Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 43 (1938)
- Issue
- Heft 34 (29.4.1938)
- Date
- 1938-04-29
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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* Seite 12 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 34, 29. IV. 1938 Zur Psychologie des Engländers Von jüdischer Musik Musikalische Neuerscheinungen ״Sabbath Malk’so“. Von Rcv. Boas B i s c 11 o f s w c r ■ 11 c r, London, Selbstverlag:. — Die Sammlung enthält zur Hälfte eigene, zur Hälfte traditionelle Rezitative für den Freitagabend - Gottesdienst. Von dem üblichen chronischen Stil unterscheiden sich diese Rezitative durch aparte chromatische und tonartfremde Wendungen, plötzliche Ausweichungen von Dur nach Moll und umgekehrt. Reiche Koloratur füllt nicht immer die Melodieform hinreichend überzeugend aus. Trotz lcidcnschaftlieber Lebendigkeit ist nicht nur das Positive der Uebcrlieferung erhalten, sondern auch hier erscheint uns manche über* kommene Sequenz als überflüssiges Füllsel. Soweit es die Tradition gestattet, ist aber mancher originelle Zug neu eingeführt. ״Sam'ru laadonoj“ bezwingt durch edle Kantilene, wenn es auch an manchen Stellen mit Banalitäten untermischt ist. ,,R’ammtid onon“ interessiert durch eine gewisse Straffheit der Konstruktion, die die meisten chasonischen Rczitative vermissen lassen. Die Rezitative zu “L’cha dodi“ sind phantasievoll, jedoch etwas weitschweifig und nicht ohne Willkür. Wiederholungen lassen sich ja auf diesem Gebiet schwer vermeiden. A. J.-L. * Zwei!Jeder mit Klavierbegleitung nach Texten von Rabe! Doniach, in der Komposition von S c h u I a D o n i a c h, erschienen in dem Londoner Verlag Boosey ft Hnwk״s, die für die neuhebräischc Kleinkunst ' einen dank-ß baren Beitrag lies Repertoires bedeuten. Die Tcxtdichterin verrät viel Sinn für das Volkstümliche, ihre Sprache wirkt in Verbindung mit der Musik sehr populär. Der Komponist zeigt eine beachtenswerte Begabung für die Domäne der leichten Musik. Sein Stil ist von dem augenblicklich in Palästina vorherrschenden mitbcstimmt. Die Melodie des ״Bubbali•‘ (englisch: ״Dollahclla“), das sich der Beliebtheit eines ״Schlagers׳* erfreut, ist von erquickender Frische und Leichtigkeit, die sich fast im hüpfenden Fangspiel der Töne auf die Begleitung überträgt. Ebenso kompositorisch gelungen und volkstümlich gehalten ist das Wiegeulied ,,N'umi jaldati“ (englisch: ״Lullabay"). ״Im ewigen Trab der Sekunden“ nennt sich eine Ballade für Solostimme mit Geigen- und Klavierbegleitung auf einer Schallplatte (BcÜaccord Eloctro, Riga) nach dem Text von Jac Si 111 0 nette (Jakob H. Kaplan) in der Vertonung von Harry Kaplan. Dem Verfasser schwebt ein Sinngedicht über die Periodizität der Lebensläufe vor; er läfit das auch in den schreitenden Rhythmen des Versmaßes gewahr werden. Die Musik ist stellenweise melodisch und eingängig, gibt ebenso Walzermelodicn wie chasonischen Wendungen Raum und liebt künstliche Steigerung in häufiger Sequenzanwendung. Die Platte ist deutsch mit dialektischem Einschlag von dem Tenor K. Jurkewitsch besungen. Der Komponist begleitet am Klavier; eine obligate Geigenstimme, von A, Mikulan gespielt, tritt hinzu. Samuel Alman: ״Amar lahem“ (für Männerchor und Klavier). — Verlag ,,Omanut“, Zagreb, 1938. — Von Samuel Alman ist eine Chorkompositiou für vierstimmigen Männerchor und Klavier ״Amar lahem“ nach der Vorlage aus ״Pirkej awoth“ erschienen. Der liier von den Weisen aufgeworfene Disput über die Frage der Wege, die zum Outen führen, kamt dem Komponisten reizvolle Aufgaben geben. Alman versucht das in einer