Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 43 (1938)
- Issue
- Heft 29 (12.4.1938)
- Date
- 1938-04-12
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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fflr. 89 ✓ Jahrgang 43 Prafs 35 ftpt JÜDISCHE RUNDSCHAU Saäaktton, Verlag und A nzelganverwaltangi BerllnWlS, Mctnekeatr, 10 Fernruf 19031 1י, Telegramm •Adrelie 1 Orghlp, — In Fallen höherer Gewalt B**u£*jfebühren. Bezugspreis einschließlich Bestellgeld je Monat RM 2,—-, je Viertel. Jahr RM 5,75; bei Abholung RM 1,88 bzw, RM 5,39 (einschließlich Postzeihingsgebühr von 10,72 Rpf je Monat). —־ Postscheck - Konten der Vertrieb! ־ Abteilung f Sr Groß - Berlin: Berlin 71S73V für das übrige Reich: Berlin 17393 BERLIN י״א ניסו תרצ״ח DIENSTAG, 12. APRIL 1938 Erscheint Jaden Dlenatag and Freitag. Gültig ist die Anaalganprelallata Nr. S vom 1. April 1936. Di« iwölfge.paHene mm - Zeil, 20 Rpf, für Familien. Nach rieh tan IS Rpf. Keine Gewehr für Aufnahme von Anreigen in bestimmten Ausgaben oder an beetimmten Plätzen. Einrelanreigen nur gegen Voreu'rnhlung auf Poatecheck - Kontn Berlin 71618 oder bar Montag bi« Freitag 0 — 18 Uhr.! AnnabmeechluB für dia Dienetag . Ausgabe: Montag 10 Uhr, für die Freilig - Ausgabe Mittwoch 15 Uhr. Familien ■Anaelgea am Tag vor Enchelnen 1* Uhr Dar Zionismus erstrebt für das iOdische Volk die Schäftung einer öffentlich - rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina. (Baseler Programm) Numerus clausus Judengesetz in Ungarn Numerus clausus in Wirtschaft und Kultur — 20 Prozent Judenanteil — Auch Schächtverbot verkündet Von unserem Berichterstatter Budapest, 8. April Die von der Nationalen Einheitspartei geschaffene ״J11 - denkomraissioti“, über die wir in Nr. 27 berichteten, hat 'rasche Arbeit geleistet. Innerhalb einer Woche hat der Ausschuß — wie ihr Vorsitzender Dr. N a g y v. Tasnäd gestern bei einer l’arfcikonferenz mitteilte, — zwei Sitzungen ahgehaltcn und mit der Abfassung eines Entwurfs sein Mitglied, Abg. Dr. E. M a k k a i, beauftragt, dessen Vorschläge sich die Regierung im Wesen zu eigen machte. Der jüngst ernannte Justizminister, Dr. Edmund Mikccz, machte in derselben Parteikonferenz schon genauere Mitteilungen über den Gesetzentwurf, der amtlich den Titel führt: ״U e b e r die w irkungsvoi• 1 e r e Sicherstellung des Gleichgewichtes im sozialen und wirtschaftlichen Leben“ und vom Minister am heutigen Tage auch dem Abgeordnetenhause unterbreitet werden soll. Auf dem Gebiete des geistigen!.ehe 11s sieht der Gesetzentwurf die Schaffung einer Presse- und Theat e r k a tri m e r vor, die sämtliche auf diesen Gebieten tätigen Personen umfassen muß. .Mitglieder der Kammern können nur ungarische Staatsbürger sein, Juden können nur in einer solchen Zahl aufßenommen werden, daß ihre Gesamtzahl 20 «0 der gesamten Mitgliederzahl nicht übersteigt. Nicht eingerechnet in diese 20 ״<> werden die Kriegsinvaliden, die Frontkämpfer sowie diejenigen, die vor dem 1. August 1919 7!a einer anderen Konfession übergetreten sind, seither ununterbrochen jener Konfession angehören oder von solchen Eltern abstammen. Bezüglich der Schauspielerkammer soll der Kultusminister festsetzen, in welcher Verhältniszahl bei den einzelnen Theafern und Eilimmternehmungei! Juden angestellt werden dürfen. Da es z. B. bei den Staatsbühnen überhaupt keine Juden gibt, kann das Verhältnis 80:20 in der l.andesrelation bestehen, so daß es möglich erscheint, Theater 711 errichten, die ausschließlich für Juden spie- 1 e n. Bei Zeitungen dürfen nicht mehr ais 20 •« der Mitarbeiter Juden sein und der