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Jüdische Rundschau · 1938-04-15 · Heft 30-31 (15.4.1938) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
43 (1938)
Issue
Heft 30-31 (15.4.1938)
Date
1938-04-15
Page
– (sequence 1)
Language
German
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fr. 30/31 /Jahrgang 43 Fv«i« 25 Kpfc JÜDISCHE RUNDSCHAU Verlag und AnulgtovcrwiKaiigt Berlin W15, Me!n«k«atr. 10 fmmfmU 919031, Telegramm .Adresse! Orghip. - ln Fällen höherer Gewalt frl«|*f*bfihr*n. Bezugspreis einschließlich Bestellgeld j» Monat RM 2,—t je Viertel- }«hr RM 5,75; bei Abholung RM 1,88 hz״. RM 5,39 («inschlieBlich Postzeihm^- TrMGr06.B*rlin!P Berlin 71573, für da» übrig Erscheint jeden Dienetag and Freitag. Gültig iit die AmelgenprellUat• Nr. S vom 1. April 1936. Die iwölfgeipelteee mm ■ Zeile 20 Rpf, für r»mlli«■* Nachrichten 15 Rpf. Keine Gewehr für Aufnahme von Anieigei BERLIN י״ד ניסן תרצ״ח •UI rosiicneca *vonto ״min /tuio ooer nur monuijj018 ־ rrettftg y —* 1» UV, Berlin^1*7392 FREITAG, 15, APRIL 1938 Dar Zionismus erstrebt Mr das jüdische Volk die Schaffung einer Öffentlich - rechtlich gesicherten Heimstätte In Palästina. (Baseler Programm) Ins Gelobte Land Peßach-Betrachtung 5698 Kein anderes Fest im Ablauf des jüdischen Jahres hat durch alle Jahrhunderte hindurch dem Juden so sehr das Bewußtsein gegeben, daß er es in der Fremde feiert, wie die Peßachfage. Die Stimmung des Aufbruchs ist in diesen Tagen mit all ihren Symbolen eingefangen; über allem aber schwebt die unauslöschliche Hoffnung, die auch in den dunkelsten Tagen der jüdischen Vergangenheit nicht untergehen konnte, des Wortes: ״Nächstes Jahr in Jerusalem“. Die letzten Generationen haben vielfach den Sinn dieser ,Worte wie des Festes überhaupt abzuschwächen versucht, Die heutige Peßach-Beilage enthält Beiträge von: Ilse Blumenthal-Weiß, J. Laupheimer, J. L. Perei, Erich Rosenbliith, Hermann Siasheimer, Arnold Wiener, Rahel Wischnitzer - Bernstein, Oskar Wolfsberg u. a. sowie eine Palästina-Bilderseite sie glaubten oder wünschten wenigstens, am endgültigen Ziele der langen Wanderung angelangt zu sein — einem Ziele, das nahe an die Selbstaufhebung der jüdischen Art herangerückt schien. Wir Juden von heute können wieder aus eigenstem Erleben heraus den Sinn des Festes begreifen und fühlen: ln der Fremde, der Verbannung versammeln wir uns um den Tisch, zugleich aber ist in uns die Hoffnung auf Rückkehr, auf Sammlung des Volkes so wach wie seit langem nicht mehr! Der Gedanke des Aufbruchs ist heute mehr als ein Symbol. In vielen tausenden jüdischen Häusern werden diesen Peßach Menschen feiern, die zum letzten Male im Kreis ihrer Familie das Fest erleben, weil sie selbst kurz vor dem Aufbruch in die Welt stehen. Immer größer wird die Zahl jener, die in dieser Stimmung um so stärker den Sinn der Erzählung vom Auszug aus Mizrajim in seiner ganzen Tiefe und Tröstlichkeit empfinden, immer weiter der Kreis der jüdischen Gruppen in der Welt, die durch die Wandlung ihrer äußeren Lebenxverhältnisse in den Strom der Bewegung hineingezogen werden. Und je mehr die Zahl der Juden wächst, die durch viele Fäden mit ihren Angehörigen und Freunden draußen in der Welt verbunden sind, uin so stärker schwingen auch die Wellen brüderlichen Gefühles, die uns alle als eine große Gemeinschaft des Schicksals wie auch der Hoffnung und des Willens verbinden, mögen Länder und Meere auch das äußere Band, das uns einte, zerrissen haben. Uns verbindet in diesen Tagen die Hoffnung auf ein neues Leben, neu in seinen menschliehen Grundlagen, erneuert aber auch in seinen Jüdischen Zielsetzungen durch die Einordnung des Einzelnen in die großen nationalen Hoffnungen unseres Volkes. Und wir wissen, daß die Worte, die hier geschrieben werden, nicht mir in unserem engeren Kreise Widerhall finden werden, sondern ebenso sehr bei all den Ungezählten, die hinausgegangen sind in die Welt und dort auf die Stimme der alten Heimat lauschen. Es sind gewiß keine leichten Aufgaben, die unser Geschlecht des Aufbruchs zu lösen hat, Aufgaben in materieller wie in geistiger Beziehung. Man