Lernstimmung einzufangen, nicht im gewohnten l.erntrop, sondern unbewullt mit charakteristischen T0!1schrittcr1 der ostjüdischen Propheteilweise. Mit dem Nigun ,,revia“ beginnt der Disput; in dem Begleitpart des Klavierwerks irrliditert er weiter. Die Weisen kommen zu Wort, der Baß intoniert ein dem ״lnunach“ der ״Eicl10“-\V'eise ähnliches;Motiv, die anderen Stimmen nehmen es auf, und Tremoli auf dem Klavier binden es zur Steigerung. Nach einer Wiederholung dieser Episode mit ähnlichen, schon intensivierten Mitteln drängen sich in erregter Zwiesprache die imitatorischen Einsätze, der rezitierende Charakter gewinnt die Oberhand, der Klang wird gestraffter und durch übermäßige Sekimdschritte chromatisicrt. Eine entspannende Beruhigung läßt wieder den Anfang in der Prophctciiwcise intonieren. Es kommt zum Entscheid: ״Lewtow“, ein ״gutes Herz“ wird emphatisch verkündet, ein Höhepunkt, (ier in der Technik leicht konventionell das vorluindene jüdische lluidum abschwächt. 13er in Tradition stark verankerte Alman sollte hier wie auch sonst Herküminlichkcitcn meiden und versuchen, dem traditionellen Element treu zu bleiben. Ifn ganzen eine bemerkenswerte Chorkompositiou. Dr. J. Sch. Jakob Schönbcrgs ״Palästinensische Musik“ Mitten zwischen allen Diskussionen über die Möglichkeit eines nationaljiidischcn Musikstilcs außerhalb Palästinas, mitten zwischen allen gelehrten Untersuchungen über die Stilmcrkmalc eines speziell jüdischen Musikstilcs, gellt Jakob Schönberg fest und unbeirrbar einen vorgcschricnenen Weg: das Elternhaus ist das orthodoxe Kantorhaus in Fürth, die Schule wird die Israelitische Realschule in Fürth, die Doktor-Arhcit gilt den ״traditionellen Gesängen des Israelitischen Gottesdienstes in Deutschland“, das alles scheint vorbereitender Anfang zu sein. Aus dem ersten Orchesterwerk, einem ״nrelude sinfonique“ hört die Kritik schon 1923 orientalische Melodik heraus, die E-molI-Sonate für Klavier bringt ein Seitenthema im fast arabisch wirkenden Rhythmus; das sind noch unbewußte Ansätze. 1934 läßt sich Schönberg von Palästinensern, die nach Deutschland kommen, ihre Volksmelodicn und Volkstanz! Vorsingen und bringt sie zu Papier. Ein Jahr später erscheint ein Teil dieser gesammelten Volksmelodicn in Form eines kleinen handlichen Liederbuches. Der diese palästinensische Volksmusik aufgczcichnct, hat Palästina nie gesehen. Diese Volksmusik wird ihm zum Wegweiser. Bewußt haut er erst um ihren Klang herum und später aus ihrem Klang heraus seine Werke, Werke eines ausgeprägt national-jüdischen Stiles, obwohl sie in Deutschland entstanden sind. Es ist der gleiche Weg, den die national-jüdische Schule des Vorkriegs-Rußland einmal gegangen ist: Wie Michael Gnessin palästinensische und arabische Volkslieder aufzcichnete und zu ihnen Klavierbegleitung schrieb, so setzt auch lakob Schöiiberg als erst'bs zu einigen der gesammelten Volkslieder und Tänze Klavierbegleitungen. Begleitungen, die sich ganz in die Mclodiefarbe hineinhören und rein impressionistisch die Farbe der Melodie im Klavier noch einmal unterstreichen, verstärken. So daß sich bei diesen ersten Bearbedungen Schönbergs die verschiedenen Volksqucllen klanglieh enthüllen, die einmal in Palästina zusanimengesfrömt sind: ein Chaluz-Ued ist unverkennbar ״russisch“, ein Hirtenlied unverkennbar ״arabisch“, ein Arbeiterlied absolut westeuropäisch. Das bis jetzt charakteristischste Werk dieser letzten Stilperiode Schönbergs ist seine 1937 geschriebene ״Horra“, in Orchesterfassung vom Orchester des Berliner Kulturhundes unter Schwarz, und vom Rcise-Orchestcr der Jiklisehen Kulturbünde unter Priiwer