Jahresbetrag ihrer Bezüge darf nicht mehr als 20 0״ sämtlicher atisgc/ahlter Bezüge betragen. Ausnahmen hiervon unterliegen der Bewilligung des Ministerpräsidenten. Die Bestimmungen über Zeitungen gelten nicht für solche Blätter, die sich ausschließlich mit konfessionellen und religiösen Fragen beschäftigen. Analoge Bestimmungen sind für die Advokaten-, Ingenieur- und Aerztekammern vorgesehen. Bis das Verhältnis 80:20 erreicht ist, dürfen Juden in die Kammern n 11 r b i s 5 «0 d e r G c s a m t z a 111 der Neua 111 n a 11 m e n a 111 g c 11 o m m e n werden, was auch der Prozentnorm entspricht, nach der sie zum Hochschulstudium 7*11gelassen sind. Auf dem Gebiete des Wirtschaftslebens können Juden in dem Wirkungskreis eines Unternehmens mit mindestens zehn Angestellten nur in dem Maße an- Die Galiläa - Erlösungfsaktion lieber £ 12 000 in England gezeichnet London, 5. April. (Palcor.) Am 5. April wurde im Dorchester-Hotel in London ein Bankett gegeben, um den Fonds für die Erlösung von Galiläa, der vom Keren Kajemcth 1 ejisrael aufgebracht wird, zu vergrößern. Unter den Anwesenden befand sich eine Anzahl prominenter Gäste, danmter viele Mitglieder des Unterhauses. Captain Robert Solomon, ehemaliger Präsident des Keren Kajemcth in England, präsidierte. Oberrabbiner Dr. J. Hertz sagte nach Ausführungen, über die Lage der Judenheit, daß Palästina der einzige leuchtende Stern für die Juden sei. Nachdem er seiner Gegnerschaft zu der vorgeschlagenen Teilung von Palästina Ausdruck gegeben hatte, appcllierte Dr. Hertz an das jüdische Volk, bei der Erlösung von Galiläa zu helfen. Das Unterhausmitglied N'oel Baker nahm auf die Geschichte des jüdischen Volkes Bezug und sagte, er habe immer an das Jüdische Nationalheim in Palästina geglaubt; er denke dabei nicht an ein Nafioualheim, in das einige Dutzend Einwanderer eingelassen würden oder ein paar Hundert im Monat, sondern an ein Nationalheim, in dem die Juden nach M i 11 i o n e 11 gezählt würden. Unter den gegenwärtigen Umsfänden dürfe Großbritannien nicht mit den dem jüdischen Volk gegebenen Versprechen spielen. _ Das Palästma-Mamlat sei durchführbar; wenn es jedoch zu einer Teilung käme, dann müsse Galiläa in den Bezirk des jüdischen Staates einbezogen werden und die Juden lniißten das I and erlösen. Captain Cazalet berichtete über Eindrücke bei seinem kiirzlichen Besuch in Palästina und betonte die Notwendiggestellt werden, daß ihre Zahl 20 0״ der bei dem betreffenden Unternehmen angestellten intellektuellen Arbeitskräfte nicht überschreitet, sowie daß der Jahresbetrag der an die Juden unter welchem Titel immer gezahlten Gehälter und Gebühren 20 ״ . sämtlicher vom Unternehmen ausgezahlter Jahresbez.üge nicht übersteigt. Solange dieses Verhältnis nicht besteht, können Juden nur im Verhältnis von 5 neuangestellt werden. Die Regierung erhält auch die Ermächtigung, daß sie an die Spitze eines Unternehmens, das diese Bestimmungen verletzt, auf Kosten dos Unternehmens einen Leiter stellen oder seine liebernähme anordnen kann. Nachdem Ahg. Mecser der Regierung für die luiliative gedankt, Dr. Szentpälyi aber bedauert hatte, daß die Regelung nicht auf rein rassischer Grundlage erfolgt sei, teilte Ministerpräsident Dr. Darin y i noch einige Ergänziingen betreffend die kleineren Unternehmungen mit und fügte hinzu: ' Die Durchführung dieses Gesetzes müsse in fünf Jahren, fn Ausnahmefällen In zehn Jahren erfolgen, nur bei der Presse- und Schauspielerkammer muß es bis Ende 1939 vollzogen sein, ln kürzester Zeit sollen auch die mit dem Bodenbesitz in Zusammenhang stehenden Seiten dieses Problems