Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 43 (1938)
- Issue
- Heft 25 (29.3.1938)
- Date
- 1938-03-29
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Ur.^S / Jahrgang 43 Preis 25 Rpl, JÜDISCHE RUNDSCHAU Rodaktloa, V•rlitg and AnxelgeuVerwaltung BarUnW IS, MelMkub.lt Fenrnli 91 »0 31, Tel.gr.mm-Adr«■•«. Orghlp. - In Fällen höherer Gewalt besteh* kein Anspruch «uf Nachlieferung oder Entattun; etwa schon gezahlter Berugagebühren. Bezugspreia einarhlieSlid* Bestellgeld je Monat RM 2,—, je Viertel• jahr RM 5,75! bei Abholung RM 1,88 bzw. RM 5,39 (einschließlich Postzritungs. gebühr von 10,72 Rpf je Monat). — Postscheck - Konten der Vertriebs - Abteilung «r GroB - Berlin: Berlin 715 73, f&r das übrige Reich: Berlin 17397 BERLIN כ״ו אדר ב׳ תרצ״ח DIENSTAG, 29. MÄRZ 1938 Endistnt Jod•» Divnstag und Freitag. Gültig ist die AmcelganprcIaUat• Nr. 5 vom!.April 1936. Di« zwölfgespaltene mm •Zeile 20 Rpf, für Familien- Nachrichten 15 Rpf. Keine Gewahr für Aufnahme von Anzeigen in bestimmten Ausgaben oder «0 bestimmten Plätzen. Einzelanzeigcn nur gegen Vorauszahlung auf Postscheck - Konto Berlin 71618 oder bar Montag bi. Freitag 9-18 Uhr, AnnahmeschtuS für die Dienstag - Ausgabe: Montag 10 Uhr, für die Freitag Ausgabe! Mittwoch 15 Uhr. Familien - Anzeigen am Tag vor Erscheinen 16 Uliff Der Zionismus erstrebt für das indische Volk die Schaffung einer Öffentlich ־ rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina. (Baseler Programm) Der Weg in die Welt Weltgeschichtliche Perspektiven — Die Verschärfung der Judennot — Selbsthilfe und Unterstützung — Eine Aktion Amerikas — Neo-Territorialismus? — Kraftquell Palästina Seit den ältesten Zeiten seiner Geschichte ist das jüdische Volk bemüht, den Sinn des Geschehens in der Welt zu ergründen. So wurde dieser kleine Stamm, der in einer von den Stürmen der Geschichte besonders stark bewegten Ecke des Mittelmeergcbietes siedelte, zum Entdecker des Gedankens der Weltgesell ichte. Das Bewußtsein von einem Geschehen, das nicht der mehr oder minder zufällige Ablauf von Ereignissen ist, sondern nach einem Ziel hin tendiert, wurde zum ersten Male und in klassischer Weise im alten Israel formuliert, und zugleich suchte man nach dem bewegenden Prinzip, das sich gleichsam hinter den geschichtlichen Mächten verbirgt. So wurde dieGottesauffassung im alten Israel eine ganz andere, als sie es bei den Naturgöttern der meisten Völker jener Zeit war, die ihre religiösen Vorstellungen den Vorgängen in der Natur mehr oder weniger nachbildeten*, es entstand in Israel ein geschichtlicher Gott, der itn Leben der Völker wie der einzelnen Menschen wirkt, die als Träger des Geschehens und der sittlichen Verantwortlichkeit empfunden wurden. Wir heute lebenden Juden unterliegen vielleicht in manchen Augenblicken allzu sehr dein Eindruck der Erlebnisse, die uns in unserer Geschichtsperiode treffen, wir empfinden verständlicherweise in erster Linie die praktische Bedeutung des Zeitgeschehens für unser Schicksal, aber wir sollten darüber nicht jene andere Fragestellung vergessen, die darüber nachsinnt, welches der Sinn des Geschehens in einer ״höheren“ Wirklichkeit sein mag. Und vielleicht führt uns diese Fragestellung zu neuen Erkenntnissen. Das jüdische Volk, das vor 150 Jahren in das Licht der europäischen Welt hinaustrat, brachte gewiß eine reiche und für seine Zukunft fruchtbare Substanz an menschlichen und kulturellen Gütern in diese neue Epoche seines Lebens ein, daneben aber hatte das jahrhundertelange Lehen im Ghetto vieles zerbrochen und unentwickelt gelassen, was eigentlich zur Entfaltung bestimmt gewesen wäre. Die seitdem vergangene Zeit hat den Juden der Welt trotz allen Rückschlägen eine ungeahnte Entwicklung gebracht, die sich in ihrer Volkszahl ebenso ausdrückt wie in der materiellen Kraft, die wichtige Teile des jüdischen Volkes erlangt haben, indem sie zu ihrem Teil an der Entstehung der modernen Wirtschaft initarbeiteten; aber auch auf geistigem Gebiete erschloß sich dem jüdischen Volke eine neue Welt mit ihren Gütern, die wir