im Februar mehrere Male aufgeführt. Von der Horra sind nur die ersten acht Takte als Fugenthema verwendet, die anderen werden als Episoden zwischendurch sehr reizvoll eingestreut. Dabei bleibt das Ganze im streng fugierten Stil, der das Fugenthema in einer einzigen groß angelegten Steigerung zu einer freien Coda, zur echten Horra, heranffiihrt. Schönbergs Weg, der sich mit solcher Konsequenz von einfachen Liedbearbeitungen bis zur eigenen volkstümlichen Thematik aufbaut, scheint ein guter Weg zu sein. Dr. Anneliese Landau lllllllllllllln1IM1n!l1n1llln1IM!IIIIIIIIMIIl|!MIIIIII|lllllllllM1r1lllllllllllllllllllll!ll!llllllNIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIMIIHIIIIIlMIIIIIIII!llllll!lllllllllll|IIIIIIM!l;llllllM:l|ll|ll1n1||llllll|l|||ll||||l!:ll|!|j||||||||||||ll||||||llM|l|!|||||||l||||||||1n1||lllllllllll1m1IMIMlll1mm1lll1n1m1 Die Frage nach dein Wesen eines Volkes, seinen Charak- Verzügen und den von ihm repräsentierten geistigen Inhalten ist eines der schwierigsten Probleme der Völkerpsychologie; sie ist auch uns nicht unbekannt, ist doch ein grober Teil aller Diskussionen, die über das Wesen des jüdischen Nationallsmus und des Judentums in der Vergangenbeit und auch in unseren Tagen geführt werden, jenem Problem gewidmet. Es ist nützlich, sich diese Frage einmal dort zu stellen, wo das Wesen ein« a n d e r c n Volkes uns in einer bestimmten Acußcrungsforni entgegentritt, werden wir doch durch die nüchterne Betrachtung der Aeulleriirigcn anderer vielleicht auch einen tieferen Einblick in unser eigenes Wesen gewinnen können, dem wir naturgemäß mit weit größerer gefühlsmäßiger Anteilnahme gegenüberstehen. Um so bedeutsamer sind Acußcrungen des nationalen Charakters für uns dann, wenn es sich um jene Nation handelt, mit der das jüdische Volk in seiner neuzeitlichen Geschichte und besonders wahrend des gegen- Wärtigen Ringens um seine nationale Wiedergeburt in Palästina so eng verbunden ist: der Engländer. Wir wissen, daß es mancherlei I )iskussinncü über die britischen Charakter- Züge in der Vergangenheit gegeben hat, Diskussionen, die in der Hauptsache davon genährt wurden, daß die Engländer in allen Teilen der Welt als eine politisch aktive Macht auftraten und daher ebensoviel Feindschaft wie auch Freundschaft ernteten. Der verstorbene Lord B i r k e n h e a d hat es mm unternommen, von einer bestimmten Seite 11er das Wesen des Engländers, wie cs sich im Laufe der Jahrhunderte entwickelt hat und sich uns Heutigen darstcllt, zu beleuchten. Er gab nämlich ein monumentales Werk heraus, das eine Brief- Sammlung aus den vergangenen Jahrhunderten der engllschen Geschichte umialit. .. The '>()') best Knglish Letters“ reichen aus den Tagen der fernsten englischen Vergangenheit, dem Beginn der ,staatlichen Kousoiiiiiertmg des Inselreiches, bis in unsere Tage hinein und geben ebenso die Briefe von Fürsten und Staat-m in 11 ern wie diejenigen von Wissenschaftlern, Forschern und 1 )ichterr, von Entdeckern und Weltreisenden, von religiösen Schw irmerii v,ie Eigenbrötlern wieder, die ja auf dem Boden der britischen Inseln keine Seltenheit waren. So jsf em Werk t :itstamlen, das wie vielleicht kein anderes durch Zeugnisse, die zumeist ursprünglich nicht für eine Veröffentlichung guiucht waren, sondern den vertraulichen Klang von Brie!׳,, neu besaßen, Einblick in die Seele der Schreiber gibt. Fragen wir 1 י וזו., «eiche < 1r11nde1grn>cl1.1׳fte11 hier besonders stark zum Leser sp> eeben, so .scheint es uns die 11 n - e r s c h u 11 e r 1 i e!1 e Sieh erb eit zu «ein, mit der die meisten dieser .Menschen ihren Weg gingen, der Glaube an die in dem Briefsehr r: her se'b't!:c!e;!