Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 43 (1938)
- Issue
- Heft 30-31 (15.4.1938)
- Date
- 1938-04-15
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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löDISCHE RUNDSCHAU PALÄSTINA-BLATT Nr. 30/31, 15. APRIL 1938 Kritik und Reform gl. Tel Aviv, Anfang April 1938 Krise als Prüfstein der Qualität Es ist eine Binsenwahrheit, daß es sich in schwierigen Zeiten zeigen muß, auf welchen Grundlagen ein Werk aufgebaut und ob es imstande ist, auch Stürmen und Gefahren standzuhalten. Alte Palästinenser, für die die heutige Depression nicht die erste schwere Zeit ist, die sie im Lande durchmachen, sind daher gelegentlich dazu geneigt, derartige Krisenperiodeu, wie wir sie jetzt erleben, nicht nur als ein Unheil, sondern auch als eine Art innerer Oesunduiig anzusehen. In den Aufstiegszciten, so meinen sie, wird alles, das Gute ebenso wie das Schlechte, von einem rosigen Hoffmmgsschleier umkleidet, alles wächst in rasender Eile und vieles Peinliche und Ungesunde schleicht »ich zugleich mit dem Guten ein. In Zeiten der Not aber muß sich auf allen Gebieten, sowohl in der Wirtschaft als auch im Sozialen, eine Auslese vollziehen. Untemehmun* gen, die nicht recht basiert waren, sondern nur irgendwie im großen Strome mitschwammen, werden ausgeschieden und machen stärkeren Betrieben Platz. Ein überhöhter Lebens- Standard wird auf ein dem Lande zuträgliches Maß zurückgeschraubt. Ucbcrmäßige und datier unberechtigte Hoffnungen werden gedämpft. Die Gemeinschaft sieht ihr Gesamtleben ohne den großen Rausch, der ihr die Maßstäbe verschob. In dieser Ansicht steckt ein gewisser Kern von Wahrheit. Ohne Zweifel dienen Depressionszcitcn als ein Prüfstein für die Gesundheit und Widerstaiidfiihigkeit des bisher aufgeführten Baus. Und viele Züge der Prosperity hatten etwas Ucbertriebencs und Geschwollenes an sich. Andererseits aber darf man sich nicht darüber hinwegtäuschen, daß Schäden, die in einem übereilten Aufbautempo eingerissen sind, nicht einfach durch den Druck der Not verschwinden. Sie wieder gutzumachen, bedarf es eines gut geleiteten und entschlossenen Reformwillens, der die Quellen bestehender Uebel prüft, ihnen nachgeht, feststellt, wie sie zu beseitige» sind und dann gegen alle sich erhebenden Widerstände Besserungen durchführt. Unter diesem Gesichtspunkt bekommt die öffentliche Meinung und eine konstruktive Kritik eine besondere Bedeutung. Gerade in diesem Punkte jedoch liegen die Dinge im Lande heute nicht zuin Besten. Die Ursachen da für liegen tief in der palästinensischen und allgemein-jüdischen Situation begründet. ״Burgfrieden" Eines der wesentlichen Momente, das heute eine offene, von Rücksichten auf äußere Wirkungen freie Kritik hemmt, liegt darin, daß das jüdische Palästina in einem ernsten Kampfe steht, der alle seine Kräfte beansprucht. Die Wacht gegen den Terror, die Bemühungen um eine Besserung der Wirtschaftslage, der Kampf an der politischen Front in Jerusalem und London schaffen sowohl beim großen Publikum als auch in den engeren Kreisen der an öffentliehen Institutionen Beteiligten eine besondere Haltung. Es besteht heute eine Art stillschweigend anerkannter Burgfrieden, der insbesondere von den Elementen sehr ernst genommen wird, die sich für die Leitung der Geschäfte verantwortlich fühlen. Da von allen Gesichtspunkten aus, sowohl voit ökonomischen wie von politischen, eine geeinte Front nach außen wichtig erscheint, bemüht man sich, größere Gegensätze möglichst nicht entstehen zu lassen, grundsätzliche Auseinandersetzungen zurückzustellen. Dabei ist es unverineidlich, daß sich auch die Kritik stärker zuriickhält als in normalen Zeiten oder daß sie sozusagen unterirdisch Wird. Man spricht über Dinge, die man nicht für gut hält, man diskutiert sie i!11 Publikum, erwähnt sie auch gelegentlich in der Presse, aber die allgemeine