Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 43 (1938)
- Issue
- Heft 28 (8.4.1938)
- Date
- 1938-04-08
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Ir. 7ji Nr. Jahrgang 43 Preis 25 Rpf, JÜDISCHE RUNDSCHAU Radaktlon« Verlag and Anzolgeuverwaltungi Berlin W15, Melaekeatr• 10 Femraf 1 919051, Telegramm -Adresse 1 Orghlp. — 10 Fällen höherer Gewalt besteht kein Anspruch auf Nachlieferung oder Erstattung etwa schon gezahlter Beiugsgebuhren. Bezugspreis einschließlich Bestellgeld je Monat RM 2,—, je Vierte!, jahr RM 5,75; hei Abholung RM 1,88 bzw. RM 5,39 (einschließlich Postzeitung*, gebühr von 10,72 Rpf je Monat). —־ Postscheck Konten der Vertriebs - Abteilung für Groß - Berlin 1 Berlin 71573, für das übrige Reich: Berlin 17392 BERLIN ז׳ ניסו תר צ "ח FREITAG, 8. APRIL 1938 Eradbelnt Jeden Dienstag and Freitag. Gültig ist die Anzeigenpreisllate Nr. 5 vom 1. April 1936. Die zwolfgespaltene mm-Zeile 20 Rpf, für Familien- Nachrichten 15 Rpf. Keine Gewahr für Aufnahme von Anzeigen in bestimmten Ausgaben oder an bestimmten Plätzen. Einzelanzcigen nur gegen Vorauszahlung auf Postscheck - Konto Berlin 71618 oder bar Montag bis Freitag 9—18 Uhr. Mittwoch 15 Uhr. Familien - Anzeigen am Tag vor Erscheinen 16 Uhr Der Zionismus erstrebt für das jüdische Volk die Schaffung einer öffentlich - rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina. (Baseler Programm) Französische Ansiedlungspläne Von unserem Berichterstatter K. Paris, im April lieber die Pläne einer jüdischen Kolonisation in Frankreich, über die hier bereits kurz berichtet wurde, hat in diesen Tagen eine erste Fühlungnahme zwischen den jiklisehen Organisationen und dem französischen Staatssekretär Philippe S e r r e, von dem die Initiative zu diesem Projekt ausgegangen ist, stattgefunden. Diese Besprechung, an der von jüdischer Seite vor allem Vertreter des ״Joint“, der lea, des französischen ״Consistoire“ und der ״Federation des Societes Juives“ und des Refugiekomitecs teiliialunen, bcwegte sieh noch im Rahmen unverbindlicher Vorbesprechungen, denen erst in einigen Wochen eine Fühlungnahme auf konkreterer Grundlage folgen soll. Der Plan, den der Vertreter der französischen Regierung den jüdischen Organisationen vo״gc!egt hat, sieht die Unterbringung von 8000 bis 15 000 Juden, in der Hauptsache Auswanderer aus Polen, die in der Mehrzahl mit einem für die Weltausstellung befristeten Visum nach Frankreich gekommen sind und sicli dort zur Zeit illegal aufhaltcn, in landwirtschaftlichen Betrieben der entvölkerten Departements Zentral- und Südwcstfrankrcichs vor. Die Gründe, die zu dieser vom jüdischen Standpunkt sehr bemerkenswerten Initiative Anlaß gaben, sind wohl in erster Linie humanitärer Art. Die grolle Zahl der in letzter Zeit illegal nach Frankreich zugevvaiidcrten Juden stellt die französische Regierung vor das Problem, entweder zu M as s e!1 a u s \v e i s ti n g c n zu schreiten oder eine definitive Zulassung der Einwanderer zu bewilligen. Die französische Regierung wünscht aber keine weitere Zunahme der jüdischen Bevölkerung in den großen Städten, in denen jüdisches Handwerk und jüdischer Handel bereits in Konkurrenz, mit den einheimischen Betrieben stehen. Die französische Regierung will daher eine Vcrt e i 1 u n g der neuen E m i g r a t i o n vornehmen. Auf der anderen Seite bemüht sich die französische Regierung schon seit längerer Zeit, Kolonisten nach den entvölkerten Provinzen Frankreichs zu ziehen. Die französische Regierung ist bereit, die geplante Kolonisation durch Gewährung von Land, Geräten usvv. zu fördern, wenn von jüdischer Seite die notwendigen Kapitalien für die Installation der Kolonisten aufgebracht werden. Es war dabei au ein Anfangskapital von 2 0 Millionen Francs gedacht. Es ist heute noch verfrüht, ein