Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 43 (1938)
- Issue
- Heft 26 (1.4.1938)
- Date
- 1938-04-01
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 26, 1. APRIL 193 Der Tag von Chanutah Von C. Z. Kloetzel (Jerusalem) Der Verfasser dieses Berichts hat nicht nur die Landnahme Palästinas, milerlebl, sondern er hat auch als einziger verbracht und war Augenzeuge des arabischen Angriffs. Haifa, 2t. Marz, 4 Uhr morgens Der ״Tag von Chanutah“ wegen des anhaltenden Regens der letzten Wochen immer wieder verschoben, ist also jetzt doch gekommen. Der Himmel ist sternklar, und es weht ein starker Wind, wie er hierzulande in wenigen Stunden selbst durchweichten Boden trocken und tragfest macht. Haifa schläft noch. Die drei Autos mit den leitenden Die Lage von Chanulah Beamten des Keren Kajemcth, die für die Durchführung der Aktion mitverantwortlich sind, gleiten durch luetischenleere Straßen. Drüben, im Scheitelpunkt der Bucht von Akko, scheinen in Kirjath Chajim, Kirjath Bialik und Kirjath Motzkin alle Straßen erhellt, alle Fenster beleuchtet zu sein. Dort sind alle praktischen Vorbereitungen für die ״Landnahme“ getroffen worden, dort stehen jetzt die Menschen und Dinge bereit, die zum Aufbau des neuen Punktes notig sind. Von dort wird man in einer halben Stunde aufbrechen. 4.4S Uhr. Kirjath Chajim : Wir haben nur einen Augenblick hier gehalten und die Nachricht erhalten: ״Alles in Ordnung!“ Jetzt fahren wir der Kolonne ein Stück voraus, um sie auf der Chaussee zwischen Akko und Ras el Nakurah an uns vorbeiziehen zu lassen, und werden uns ihr dort eingliedern. Es ist schon fast hell. S.10 Uhr. Naharia Wir halten am Eingang zu dieser Siedlung. Eine Gruppe Arbeiter, mit Hacken und Schaufeln bewaffnet, uberfällt uns mit Fragen, wann die ״Leute von Chanutah“ vorbeikommen werden. Sie müssen zur Arbeit, aber keine Macht der Welt wird sie von diesem Fleck an der Straße wegbringen, ehe sie Zeuge des Auszuges gewesen sind. Naharia war bisher die nördlichste jüdische Siedlung in der Nähe der Küste, Chanutah wird jetzt seine noch nördlichere Nachbarin. Die Freude und Aufregung der Leute ist unbeschreiblich. Einer sagt mir, daß auf dem Darb des riesigen Wasserturms von Naharia schon seit Stunden das Blinkgerät bereit steht, das sofort mit dem neuen Punkt in Verbindung treten wird, sobald mau doit einen Heliographen auf gestellt hat. Das wird noch Stunden dauern, aber die Blinker von Naharia wollen es sich nicht nehmen lassen, den Ausziehenden ein ״Hazlachah towa-Gutes Gelingen!“ zu morsen. 5.2S Uhr, nahe bei Ras el Nakurah Jetzt sind wir mitten drin — und es ist atembeklemmend. Wir haben den Zug an uns vorbeidonnern lassen. Voran ein Motorradfahrer. Darm ein riesiger Lastwagen mit Gaffirim, in langen Khakimäateln, das Gewehr in der Hand, das Bandolier mit den Patronen über der Brust. Dann Wagen hinter Wagen in dichtgeschlossener Kolonne ... mehr als 100 Privatautos, in die mau mehr Menschen gestopft hat, als jede Polizeivorschrift erlaubt. Riesige Lastwagen mit wahren Gebirgen von Eisenstäben, Brettern, Stacheldraht, Wassertässern, Proviantkisten, Matratzen, Wellblech, gefüllten Säcken, Hacken, Schaufeln, Sägen, ... und dazwischen