beklagt es gelegentlich, daß dieser oder jener bei der Durchführung seiner Lebenspläne sich zu sehr auf den Rat der jüdisehen Institutionen verläßt und allzu wenig eigene Initiative entwickelt. Diese Beobachtung mag gewiß zutreffen, ihr steht aber auf der anderen Seite die Tatsache gegenüber, daß Tausende, Zehntausendc sich einen Weg in die Welt ganz aus eigenen Kräften gebahnt haben, und daß sie ein wertvolles Element der Arbeit und des Schaffens wurden, nachdem sie einen neuen Ansatzpunkt für ihr Leben gefunden hatten. Dabei ist es gewiß nicht einfach, den Blick, der zunächst zurück auf Heimat und Angehörige gerichtet ist, den Zielen zuzuwenden, die den Menschen in der neuen Heimat erwarten, aus einem Auswanderer ein E i n wanderer zu werden und sich in die allgemeinen und in die jüdischeu Verhältnisse des Landes einzuordnen. Schon in Palästina ist dies keine einfache Aufgabe, obwohl dort natürlich am ehesten die Möglichkeit gegeben ist, ein Bürger der im Lande neu entstehenden jüdischen Gemeinschaft zu werden, der alle Rechte und Pflichten zu tragen hat; wieviel schwerer aber erst in den überseeischcn Gebieten, in denen das Leben von anderen, nichtjüdischen Faktoren bestimmt wird. * Das Licht der Hoffnung, das unsere so schwere Zeit erhellt, ist für das jüdische Volk der Neubau des Lebens in Erez Israel. Trotz allem, was wir an Schwierigkeiten dort zu bewältigen haben, trotz den Verlusten an Gut und Blut, die die Juden in Palästina zu tragen hatten, entsteht dort sichtbar vor unser aller Augen neues Leben, neue Schöpfungen jiidischen Geistes und jüdischer Arbeit, und es gibt kein Nachlassen der Spannkraft. Es sind am 19. April zwei Jahre vergangen, seitdem mit dem blutigen Ueberfall in den Straßen von Jaffa die Unruhen begannen. Zwei Jahre voller Leid und Sorgen, voller Disziplin und Mut auf jüdischer Seite, eine Zeit, deren Geschichte im einzelnen noch geschrieben werden muß, wenn die Möglichkeit zu ruhigerer Betrachtung vorhanden sein wird. Es gab wohl niemand in Palästina und außerhalb des Landes, der geglaubt hätte, daß nach so langer Frist, nach zwei Jahren, die Flamme des Aufruhrs noch nicht erstickt sein würde, und daß wir auch jetzt noch beinabe täglich Nachrichten über Terrorakte erhalten. Dennoch ist in dieser abgelaufenen Periode die Entwickhing der jüdischen Sache allen Widerständen zum Trotz 11111 ein großes Stück weitergekommen. Was jahrzehntelang als eine Utopie erschien, der Gedanke des J11 d e n s t a a t e s, ist heute ein Faktor auf dem Felde der Politik; wohl sind die letzten Entscheidungen noch nicht getroffen, aber man darf annehmen, daß gerade in diesen Wochen die Verwirklichung jenes welthistorisch bedeutsamen Projektes ein Stück näher gerückt ist. Die neue P a 1 ä s t i n a - K o m m i s s i o n wird nach den Feiertagen in Jerusalem ihre Arbeit beginnen, und die sich andcutende Entspannung im Mittelmeergebiet und im Vorderen Orient wird — so hoffen wir — dazu beitragen, daß das Problem etwas erleichtert wird. Wir dürfen dabei nicht vergessen, welche Bedeutung gerade in dieser Zeit die Haltung der Juden des Landes selbst besitzt, die Geschlossenheit ihres Auftretens, ihre Zurückhaltung den Provokationen gegenüber, der Kampf um die Erhaltung der wirtschaftlichen Kraft und ihr Elan, mit dem sie in schwerer Zeit neue Positionen in Stadt und Land eroberten und befestigten. Hierin zeigt es sich, daß der in den Jahren der Prosperity so rasch angewachsene Jischuw mehr ist als eine Summe von Menschen, die durch ihr Schicksal in der Golah an die Küsten Erez Israels gespült wurden, daß vielmehr in ihnen der Wille und die Kraft vorhanden sind, eine schöpferische Gemeinschaft zu werden, die Freiheit des Volkes nicht nur als Parole im Munde zu führen, sondern durch Bewährung im Leben zu erreichen. Bei all dem kann es natürlich nicht sein Bewenden haben. Wir wissen, daß selbst ein Judenstaat, w׳enn er uns gegeben wird, nur einen Start bedeutet, einen Rahmen, den es aus eigenen Kräften auszufüllen gilt, und daß sich in ihm wie auch schon während der vergangenen Periode des Aufbaus wird zeigen