Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 43 (1938)
- Issue
- Heft 40 (20.5.1938)
- Date
- 1938-05-20
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 40, 20. MAI 1938 Brückenbau in der Wüste Sinai Wohnungsverhältnisse Von unserem palästinensischen Korrespondenten gl. Tel Aviv, 10. Mai Das Wirtschaftsinstitut der Jcwish Agency in Jerusalem, das seit mehreren Jahren unter dem Vorsitz von Dr. R u p ־ pin arbeitet, hat es verstanden, eine Reihe von hervorragenden Wirtschaftlern zur Mitarbeit heranzu/ichen und bemüht sich, für die praktische Arbeit im Lande die Wissenschaftliehen Grundlagen zu liefern. Die große ()Öffentlichkeit ist über die sehr wichtige Arbeit, die hier im Institut unternommen. wird, nur oberflächlich orientiert. Denn die einzige periodische Publikation, die erscheint, ist ein Bu!b*׳n, das für den Experten gedacht ist und dem Durchsrh itt;- lese!־ daher nur wenig zu sagen hat. Einzelne Arbeiten uer Institutsmitglieder sind gelegentlich in Zeitschriften erschicnen. Von um so größerem Interesse ist eine Buchpublikation, die jetzt vorliegt und sich mit einem der Zentral- Probleme der Palästina-Wirtschaft, den Wolinungs- Verhältnissen und dem Wohnungsbau, befallt. Der Band, der englisch und hebräisch vorliegen wird, englisch unter dem Titel ״Housing in Jewish Paicstine“, umfaßt Beiträge von Fritz N a p h t a 1 i, Dr. Ina Britschgi- Schimmer! Ludwig N e u m a n n, Leo Kauiman n, Ernst Lehmann, Richard Kaufmann, Alfred Bonne und Ernst Ka li n. Um eine kritische Bemerkung vorauszuschicken: Die englische Sprache des Buches läßt leider viel zu wünsehen übrig und die Korrekturen sind so nachlässig gemacht, daß sie dem ersten Eindruck sehr schaden. Das ist um so mehr zu bedauern, als gerade dieser Band besonders gceignet ist, das Interesse von Nichtpalästinensern zu erwecken. Sieht man jedoch von Sprache und Korrekturfehiern ab, so finden wir eine Sammelsclirift von ungewöhnlicher Eindringlichkeit. Eine Reihe von Aufsätzen gibt einen Ueherblick über die bestehenden Verhältnisse: Ludwig Nctimann liefert eine zum Teil kritisch gehaltene Darstellung der Wohnungsvcrhältnisse in der Haifa-Bay, wo sich die großen Stadtrandsiedlungen konzentrieren. Leo Kaufmann ergänzt dieses Bild durch einen Bericht über die Arbeiten der “S c 11 i k u n“ - G e s e 11 s c h a f t, die sich seit Jahren um den Wohnungsbau für Arbeiter und Angestellte bemüht. Richard Kaufmann entwickelt seine Ideen über die Pian u n g landwirtschaftlicher S i e d 1 u n g e n und erläutert sie an Beispielen. Die Aufsätze von Bonne und Lehmann behandeln die Fragen des Kredits und die Bodenpreise. Von besonderem Interesse ist die ausführliche Arbeit von Ina Britschgi-Scliimmer über die Slums von Jerusalem, Hier wird ziemlich zum ersten Male in einen Sektor der jüdischen städtischen Siedlung hineindichtet, der ׳’■lr wenigen, vor allem den Sozialarbeitern der Haup s adf, näher' bekannt ist. Die Wohnver- Briefmarken * Fritz Lewin I ntznwstr 91 ft hältnisse in den Elendsvierteln werden anschaulich geschildert, zugleich erhalten wir eine Ucbcrsicht, wie die Mensehen in diesen vernachlässigten Blocks leben und arbeiten, es gibt Seitenblicke auf die Schulfrage und medizinische Hilfe — kurz, es wird hier ein Kapitel aufgerollt, daß seit langem die stärkste Aufmerksamkeit unserer sozialen Institutionen hätte erwecken müssen, während nur auf beschränkten Gebieten — Schulfürsorge, ärztliche Hilfe —, nicht aber im Wohnungswesen bisher eingegriffen worden ist. Man vermißt in diesem Ueberblick über die bestehenden Verhältnisse ähnliche Darstellungen aus den übrigen Städten — auch Tel Aviv hat ja leider so manche Slums, ohne daß die große (")Öffentlichkeit viel davon weiß—, aber es genügt das Schulbeispiel von Jerusalem, um zu beweisen, daß die Wohnungsfrage an vielen Stellen zu einer Frage geworden ist, die dringende Behandlung erfordert. Wie man zu einer Lösung gelangen kann, damit beschäftigen sich die Aufsätze am Ende des Bandes. Ernst Kahn und Naphtali untersuchen die