immer wieder die Wagen mit eien Männern in Khaki, mit Gewehr und Patronengurt. Ich schätze die Teilnehmer dieser Fahrt auf nicht viel weniger als 400. Etwa 200 werden heute nacht bereits in der neuen Siedlung bleiben. Etwa 150 sind Arbeiter, die bei der Einrichtung helfen sollen und in der ersten Zeit tag- . lieh von Naharia und Kirjath Chajim herüberkommen werden, um mit größter Beschleunigung eine Straße zu bauen, die Chanutah mit der Außenwelt verbinden soll. Der Rest sind Vertreter der großen zionistischen Institutionen — darunter Schcrtok für die Jcwisli Agency und Ben Zwi für den Die Lagerwache. ד צ־ץ, von Chanutah, der neuen Siedlung an der Nordgrenze Außenstehender die erste Nacht in der neuen Siedlung (Red.) Waad Leumi. Dr. Granowsky, Weitz und Fsrachi vertreten den Keren Kajemcth, auf dessen Boden die Siedlung .stehen wird, Leo Herrmann den Keren I lajesso.I, der die Kosten der Landnahme und das Budget der neuen (huppe üheniomnun hat. Journalisten, 1 *Iiotog!aphen, Filmletite. Mitten im Zuge ein Auto, in d111 .׳ vier alte Männer mit langen Bärten ein Sefer l'lioia mit sich führen. ... Jetzt sind wir von der Chaussee Haifa Ras el Nakurah ahgebogen und fahren auf der neuen Miülärstralie, die sich einige Kilometer .011 der Grenze und parallel zu dieser hinzieht. Wir haben eben das große arabische Dort B a s s a passiert. Die Bevülkenmg stand zu beiden Seiten der Straße, stumm und mit verschlossenen Gesichtern. Kein Zweitel: sie betrachten u1׳s als eine erobernde Armee, als den ״Feind“. Wie soll man ihnen klarmachen, daß wir nichts wollen als ein neues Stückchen palästinensischer Bergeinsamkeit 4000 Dunam, auf denen bisher vier arabische lamilien lebten - urbar machen und die zehnfache Zahl Mensche״ darauf ansiedeln? Daß wir herzlich gern auf diesen ganzen militärischen Apparat verzichteten, wenn er nicht eben eine so bittere Notwendigkeit wäre. .. . 6.00 Uhr. Am Ziel der Auto-Kolonne Dieser Punkt ist etwa 4 km von der Haifa Ras el Nakurah-Straße entfernt. Von hier aus muß ihr gesamter Inhalt einen steilen Berghang liinaufgeschleppt werden. Ich sitze im Straßengraben zwischen Gaffirim, die die Wagen hewachen sollen, und sehe zu, mit welcher Schnelligkeit und Ordnung sich tler Transport eiuspicit. Es ist, als ob jeder einzelne Mann (die 12 «der 15 Mädchen nicht zu vergessen, die sich freiwillig nach Chanutah gemeldet haben) seit Wochen genau auf alles trainiert worden sei, was er zu tun habe. Ein paar Meter von mir entfernt entsteht das einzige erregte Durcheinander, das zu bemerken ist. Die Esel wollen nicht von den Lastwagen herunter, auf denen mail sie hierher transportiert hat. Vielleicht spuren sie, daß es ein strapaziöser Tag für sie werden wird. ... Von drei Funkten aus beginnen Mensclieiiketieii den Berg zu erklimmen. Auf jeder Schulter ruht eine Last: ein langes Brett, ein Sack, Zubehör zum Zcltbau, Aexte, Schaufein, Picken, Rollen mit Stacheldraht. Auch als ״Gast“ kann man gar nicht anders: man geht hin und lädt sich auch etwas auf. ... 