Situation läßt die Stunde für eine grundsätzliche Klärung nicht angebracht erscheinen. Es ist jedoch unvermeidlich, daß nicht alle Seiten gleichmäßig dieses unausgesprochene Abkommen des Burgfriedens cinhalfen. Es finden sich immer Elemente, die eine Situation ausnutze!!, wenn sic damit rechnen können, daß die Gegenseite sich durch bestimmte Rücksichten gcblinden fühlt, und sie versuchen, ihre Spczialintercssen gegen das Gesamtinteresse durchzusetzen. Außerdem ist cs einleuchtend, daß Uebel, die nicht in ihren Anfängen bekämpft werden, sich einfressen und später zu ihrer Ausrottung mehr Kraft erfordern. Ein Burgfrieden, wie er augenblicklich vermutlich nicht zu vermeiden ist, hat somit auch seine Nachteile. Propaganda Wie siel! die Dinge im Lande gestalten, hängt bei den besonderen Verhältnissen der zionistischen Arbeit nicht nur von Palästina ab, sondern auch von der Mitarbeit, dein Verständnis und der Bereitwilligkeit des Judentums in den Ländern der Golah. Schon allein die Tatsache, daß das Budget der Jcwish Agency durch die freiwilligen Abgaben der Judenheiten aller Länder aufgebracht werden muß, ist von entscheidendem Einfluß. Die Propaganda für Palästina und das Aufbauwerk hat daher in den letzten zwanzig Jahren in der Bewegung eine entscheidende Rolle gespielt. Man bemühte sich zu zeigen, daß hier im Lande etwas Großes versucht wird, das nicht nur für Palästina, sondern für die ganze jüdische Welt von ausschlaggebender Bedeutung ist. Nun ist es vermutlich imvenneidlich, daß bei dieser Propagandaarbeit die Tendenz mit hincinspielt, die Dinge in Palästina möglichst großartig und vielversprechend hinzustellen. Und eine der schwersten Anklagen, die viele der Einwanderer der letzten fünf Jahre gegen die Aufklärungsarbeit im Auslande erhoben haben und noch erheben, ist, daß man sie über den ״wahren Stand der Dinge“!ייז Lande getäuscht hätte. Sie fanden Palästina im Sommer heißer, im Winter kälter, als sie es sich vorgestellt hatten. Sie waren schockiert über die ungeregelten Zustände in öffentlichen Institutionen, im Verkehr. Sie fanden, daß nicht alle Palästinenser jenem Typus des ״Chaluz“ entsprachen, den man ihnen in einer nicht endenwollenden Reihe von Photographien, Filmen und Reden als den neuen Palästinenser vorgefiihrt hatte. Sie fanden vor allem — das gilt auch für die goldenen Jahre der Prosperity — einen viel schärferen Existenzkampf vor, als sie erwartet hatten. Man kann nicht leugnen, daß in der Tat ein Teil der jüdischen Presse in seiner Propaganda starke Fehler beging. Nicht etwa, daß man viel falsche Dinge berichtet hätte. Was ins Ausland geschrieben wurde, war in der Regel richtig־. Aber es war vielfach einseitig. Man beschrieb gern und viel die großen Neubauten der Städte und vergaß dabei die trüben Armenviertel, die zugleich bestehen blieben oder anwuchsen und sich neu bildeten. Man stellte den landwirtschaftlichen Pionier in den Mittelpunkt des Bildes und ließ den Bodenspekulanten, den Luftniensclien, alle jene unglücklichen und unwürdigen Existenzen, die die bnmigrationswclle mit ins Land brachte, daneben zurücktreten oder verschwinden. Die Psychologie der Propaganda hat jedoch noch eine andere, nicht weniger wichtige Seite, und sie liegt nicht bei den Berichterstattern und Propagandisten, sondern beim lesenden und hörenden Publikum. Sowohl in den Jahren des Aufschwungs als auch jetzt —■ vielleicht jetzt noch in stärkerem Maße — griff das Publikum draußen mit größtem Eifer nach allen rosigen Berichten, und cs lehnte die realistischeren, von Kritik bestimmten Bilder ab oder las vielfach einfach über sie hinweg. Man kann leicht das Experiment machen und sich einen der ״enttäuschten Einwanderer“, die sich über die falsche Darstellung beklagen, vornehmen und ihm an Hand eines Jahrgangs einer Zeitschrift beweisen, daß alles das, was er nicht wußte, dort bereits schwarz auf weiß gedruckt war. Das wird an der Tatsache ft1ieps«epsopgun0״״:.utÄ״;i״״ts Philipp UCkO, Berlin-Wilmersdorf, Brandcnburgi■»!