Urteil über die Aussichten dieses interessanten Kolonisationsplanes abzugeben. Diese hängen einmal von der Entscheidung der jüdischen Organisationen ab, die die Kolonisation finanzieren sollen. Es hat den Anschein, als ob ein Teil der Vertreter des franzrtsisclien Judentums diesen Projekten mit Bedenken gegenübersteht. Die zweite wichtige Frage ist, ob es unter den eingewanderten Juden genügend ausgebildete oder wenigstens für landwirtschaftliche Arbeit geeignete Menschen gibt, die bei der Kolonisation eingesetzt werden können. Diese Frage ist von zentraler Bedeutung für eine künftige Kolonisation. Die Durchführung des französischen Kolonisationsplanes hängt schließlich von der politischen Situation in Frankreich ab, die jetzt besonders starken Schwankungen ausgesetzt ist. Man wird daher die Ergebnisse der weiteren Besprechungen abwarten müssen, che ein Vorteil über die praktischen Aussichten des Plans abgegeben werden kann. Um das Madagaskar-Projekt Ein Beweis für die Vorsicht, mit der derartige Kolonisationsprojekte beurteilt werden müssen, selbst wenn bei allen Beteiligten der beste Wille zu einem baldigen Beginn der Arbeit gegeben ist, ist das Schicksal des Madagaskar- Projektes, um das es in letzter Zeit sehr still geworden ist. In einer französischen Zeitung veröffentlichte soeben der Direktor des Gymnasiums in Tanannrive auf Madagaskar, Cambillard, einen Artikel unter dem Titel ,,Emigranten nach Madagaskar?“. Der Artikel tiitnfPM auf einen Aufsatz des früheren französischen Genendgouverneurs Olivier Bezug, der bereits auf die Schwierigkeiten einer jüdischen Kolonisation aut Madagaskar hingewiesen hatte. Herr Cambillard stellt fest, daß sich unter den Kolonisten bereits heftige W i d e r s t ii n d e g e g c n d a s Kolonisationsproje kt geltend machen. Die französischen Kolonisten fürchten einerseits, daß die jüdischen Pflanzer ihnen die Arhcitskriifte entziehen bzw. den Preis der Eingeborenenarbeit herauftreiben werden und auf der anderen Seite, daß ein Teil der jüdischen Einwanderer eine dominierende Rolle im kaufmännischen Leben der Insel cinnchmen werde. Auch die eingeborenen Hovas sollen, dein Artikel zufolge, die jüdische Konkurrenz fürchten. Der Artikel weist schließlich auf die kulturellen Bedenken hin, die sich vom französischen Standptinkt aus einer jüdischen Massenkolonisation in Madagaskar entgegcnstellcn. Die Insel würde sicherlich in kurzer Zeit ״entfranzösiert‘• werden. Das neue Gemeindegesetz Eine Erklärung der Reichsvertretung Durch das Reiclisgesetz über die Rechtsverhältnisse der jüdischen Kultusvereinigungen vom 28. März 1938 ist bestimmt, daß die jüdischen Synagogengemeinden und ihre Verbände die Stellung als Körperschaften des öffentlichen Rechts verlieren. Sie tragen fortan den Charakter rechtsfähiger Vereine des bürgerlichen Rechts. Durch diese Maßnähme wird die Stellung der Gemeindemitglieder 7,u derjenigen Synagogengemeinde, der sie angehören, nicht berührt. Ihre Verpflichtungen gegenüber ihrer Gemeinde bestehen unverändert fort. Im Rahmen der neuen Form verbindet das gleiche rechtliche und sittliche Band die Gemeinde und ihre Mitglieder. Unverändert werden die jüdischen Kultusvereinigungen und ihre Verbände als privatrcchtlichc Körperschaften sich weiterhin ihrer Aufgabe der kulturellen und sozialen Bctreuung ihrer Mitglieder widmen. Unverändert besteht die rechtliche und sittliche Pflicht jedes Gemeindemitgliedes, durch finanzielle Leistungen und durch Teilnahme am Gemeindeiehen wirtschaftlich und moralisch der Gemeinde und den Einrichtungen der jüdischen Gemeinschaft zu dienen. Die Reichsvertretung der Juden In Deutschland Dr. Baeck Wir haben bereits in der vorigen Nummer auf die Bedeutung des Gesetzes hingewiesen. Die Erklärung der Reichsvertretung betont nochmals die