Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 43 (1938)
- Issue
- Heft 24 (25.3.1938)
- Date
- 1938-03-25
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2651273-2653549-2653564--31963-2683655- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
JÜDISCHE RUNDSCHAU PALÄSTINA-BLATT Nr. 24, 25. MÄRZ 1938 Arbeitsbeschaffung und soziale HilfeTel Avivs Von unserem palästinensischen Korrespondenten Schertok über die Einwanderungsbestimmungen Ein Memorandum der Jewish Agency Jerusalem, 18. März. (Palcor.) 1leute fand in den Räumen der Jewish Agency eine Presse-Konferenz statt, bei der M, Schertok auf Fragen von Journalisten ausführte, die neuen Einwanderungsbestimmungen seien voller Widersprüche. Durch die Aufhebung der Be- Schränkungen der Einwanderung von nahen Angehörigen und Studenten gebe die Regierung selbst zu, daß die poiitisehe Höchstbegrenzung nicht gerechtfertigt war. Ferner gebe sie zu, daß die frühere Festsetzung einer Maximalzalil für Kapitalistencinwanderer ungerecht war, da eitie Erhöhung für diese Kategorie angekündigt wurde. Die Einwanderergruppc, die jedoch am meisten und schwersten betroffen sei, wäre die Arbeiterkategorie. Für die dieser Kategorie auferlegtc Begrenzung gebe die Regierung die im Lande bestehende Arbeitslosigkeit als Erklärung. Man könne jedoch die Regierung nicht von aller Verantwortung für die herrschende Arbeitslosigkeit freisprechen, da viele Handels- und Industriezweige nicht genügend Arbeiter hätten und zahlreiche Pläne für neue Unternehmungen wegen Arbeitermangel zurückgestellt werden mußten. Trotz der leichten Verbesserungen in den neuen Bestimmungen im Vergleich zu der früheren Lage könne man sich schwerlich des Eindruckes erwehren, daß die Beschränkungen als eine Art Konzession an die chaotischen Kräfte aufgenommen werden. Dieser Eindruck wird in einem Memorandum, das die Jewish Agencv der Regierung unterbreitete, zum Ausdruck gebracht. Das 'jüdische Volk könne nur immer wieder wiederholen, daß es auf seine Rechte im Jüdischen Nationalheim bestehen wird, und daß es über seine Rechte nicht feilschen würde. Die Absicht der Regierung, den Frieden im Lande auf Kosten der Juden wiederherzustellen, sei jedoch nicht erreicht worden, da das Land seit der Auferlegung der politischen Höchstgrenze für jüdische Einwanderung im Juli 1937 nicht ruhig geworden ist. Nur durch scharfe Regier 11 ngs maßnah men zur Unterdrückung des Terrors bestehe Aussicht, den Frieden im Lande wiederherzustcllen und nur, wenn den Terroristen klargeniacht wird, daß ihre Taktik ganz erfolglos ist. Die Jewish Agency werde weiter gegen jede Verzerrung des Mandates, solange es in Kraft ist, kämpfen. Ueber die durch die neuen Bestimmungen geschaffene Lage erklärt Schertok, daß die Kapitalistenkategorie in den nächsten sechs Monaten uin 70t) erhöht wird im Vergleich zur Anzahl in den vergangenen acht Monaten. Es sei zugegeben worden, daß diese Erhöhung aus Wirtschaftsgründen notwendig sei. Wenn jedoch die wirtschaftlichen Bedingungen im Lande eine Erhöhung der Kapitalisteneinwanderung erforderten, warum wurden dann überhaupt dem Import von Kapital nach Palästina Beschränkungen auferlegt? Bezüglich der Beschränkungen der Arbeitercinwanderung sagte Schertok, der Kolonienminister habe erklärt, diese Begrenzung sei in Anbetracht der Arbeitslosigkeit im Lande vorgenommen worden, was eine wirtschaftliche Erwä- Ksei. Warum werde aber dann von der Regierung über- . t eine a p r i o r i - Begrenzung auferlegt, wenn der High Commissioner bevollmächtigt ist, bei der Festsetzung der Arbeitereinwanderung die wirtschaftliche Lage in Betracht zu ziehen? Trotz der Arbeitslosigkeit bestehe großer Bedarf für neue Arbeit ei* ein wanderer. Man brauche sie für neue Unternehmungen, in denen man sie aufnehmen könne und für die besondere Fonds bestehen. Mit der Quote von tausend Arbeitereinwanderern für die nächsten sechs Monate könnten diese Unternehmungen nicht ausgeführt werden. Zum Schluß bekräftig» Schertok aufs neue, daß die Jewish Agency Verletzungen des Mandates, wie sie in den neuen Bestimmungen enthalten sind, aufs nachdrücklichste bekämpfen wird. Die ״Informations de Palestine", das offiziöse!