Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 43 (1938)
- Issue
- Heft 34 (29.4.1938)
- Date
- 1938-04-29
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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JODISCHE RUNDSCHAU Nr. 34, 29. APRIL 1938 Von der ״neuen Kolonisation“ Von unserem palästinensischen Korrespondenten Ri. Haifa, 21. April Seit Beginn der jütlisclicn Kolonisa ion in Palästina ist das Interesse von einem Bezirk mul einer Landschaft in die andere gewandert, je nachdem das Sicdltmgswerk sich in der einen oder anderen konzentrierte, in den damals noch dünn besiedelten Ebenen J u d a a s begann es noch im vorigen Jahrhundert mit der ״Kolonisation des Barons“, wie man die Rothschi’il-Kolonien der Anfänge mann e. Ba'11 folgte der Zug nach Galiläa, als verschiedene Arbeitcrgrnppcn in der Sehnsucht, sich von der Vormundschaft der Rothschildschcn KolorisntionD ■sbnizai unabhängig zu machen, nach Galiläa zogen und dort die I undamente legten ftir neue Siedlimgen, anders im sozialen Aufbau als die Plaiitagcnkolonieii von judiia, anders wegen der verschiodenen Landschaft und der neuen Art der Bodenbearbeitung. Nach dem Kriege, heim Beginn der ersten Einwanderung nach der Baif01!r-Deklaration,!-;011/1:11trierte sic 11 das Kolonisationsinteresse in der Ebcnejesrccl; centstand der ״Emck“, ein neuer Begriff 111 der zionistischen Welt und ein neues Symbol für die Jugend. Eis folg, ten lauge Perioden des Aushaus und der friedlichen in der sich die Ebenen Judnas und Samarias mit jüdischen Siedlungen der verschiedensten Formen und Schattierungen füllten, in der im Norden des tialil die anfänglich zögernden Versuche immer festere Gestalt annahmcii, wo die heiße Senke des Jordantals die grolicu Wirtschafton hcratnvachsi'11 sah, die vor einiger Zeit wie ein verlorener Anfang in einer unwirtlichen und feindlichen Wüste angemutet hatten. Heute hat der Begriff der ״n e 11 c n K o 1 o n j s a t i o n" (I litjaschwuth Haehadaschah) wieder einen neuen Inhalt bekommen. Er bezeichnet ein ganz bcs'iinm' Gebiet, obwohl sich die Be- Setzung neuer Punkte keineswegs auf eine abgegrenzte Gegend beschränkt. Die ״neue Kolonisation" — das ist der Ring der neuen Siedlungen, der sich heute um die arabische Stadt R e 111 ־ S c h a 11 legt. Auf der einen Seite ־angrenzend an die östlichste .ältere Siedlung des Emek bcginnt er hei Tci-Amal und endet hei den alten Siedlungen des Jordantales — Reih Sera und den beiden Deganioth. Diese neue Kolonisation füllt auf den Erfahrungen und den Erfolgen der zwei bedeutenden Sicdhmgs/entreii, des Jordantaies auf der einen, des Emek auf der anderen Seite. Das immer wache und heute empfindliche öffentliche Interesse hat sich in den letzten Wochen von der Beth- Ankunft der neuen Kommission Die neue K o 111 111 i s s i 1! ס trat am 27. April in Palästina ein. Trotz Geheimhaltung der Reise wurde der Souderwaggon der Kommission, als er auf der Bahrt von Haifa nach Jerusalem in den Bahnhof von I. v d d a eiiifuhr, von den Arabern erkannt und mit einem Steinhagel bombardiert, wodurch die Fenstci'sci!! ihen des Eisenbahn» agens zertriiininert wurden. Die Reise der KommEsion wurde im Schutze eines starken Poli/eiaufgebots fortgesetzt. Als die Ankunft der Kommission in Jerusalem bekannt wurde, wurden arabische Elugblalter verbreitet, in denen zum Generalstreik und zu Ma-se11kt11ulgeb1111ge11 zum Zeichen des Protestes gegen den Teilungsplan aufgerufen wurde. In anderen I Inghlatltrn wird die aiabisclu־ Bevölkci 1mg ,'!!!!