ökonomischen und finanziellen Vorbedingungen für billigere Mieten, Ernst Kahn und Ludwig N'eumann befassen sich mit Vorschlägen organisierten Wohnungsbaus. Daß auch die vorher genannten mehr deskriptiven Artikel Vorschläge für Reformen enthalten, sei nebenbei bemerkt. Die hier gegebene Zusammenfassung der Autoren und Themen ist nicht als Inhaltsangabe gedacht. Denn es ist notwendig, dal! dieses Buch vom Publikum gelesen und ven allen, die mit Wohnungsfragen zu tun haben, griindlieh studiert wird. Aus der Kenntnis der bestehenden Zustände und aus der Diskussion der Rcforinvorschlägc muß sich ein öffentliches Interesse bilden, das für ein aktives Eingreifen die Voraussetzung ist. Das Bild, das sich dem Leser des Buches entrollt, hinterläßt als Bauinspektion in der Wüste. Mit Freude nahm ich den Auftrag meiner Behörde auf, die Ausführung von Eisenbeton- Konstruklioncn an den Widerlagern der großen Brücke in der Oase El-Arisch zu beaufsichtigen. Durch das mächtige Steingeröll, das die Fluten des El-Ariscli-f lusscs in dem etwa 160 m bteiten Stornbett vor der Mündung ins Mit e'meer von den Bergen im Inneren der Halbinsel Sinai in jedem Winter Palmenoase El-Arisch, zwischen dem Mittelländischen Muer und der Ortschaft gleichen Namens iot״!: in 1.״״r *Ti MA ־ 1?« mit sich führen, war im November 1937 in der alten Mauer zwischen Brückcnlager und Flügeinmuer ein klaffender Riß entstanden, der sofortige Neuberechnungen und Neuarbeiten erforderlich machte. Einige Daten im voraus: Die gesamte Sinai-Halbinsel ist mit zirka 28 500 qm um etwa 10 "0 größer als Palästina; der Südteil, stark gebirgig, mit Bergen bis über 2000 m hoch, ragt zwischen den Meerbusen von Suez und Akaba spitz, in das Rote Meer. Politisch gehört die Halbinsel seit dem Ende des vorigen Jahrhunderts zu Aegypten, von diesem durch den Suczkanal und das Rote Meer getrennt, die beide geographisch die Scheide zwischen Asien und Afrika darsteilen. Nach Palästina gibt es dagegen keine Grenze von Natur, sie wird vielmehr durch einen ziemlich geradlinigen Kartenstrich von Rafa am Mittclmeer nach Akaba am Roten Meer ersetzt. Daraus erklären sich auch die mannigfachen Verbundenheiten zwischen den beiden Gebieten, die man schon nach kurzem Verweilen in der Wüste gewahr wird. Zum Beispiel wird in El-Arisch, das zirka 50 km hinter der Grenze und am Mittelmeer liegt und mit einigen tausend Einwohnern die größte Ortschaft des Wüstengebietes darstellt, das palästinensische Geld so bereitwillig wie das ägyptische Geld bei Einkäufen aut dem Markt und in den Läden genommen: als ich in der Umgebung Anfang April einige Dörfer besuchte, waren viele Haustüren geschlossen und die Einwohner fortgezogen. Meine verwunderte Frage beantwortete eine alte Frau, die zur Hütung der Kinder in einem Gehöft zurückgelassen war, dahin, daß die ganze arbeitende Bevölkerung auf der Wandcrschaff nach dem benachbarten Palästina sei, um an Feld- und Erntearbeiten zu helfen. Man wandert einige Wochen lang, zirka 100 — 150 km weit, samt Kamelen, Hunden, Eseln und vielen Habseligkeiten, tim dann nach 3—1 Monaten ins Heimatdorf zurückzukehren; Wanderarbeiter, die von Pässen und Kautionen, von Anträgen und Konsulatsbesuchen nichts wissen. Zu dem Konnex trägt weiterhin bei, daß die für die Wüste kulturell wichtige Eisenbahn Rafa—Kantara, ein Zweig der großen Verbindung Haifa (Jerusalem, Tel Aviv)—Kairo (Port Said, Alexandria), von den 191b aus Aegypten vorrückenden Engländern gebaut, zur F.isenbahndirektion I.ydda in Palästina gehört. Von hier aus werden auch die beschwerzentralen Eindruck: So darf cs nicht bleiben. Es ist schlimm genug, daß man die anfänglichen Mißstände überliaupt so weit hat sich entwickeln lassen. Und bei den praktischen Vorschlägen, die für eine Reform gemacht werden, wird jenes Axiom besonders deutlich, daß allen Kennern der Wohnungsfragen in Pa'äsima geläufig ist, daß nämlich eine Besserung nur durch das Eingreifen ö f f e 111 - lieber Stellen mit Hilfe ö f f e n 11 i c 11 e r Mittel zu erreichen ist. fn einem