müssen, von weichem Geiste das jüdische Volk in dieser Zeit seiner Neuformung beseelt ist. Man stellt gelegentlich die Frage, ob es in der Geschichte eine Art von zeitlicher Arbeitsteilung gibt, d. h. ob es möglich sei, zunächst einmal gewisse Aufgaben zu lösen, etwa die des äußeren, materiellen Daseins, und andere Aufgaben auf einen späteren, dafür geeigneteren Zeitpunkt zu verschieben. Uns scheint, daß diese Frage sinnlos ist, wenn man die Wirklichkeit des Lebens ins Auge faßt. Da gibt es kein natürliches Nacheinander, sondern in der tatsächlichen Entwicklung sind alle Vorgänge miteinander verknüpft, die Tendenzen ringen miteinander und im Leben des Volkes wie in dem des Einzelnen besteht eine untrennbare Verbindung zwischen Geist und Körper, zwischen materiellen Bestrebungen und kulturellen und seelischen Vorgängen. Die Ge* schichte ist eine Einheit, sie strömt wie eine Welle durch die Zeit, wobei ein Teil das andere trägt, eines ohne das andere nicht denkbar ist. In diesem Sinne muß in allen Perioden der jüdischen Renaissance die Frage gestellt werden, welche menschliehen Kräfte in ihr zum Ausdruck kommen, und wir müssen besonders in einer Zeit, in der die große Chance der eigenen Verantwortung für unser Leben im Rahmen eines jüdischen Staates näher rückt, diese Frage mit aller Klarheit in den Vordergrund stellen. Sie soll hier nicht im einzelnen beantwortet werden. Uns scheint, daß Vollkommenes und Unvollkommenes in Erez Israel wie auch in dem mit diesem Lande verbundenen Volk der Golah miteinander ringen, daß es manches an äußeren Gütern wie an innerer Haltung gibt, was auch unter hochsten Ansprüchen bestehen kann — aber daß wir demgegenüber nicht die Mängel unserer eigenen Sache übersehen sollen. Die Kraft, mit der das jüdische Volk den neuen Rahmen seines Lebens ausgestaltet, wird nicht allein von dem Motor der Judennot gespeist, sondern ebenso sehr von den Elementen der Besinnung auf uns selbst, die in uns wach werden. Und in dieser Hinsicht sind wir nicht arm. Die Güter der jüdischen Vergangenheit, besonders der jüdischen Antike, stehen vor uns als ein bis heute mir zu einem sehr kleinen Teil gehobener Schatz, Güter des Geistes sowohl wie der Sittlichkeit, die imstande sein werden, auch unserer Zeit, unserer Jugend und den nachwachsen־ den Kindern etwas zu sagen, ihnen den Halt fürs Leben zu geben, den der Mensch braucht. Nichts sollten wir so sehr von uns weisen, als den Kleinmut eines Ge* schlechtes, das sich für verloren hält, weil die Zeit im äußeren Geschehen gegen es arbeitet: wir sollen empfinden und wissen, daß gerade in den Epochen der Not etwas Neues aus dem Herzen des Menschen heraus geboren wird, das in ihm lag und jetzt nach Betätigung ruft. ״Doch wenn sie es vergessen — müde sinken Am Weg — laß sie in Kleinmut nicht vergehen, Herr — rufe, rufe — um! aus meinem Blute Wird immer wieder einer darin erstehen. Allfachen das, was — Herr — von Dir entzündet — Heilige Glut — noch unter Trümmern schwält, Und ihnen sagen — sagen — sagen... Wozu sie Gott — in alle Zeit — erwählt.‘‘ Diese Worte, die in Beer-Hofmanns ״Jaakobs Traum“ dein Helden des Stückes in den Mund gelegt werden, zeigen vielleicht besonders klar, worum es geht, wenn wir gerade in dieser Zeit, in der wir so sehr um die äußere Gestaltung unseres Schicksals ringen müssen, die gleichzeitige Notwendigkeit der menschlichen Erneuerung hervorheben, die eine zutiefst jüdische sein soll und aus unserin Eigensten quellen muß. * ln diesen Peßachtagen wird in Palästina eines Ereignisses gedacht, das auch unter dem hier behandelten Gesichtspunkt von großer Bedeutung ist. Die He* bräische Universität in Jerusalem gedenkt Vi■sie* UefoMiok Die Landung von Passagieren im Hafen von Tel Aviv wurde am 11. April auf genommen. In der Nähe von Haifa wurde bei einem Ueberfall ein Jude erschossen. England beabsichtigt, im Völkerbundsrat eine Beratung darüber herbeizuführen, ob die Zuständigkeit des High Commissioners für Auswanderer aus Deutschland auch auf Auswanderer aus Oesterreich ausgedehnt werden soll.

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