״('fordert, die Teilimg.skomniissjoii, die eine informatorische Rundreise durch Palästina unternimmt, mit allen Mitteln zu boykottieren. Schan-Gegend weg einem neuen Punkt zugewandt: das Symbol des vorgeschobenen Postens lag wieder in Galiläa, in der Felsenstellung von Clianutah. Hier aber ist cs heute noch zu früh, überhaupt von Kolonisation zu sprechen. Dieser Punkt nahe der libanesischen Grenze trägt vorläufig einen so stark strategischen Charakter, die kolonisatorischen und landwirtschaftlichen Möglichkeiten sind noch so wenig ausprobiert, daß er in eine ganz besondere Kategorie gehört. In der Beth-Sclian-Seiike und im Jordantale mischt sich dagegen Kolonisation und Verteidigung in gleichem Maße. Hier wird ein Siedlungsgebiet neu erschlossen; zugleich muß cs — den Zeitumständen entsprechend — mit der Waffe in der Hand bewacht und wenn nötig verteidigt werden, eine Erscheinung, die _ draußen auf dem Lande heute überall zu finden ist. Freilich ist in der ürenzgegend von Beth-Sehan die Vcrteidigung nötiger und äußerlich sichtbarer als anderswo. ״ im Gebiet von Beth-Schan hatte der Keren Kajemeth Lejisrae! in verschiedenen verstreuten Blocks Böden erworben, die im Laufe der Zeit arrondiert wurden, zum Teil noch arrondiert werden müssen. Es schien nicht geraten, diese Böden ohne Besiedlung und damit ohne Wache in unruhigen Zeiten ihrem Schicksal zu überlassen. So drängten immer neue Arbcitergrunpen hinunter in die Senke, die Kolonisalioiisiiisuin/en machten auiierordeiitiiche Anstrengungen, um die erste finanzielle Basis zu schaden und der Jisciimv wurde Zeuge jener fad legendenhaft gewordenen B e setz u 11 g c 11, wo immer, nach bald bekanntem Muster, in einem Tage die nötigsten Wolinbaiacken auf ׳gestellt, die Mauer um das Lager gezogen und der Projektor auf dem Zenfralturm auf ׳gerichtet wurde. An einigen wenigen Stellen findet man bei einer Rundfahrt durch dieses neue Koloni.•a.ionsgebict noch die erste Form der Orte unverändert vor. An den meisten Stellen jedoch ist die Art des Lagers und auch die Land- Schaft schon in dieser kurzen Zeit verändert worden. In Tel-Amal bei Beth Alpha findet man schon einen Teil der ncugehautcii Häuser und Baracken; in Beth Josef (711m Andenken an Josef Ahroimwiisch so benannt) hebt sich die saubere Reihe der neuen Wohnhäuser, die zum Teil vollendet, zum Teil im Bau sind, als neues Wahrzeichen in der Landschaft ab; überall findet man die jungen Bäumdien, heule in der Landschaft noch kaum kenntlich; hier werden Versuche mit Fischzucht gemacht, wie in Tel-Amal; dort picken bereits Hühner und brüllen die Kühe; überall aber schwellen die neuen Punkte über die engen Mauern des ersten Lagers hinaus, in die die Arbeiter am Abend zur Wache /urückkehrai. Es genügt nicht, die Böden zu besetzen, man muß sie bearbeiten, sic entwickeln, sie zu Betrieben ausbauen, die die Grundlage für die Existenz, neuer zahlreicher Menschen abgebe״. Hier greift man auf die Erfahrungen zurück, die in Jahrzehnten der früheren Kolonisafion in diesen Landsfnchcrt gemacht worden sind. Zugleich stößt mail auf neue Probleme, verbunden mit Fragen des Transports, der den neuen Verhältnissen angepaßt werden muß, verbunden mit der besonderen Beschaffenheit des Bodens, die besondere Behandlung und Anpassung verlangt. Für einen Besucher, der palästinensische Kolonisationsgcschiclife mir wenig oder gar nicht kennt, mögen die vcrstreuten Glieder der neuen Siedlungskette zuerst bcfremdend, vielleicht erschreckend wirken. Er sieht eine Landschaff, die zwar heute in halber Maimeshöhe mit den htmtesten Blumen bedeckt ist, aber sonst wenig Anzeichen dafür bietet, daß sie eine entwickelte Landwirtschaft, geschweige einen erträglichen Lebensstandard zuläßt. Steht man zum Beispiel