Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 43 (1938)
- Issue
- Heft 32 (21.4.1938)
- Date
- 1938-04-21
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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JÜDISCHE RUNDSCHAU PALÄS TI NA- B LATT Nr. 32, 21. APRIL 1938 Von unten und von oben Wie das jüdische Leben neu gebaut wird RW., Haifa, 14. April Eine Frage ist cs, die der jüdische Reisende, der ans Europa kommt und die ganze Last des Judenleids auf seinen Schultern tragt, sich immer wieder vorlegt: Ist dieses Volk, das unvermittelt, für die meisten unerwartet, vor eine ganz neue materielle und psychologische Situation gestellt wurde und, nachdem es eine gesicherte Lebensstätte erworben zu haben glaubte, plötzlich ganz von vorne an fangen, aus ganz neuen, unbekannten, aus dem dunkeln Scholl der Zukunft erst allmählich sich abzeichnenden Bedingungen 11eraus sein Leben u m g e s t a 11 c n muß, — ist cs dieser Aufgabe gewachsen, wird cs ihr gewachsen sein? Es ist eine Frage um Sein oder Nichtsein, um Leben oder Tod, und noch nie in unseren Lebzeiten stand alles für uns so auf der Kippe wie heute. Die Frage gilt für den Einz einen wie für die Gesamtheit, und jetzt erst fühlen wir so recht, wie eng beides zusatnmengehört. Trotz allem Individualismus merken wir, daß auch das private Los des Einzelnen abhängig ist von dem der Gesamtheit — und umgekehrt. Mancher Einzelne findet keinen Weg, ja es gibt solche, die nur die Selbstvernichtung wählen zu können meinen in einer Welt, die für sie keinen Platz zu haben scheint. Zu schnell kam alles über sie, so daß sie nicht in die ücborgenheit der Gemeinschaft, die ihnen unwirklich geworden war, gelangen können; aber auch für die, die dies erstreben, ist der Weg nicht immer glatt, viele Enttäuschungen gibt es, sachlicher und auch menschlicher Art, und wir alle durchleben gewissermaßen diese Sorgen der vielen Juden mit, jeder fühlt sich jedem nahe, und manchmal wagen wir zu hoffen, daß aus dieser Nähe (es gibt auch Gegenbeispiele) ein wirkliches Volks gefiihl werden möge, das uns befähigt, nicht nur intensiv zu empfinden und einander zu verstehen, sondern auch gemeinsam zu handeln. Nie hatte ein Volk solch eine Aufgabe zu meistern, denn nie lebte ein Volk in solcher Zerstreuung, und wer sich für die Gesanitheit verantwortlich fühlt, weiß: überall, wo Juden wohnen, bestellt die jüdische Volks-Aufgabe, diese Pflicht der Mitarbeit an einer neuen Lebensform. Diese Gedanken, die den jüdischen Reisenden nie verlassen, bekommen hier in diesem Lande ihre spezifische und mit nichts anderem innerhalb der Judenwelt vergleichbare Abwandlung. Hier ist der Ort, wo die Frage nach den aufbauenden Kräften sich am schärfsten stellt und wo sie ihre Antwort erhalten muß. Sogar wer nachwiese, daß die Einwanderung in andere Länder zahlenmäßig in diesem oder jenem Zeitraum größer ist als nach Palästina, würde an der Problemstellung nichts ändern. Denn liier entfalten sich die Energien des jüdischen Volkes (und des jüdischen Einzelneri) am sichtbarsten und greifbarsten. Und — sagen wir es gleich — diese Energien sind da. Palästina ist, wie immer man diese oder jene Einzelheit beurteilen mag, ein Kraft- und Energiezentrtim sondergleichen. Eine Atmosphäre jüdischen Lebenswillens und jüdischer .Schaffensfreude erfaßt hier jeden Besucher, und man schelte nicht den der Oberflächlichkeit, der, im vollen Bewußtsein der großen Schwierigkeiten und Krisenerscheinungen, auch diesen Oberflächen-Eindruck als etwas Wesentliches in sich aufnimmt. * Wer Palästina in gewissen Zeitabständen besucht, ist das Staunen gewohnt. Das Land ist, nach einigen Jahren, stets ״nicht wiederzuerkennen''. Immer wieder denkt man an das Bild des Landes von 1923, an die damaligen Zustände und