־!tägige Bulletin der Jewish Agency for Palcstine in Genf, kommentiert in seiner letzten Nummer den Brief Ormsbv-Gores an den alästinensischen High Commissioner über die Einwanderungsestimmungen im gleichen Sinne. Bei einer Sitzung der T e I - A v i v e r Stadt verwal* tung wurde eine Resolution angenommen, in der aufs schärfste gegen die Fortsetzung der Einwandcrungsbeschränkungen protestiert wird._ Eine Delegation irakischer Araber unter Führung eines bekannten palästinensischen Agitators hat sich nach Kerbela und Naged in Mesopotamien begeben, um mit den schiitisclien Arabern über die Palästinafrage zu verhandeln. gl. Tel Aviv, 17. März 1938 Schwächung der Reserven Eine der wichtigsten Sorgen der öffentlichen jüdischen Stellen in Palästina war, die gegenwärtige Wirtschaftsdepression möglichst abzukürzen. Es war von vornherein ersichtlich, daß allein die Dauer des Stillstandes die ökonomische Lage verschlechtern mußte. Auch wenn die Zahl der Arbeitslosen nicht oder nur wenig stieg, mußte sich doch von Monat zu Monat die Lage verschlimmern, einfach, weil die relativ großen Reserven, die die Gesamtheit und der Einzelne in den guten Jahren der Prosperity angesammelt hatten, nach und nach aufgebraucht wurden. Während es jedoch bisher gelang, die Zahl der Arbeitslosen einigermaßen stabil zu halten und nicht über eine bestimmte Proportion zur Gesamtzahl der Arbeiter im Lande anschwellen zu lassen, gelang es nicht in genügendem Maße, neue Arbeitsquellen zu erschließen. Man versuchte dies in Palästina auf doppelte Welse: Einerseits bemühte man sich, die Regierung zu einer größeren Arbeitsbeschaffung heranzuziehen, andererseits machten die Juden selbst öffentliehe und private Quellen für die Ausführung öffentlicher Arbeiters mobil. Mit der Regierung ist man bisher nur sehr wenig vorwärts gekommen. Das Schatzamt fürchtet sich vor der Leerung der Kasse durch die immer steigenden militärischen Ausgaben, die die Terrorbekämpfung erfordert, und ist nicht zu einer großzügigen Aktion zur Arbeitsbcschaffung zu bringen. Die J c w i s 11 Agency hat in Kooperation mit verschiedenen anderen Stellen im Lande, sowohl öffentlichen als privaten, eine ganze Reihe von Arbeiten gestartet, die immer wieder teilweise Erleichterung brachten, aber zu der Konzentrierung großer Mittel, die eine durchgreifende Ankurbelung ermöglichten, konnte man nicht gelangen, LInter diesen Umständen ist jetzt sowohl weitere Arbeitsbeschaffung als auch eine minimale Unterstützung der bedürftigen Kreise überaus dringend, und man sucht mit allen Kräften nach den entsprechenden Mitteln, Die besonderen Aufgaben von Tel Aviv Es ist bekannt, daß Tel Aviv in der Zeit des Aufstiegs sich am raschesten ausdehnte, dafür auch jetzt am stärksten von den drei Städten von der Depression betroffen ist. Hier ist sowohl Arbeitsbeschaffung wie ge-!lügende Sozialhilfe am dringendsten, und da die Stadt gegen ein Drittel aller Juden im Lande umfaßt, ist die Besserung der Lage hier von mehr als lokaler Bedeutung. Tel Aviv hat auch eher als andere Orte Möglichkeiten der Selbsthilfe, da es die modernste Stadtverwaltung in! Lande besitzt und von den Problemen der׳ gemischten Munizipalitäten nicht berührt wird. Freilich ist auch hier die Aktionsfreilieit stark gehemmt durch die weitgehende Budgetkontrolle, die den Regierungsbehörden zusteht. Seit längerem stehen in Tel Aviv zwei wichtige Aktionen aut der Tagesordnung: die Beschaffung von Mitteln für größere öffentliche Arbeiten und di* Bereit- Stellung genügender Gelder für soziale Hilfe. Man hatte mit der Regierung wegen der Bestätigung einer großen Anleihe von einer Million Pfund verhandelt, die die Durchführung großer Arbeiten, insbesondere eines neuen Wasserwerkes und der Einführung von Kanalisation, ermöglichen sollten. Diese Anleihe ist aut verschiedenen Gründen bisher nicht perf e k t geworden, und unterdessen bemühte sich die Stadt um kleine Anleihen, die andere Arbeiten, vor allem Schulbauten, die Errichtung einer zentralen Markthalle und den Ausbau des Wegenetzes sichern sollten. Oie Verhandlungen mit den Behörden nahmen lange Zeit in Anspruch. Als es gelang, die Jerusalemer Stellen zur Annahme eines Teiles der Vorschläge zu bewegen, ergaben sich Hindernisse im Kolonialamt in London, das sich weigerte, diese