selbstverständliche Pflicht aller G e m e i n d e 171 i t g 1 i e d e r, am Gemeindeleben unverändert teilzunehmen, und hebt insbesondere hervor, daß diese Pflicht in der gleichen Weise moralisch wie rechtlich verankert bleibt, wie cs bisher der Fall gewesen ist. .Dies gilt natürlich ganz besonders von der Pflicht zur materiellen Erhaltung der Gemeinden, die auf dem Steuerciugang beruht. Die Verpflichtung zur Weiterzahlung der Steuern bcsteht auch unter den neuen Rechtsverhältnissen weiter, und es kommt jetzt gerade darauf an, zu erkennen, daß die ni o r a - I i s c h e Begründung d >1 e s e r Rcchtspflicht durch die wachsenden Aufgaben und Ausgaben der Gemeinden nur noch stärker in den Vordergrund treten muß. Wir sind gewiß, daß die Juden in Deutschland in allen ihren Kreisen begreifen werden, welch große Verantwortung auf ihnen lastet, da es gilt, den Gemeinden auch unter der Voraussetzung größerer Belastungen, die für sie insbesondere in steuerlicher Hinsicht in Zukunft eintreten werden, die volle Aktivität zur Erfüllung ihrer sozialen, erzieherischen, wirtschaftlichen und kulturellen Aufgaben zu erhalten. Die sachliche Arbeit der Gemeinden und ihrer Organe wird auch unter den neuen gesetzliehen Voraussetzungen unverändert fortgeführt. Es tritt somit in der Kontinuität der Entwicklung weder vom rechtliehen noch vom praktischen Standpunkt aus eine Unterhrechung ein. Die notwendigen Annassungsniaßnalmicn an den neuen Rechtszustand werden die Leistungen der Gemeinden im Interesse ihrer Mitglieder nicht zu verringern brauchen, wenn die (iemeimleniitgiieder in ihrer Gesamtheit verstehen, daß es ihre eigenste Aufgabe ist, die Kraft der Gemeinden unverändert zu erhalten. GrundsteuerpSlicht der Gemeinden Im Reichsgesetzblatt Nr. 49 wurde die ״Zweite Ver- Ordnung zur Durchführung des Grund stcu c rg e s e t z e s für den ersten Haupt veranlag 11 ngs- Zeitraum v 0 m 29. März. 1938“ veröffentlicht, ln der Verordnung wird bestimmt: ״Jüdische Kultusvcreinigungcn und ihre Verbände, denen das Gesetz vom 28. März 1938 (Reichsgesetzbl. I S. 338) die Stellung als Körperschaft des öffentlichen Rechts mit Wirkung ab 1. April 1938 entzogen hat, gelten für die Befreiung von der Grundsteuer bereits ab 1. Januar 1938 nicht mehr als Körperschaften des öffentlichen Rechts.“ Bcstattungsplätzc sind auch weiterhin von der Grundstcucrpflicht befreit. Thomas Reid das vor kurzem ernannte vierte Mitglied der neuen Palast inakomrnission. — Mil dieser Ernennung ist die Kommission vullstän■ dig zusammengesetzt. Außer Th. Reid gehören ihr an: Sir John \ V 0 o dhe ad (VorsitzenderSir Alistm R 11 s seil und ,1. /׳. \V aler jield. Rings um Palästina Nach den Wahlen in Aegypten Ein interessantes Licht auf die Entwickhmgsmöglidikcitcn in den vorderorientalischen Ländern werten die Wahlen zum ägyptischen Parlament, die vor kurzem stattgefunden haben. Sie brachten der Regierimgskoalition einen großen Sieg, die jetzt über die Mehrheit im neuen Parlament verfügt, während die Partei des W a f d unter Führung von Nahas Pascha nur 20 Abgeordnete umfaßt. Die vom Wafd abgesplitterte Gruppe der sogenannten S a a d i s t c n (die sieh nach dem Schöpfer des Wafd, Saad Zaglul Pascha, so nennen) erzielte unter Eülmmg von Dr. Ahmed Malier und Nokraschi Pascha erhebliche Erfolge. Die Ursache der Spaltung des Wafd ist darin zu suchen, daß Nahas Pascha nach Ansicht der Dissidenten von den ursprungliehen Prinzipien der Wafd- Bewegung abwich, die ja ursprünglich mehr als eine politische Partei sein wollte, nämlich eine radikal-nationale Rewegütig, deren Ziel die völlige U n a b h ä n gi g k e i t Acgypteils war. Nahas Pascha hat jedoch durch seinen Konflikt mit dem ägyptischen König .