Lebensverhältnisse, und auch ohne Vorliebe für große Worte schwebt das Wort ,,Wunder“ häufig genug auf den Lippen. Aber auch seit 1934 (dem letzten Besuch des Schreibers) welche Veränderung! In die Breite und Tiefe ist Palästina gewachsen, Stadt und Dorf, Umfang und 111halt. Früher hatte man das Gefühl, in einen Bezirk zu kommen, dessen Werden mau kannte und überschauen konnte; das innere Gefüge mit allen seinen Gliedern lag klar zutage, Einrichtungen, Menschen und Typen waren vertraut. Heute ist das alles längst über den ursprünglichen Rahmen hinausgewachsen. Selbst alte Pai itinenser kennen nicht mehr die Namen aller Orte, geschweige denn die dort wohnenden Mensehen; der Besucher, der — wie früher — ״alles“ sehet! will, müßte Monate im Lande verbringen, lind wäre auch dann noch nicht auf dein laufenden, weil vieles sich dauernd ändert. Es ist unmöglich, alle Freunde und Bekannten zu sehen oder zu besuchen, oft weiß man gar nicht, wer von Bekannten in einer Ortschaft, die man berührt, wohnt, und bedauert dies später. Es läßt sich nicht mehr alles so übersichtlich organisieren wie einst, vieles (auch Begegnungen) wird ein Spiel des Zufalls. Vor allem in den Städten ist das Lehen ״normaler“ geworden. Die Menschen eilen aneinander vorbei, jeder geht seiner Beschäftigung nach, es sind Menschen wie alle andern, die sich mühselig plagen um ihr Brot, nicht mehr (wie es früher oft schien) eine Art Ausstelhmgs- Objekt, das der Tourist bestaunt. Die Entfernungen sind groß, die Städte dehnen sich weit, wie schnell ist das alles so geworden! An dieser Stelle sei allen Freunden und Bekannten, die wir nicht sehen konnten, gesagt, daß uns seihst dies am meisten betrübt — und zugleich auch freut, denn es ist ein Zeichen der Ausdehnung; und so erbitten wir von allen Verzeihung, die dieses Nichtbesuchea etwa übelgenommeu haben könnten. * Ein Rhythmus starken Lehens erfüllt die Luft. Tel Aviv etwa hat etwas Großstädtisches, und am Schabbat- Ausgang strömt eine Menschenmenge durch die Hauptstraßen, alle Kinos, Lokale und Gaststätten sind überfüllt, der äußere Blick merkt nichts von Krise. Dennoch weiß man, daß der Aufschwung vor zwei Jahren ins Stocken geriet, und in den Straßen der Städte merkt man neben dem Zuge ins Große auch Zeichen der Stagnation, manche Häuser blichen mitten im Bau unvollendet, da ulid dort sind Lücken, sind alte Häuser, die an Vergangenes gemahnen. Tel Aviv erneuert sich ja ständig, manche Häuser von vor 18 Jahren sind heute längst überholt, sie werden eingerissen und durch Neubauten ersetzt, aber hier und da sicht man noch die alten Häuser, die befremdend wirken. Denn an Stelle des kleinstädtischen Stils ist eine moderne Großzügigkeit getreten, die Wohnungen Begeisterung Oeffentlictie Generalprobe Toscaninis erstes diesjähriges Auftreten in Tel Aviv geschah iii Form einer öffentlichen Generalprobe. Der Maestro wollte sich zunächst nicht dazu entschließen. Erst nachdem er sich von der vorzüglichen Entwicklung des Orchesters überzeugt hatte — H. W. St ei 11 borg hatte wieder die vorbereitenden Proben geleitet —, willigte er ein, und so wurde aus der Generalprobe ein herrliches großes Konzert. Arturo Toscanini — jetz einundsicb/igjährig — dirigierte mit unnachahmlicher Frische und Kraft ein Programm, das außer der Ouvertüre zu ״Baruffc Cliiozzotte“ von Sinigaglia zwei große Sinfonien (die italienische Sinfonie von Mendelssohn und die C-dur-Sinfonic von Selmbert) enthielt. Die ürchcstcrmusikcr — denen aufreibende Probenarbeit nichts Ungewohntes ist — erklärten sich nach der letzten Vorbercitungsprobe für völlig erschöpft, während Toscanini ohne die geringsten Anzeichen von Ermüdung atisgchaltcn hatte. Das Orchester war für dieses Ereignis durch hervorragende Jerusalemer und Tel Avivcr