* StraB« 22 / Ruf 92 74 43 wenig ändern, daß das Publikum draußen aus den Blättern herausliest, was es heraiislcscn will. Und diese Tatsache ist psychologisch verständlich. Bei der heutigen Situation der Juden, wo ihr Lebenskreis sich immer mehr einengt, ihre Lebensbedingungen immer schwieriger werden, bemüht man sich mit allen Kräften, Palästina besonders rosig und hoffnungsvoll zu sehen. Man will sich auf richten, einen Hoffnungsstrahl sehen. Jedoch hat diese Tendenz etwas Kurzsichtiges an sich. Palästina hat so, wie es wirklich aussieht, soviel Positives, daß es nicht nötig hat, sich besonderes Licht dazu zu borgen. Und vor allem wird es die ihm gestellten Aufgaben nur dann wirklich befriedigend lösen können, wenn sowohl innen wie außen vernünftige, auf Tatsache beruhende, ans Liehe zur Sache strömende Kritik als eine Selbstverständlichkeit gilt. Man tut weder Palästina noch der Golah einen Dienst damit, wenn man Schäden, die sich eingenistet haben, vertuscht. Nur durch ihre ruhige Betrachtung werden die Vorbedingungen zu ihrer Beseitigung geschaffen. Und gute Propaganda scheut diese konstruktive Kritik nicht im geringsten. Kritische Stimmen In letzter Zeit sind Kritiken über verschiedene Mängel in der hebräischen Presse erschienen, darunter auch über Institutionen, die dem großen Publikum besonders lieb sind, wie zum Beispiel den Hafen in Tel Aviv und die Aus- Stellung. Insbesondere hat Moscheh S m i 1 a n s k i, der bekannte Führer der Pflanzer, sich bereits den Ruf geschaffen, daß er in seiner Kritik überaus freimütig und offen ist. Seine Aufsätze, die jetzt häufig im ״Haarez“ erscheinen, erregen daher weites Interesse, auch in Kreisen, die ihm politisch gegnerisch gegenüberstehen. Smilanski hat in einem viel diskutierten Artikel verschiedene Mißstände im Hafen von Tel Aviv aufgedeckt. Von anderer Seite, Ein Jude erschossen Die Nesclier-Siedlung bei Haifa wurde nachts heftig beschossen, wobei der 35jährige Isaak Bet renk er schwer verwundet wurde. Befrettker erlag später seinen Verletzungen. Schweres Bombenattentat im Zuge In einem Zuge der Strecke Haifa—Akko, in dem Arbeiter der Irak Petroleum-Comp. fuhren, explodierte eine Bombe und tötete einen arabischen Hilfspolizisten sowie einen arabischen Passagier und verwundete einen weiteren Araber. Die arabischen Passagiere, die aus dem Zuge flüchteten, griffen drei jüdische Autobusse an, die in der Nähe stauden, und verwundeten einen jüdischen Arbeiter schwer und drei leicht. Bei einer zweiten später erfolgten Bomben- Explosion wurden ein britischer Sergeant und ein Polizist getötet. Toscanini in Palästina Toscanini, der mit seiner Frau in Haifa eingetroffen ist und dort von Colonel Kisch und Freunden des Palästina- Symphonie-Orchesters begrüßt wurde, begab sich überNatania und Rarnoth Haschawim, wo er die jüdischen Siedler begrüßte, nach Tel Aviv. Er hat im Hause von Dr. Weizmann in Rechovoih Wohnung genommen. Landung von Passagieren in Tel Aviv Die Palästinarcgicrung gab die Erlaubnis zur Landüng von Passagieren im Tel Aviver Hafen. Das erste Schiff, das am 11. April in Tel Aviv Passagiere landete, war der Dampfer ״Egitto“. Der neue Oberkommandierende Generalmajor llaining (in der Mille im weißen Anzug/ hei seiner Landung in Kaiandia bei Jerusalem. Er wurde von Vertretern des High Commissioners und des bisherigen Ober• kommandierenden begrüßt F״to: o™hl•», J«״״«!.!» dem ״Dawar“, ist in letzter Zeit eine scharfe Kritik darüber erschienen, daß bis heute das Problem der Jaff&er Flüchtlinge vom Ausbruch der Unruhen 1936 noch nicht befriedigend gelöst ist, und daß die bisher gegebene soziale Flilfe völlig ungenügend sei. Uud so kann man noch eine ganze Reihe von kritischen Aeußermtgen der letzten Zeit nennen, die dafür