 27. MAI 1938 Rückblick auf Palästina RW. An Bord der ״(Jerusalem m e“, 20. Mai ״Ein Winken, nicht mehr ganz auf dich bezogen, ein leises Weiterwinken ,.Die Lichter auf dem Karmel sind noch sichtbar, der Scheinwerfer vom Karmeliter-Kloster streichelt mit seinem Lichtkegel die dunkeln Wellen, das Gebäude der Ruthenberg-Station ist in breiter Front angestrahlt, hebt sich stolz ab von dem schwarzen Hintergrund der Nacht, wie ein alter Palazzo, gebieterisch über dem kleinen Privathafen Ruthenbergs, der da in aller Stille entstanden ist; immer weiter zurück schwindet die Küste, wir fahren westwärts. Die ״Gerusalemme“ ist vielen Palästinareisenden bekannt; man begrüßt sie wie einen alten, zuverlässigen Freund. Dieses Schiff der ״Adriatica“ (früher Lloyd Triestino) trägt den Namen Jerusalem, cs symbolisiert die Verbindung der Außenwelt mit der Heiligen Stadt, das kann einen Uebergang Herstellen ans der Sphäre Jerusalems in die Europas. Die bunte Schar der Fahrgäste erinnert auch in ihrer Zusammensetzung an Jerusalem; viele Nationen und vor allem Religionen sind vertreten, christliche geistliche Würdenträger im Ornat (darunter der ehrwürdige Kardinal von Antiochia), orthodoxe Juden (für die koschere Verpflegung bereitstellt), Araber, Engländer, Juden verschiedenartiger Herkunft. Man hört englisch und französisch, arabisch und hebräisch, deutsch und italienisch. Palästinenser, die ins Ausland fahren und jüdische Touristen, die ihre Angehörigen in Palästina oder einfach das Land besucht haben, aber auch einzelne Auswanderer sind dabei, die Palästina den Rücken kehren, um anderswo (meist in Amerika) ihr Glück zu versuchen. Eine solche Rückwanderung oder .Weiterwanderung ist in manchen Fällen bedauerlich, aber sie ist kein Argument gegen Palästina. Es ist sozusagen eine ״normale“ Erscheinung; noch nie hat es Einwandcrungsländer gegeben, die nicht einen gewissen Prozentsatz von Einwanderern nach einiger Zeit wieder abgestoßen hätten, denn Einwanderung ist ein Experiment, dessen Gelingen von vielen Faktoren abhängt, oft auch von irrationalen Komponenten, und niemand kann sich wundern, daß in manchen Fällen das Experiment mißlingt. In Palästina ist der Prozentsatz der Rückwanderung viel geringer als in anderen solchen Ländern, besonders wenn man berücksichtigt, daß das Land jetzt in einer andauernden wirtschaftlichen Depression steht. Die ״Gerusalemme“ fährt in die klare w׳arme Mondnacht über spiegelglattes Meer. Allmählich wird es still. Die Gedanken schweifen zurück in das Land. Wenige Stunden vor der Abreise noch haben wir bei Haifa die Siedlung Schawe Zion besucht, deren Gründung wir vor einigen Wochen miterlebten. Die Juden aus Rex in gen (Württemberg) haben sich dort inzwischen eingelebt. Die Baracken wurden mit allem Notwendigen ausgestattet, der Motor (ein Stolz der Siedlung) läuft, man hat schon Hühner, man begann zu säen und Gemüse zu pflanzen, auch die endgültige Straße, die das neue Dorf mit der Chaussee Akko—Beirut verbinden wird, ist schon weit gediehen; bei diesem Straßenbau arbeiten die Rcxinger zusammen mit den geübten Arbeitem des Solelboneh, und manche von ihnen schaffen erstaunlich viel. Es ist ein Menschenschlag, der zur Arbeit geeignet ist, das zeigt sich jetzt schon, und sie arbeiten gern, fühlen sich ־zufrieden und beobachten mit Genugtuung das Wachstum des neuen Ortes. Dies ist ja in aller Not immer wieder das Tröstliche: Neues wachsen und werden zu sehen. Die Menschen aus Rexingen haben einen ausgesprochenen Arbeits-Stolz, und sie glauben an sich selbst. Besonders interessant sind hier die gesellschaftlichen Probleme, die jetzt viel diskutiert werden. Man sollte meinen, daß solche Menschen Individualisten sind, aber es ist nicht so, sie bejahen die Genieinschaftsform der Siedlung, und nur in Einzel fragen, z. B. bei der Festsetzung der Wohnrätime nach Kopfzahl und Bedürfnis, ergeben sich Oesiclitspunkte, die Beratungen nötig machen. Man verläßt dieses Schawe Zion, die letzte in Palästina besuchte Siedhing, mit Vertrauen für die Zukunft, und die Rcxinger geben Grüße mit an alle Freunde und Bekannten in Deutschland, vor allem auch an die Menschen und Instanzen, die ihnen bei Ausführung ihres Planes geholfen haben. * Letzter Tag in Palästina — Fahrt nach Haifa — morgens noch Abschied am Auto in Tel Aviv — mehrere Koopvrativen, davon einige mit starker Beteiligung von Juden aus Deutschland, besorgen den regelmäßigen Verkehr, jede Viertel- bis eine halbe Stunde sendet jede von ihnen ein Auto mit 5 6 Reisenden, dazu die Att'obu se für Nah- und l ernverkehr — die Straße ist dicht befahren, stellenweise dem starken Verkehr kaum gewachsen — diese neue Hauptstraße, in Eile fertiggestellt und an vielen Stellen schon etwas uneben, der Ausbesserung bedürf ig,!!