oben beim Reflektor auf dem Turme von Beth-Josct, so breitet sich ringsum die fast unberührte Jordansenke in all ihrer Pracht, aber auch in all ihrer Verlassenheit aus. Drüben die Berge von Transjordanien, wo als bewohnte Stellen nur die zwei Lager des englischen Militärs hervorleuchten, die ihre Reihe weißer Zelte am Hügclkamm ausbreiten. Sonst nichts als die blühende Steppe, hier und da gefleckt von den schwarzen Bcdniticn/cltcn und ihren bunt angcmalten Schafherden. Mau muß jedoch genauer hinsehen, dann sicht man an einer Stelle die Lastautos, die neue M asten der elektrischen Leitung heranschleppen und damit mechanische Kraft und Eicht; an einer anderen das komplizierte Gestänge einer Bohrmaschine, die ihre Rohre in den Boden vorschicht, um Wasser hcraiiszuholcn. W i e sie sie ändern wird, das brauchen wir uns heute nicht mehr nur in der Phantasie vorzustellen. Fine kurze Stunde das Jordantal weiter hinauf und vir finden die roßen blühenden Betriebe vor, die einmal in schwerer Muhe egonnen und heute das Lehen der Siedler und das Antlitz der Landschaft so geändert haben, daß man sich den früheren Zustand mir schwer vorstcllen könnte, wenn nicht eben eine Stunde davon jene Anfänge der neuen Siedlungen wären. Unter den hohen rauschenden Bäumen von D c g a n i a h oder Beth Sera (das gerade jetzt sein zehnjähriges Jubiläum feiert), in ihren großen Ställen und grünenden Feldern, vor ihren Roseubeeten und Rasenflächen, in ihren Kinderhäusern und Eßsälen belehrt der Augenschein, was Arbcitsimit, Wasser und Geld aus diesem Roden hervorzubringen vermögen. Eine neue Form der Siedlung Es wächst eine n e u e F o r 111 der Leb e n s g c m einschaff in Erez. Israel. Hier und dort im Land bilden sich Zentren, die in verschiedenen Abwandlungen demselben Ziel zustreben. So wie einst neben der kleinen Kwu/ali aus dem Bcdiirfnis einer anders gearteten Aiijah der Kibbuz entstand, so!•erlangt die Einwanderung dir letzten Jahre eine imliviilucllcre Form des Gemeinschaftslebens. Man könnte beinahe sagen: ein Mittelding /wischen Moscliaw und Kibbuz. Einzelne Menschen, die spürten, wie alles in der Luft lag und nach Form und Ausdruck suchte, gingen vor Jahr und Tag a;1 die Aufarbeitung eines Programms. Man fing tatsächlich an, danach zu leben. Der Kreis wuchs, und neue Kreise entstanden. Der Grundgedanke war folgender: Es mehrten sich in den letzten Jahren im Fände Elemente, die eine Gemeinscliaftsforn! suchten, die von ihnen nicht in so weitem Maße Aufgabe ihrer persönlichen Interessen fordern mulitc wie Kibbuz und Kwu/ah. Man wollte eine klare Abgrenzung der Befugnisse der (5c m ei u sch;1 ft, und innerhalb des für das Individuum reservierter! Gebietes wollte mau restlos autonom sein. Man wollte auch eine klarere Erfassung des Anteils, (len jedes Glied an Leistung und Belastung für die Gemeinschalt cf<־! 1׳stellt, und man wollte Anteil am Schaffen und am Verbrauch in wechselseitige Bc/irlnmg bringen. Die Hauptpunkte des Programms waren: Kollektive Arbeit, kollektiver Betrieb. Die Einnahmen gehen restlos m d.c י inneinschaftskasse. Das Kollektiv bi-slieilet \.>■1 diesen Einnahmen die Ausgaben für den Betrieb, alignin me Ausgab( 11 wie Steuern tisw. und den priinit veil I ein iisunterhalt di r Mitglichen d. 11. Wohnung tmtl Ko-t. Was tirilier linum •geht, wird monatlich im Verhältnis d׳r \ oi! d. :1 I ::!/tlnin geleisteten Arbeitstage ,-ungeteilt. I h׳br1■ יי־ :• >,!] Am. 1׳ kann (las Mitglied frei v e r f 11 1; r 11, ti igt aber au äi aht;11 d:e Sorge ilariini, mit seinem Anteil aiis/nkomnn 11. Fs sind nun schon v i e r < 1 r u p p 1 n. hie ne-!1 ilif'1 111 Programm leben, und es s,11 ׳ enif. haß \or allen Dm gen 1:1 wirtschaftlicher Ifinsi.ht thesr heim gml'm \ orte 1 c hat. I>10 erste, die im Sommer IO jo bei 11,1:1.1 mit (Irr Verwirklicluing begann, war die K w 11 / a t 11 a g a 11 11 a!1 1 111 (h gutl Notea-Boneh). 