•mm! ahigkeiten, die nicht zuletzt von vielen att-druekheh als nationale Kräfte des englisclicn Volkes und nicht nur ab individuelle Guben empfunden werden. Diese Sicherheit uher die S-liieksaKsehlägc des '1 ages hinaus, die in den Bezirken des Glaubens verankert ist, chnrakterisiert sehr virtc dieser Dokumente und gibt vielleicht Einblick in die tiefsten Grundlagen des englischen Macht- *trebens und eines Erfolges, der nicht durch Unsicherheit Und quälerische Selbstanalyse In einträchtigt wurde. Zugleich allerdings zeigt uns diese ßriefsammlung, die naturgemäß nun grüßten Teil Dokumente von Persönlichkeifen umfaßt, die in irgendeiner Art positiv zu werten sind, deren geistige und sittliche Bedeutung also unumstritten ist (wenn auch eine Reihe nach der anderen Seite hin bemerkenswerter Gestalten vertreten sind), daß trotz aller Charakterliehen Eigenart, die sich in ihnen ausdrückt, der ideelle Inhalt, von dem die Menschen sprechen und mit dem sie ringen, in eine Sphäre weist, die man durchaus als etiroäisch-menschheitlich bezeichnen muß, die also über den ezirk des Nation,־tlcharakters liinausgreift. Es erweist sich, daß die Gedankengiingc zumeist in einer Ebene liegen, in der die menschlichen Gemeinsamkeiten zum Ausdruck kommen, und es zeigt sich zugleich, daß auch die Dokumente aus sehr ferner Vergangenheit, wenn man sie ihrer stiimäßigen Einkleidung beraubt, einen durchaus ״modernen“ Charakter tragen, so daß der sogenannte Fortschritt in den Anschauunen gar nicht allzu sehr ins Gewicht fällt, wenn man die pitzcnleistungen vergangener Zeiten ins Auge faßt. Es kann hier mellt versucht werden, einzelne besonders interessante Dokumente her.vus/ugrcben, da eigentlich jede Seite dieser grollen Sammlung von Spannung orfullt ist und den Leser kaum los'.ißt. Lnvulint sei mir, daß /. B. ein Brief von T 11 o!11;1 (' a r I v I e an Disrae 11 enthalten ist, in dem sich der Bricfschmber ftir Ehningen, die ihm zugedacht « an׳־׳.! ,::׳I r>kt und -׳/ ■.■׳.!gleich ab lohnt. Auch finden wir einen Bnct der S. hr:!tMr!icrin George f. 1 i o t, der \ erfassend des ״Daniel f)eronda“, Tagebnchhbitter dos Generais G o r d o!1, der in Ghartum den Mahdisten"* unterlag, ferner eine S 11 kk rang ,!ns IVr-icn v1!״ Gert r u d e Bell, die bekanntlich in dt r!>! i:i-cb1!׳ (»riempoütik der Nachkriegszeit eine crhel'ivlu׳ Rolle spicke. Dann lesen wir die berühmte Note Lord II a I i!! « 1־ - vom Jahre 1'<2י über die Wiederherstcüung dis wirb,, hrn Gbu hgc״v ielits in Europa sowie über da- KricgsN■ •Ru'denprobbm und vieles andere mehr, das durch die Pe:״s,m!u:i;kci1 de- Schreibers oder das Thema für uns von besonderem Interesse ist. Fs i-׳t eine ebenso anziehende wie anregende und belehrende Lektute, *י Von einer;indem Seite aus wird die Psychologie des Engländers in einem Buch beleuchtet, das sich in der Haupt- Sache mit den aktm Heil politischen Tragen bestluiftigf. Philip Gibbs hat tine Sammlung von Essays unter dem Titel ״O r d e a 1 in E 11 g I a ח d״ (Lng'niul sptaks again) erscheinen lassen, unter denen 1ms besonders ein Abschnitt intcressiert, in dem Gibhs über seine Mitwirkung an den Arbeiten einer vom damaligen Premierminister Ratnsay Mac- Donald eingesetzten ״K ö n i g I i c h e n Kommission“ bcrichtet, die sich mit den Problemen der Rüstungsindustrie und besonders des internationalen Waffenhandels zu beschäftigen hatte. In ebenso eindringlicher wie amüsanter Art schildert Gibbs das Zustandekommen, die Arbeit, die Ergebnisse und nicht zulel/t den im parlamentarischen Kräftespiel begründeten Mißerfolg dieser Kommission