geregelt werden. Zum Schluß betonte E>r. Darfinyi noch, die Regierung sei bis zur Grenze des Möglichen gegangen, könne es aber nicht mehr dulden, daß jemand in der eigenen Partei weitergehende Forderungen stelle. Der Gesetzentwurf stellt in seiner heutigen Form ein Rahmengesetz dar, in dem die Regierung zugleich um die Ermächtigung ansucht, innerhalb dreier Monate die notwendigen V e r t i! g 11 n g e 11 1111 V e r o r d n 11 n g s w ege zu treffen, auch wenn sie sonst in den Wirkungskreis der Gesetzgebung gehören. Die Einschaltung dieser kürzeren Frist sei notwendig, erklärte Justizminister l)r. Mikccz hei der Einreichung des Gesetzentwurfes, damit in drei Monaten im gesellschaftlichen und Wirtschaftsleben die nötige Beruhigung geschaffen werde. Das ungarische Parlament tritt heute in die Osterferien ein. Mitte Mai dürfte das Judengesetz von den in Frage kommenden Ausschüssen beraten werden. Schächtverbot für Ungarn Gleichzeitig rnit der Einreichung des ״Judengesetzes‘' veröffentlicht das Amtsblatt den Erlaß des Ackerbauministers in Angelegenheit der ״Ergänzung und Abänderung von Verfügungen der Veterinärverordnung•‘ vom Jahre 1928. Der neue Paragraph 2 besagt, daß O r o ß t i 0 r e — von dringenden Zwangstötnngen abgesehen, — ohne vorhergehende entsprechende Betäubung nicht m e h r geschlachtet werden dürfe 11. § 4, der bisher für rituelle Zwecke eine Ausnahme gestattete, verliert seine Gültigkeit. Der Erlaß bedeutet also ein Schächtverbot für Ungarn. keit, daß vom Keren Kajemcth mehr Land erworben werden müsse. Professor S. Brodetsky führte ans, das wichtigste Problem für die Juden in der ganzen Welt sei im gegenwärtigen Moment das Schicksal des jüdischen Nationallleimes. Die Zukunft des jüdischen Volkes in Palästina werde von den jungen Männern und Frauen entschieden, die in Galiläa siedeln. Professor Samson W r i g h t, Präsident des Keren Kajemetli Lejisrael in England, sagte, ohne Land unter den Füßen sei das jüdische Nationalheim ein Schloß in der Luft. Nationale Freiheit könne mir durch Opfer erreicht werden. Es wurde mitgeteilt, daß bis jetzt 12 000 Pfund für die Galiläa-Aktion in Großbritannien gezeichnet wurden. 28. 4.: Ankunft der neuen Kommission Die neue Palästina-Kommission wird London am 2i. April an Bord des Schiffes ״Cormarin“ verlassen. Es wird erwartet, daß sie in Jerusalem am 28. April eintrifft. Die Kommission wird ihre erste Sitzung im Regierungsgebäude in Jerusalem noch am 28. April abhalten. Wechsel im Truppenkommando Jerusalem, 6. April. (Palcor.) General-Leutnant Haining traf heute in Palästina «in. Er wird an Stelle von General-Major W a v e 11, der sich nach, England begeben wird, das Oberkommando über die palästinensischen Truppen übernehmen. (General-Major Wavcll übernahm das Oberkommando im August 1937 als Nachfolger von General- Leutnant Dill — Red.) Der Block von sechs Millionen Juden im Zentrum Europas erlebt in diesen Wochen und Monaten ein Schicksal, dessen Ablauf sich in früheren Generationen über Jnhr/chnte ausgedehnt hätte. Von einem Tag zmrt anderen verändert sich die Lebensbasis für Hundert« tausende jüdische ,Menschen. Wie in einen! Film — wenn man diesen Vergleich einmal gebrauchen darf — treten die Bilder der verschiedenen Judenlieilen vor unser Auge, die von den! Wandel des Schicksals be* troffen werden Bilder der Not und der Sorge, aber auch Mahnungen zu Selbsthilfe und Zusammenschluß! Es ist die Jnclcnheit Ungarns, deren Existenzgrundlagen in diesen Tagen einen schweren Stob erlitten leihen. Eine Judenhcit von etwa 431001! Seelen wird \ on dem neuen J 11 d c n g