-•ehr viel au Sympathien verloren, wodurch es nicht nur zur Auflösung des Kabinetts und der Blauhenulen-Organisation des Wald kam, sondern jetzt auch zur Niederlage im Wahlkampf. Der Wafd wird mit 20 Vertreten!, denen 130 Regierungsanhänger und 7(1 Saadisten gcgcniibcrstehcn, itn parlamentarischen Leben Aegyptens keine bedeutende Rolle mehr spielen. Der von Rcgierungsseite gemachte Versuch, die Dissidenten des Wafd an der Regierung zu beteiligen, ist gescheitert, doch verfügt die Regicntng auch ohne diese Gruppe über eine erhebliche Parlamentsmehrheit. Diese Vorgänge sind deshalb Für uns von ganz besait־ derem Interesse, weil sie die Labilität der Verhältnisse in den Nachbarländern Palästinas deutlich machen. Es ist nicht gesagt, daß Bewegungen, die heute Repräsentanten ihrer Völker sind, dies auch für alle Zukunft bleiheu müssen, und daß nicht andere Lager und Kreise allmählich stärker in den Vordergrund treten. Dabei ist auch daran zu denken, daß in der orientalischen Politik nicht allein Prinzipien und Programrne eine Rolle spielen, sondern auch persönliche und familiäre Interessen, die mit den sachlichen Gegensätzen ver* knüpft sind. Bei dem Beispiel Aegyptens darf man allerdings nicht vergessen, daß dieses Land seine Unabhängigkeit nicht zuletzt mit Hilfe der Bewegung des Wafd bereit* erlangt bat, so daß dort heute ganz andere Fragen, ins־ besondere der Innenpolitik, zur Diskussion stehen, bei denen neue Interessengruppen sieh bilden und so auch sehr leicht Verlagerungen des politischen Schwergewichts eintreten können. Die römischen Verhandlungen Die Welt erwartet in diesen lagen mit großer Spannung Mitteilungen über die Ergebnisse der V e r h a ״ d langen, die .seit einiger Zeit in Rom zwischen den Regierungen vor! England und Italien geführt werden. Fs handelt sich dabei um Verhandltmgsgegcnstümle von wahrhaft weltweiten Ausmaßen, geht es doch um die Regulierung von Problemen, die zwischen den beiden Ländern aufgetaucht sind und sielt — geographisch gesehen - von den Säulen des Herkules im Westen bis zum Bah <•! Maiuleb, dem ״Tor der Tränen“, am Südausgang des Roten Meeres und darüber hinaus bis nach Ostafrika erstrecken. Im Rahmen dieser Verhandlungen spielte Palästina eine gewisse Rolle, wenn auch immer wieder betont werden muß, daß es nicht zu den zentralen Fragen gehörte, deretwegen Differenzen entstanden waren. Nach den bis jetzt vorliegenden Nachrichten über den voraussichtlichen Inhalt der geplanten britisch-italienischen Abmaehun« gen hat es den Anschein, daß Italien einem Plan der Amiderittig des Mandatsstatus Palästinas keinen prinzipiellen Widerstand entgegensetzen wird, sofern die Stellung Ita« liens itn Nahen Osten dadurch nicht präjudiziert wird. Zugleich darf man hoffen, daß eine Entspannung der politischen Verhältnisse im Mittelmcergebiet und im Vorderen Orient auch nicht ohne Rückwirkungen auf die innere Lage Palästinas bleiben wird, deren Entwicklung in erheblichem Maße von der allgemeinen Situation im Orient abhängig ist. Die Lage in Palästina Die Lage in Palästina hat sich in den letzten Tagen nach dem erneuten Aufflammen des Terrors in der vergangenen Woche wieder e t w a s beruhigt. Es wäre zu wünsehen, daß eine weitere Entspannung insbesondere auch im Hinblick aut die'herannahcnde F e i e r t a g s 7. e i t eintritt, die in Palästina stets eine Gefahrenperiode war, besonders in Jerusalem, wo infolge des Zusammenfallcns der verschiedenen religiösen Festtage große Menschenansammlungen üblich sind. Uskvt, UefotMitk Die Einrichtungen zur Passagierlandung int Hafen von Tel A י.ז i v sind jertiggestelll, so daß die Landung von Passagieren demnächst aufgenommen werden kann. I oscanini trifft nächste Woche in Palästina ein, unt Konzerte des Palästina-Semphonie-Orchesters zu dirigieren. In Palästina wurden eine Reihe von Attentaten auf Eisenbahnlinien verübt.