•ul es wird auch dauernd daran gearbeitet — unvorstellbar heute, daß sie nicht da wäre, diese Verkehrsader des westlichen Paläs.ina, des jüdischen Siedlungsgebietes. Infolge der pol irischen Verhältnisse und der Unsicherheit fahren Juden auch von Jcru- Erntearbeit in Ramath Itakoivesch (Jüdische Jungen aus 1$ Königsberg L Pr.) lifij salem nicht mehr den kurzen Weg über Nablus, sondern über Tel Aviv sowohl nach Haifa, als auch ins Emek, das ist ein beträchtlicher Ihnweg und Zeitverlust, und man muß hoffen, daß sich das wieder ändern und dann auch die Straße Tel Aviv—Haifa entlastet werden wird. Man durchquert vor der Abreise das dicht bevölkerte jüdische Gebiet, eine Kette von Dörfern reiht sich aneinander, rechts und links arbeiten Menschen auf den Feldern, die Ernte wird eingefahren, es ist ein herrlicher kühler Sonnentag, das Wetter ist in diesem Jahr besonders hold; so kann man sich der Betrachtung hingeben und dazu wohl auch manchen Gedanken, und nun, auf unserer ״Gcrusalemme“, zieht dies alles in der Erinnerung nochmals vorüber, Bilder des Scharon, jüdische Bauern und Bäuerinnen, viel arbeitende Jugend, da und dort wohl auch eine gemischte Gruppe von Juden und Arabern in friedlichem Gespräch; links am Meer weiß Landschaft in der Küstenebene ig -r~ man den Strand von H c r 11 i a, noch unentwickelt, aber dieses schon 5000 Einwohner (viele ans Deutschland) zahlende Dorf- Städtchen dehnt sich zum Meer und wird seinen Badestrand habe״; und weiter saust das Auto, das Eierdorf Ramot Haschawiin liegt hinter uns, rechts und links sind Wassertürme sichtbar, Wahrzeichen neuer Punkte; und dort links liegt jetzt N a t h a n i a, mit seinem (von der Straße nicht sichtbaren) herrlichen Strand mit;.einer sandigen Steilküste. Man durchfährt noch einmal C 11 e d c r;1, von Wald umgeben, dem ältesten und größten des Landes, das ausgedehnte Dorf P a r d e s s - C h a n 11 a mit seiner neuen, von Dr. Biram geleiteten und sehr gerühmten ];iiidwirisehaitlicheii ,Mittelschule, Halts, Anlage und Betrieb gewinnen den Besucher auf den ersten Blick; dann Bett ja tu ina, ein stattliches Dorf geworden, schon sieht man die Berge von Sichron jaakow (jetzt für f־.rh״l!111gsuchemle besonders attraktiv durch das Reform-Sanatorium von Frau Dora Schwär/); Dorf und Ruine Atlit treten hervor, ein be.mtm.lers romantischer und angenehmer Badeplatz neben der alten Kreuzfahrer-Burg, Lieblingspiatz des ״alten" High (lommissioners Wauchope, — ja, W a n c h 0 ק e, denkt man da, wie p 0 ק u I ä r ist dieser Mann im Latide, viele Anekdoten werden von ihm erzählt, Zeugnisse seiner holten menschlichen und seelischen Qualitäten — auch dieses Kapitel ist nun vorbei, möchte doch, so denkt man ganz ״unpolitisch“, etwas von dem Wollen und der Noblesse dieses Mannes im palästinensischen Leben Wurzel geschlagen Italien. Das Auto — im Gedenken — rast weiter, schon ist der Karmel da, der liebreizende Hügel- 7.11g, Einfahrt in Haifa, neue Straßen, der großartige Prospekt des Kingsway am Hafen; — Freunde, von denen man sich heute verabschieden muß, noch schnell ein letzter Blick und das schlechte Gewissen, viel versäumt, viele Menschen und Dinge nicht gesehen zu haben. Und dann, weiter oben im Norden, bei Akko, eine lange Kolonne Militär, motorisierte Abteilung, die von der Grenze zuriiekkehrt. Militärische Patrouillen und kleine Panzerautos gehören ja überhaupt heute zum Bild des Landes. Beim Reisen bekommt man den Eindruck, daß die Bewachung der Straßen jetzt wirks a m ist. Zwar passiert immer da und dort etwas, aber niemand weiß, wie es ohne diese dauernde Militärbewachung wäre. Im Grunde reist man ja heute unbedenklich, mit Ausnahme einiger Gegenden, um die man einen Bogen macht. Der neue britische Militärbcfehlshaber, General Henning, so hört man, ist sehr aktiv und energisch, und auch Sir Charles Teggart, der Polizei-Experte, soll gut gearbeitet haben. Manche sagen, daß sein System, die Araber stärker zum Polizeidienst hcran/.uzichen, zweischneidig sei, aber das Wiederaufleben der seinerzeit von Herbert Samuel begründeten gemischten ״Elite-Polizei“ im Norden hat sich Schawe Zion nach fünf Wochen 4׳■# •יי V 8»*־ SMSi'&h is י :־• . *,*י• .׳*•# *•fl; ‘ % Das von Juden aus Rcxingen (Wiirtl.) am 13. April bei Akko gegründete Dorj (vgl. ״Jüd. Rundschau“ Nr. 32) ist inzwischen eine rege Arbeitsstätte geworden. Unsere Bilder zeigen: 1. Rexingcr bei der Errichtung eines 7 ores. 2. Die Rexingcr kommen von der Arbeit amKwisch heim. 3. Fütterung der Hühner. 4. Der Thorasehrein vor der Baracke, die als Betraum dient. 5. Der Wächter zu Pferde kehrt heim. Fotos: R. Weltsch י

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