und gibt uns Einblick in die Gefühle und, wenn wir so sagen dürfen, in das Seelenleben eines derartigen Konimissionsmitgliedes. Nun kann man gewiß nicht jede Königliche Kommission, von denen es in England sehr zahlreiche gibt, mit jeder anderen gleiehsetzen. Dennoch aber bleibt so manches, was auch dann von Interesse ist, wenn wir an die Tätigkeit der Königlichen Untersurhungskorr.mission für Palästina zttrtickdenken. Gibbs schildert die Zeuge!;, die vernommen wurden, die inanchmal dabei vorgekommenen m־harten Zusammenstöße, er schildert die Zuschauer und gibt zugleich ein eindrucksvolles Bild von den ernsten Bemühungen der Kommissionsmit'.dieder selbst, die die ihnen vorgelegicn schwierigen Fragen anfzuklären sich bemühten. Ihid wen 11 auch während der Vernehmungen manchmal das eine oder amlcie Kommissionsmitglied Partei zu nehmen schien, so kommt Gibbs doch zu dem Ergebnis, daß jeder der Kommissionsniitglicder letzten Endes den Wunsch hatte, kritisch zu sein und nicht etwa für die eine oder andere Seite Partei zu ergreifen. Kein Mitglied der Kommission habe ohne Rücksicht auf die festgcstellten Tatsachen an seinem eigenen Standpunkte fcslgehalfcn. ״Wir gaben uns wirklich die größte Mühe, bei der endgültigen Beurteilung alles dessen, was wir gehört hatten, nparteiisch zu sein und nichts auizulassen, was für die eine oder andere Seite von Wichtigkeit sein konnte,“ ״Wir waren Richter, die sich ebenso wenig durch Gefühlsmomente wie durch glänzende Verteidigungsreden beeinflussen ließen." ״So Unterzeichneten wir einen Bericht, den fast jedermann scharf ablehnte und der aus diesem Grunde wahrscheinlich gut gewesen ist. Er war es in der Tat!“ Und Gibbs schildert anschließend das Schicksal des Berichtes, der wie so viele andere Berichte vor allem dazu bestimmt war, die Aktenschränke von Whitehall zu füllen, nachdem er ein parlamentarisches Begräbnis gefunden hatte. So gewiß es ist, daß man bei Vergleichen auf dem Felde der Politik vorsichtig sein soll, so klar leuchtet doch aus diesen Ausführungen jene Haltung hervor, die auch bei dein Bericht der Peel-Kommission zu finden ist, nämlich der Wunsch, einer Sache wirklich auf den Grund zu gehen, sie zu begreifen und ein Urteil abzugeben, das im Interesse der Lösung des Problems nach objektiven Maßstäben liegt. oe. Realistik und Superrealistik aus England Sir Josiah Stamp: ״We Live and Learn“. -— Verlag Macmillan ft Co., London 1938. Erich Gutkind, ״Tbc Absolute Collective“. — Verlag C. \V. Daniel Co., London 1937. Jacques J. Cohen, ״Philosophical Essays“. — Verlag John Bale, Sons ft Guriiow, London 1937. Von den drei angezeigten Autoren Rt Sir Stamp der Praktiker und Realist. Seine Philosophie hält sieh vom Abstrakten und Metaphysischen fern und sucht die Wirkliehkeit in die Pädagogik hineinzutragen. Erziehung iiat für ihn einen dreifachen Zweck: für das Leben vorzubereiten (Bettif), das Leben zu gestalten (Freizeit und Charakter) und die Welt zu formen (staatsbürgerliche Pflichten). Im Rahmen dieses Programms gibt er Ratschläge zur bestmöglichen Ausnutzung der Studienjahre, zur rationellsten Form des Lernens und vieles andere mehr. ״Wenn die Universität“, so sagt er, ״die Gesellschaft mit einem staudigen Strom nicht nur von Fachleuten, sondern auch von Menschen mit einem reifen Urteil versehen kann, so wird sie einem aus den Fugen geratenen Zeitalter das Gleichgewicht und einem neuen Ideal eine Chance geben.