6.30 Uhr. Provisorischer Lagerplatz ״Chanutah" Das erste, was C h a n u t a h von uns gefordert hat, ist unser ־- Schweiß. Es gibt noch keinen Weg, jedem Einzelnen ist es überlassen, sich nach eigenem Gutdünken einen Pfad zu brechen. Der Boden ist zum großen Teil Fels, unterbrochcn von kleinen und größeren Flächen, auf denen Steineichen und Johannesbrotbäume wachsen und ein sein׳ hartes, rankenartiges und stachelbewchrtes Unterholz. Dazwischen jetzt, bei Ende der Regenzeit, ein Meer von Blumen — an manchen Steilen duftet es berauschend nach Thymian. Der Platz, auf dem das provisorische Lager errichtet werden soll, ist eine kleine Hochfläche, die auf drei Seiten von Beigen umgeben ist, während nach der vierten sich die Die Vorräte häufen sich Ebene von Akko und die Bucht von Haifa öffnen. Mau sieht in der Tiefe Naharia liegen, und jenseits des blauen Meeres grüßen die weißen Häuser von Haifa. Wenn hier Ruhe und Sicherheit herrschen, wird Chanutah zu den schönstgelegenen Siedlungen des Landes gehören. Leider muß man heute den Platz in erster Linie vom Gesichtspunkt der Sicherheit aus werten, und da ist das Ergebnis weniger gut. Es ist, um die Wahrheit zu sagen, ausgesprochen schlecht. Drei Seiten von höheren Bergen umrahmt, das sind drei Seiten, von denen ans Chanutah beschossen werden kann. Dicht hinter diesen Bergen liegt die Grenze Palästinas — aber leider nicht auch die des Staates Libanon. Bei der Festlegung des britischen und französischen Mandatsgebietes hat man seinerzeit zwischen beiden einen mehrere Kilometer breiten Streifen ״Niemandslatul“ gelassen — heute der beste Schlupfwinkel für arabische Banden. Die 80 Siedler und Siedlerinnen, die den ersten Kern des künftigen Chanutah bilden sollen, kannten d!e Nachteile des Platzes und die Gefährlichkeit der Nachbarschaft im voraus. Sie sind gewählt als die Geeignetesten unter Hunderten von Freiwilligen aus allen Teilen des Landes und allen Organisationen des Jischuw, die sieh um die Ehre rissen, diesen gefährlicher 1׳unkt mitbeset/en zu dürfen. Aus Kwuzoth und Mösehawhn, vor:! 1!:.schomer Haznir, vom Kibbuz Meuchad, vom Chewer Hakwuzoth, vom Poel Hamisrachi, von der ״Zionistischen Jugend“ — und unler ihnen nicht wenige, die aus Deutschland nach Lre/ Israel gekommen sind. Sie wußten, daß sie auf einem besonders gefährlichen Posten stehen würden und sie wissen, daß man diesen Dienst von ihnen nicht ohne zwingende Not- Wendigkeit verlangt. Und einige Hundert andere, die sich mit ihnen gemeldet hatten, beneiden sie darum, daß auf sie das Los fiel. Das eigentliche Chanutah wird später auf der höchsten Bergspitze errichtet werden, in einer Lage, die die ganze Um- Die Küchenharache wird errichtet - L_— gegend beherrscht. Aber das wird erst möglich sein, wenn eine Fahrstraße von der Chaussee den sehr steilen und felsigen Abhang hinaufgeführt worden ist. Bis dahin muß das gegenwärtige ״Arheitslagci" als Ausgangspunkt und Stützpunkt dienen, trotz, seiner nnbc/weheibareii Gefahrlichkcit. 10 Uhr Ich schreibe diese Zeilen, während ich im Fi ״gang des ersten, scho n e r r i c h t e t e 11 / e 1 t e s sitze. I) i >.