zeugen, daß das Publikum sich vielfach keine Illusionen über bestehende Mißstände macht, und daß sich Stimmen in der ()Öffentlichkeit melden, die Besserungen verlangen. Die Mängel dieser Kritik liegen jedoch darin, daß sie verstreut auftritt, daß es sich oft nur um einmalige Aufsätze handelt, die zwar aufmerksam gelesen werden und dem Autor die Befriedigung geben, daß er seinem Gewissen genügt hat, aber vielfach ohne praktische Folgen bleiben. Sie werden nur selten zum Beginn einer Kampagne, die dann die zuständigen Institute zwingt, etwas zu tun, die Dinge zu verbessern. Und doch kommt es gerade darauf an. Vielfach schreibt man diese Zustände iit Palästina dem Mangel an einer öffentlichen aktiven Meinung zu. Und das mag zu einem Teile stimmen. Hier wirkt sich zu einem guten Teile der Umstand aus, daß immer ein Teil der Juden im Lande noch nicht seine eigentlichen Bürger, sondern Einwanderer sind, daß sie also noch vieles zu lernen haben und erst nach und nach dazu gelangen, sich selber ein fundiertes Urteil darüber zu bilden, was im Lande geschieht und was anders sein müßte. Aber es besieht immerhin ein sehr großer Kreis von Menschen, der hier verwurzelt ist und die Dinge aus der richtigen Perspektive sicht. Um die hier verstreute Kritik zu sammeln und dem Reformwillen dienstbar zu machen, bedarf es einer gewissen Konzentration und Führung. Diese kann in vielen Fragen des täglichen Lebens und der praktischen Arbeit nur zu einem Teil in den bestehenden Parteien gefunden werden, die vielfach durch politische Rücksichten gehemmt lind von den großen Tagesfragen so in Anspruch genommen sind, daß sie auf immer erneute Hindernisse stoßen. Träger dieses Reformwillens müßte der Durclischnittsbürger seit!. Vielleicht würde eine außerparteilichc energische Gruppe durch Aufklärung der (/)Öffentlichkeit und Aktivität an den verschiedensten Stellen viel tun können. Jede Voraussetzung jedoch für das Gelingen derartiger Aktionen ist der Wtlle, freimütig und mit Liebe zur Sache zu kritisieren und — sich kritisieren zu lassen. Von der Woche Dr. Chaim W e i z nt a!1!1 frühstückte mit dem High Contmissioner Sir Harold MacMichael. In den acht Monaten von August 1937 bis Ende März 193S kamen 7834 Juden als Einwanderer nach Palästina. Gegen den Bürgermeister von Nablus wurde ein zweiter Anschlag verübt. Sein Haus wurde heftig beschossen, wobei er jedoch keinen Schaden nahm. Arabische Abordnungen gratulierten ihm zu seiner Rettung. Truppen, die die Nachbarschaft von Jttara nach den Mördem der beiden Chalttz.im durchsuchten, stießen auf eine große Bande. Es kam zu einem Gefecht, bei dem drei Araber getötet wurden. Eine arabische Ramie griff das Dorf Turan bei Tiberia* aa und entführte einen arabischen Polizisten. Nach einem noch nicht bestätigten Bericht sind die Mörder des Distriktskoinmissars Andrews und Avinoam Yellitts in Jerusalem in Gewahrsam. Die Regierung teilte mit, daß den Entschädigung*■׳ an spriiehen für Todesfälle und Verletzungen, die seit dem 12. 10. 36 durch Gewaltakte verursacht wurden, stattgegeben werden soll. Die Auszahlungen werden auf derselben Basis erfolgen wie diejenigen, die für Folgen von Gewalttätigkeiten zwischen dem 19. 4. und 12. 10. 1936 geleistet wurden. Eine Straße wurde vollendet, die die neue jüdische Siedhing Chanutah mit einem in der Nähe gelegenen Berggipfel verbindet, auf dem die ständige Siedlung errichtet werden soll. In dem ersten Auto, das auf der neuen Straße aut den Berggipfel fuhr, befanden sich Mitglieder der Exekutive der südafrikanischen Zionistischen Organisation. Ein Baum wurde att der Stelle gepflanzt, wo Jakob Brenner fiel, als die Siedler am ersten Tag ihrer Arbeit von arabischen Terroristen überfallen wurden. Der Bau einer 257 kni langen Straße von Beerscheb« nach Akaba wurde fertiggestellt. Bis jetzt war dort nur ein schmaler Pfad in der Sinai-Wiiste vorhanden.