111 K1r|a! Dhaun sahen die cr-Hu: /n'ammei; ja dein kleinen Zinum’iclicn, wo sie ihr erstes Programm autDu!!teil. Ohne Hilfe, ohne Anschluß an t ine B! u egting wohin! sie die Kraftprobe machen, ob das erdachte < icbihle auch lein 1'stahig sei. Fs fanden sich noch einige Mutige, und so nretete man gemeinsam Wohnungen 1m nahen Kirja: Mo'/kje, richtete eine gemeinsame Küche rin und fing an zu arbeiten. Nach dein ersten Monat gioße Freude: die gemeinsamen Ansgaben, die ersten Anschaffungen waren geheckt, und es blieb auch noch ein Rest, der nach geleisteten Arbeitstagen unter die Chawerim verteilt wurde, und mit dem man nach freiem Ermesse!! seine kleinen Anschaffungen machen konnte. So war cs nicht alle Monate; es kamen schwere Tage mit Schwierigkeiten, Regentage mit Arbeitslosigkeit; es schien, als wanke der Glaube. Jede Frage löste einen Sturm aus. Die ersten Monate waren voller Entwicklung. Die Einzel- 11 eiten klärten sich, das Praktische setzte sieh durch; es entstand eine einfache Ordnung. Und man sah, daß es so gut war. Es zeigten sich deutliche Vorteile: Man war sparsam in kleinen und großen Dingen. Man verschwendete nichts; man nahm die Sachen in acht: man mußte sic sieh ja selbst ersetzen, sie konnten ja nicht einfach vom Machsan angefordert werden. So waren ans der!Taxis allerlei Abwand* lungen entstanden, die sich bewährten. Aber das hört sich jetzt alles viel unkomplizierter an, als der Verlauf wirklich war. in dieser Zeit kamen Menscheu und gingen andere, die nicht stark genug waren, die ersten Schwierigkeiten zu überwinden, Der Raum in den ersten Mietswohntingeii war eng. Kleine Kinder dazwischen erhöhten noch den lärm. Nach, langer Bewährungsfrist schenkte man der Gruppe Vertrauen. Der KK1. gab Boden für eine Hilfswirtschalt. Es wurden Ho!/ha!wrr gebaut, und mit erneutem Mut zogen die ersten in die noch haibfertigen I i iiuser. Und dann wuchs alles Schlag auf Schlag aus dem Boden: Wohnhäuser, Spc'-csaal, Duschratiine, Stallungen, Mitten in den grünen f ehlem der llaifa-Bav entstand ein Dorf. So erfuhr man von diesem Versuch, so lernte man ilm kennen. Es häuften sich die Anfragen, die Zahl der Gruppe wuchs. Es wuchsen in der gleichet! Zeit mit oder ohne Wissen der Gruppe — auch in änderet! Kiemen die gleichen Gedanken. Einige weitere Gruppen haben sich gcbildet und begannen auf der gleichen Basis zu leben. \ 011 anderen weiß man, daß sie in der Bildung begriffen sind. Schon beginnen diese Gruppen miteinander Verbindung zu suchen. Lea (ierson Die G e s a m t b e v ö I k e r 1111 g Palästinas^ am 3F Dezember 1037 betrug nach einem Bericht des Statistischen Büros der Regierung 1 3352dl Personen. Juden waren darunter 305 S35. Promotion an der Jerusalemer Universität Rektor Bergmann und Professor Martin Buher bei der Feier. — Hechts: Die 22 Graduierten und das l’rofcssorm-KoUegium der Universität bei der t'eier im Amphitheater während des Gesanges der llatikwah Foto.; im v .״.1,1.״,0 .11!״״ ' ■■«*«*£* ä® a. - 4:*■-'*St. Zehn Jahre Beth Sera Erweitern!! VäicüW* ppi***®^ י ‘S’vr ^ggg**“**j l)ie Siedlung Beth Sera im Jordantal (ursprünglich Marherihoi ernannt, nach der von Konrad Goldmann 1920 gegründeten IIachscharah-Parm hei preihurg i. Br.) feierte ihr!()jähriges Bestehen. Die Siedlung liegt südlich von Dcganiah. Im Hintergründe die neue Siedlung Afikilll Koto H. W«i1«»1ulnn, Tel Aviv / r