heute nicht mehr missen möchten und die wir, wie immer die Zukunft der Juden in der Welt beschaffen sein wird, auch nicht mehr aus unserem Gedächtnis verlieren können. Der Preis, der für all dies von uns gezahlt worden ist, erschien uns von jeher sehr hoch. Es war der Preis der Entjudung, der Verdünnung der geistigen Luft, in der wir leben, ja des Verlustes von Zehntausenden wertvollen Menschen, die einen Weg gingen, der aus allen jüdischen Zusammenhängen hinausführte. Die Sorge um die Höhe dieses Preises war eine der Quellen, aus denen die Besinnung auf das Judentum, auf den nationalen Charakter unserer Gemeinschaft gespeist wurde. Die jüdische Renaissancebewcgung ging gewiß niemals an der Tatsache vorbei, daß das jüdische Volk durch die Gefilde Europas gewandelt ist, aber sie wollte das Zentrum unseres Denkens und Füll lens wieder in den jüdischen Bezirk hinüberpflanzen. Und dennoch scheint es, daß die Rechnung damit noch nicht voll beglichen ist; ein neuer Preis wird vom jüdischen Volk gefordert, In unserer Zeit und mit den Mitteln unserer Tage. Die Ausgiiederung der Juden aus dem Leben der Umwelt ist ein Vorgang, der nur im Zusammenhang mit dem Aufstieg, den uns das vergangene Jahrhundert brachte, begriffen werden kann. Und wenn wir diee Vorgänge weithistorisch verstehen wollen, dann können wir sie nicht anders empfinden, als daß das Erleben der heutigen jüdischen Generation gleichsam ein weiterer Preis ist, den sie für das zahlt, was ihre Väter erwarben, inatericll wie geistig, im seelischen Bezirk wie in dem des äußeren Lebens. Es ist gewiß schwer, aus dem, was bisher geschah, eine Prognose für die Zukunft zu stellen. Dennoch kann nicht übersehen werden, wie rapid sich der Lebensraum einer Millionenmasse von Juden verengt, die itn Zentrum Europas leben. Der Druck der Judenfrage wächst unablässig, und sie wird von den Völkern der Welt vielleicht noch stärker empfunden; aber wir müssen wissen, daß es auf die gefühlsmäßige Seite einer Angelegenheit oft noch viel mehr ankommt als auf die zugründe liegenden Tatsachen. Gerade heute wieder hören wir von den Sorgen, die die Jiidcn Polens angehen, von gesetzlichen Maßnahmen, die ihre materielle Existenz berühren und damit dieses Gebiet der jüdischen Not weiter belasten. Auch aus Ungarn kommen Nachrichten, deren Bedeutung man nicht unterschätzen soll. Wenn dort der Versuch gemacht wird, die Juderfrage durch ein besonderes Gesetz zu regeln, so muß man gewiß anerkennen, daß dieser Vorschlag von Kreisen ausgeht, die damit noch weitergehenderen Forderungen entgegenwirken wollen. Dennoch besteht die Gefahr, daß insbesondere durch Maßnahmen auf Wirtschaftlidiem Gebiete die Lage dieser wichtigen jüdischen Gruppe erheblich verschlechtert wird. * Diese Zeit bringt gleichzeitig eine weitere Erkenntnis deutlich zum Bewußtsein aller Juden: Die Judenfrage nimmt deshalb so krasse Formen an und ist für das jüdische Volk in allen seinen Teilen, ob es ihnen min gut oder schlecht gehen mag, von Bedeutung, weil sie ein Volk ohne jede organisierte Kraft Ein Judengesetz in Ungarn? Debatte im Parlament Von unserem Berichterstatter Budapest, 26. März Die Wahlrechtsvorlage steht auf der Tages- Ordnung des Parlaments, und das erste Problem, das allgemein — zwecks Klärung der Atmosphäre — als zu lösen betrachtet wird, ist die Juden frage. In der letzten Ausschußverhandiung der Regierungspartei wurde der Antrag ge. stellt und angenommen, es solle eine Kommission ernannt werden, die diese Frage studieren und zu ihrer Lösung Vorschlage unterbreiten solle. Im Abgeordnetenhaus aber ergriff sofort nach dem Berichterstatter der Wahlrechtsreforin als Generalredner der Partei der Unabhängigen Kleinwirte der Abg. Dr. Dezsö SÜIyok das Wort, um einen Be- Schlußantrag zu unterbreiten, die Regierung möge bis 30. Juni einen Gesetzentwurf vor das Haus bringen, der die Rechtsverhältnisse der ungarischen Staatsbürger jüdischer Konfession gesetzlieh regelt. — Mit noch größerem Nachdruck unterstrich 11!