lustrumentalisten erweitert worden. Iin überfüllten Konzertsaal des Messcgeländes war eine begeisterte Menge zusammengeströmt -- die Vertreter der Tel Avivcr Stadtverwaltung, führende Persönlichkeiten der Jerusalemer Universität und des Musiklebens, viele Arbeiter und Bewohner der umliegenden Siedlungen. Das Konzert wurde von unendlichen Beifallsstürmen umrahmt, hesonders als Huberman den Saal und Toscanini das Podium betraten und dann, als beide am Schluß auf dem Podium erschienen. Die Erschütterung durch den großen und seltenen Moment war auf allen Gesichtem lesbar. Toscanini wird nach dem Abonnementskonzert noch ein Extrakon/ert dirigieren. In Tel Aviv und Haifa finden auch Arb׳.iterkonzerte statt. Alice Jacob-Locwcnson Konzerte in Haifa und Tel Aviv Jerusalem, 14. April. (Palcor.) Arturo Toscanini dirigierte gestern abend in Haifa das erste Konzert in dieser Saison. Der Dirigent wurde von dem Publikum, das Tausende von Menschen zählte, mit großer Begeisterung empfangen. Der Veranstaltung wohnten zahlreiche Regierungsverfreter bei, ferner Frau Vera Wcizmann, Ladv Reading, Lady Isaaes, der Oberkommandiercnde der französisehen Truppen in Syrien, Huntziger, und Fliegergeneral Rock aus Beirut. Am 17. April spielte das Palästina-Orchester unter Toscaninis Leitung in Tel Aviv. Auch hier wurden Toscanini und Huberman enthusiastisch gefeiert. Dr. Wcizmann wohnte dem Konzert bei. Toscaninis Ankunft in Tel Aviv Im Nordteil von Tel Aviv, in einer Gegend, die noch vor wenigen Jahren überhaupt nicht bebaut war und erst in der Expansion der letzten drei Jahre zu einem, geschlossenen Wohnbezirk wurde, erstreckt sieh eine Reihe von kleinen Einfamilienhäusern, gemütlich von Gärten umgeben. Die Fonster und Terrassen gehen auf einen alten vernachlässigten Weingarten, der kaum mehr als solcher kenntlich ist und seit Jahren wieder von den wilden Dünonpilanzcn überwuchert wird, die jetzt den kleinen Hügel blau, rot und gelb fätben. Von den Dächern sicht man nach drei Richtungen das nahe Meer: im Süden die vorgeschobenen Turme von Jaffa umspülend, im Westen frei ins Weite wogend, im Norden an um Toscanini der Stelle, wo der Tel-Aviver Hafen angelegt ist. Auf der Ostscitc schaut man ״her die flachen ׳Dächer Tel Avivs Itimvcg in die judäischen Berge. In dieser abgeschiedenen Ecke der geräuschvollen Stadt, noch e.ig verbunden mit Kaste und Meer, lebt man fast idyllisch wie auf eiicni Dorfe. In diese stille Ecke kam plötzlich vor en paar Tagen eine ungewöhnliche Bew egung. Mau et fuhr: Hier, abseits vom Lärm der Stadt, soll Toscanini ci 11 >!na 11iert werden. In einein der schonen kleinen llam-er gingen Lieferanten und Arbeiter aus und ein. Ein paar Muuliic.e zogen einen Sandpflug hinter sich 11er und die Kimlci aus den! ganzen ,Viertel liefen zusammen, um zu sehen, was da geschah. Das Viertel besitzt nämlich keine ausgcbuiite /.ufahrtsstiaßc. Oder riehtiger gesagt, mir eint halbe. Ein paar I kuisbesit/cr, die eine der Seitenstraßen hier bewohnen, haben sieh zusammengetan, um den Sand vor ihren Haustüren mit Asphalt zu bedecken. Das nächste Stadium war der Antransport eines Kla« viers und eines Radios, und danach kam leichteres Gepäck, eine Blumenspcnde nach der anderen. Jetzt lag das friedliche Haus in seinem schönen Garten bereit und die gesamte Nachbarschaft begann zu w arten. Am Samstag nachmittag {*!. April> neiden ein paar Be* obachter an der Straßenecke schließlich mit großer Aufregurig die bevorstehende Ankunft. 