“ In sehr viel höheren Sphären schwebt G u t k i n d, der in seiner Philosophie bewußt von jüdischem Gedankengut ausgeht. Er fordert, daß der Mensch zu der einzigen Quelle der Wirklichkeit zuriiekkehre: zu Gott. Er läßt sich in dieser Welt finden, die uns alle Eigenschaften enthüllen wird, die wir einem mythischen Jenseits zuschreiben. Dies nennt Outkind ״absoluten Realismus“. Ini Volk ist die wahre Un- Sterblichkeit verkörpert; das Volk ist das ,,absolute Kollcktiv"; im Volk ist die Seele in ihrer Ganzheit enthalten; und im Volk werden Gott, Mensch und Welt zu einer iitilö!«- liehen Einheit. Der hebräische Begriff ״Jichtid“ spielt hei dieser Theorie eine zentrale Rolle. Das Buch von Cohen ist in einer unverständlichen Buchstahcntermiiiologie geschrieben, in der die Begriffe zu mathematischen Zeichen erstarrt sind, und reichlich dunkel In Inhalt und Zielsetzung: cs enthält Auffassungen, die völlig unjüdisch sind. Es ist im Kern eine sehr primitive Missionstneorie, die mit der jüdischen Wirklichkeit von heute nichts zu tun hat. Gerhardt Neumann Juden und Araber im Mittelalter Walter Fischei: “Jews in the Economic and Political Life ot Mediacval Islam". - Heraiisgcgcbcn von der Royal Asiatin Society, London 1937. Fs ist nicht unbekannt, daß Juden und Araber im Mittelalter in friedlicher Symbiose miteinander lebten, und dies gewiß zu beiderseitigem Nutzen. Aber gerade in unserer Zeit scheinbarer Ausweglosigkeit für ein Zusammenkommen heider Völker ist es höchst nutzbringend, in geschichtliche Tiefen lierah/usteigen und zu sehen, welche bedeutende Rolle Juden im Mittelalter im arabischen Reiche spielten, als es auf der Höhe seiner Macht stand. Das Buch f ischels beschränkt sich auf die Darstellung der wirtschaftlichen und politischen Beiträge, die Juden im I r a k, in A c g v p t c n und Persien vom 10. bis zum 13. Jahrhundert geleistet haben und verspricht eine Weiterführung für Spanien, Nordafrika, Türkei usw. in einem besonderen Werk. Aber auch der vorliegende Ausschnitt aus einem großen Gcscliiclitszusammeiihnng genügt bereits, um zu sehen, was Juden als Geldgeber, Industrielle, Politiker für die Entwicklung der arabischen!.ander bedeuteten. Die arabischen Historiker, aus denen Fischei schöpft, Bbiefmaqken « Fritz Lewin Ultzowsb. 91A haben diese Verdienste sehr eingehend schriftlich fixiert. V011 jüdischem Standpunkt aus sind freilich diese Dinge mit Vorsicht zu bewerten, weil sic zwar einerseits eine enge Verbindung mit den Arabern dokumentieren, auf der anderen Seite aber auch vielfach Abtrünnigkeit und Verfall der jüdischen Gemeinschaft ini Gefolge hatten, wie auch der Reichtum einzelner Juden eine antijiidisclic Stimmung hervorrief, die schließlich zu einem Zusammenbruch der baby- Ionisch-persischen Judcnheit führte. » N. Jüdisches Gedankengut Dr. Adolph Lichtlgfeld: ״Twenty Centuries of Jewlsh Thoußht“. — Verlag Edward O. Beck, Ltd., London 1937. Der Verfasser versucht, ein Mosaik jüdischen Gedankenguts zusammcnzustcllcn, das eine einheitliche Idee vom Wesen des Judentums vermitteln soll. Die jüdischen Vorstellungen durch die Jahrhunderte von Gott und Welt, vom Gesetz, von der Moral und von den menschlichen Pflichten werden hier verfolgt und ausschließlich in Quellenzitatcn von Bibel und Talmud über die mittelalterliche Philosophie bis zu den 1110■ dernen Denkern zur Darstellung gebracht. Nicht weniger intcressant sind die beiden letzten Kapitel über die ״Philosophie des Judentums״ (worunter Liehtigfeld die Entwicklung seit S. R. Hirsch versteht), sowie über ״Orthodoxie, Reformjudentum und Zionismus“. Das Fehlen eir.es verbindenden und erklärenden Textes wird c; freilich dem weniger vorgebildetcn Leser sehr erschweren, die große einheitliche Linie inmitten all der Gegensätze uml auch Z i' .e'»״ml-1'1c ״׳•י zu finden. -nn.