<־ nächsten Tage Graf Stefan Bethirn die gleichen Gedankengänge. ״Da die Judenfrage von der Regierung so behandelt wird, daß sie gelöst werden müsse, müsse sie auch präzis und detailliert diejenigen, mit dem ungarischen Recht und der ungarischen Verfassung in Uebereinstimmung stehenden Mittel bezeichnen, mit deren Hilfe diese Frage gelöst werden kann und muß“. Die Parlamentsrede des Grafen Bethlen hat, wie ״Pester Lloyd“ bemerkt, den Boden vorbereitet, auf dem die Diskussion der praktischen Vorschläge zur Lösung der Judenfrage, die nunmehr in Kürze zu erwarten ist, erfolgen soll. Dr. A. F. sind. Ein Volk, das nirgends auf der Welt einen Ruhe•■ punkt besitzt, an den es sieh klammern kann, den es gegenüber Angriffen zu verteidigen vermag, ist wie ein Spielball den Zufälligkeiten des Geschehens an ^«geliefert; so sehr cs auch den Willen haben mag, sich selbst zu helfen, so beschränkt sind doch die Mittel, die hierfür zur Verfügung stehen. Und wie groß sind diese Schwierigkeiten erst in einer Zeit wie der unsrigen, in der die Welt in einem tiefgreifenden Wandel begriffen ist, in der neue Stnatsfonnen entstehen, in der die Seelen der Völker in Bewegung geraten sind! Gewiß tut es not, gerade unter diesen äußeren Schwierigkeiten alles zu tun, was in unserer eigenen Macht liegt, um die Lage des jüdischen Volkes zu erleichtern, aber wir dürfen nicht übersehen, daß all diesen Aktionen Grenzen gesetzt sind, und daß sie nur dann zu vollem Erfolge gelangen können, wenn es Faktoren außerhalb unserer eigenen Reihen gibt, die bereit sind, etwas zur Entspannung der Judenfrage zu tun. Blicken wir in dieser Hinsicht auf die vergangenen Jahre zurück, so sehen wir, daß gewiß sehr viele Worte der Sympathie für das jüdische Volk laut geworden sind, daß man auch dies oder jenes organisatorisch tat, um z. B. die Frage der Emigration aus Mitteleuropa zu lösen, daß aber den Worten doch nur sehr bescheidene laten folgten. Gewiß muß dankbar anerkannt werden, was mit Hilfe des High Commissioners für die Auswanderer auf dem Gebiete des Rechtsschutzes erreicht worden ist. aber all das ist doch nur ein Tropfen auf den heißen Stein, wenn man die Große des Problems, um das es geht’ ins Auge faßt. Nun scheint die Diskussion dieser Fragen erneut ins Rollen zu kommen, nachdem wiederum für eine jüdische Gruppe, nämlich die [!!den Oesterreichs, die Frage der Aiiswandenmg'akuicll geworden ist. Die englisch e R e g i e r u n g hat bereits vor einigen Tagen zu dieser Frage eine Erklärung abgegeben, die bei aller Vorsicht der Formulierung doch gewisse Möglichkeiten für die Aufnahme von' Limvanderern erschließt. Nun mehr hat die Re״icn!״g der Vereinigten Staaten ein .Memorandum an die in Frage kommenden [.ander genehtel, 1:1 dem die Lin- Setzung eines K 0 in i t e e s zu r In r I e i c h t c r 11 11 g d e r Au f nah me solch e r E i n w 1! ״ d e r e r xorgesciilagen wird. Dieser Appell der Regierung Roosc\ e'!s wird gewiß überall in der Welt, wo Juden leben, begrüßt worden, geht es doch darum, einer immer mehr wachsenden Zahl arbeitswilliger Menschen eine neue Lsisteiimiöglichkeit zu geben, wobei darauf hingewiesen werden muß, daß der überwiegende Teil aller Jude!!, die aus den Ländern Europas fortstreben, diesen Weg aus rein wirtschaftlichen Gründer! betreten, weil sie in ihrer alten Heimat die Existenz verloren Iraben und dort keine Möglichkeit besitzen, sie erneut aufzubaucn. Der Appell Amerikas wird, so hoffen wir, bei den Regierungen und Völkern liwfet. U&kA&lioU Im polnischen Sejm wurde ein Gesetz angenommen, durch das die Sehe c h i t a in Polen gänzlich verholen wird. Auch in Rumänien wurde durch Anordnun(; des Landwirt s chaf t sminist er s die Schechila verboten. Die Regierung der Vereinigten Stauten hat an eine Anzahl von Staaten ein Memorandum zwecks Einsetzung einer Kommission zur E r 1 c i c h t e r u n g der Aufnähme von Emigranten gerichtet. Der holländische Justizminister hat strenge Vorschriften für die Zulassung von Einwanderern aus Oesterreich erlassen. Das vierte Mitglied der neuen P a l ä s t i n a - K o rn m is s io n wird demnächst ernannt werden.