100111111 Nt vormittag im Haifaer Lufthafcii gelandet und 11,teil I el Aviv w eitergefahren. Die bekannte schmale (icstalt :111 'chwar/cti Mantel steigt aus dem Auto, wie 11111״. r d!1״ S. h'.ipphut auf den weißen Locken, hinter ihm trägt man e.nen gewaltigen O r a!1 g e n 7. w e i g, voll mit Fluchten, <,׳n < le-chciik der Siedler aus R a in ot 11 II a s c!1 a w; in, die 1 o-wanmi auf der Fahrt von Haifa nach Tel Aue hr-oiciit hat. im Nu ist das Auto von allen Kindern der (iceend umringt, die den grolSen Mann sehen wollen. Kurz nach der Ankunft fahrt aut der neuen Straße ein anderes Auto vor. We izmaiin und Frau kommen aus Recbowoih hei ein, um 'I omanuu und Frau zu begrüßen. 111 dem sonst so stillen Viertel herrscht vrai jetzt an noch größere Ruhe. Die sonst so lärmenden Kinder mahnen eins das andere: ,,Ruhe, nicht schreien; Towanmi braucht Ruhe, er muß viel arbeiten.“ Und io-wanim beginnt am l äge nach seiner Ankunft bereits die lang־׳!! Proben für -eine Konzerte, die für Palästina ein grobes LeM der Kumt bedeuten. Die Musiker warten mit größter Auflegung auf ihre erste Probe mit Toscanini. Die Vorarbeiten hat bisher Steinborg geleitet. Die Spannung wandelt sieh in Begeisterung, als der große Dirigent nach der ersten Probe den Musikern den nächsten Tag freigibt, weil das Orchester ihn aufs höchste zufriedenstem und seine Erwartungen weit übertroffen hat. Die Zeitungen bringen Toscaninis Bilder. Die Buchläden stellen Broschüren über ihn aus. Von Mund zu Mund werden Aeußerungcn des Dirigenten, vor allem über seine positive Einstellung zu Palästina, weitergegeben. Ueberaii sind die Konzerte das Gesprächsthema. Und die Kinder, die nach wie vor stundenlang vor dem Hause warten, um einen Blick auf die neuen Bewohner zu erhaschen, versuchen zu erfahren, was es mit diesem Mann für Bewandtnis hat. Sic fragen immer wieder (hebräisch natürlich) alle möglichen Dinge. Es lohnt, diese naiven hebräischen Gespräche zu belauschen. Wie ist es möglich, klingt das Stinumheii eines Sechsjährigen, daß er nur Bewegungen macht und dann spielt es? Und — ,,ist er wirklich so ein wichtiger Mann, wichtiger z. B. als die I r ja 11 (Stadtverwaltung)?׳' ... Ja, antwortet die -Mutter, ein sehr wichtiger Mann, ,.i Iu Mclech?“ (..So ist er ein König?") ... Ganz aufgeregt klingt die Stimme. Der Kleine wird diesen .Moment wohl nie ver ge.-י eil. W. K. (Tel Aviv) Toscaninis Besuch in Rainoth Mascha wim j »׳■^ i'' 1«*׳ ׳“ *¥: Bild links: Toscanini und Huberman beim Besuch der Siedlung Rainoth Huscluuvun. — Bild rechts: Der Platz in Rainoth llaschawim, an dem Toscanini Anfang 1937 Bäume pflanzte, dient den Kindern der Siedlung jetzt als Spielplatz. Die Kinder tanzen einen Reigen. Die kleinen von Toscanini gepflanzten Bäumchen sind hinter ihnen zu sehen. 110<> ׳*: H. Weißpnulein besitzen jeden denkbaren Komfort, die Häuser sind zum Teil schöne Zweckbauten, die Mehrstöckigkcit herrscht vor (im Gegensatz zu einst). Der große, bis zur Ausstellung und dem Hafen am Jarkoi! reichende Nordleil von Tel Aviv, gruppiert um den schönen, kreisrund angelegten und mit frischem ürün versehenen Dizengoff-Platz, ist zur Gänze eine Schöpfung der letzten 3—4 Jahre. Aehnlich ist es in Haifa. Manchmal stehen mitten drin, besonders in Seitenstraßen, noch die Häuser von einst. Aber wo altmodische Wohnhäuser (oder gar nichts) standen, stehen jetzt große Geschäfts- (Hier Bürohäuser, und!pan kann nicht mehr tun, als die Schilder und Tafeln zu studieren, ein ganz interessanter Einblick in die Struktur dieser Viertel. Der untere Teil von Tel Aviv mit seinem Strand trägt zuweilen ebenso den Charakter eines großen Seebads wie auch der Karmel einer Sommerfrische ähnlich ist. Doch dicht daneben gibt cs Baracken, armselige Hütten und ausgedehnte Slums. Wir täuschen uns nicht, in manchen Teilen ist das Elend groß. Aber wer erwartet denn, daß in einem Land wie diesem und in einem so ״künstlich" und gewollt werdenden und wachsenden Gemeinwesen nur Wohlstand und Erfolg herrscht — etwas, was es nirgends in der Welt gibt. In der letzten Zeit ist das