* Sch wierigkeit des Transportes verbinden den solortig׳׳:! Bau von festen Hausern und einer Schutzmaucr, wie ' sie hei den Siedlungen in Beth Schau schon in den ersten 21 Stunden erlichte! wurden. Hier 11 in / j v 11t man vorläufig ein Geviert von l()0 Metern Seitenlange mit einem hohen Stacheldrahtzmm. Die einzige Baracke winl die Ruche beherbergen. Die Besatzung muß vorläufig in Zellen leben. Das Ganze ist für den mehr oder weniger müßigen Zuschauer beklemmend, aber von den Arbeitenden scheint niemand dem Frnst der Lage auch mir einen Gedanken zu schenken. Unter den ersten, die die Turiali aut das dornige Unterholz sausen ließen, um den Platz freizmmchen, war Abraham Harz leid, der Besessene des Siedlungsgedankens, der bei keiner Neiig:tnuiimg fehlt. Seltsamerweise bin ich ihm noch nie lugegnet und hatte ihn mir als einen großen, hageren, etwas dusteren Asketen vorgestellf. Er ist aber klein, rundlich, mit einem richtigen Jungengesicht unter schlohweißen Haaren . und nur das vorgestreckte, eckige Kinn verrat etwas von der fanatischen Hartnäckigkeit, die in diesem Manne steckt. Die Arbeit ist vortrefflich organisiert, jeder weiß, was er zu tun hat. Die Zelte wachsen aus der Erde, die Gerüste für vier Scheinwerfer werden gezimmert, die Küchenbaracke zeigt schon ihre Umrisse, au den vier Ecken des umzäunten Terrains bauen sich Gaffirim Gefechtsstände aus Sandsäcken. Und unermüdlich wandert ein doppelter Menschenstrom zwisehen dem Platz und den Lastwagen an der Chaussee hin und her, und an den dafür bestimmten Stellen häuft sich Material und Proviant zu Bergen, Ich suche mit dem Feldglas die umliegenden Bergkämme ab — sie .scheinen unbewohnt und ausgestorben. Und doch blicken sicher Fl linderte von Augen, uns unsichtbar, auf unser Treiben hernieder. Der Blinktrupp, von dem bis zur Herstellung des Telephonanschlusses die Nachrichtenverbindung mit der Außenweit abhängen wird, arbeitet sich ein, indem er zahllose Glückwünsche aus dem ganzen l ande aufniinmt, die der Heliograph von Haifa aus herüberfunkt. 12.30 Uhr Wir haben ein eindrucksvolles Erlebnis hinter uns. Die vier Greise mit dem Sefer '1110ra sind heraulgekommen und haben in feierlicher Prozession und unler Gehet<■11 den Platz umschritteii. Daun haben sie die heilige Rolle der neuen Siedlung zum Geschenk gemacht. Einer von ihnen gehört 50 Jahren ins Fand gekommen. Als er das ״Schchechejanu“ sprach, liefen ihm Tränen der Freude über die Wangen. Und als der alte Raw den Segeiisspruch über da- Brot sprach, klang das ״h.'mo/i lechem min haare/“ wie eine Reschwörtmg an den neu be־-ef/:c!1 Boden, die Muhe derer zu belohnen, die ihn in Fleiß und Treue behauen wollen. Die erste Mahlzeit ■ Brot. Butter, Ka.wg Tomaten, alles Tozereth Haare/ - ist in einer Atmosphäre iinhesehmhlicher Freude mul Heiterkeit eingenommen worden. Danach mußte Harz fei d sprechen, und dann taii/te man 1 lorra, bis ein schriller Pfiff wieder zur Arbeit rief. 4.00 Uhr nachmittags Das Lager ist im wesentlichen in seiner provisorischen Form fertig. Die Gäste verabschieden sich. Ich hatte von vornherein beabsichtigt, die erste Nacht hier oben zu bleiben. Es wird mir (mit einigem Zögern, wie mir scheint) vom Kommandanten des Lagers bewilligt. 6.30 Uhr abends Um 6 Uhr ist die Arbeit eingestellt worden. Zehn Minuten später wurde zum Appell gcpfiifen. Im Nu verwandelte sicli die ganze Atniosph.11 c: sie ist ietzi rein mili Die Ssefer Thora wird ins Lager gebracht