e s e t z betroffen, das dem ungarische!] Parlament vnrgclegt wurde und an dessen Annahme in den nächsten Wochen wohl k mm gezwcifelt werden darf. Die Juden Ungarns sind eine jüdische Gruppe von merkwürdiger kultureller und sozialer Mischung, ein Bindeglied zwischen < >s: und West. Als wir im vergangenen Jahre auf Grund von Eindrücken, die an Ort und Stelle gewonnen waren, über die Jtulenfrage in Ungarn berichteten, da schlossen wir unsere Ausfühniiigen mit den Worten, daß ״die bange [׳rage nach der Zukunft vor jedem einzelnen Juden in diesem l ande stellt“. Die Gefahr der A u s g 1 i e d e r u 11 g auf vielen Gebieten sei vorhanden, von der niemand wisse, ob und in welchem Umfange sie sich realisieren wird. Heute ist diese Frage gelöst, und zwar in einer Weise, die für einen erheblichen Teil der ungarischen Juden das Existcnzproblcm aufwirft, wenn auch nicht verkannt werden darf, daß der Gesetzesvorschlag zugleich den Sinn hat, den der ungarische Ministerpräsident selbst au-driieklieh hervorhob, nämlich den viel vveitergehenden Forde« rungen der radikalen Kreise entgegenzutreten. Das Prinzip des N u!11 e r u s c I a 11 s 11 s ixt den imgarischen .Juden wohlbekannt; er gilt bereits seit längerer Zeit für das Studium von Juden an den I 10011^-11111011, und er wurde praktisch in den meisten Z .wägen der öffentlichen Dienste beinahe bis zum Prinzip des Ntnncrus nuIltis durehgelührt. Um so verständlicher ixt es, daß die Juden Ungarns und besonders der H.inpistadt Budapest, wo das Problem durch ihre lUuiuug -- Budapest zählt 225000 Juden und ist damit nächst Warschau die größte jüdische Gemeinde I uropax sehr stark spürbar ist, in den w i 1׳ t x c h a [flieh e 11 und freien Berufen ein Aequivalent gesucht haben. Man muß dabei auch berücksichtigen, daß die Intwickhing von Handel und Industrie 1!1 Ungarn, d. 11. bei einem weitgehend agrarischen Volke, zu einem ei hebliehen Teile durch die Juden inauguriert wurde, und■ daß sie hierbei nicht mir die sogenannten tvpisel! jndisehen Erweibszw eige, etwa die Eertigu׳nretiiniiiistnen, entwickelten, sondern zmn Teil auch auf die junge Schwerindustrie des Landes Einfluß n ilmun. Wenn sieh jetzt der Ruf nach Zunicktlrimgung des judiwlnn Lin- Busses in wichtigen Zweigen des imgarisehni I elieiis in einem Gesetzesvorschlag konkretisiert hat, ist diese Bewegung als ein Teil jener großen inneren Umvväl/.ung׳ zu verstehen, die bei vielen Volke 111 ־ Europas in der Nachkriegszeit zu spüren ist. Ihr Träger ist eine junge Generation, die selbst unter den folgen der Kriegsmul Naclikriegsentwäcklimgeu schurr zu leiden hatte, die um die wirtschaftliche Existenz ringen muß (zumal in dem so stark verkleinerten Gebiet &stu Ue&eMUk Die Hebräische l'niccrsität Jerusalem begeht in der Prßaelnroche den Dl. Jahrestag ihrer Gründung als ״liarntiztcah". ln Palästina irurden hei VcberfäUen zwei jüdische Siedler der amerikanisch-indischen Siedlung Junta, ferner ein englischer Tliegerof jizier und mehrere . [ruber g et öl et. Das .Militärgericht in Haifa fällte gegen einen Araber ein Todesurteil. Im März kanten 2 S00 jüdische Ein u< anderer nach Palästina. Ja scanini und II uh er man trafen in Palästina ein. Insgesamt haben bisher 21 Staaten dem o r s chl a g des Präsidenten H unser eit auj Einberufung einer internationalen Konferenz ztrecks Erlei hieraus der Entigrantenfrage zug<'sinm', darunter auch England. Der amerikanisch -jüdische Kongreß wird int September eine Tug uns׳ abhalten. Der Vorsitzende der Berliner Jüdischen Gemeinde, Direktor Heinrich S t a h I, begeht am 13. April seinen 7(1. Gehurtstag.