modernen Staat würde man in diesem Zusammenhänge i:1 erster Reihe an die Regie«- rung denken, aber die bisherigen Erfahrungen mit der Mandatsregierung geben in dieser Richtung wenig Hoffnung. Es bleiben also die öffentlichen jüdischen Stellen, von denen man die Initiative und die Konzentrierung der nötigen« Gelder wird erwarten und verlangen müssen. Geschieht das nicht, so bleibt das Uebel bestehen und frißt sich tiefer liehen Unterhaltungsarbeiten an der zirka 200 km langen Bahnstrecke, ferner seit einer Reihe von Jahren wichtige Korrekturen und Verkürzungen der Linienführung mit Ein- Schaltung von Uebergangskurven zwischen Geraden und Kreisbögen sowie Abflachung der letzteren zur Steigerung von Schnelligkeit und Sicherheit geleitet, da naturgemäß in der Kriegszeit die Tracierung nicht immer unter Innehaltung der letzten Gesetze der Eiserihnlintechnik vor sich gehen konnte. Schließlich sei in diesem Zusammenhang betont, daß für die Reisenden von Palästina nach Aegypten und umgekehrt die Zollrevision nicht in der Grenzstadt Rafa, sondern in Kantara am Suezkanal stattfindet. Die Wüste selbst macht sich schon etwa 30 krn hinter Lydda bzw. Rechowotl! im Zuge bemerkbar. Feine Sprühregen von Sand dringen in die Wagen und setzen sich vielfach in die Kleider und ln Ohren und Mund; mehr und mehr treten die Sanddünen hervor, um hinter Gaza, der letzten größeren Stadt im südlichen Palästina, den Bahnkörper zu beiden Seiten nicht mehr zu verlassen, bisweilen werden künstliche Holz- und Eisenbarrieren zum Schutz gegen die gefürchteten Sandstürme sichtbar, die schon vielfach ungeheure Verwehungen mit meterhohen Eindeckungen der Schicnen — den Verwehungen durch Schneemassen in Nordeuropa vergleichbar — zur Folge gehabt haben. El-Arisch verdankt seine Existenz dem häufigen SülUvasscr- Vorkommen in seiner Nähe, wodurch ja auch die berühmten Palmen-Oasen gespeist werden. Diese erstrecken sich etliche Kilometer längs und nahe dem Meere, durchschnittlieh 500—1000 m tief. Durch die starke Mceresbrandung und den Schatten, den die hohen Palmen spenden, ist im Frühjahr und Sommer das Klima hier sehr erfrischend, im Universitätsprofessor Dr. Hugo Sterns HeHanitalt für Stimm- und Spracbkranka - WIEN IX, Mariannanga»»• tS Stottern, mangelhaftes Sprechen, Näseln. Spatsprechenlernen, Fistelstimme, Sprachaufbaa n. Kehlkopfentfernung, Stimmermüdung, alle Formen von Stimm&tfSrKingeSl. Ausbildung• von Taahitummen. Winter dagegen ist es kalt, besonders nachts, unter Mit- Wirkung des sich schnell und stark abkühlenden Wüstensandes; die Luft ist oft kristallklar, und der Personeiizug von Kantara, der nachts um 1'3״ Uhr in El-Arisch hält, ist meist schon 20 Minuten vorher sichtbar; das Licht der Lokomotive wirkt wie eine Fata Morgana, den Horizont stärker und stärker Neuhau der Fundamente und Widerlager aus Eisenbeton an der ca. 160 m weiten eisernen Brücke über dem FA Arisch-FIuß tillil ein. Wir stehen dann vor der Tatsache, daß für annähernd 10 0״ der jüdischen Bevölkerung im Lande das Wohnungsproblem überhaupt nicht gelöst ist, das heißt, daß sic in Baracken, Zelten oder menschenunwürdigen Löchern han-cn; daß die Miete für enge und unbefriedigende Wohnungen einen ungebührlich hohen Prozentsatz des Einkommens gerade der unteren Schichten verzehrt; daß sich io unseren Stadien, die wir neu auf hauen, Elendsviertel bilden, die eine Gefahr für die dort lebende Bevölkerung und indirekt für die ganze Stadt sind. Man muß das Wirfschaftsinstitut zu diesem Versuch, eine unserer schwierigsten!Gagen von allen Seiten zu beleuchten, beglückwünschen. Aber auch!las ge'tin,:' ״st! >11׳n׳׳״ ll1rtt ist nur von akademischem Interesse, wenn nicht, wie h’tippir» im Vorwort sagt, ״der Weg tur praktische .M a ß n a 11 - rn e 11 bald gefunden wird". Das Polizei - Grenzkorps an der Nordgrenze Ein Loger des (!renzhorps in der Nähe des Hute-Sces^ Iota■; iv vscine״ktein, Tti Avi» Neue Polizeistation an der Nordgrenzc ־־■! r%v. - j *.—*ד¬;׳ י‘ י’ י'*/׳ - 3&W ־#* ’ ß׳ ta*ä?'4k» Hv-• ff 9999713 18628566