Transaktionen zu bestätigen. Hier scheint sich die Ungewißheit der poiitisehen Lage besonders schlecht auszuwirken, denn die Gründe für die übermäßig vorsichtige Haltung Londons sind wohl in der Abneigung zu suchen, sich in Palästina augenbhckiich aut irgendwelche neue Verpflichtungen einzulassen. Für die Stadt ist jedoch die Durchführung öffentlicher Arbeiten gerade jetzt äußerst dringlich. Es gibt bekanntlich keine Arbeitslosen- Unterstützung in Palästina und die Hilfsorganisationen der Arbeiter, ,,Mischan“ genannt, ist weder dazu berufen noch imstande, diese große Lücke auszufüllen. Im Zusammenhang mit den jetzt begonnenen Etatberatungen für das neue Jahr hat die Stadt nochm«’s die Verhandlungen mit der Regierung aufgenommen und dieses Mai einige Fortschritte zu verzeichnen. Die Regierung in Jerusalem hat die Ausführung von öffentlichen Arbeite« in der Höhe von £ 50 ÜÜO bestätigt und der Stadt außerdem die Erlaubnis erteilt, sich mit privaten Stellen (Hausbesitzen! und Unternehmern) zu verbinden, um weitere Gelder mobil zu machen. Es besteht daher Aussicht auf die Ausführung von Arbeiten im Umfange von gegen £80 000. Damit soll es (wie bereits hier gemeldet — Red.) gelingen, M. M. WARBURG & CO. GEGRÜNDET 1797 HAMBURG FERDINANDSTR. 75 BERLINER BÜRO: TIERGARTENSTR. 2b 1200 Arbeitern für ein halbes Jahr Arbeit zu geben, lind da die Arbeiterschaft seit langem ein System des Auswediselns an den Arbeitsstellen durchgeführt hat und jedem drei Tage in der Woche gibt, wird die Zahl der Beschäftigten auf 2200 gestreckt. Der Jerusalemer Beschluß verlangt noch eine Bestätigung in London, aber diese wird in kürzester Zeit erwartet. Außerdem bestehen Hoffnungen, die Kanalisationsprojektc innerhalb eines halben Jahres anfangen zu können, so daß für den Herbst weitere Arbeit?- möglichkeitcn in Aussicht sind. Etatfragen Bei diesen Verhandlungen mit der Regierung arbeiten die verschiedenen Strömungen innerhalb des Stadtrates in der gleichen Richtung. Der Beginn der genannten öffentliehen Arbeiten löst selbstverständlich nicht die Frage der Arbeitsbeschaffung in genügendem Umfange, aber er wird doch eine merkliche Erleichterung bringen. Daneben bleibt das Problem der Unterstützung für Bedürft i g e nach wie vor bestehen, und die vorhandenen Mittel reichen nicht aus. Bei den gegenwärtigen Etatberatungen wird daher die Notwendigkeit diskutiert, durch eine Erhöhung der Steuern zusätzliche Mittel für soziale Hilfe zu beschaffe״. Unter den mannigfaltigen Anregungen, die die laufende Budgetdebatte bisher gebracht hat, kristallisieren sich bisher zwei praktische Vorschläge heraus, mit denen man etwas wird anfangen können: der eine verlangt die Erhöhung der bestehenden Steuern um ein Prozent, der andere (der dem ersten keineswegs widerspricht) die Erhebung einer Lustbarke itssteu er auf Eintrittskarten von Kinos, Theatern usvv. Die Lage in der Stadt verlangt so offensichtlich eine breitere soziale Hilfsaktion, das allgemein gesehen keine scharfe Opposition gegen derartige Neuerungen innerhalb des Stadtrats existiert. Dagegen spürt man sehr deutlich, wie Vertreter verschiedener Intere~scn sich darum bemühen, gerade die Kreise, die sie vertreten, von der Mehrlast zu befreien und die Bürde auf andere Schultern abzuwälzen. Das ist eine Haltung, die völlig tingerechtfertigt ist. Heute noch mehr als in normalen Zeiten ist es notwendig, daß der Stärkere dem Schwächeren zu Hilfe kommt, daß Kreise, die genügendes Einkommen haben, zugunsten der Erwerbslosen besteuert werden, so daß innerhalb der Stadt keiner hungern muß. Die Dinge liegen in modernen Begriffen 'und 'Anforderungen nicht''e״'ts|weVhendes Steuersystem besitzt. Dieses zu reformieren, ist natüran, innerhalb dm g> gebe:,״] (mncut die WittU zu finden, sprechend der wirtschaftlichen Widerstandskraft der einzelnen Schichten, zu verteilen. Am Tage der Gründung |§j|§|j^ h*■'■ ' . -*־»-*•יי* I ’.״*'׳‘Vif , ,V '־־ r ln Palästina wurden, wie an dieser Stelle früher berichtet wurde, seil Ausbruch der Unruhen 23 neue Siedlungsputjhte geschaffen. Der Aufbau dieser Siedlunee Tage, um den neuen Siedlern sogleich Unterkunft und Sicherheit zu gewähren. Unsere Bilder zeigen links die Ankunft eines Hauses, das in zerlegtem Zustande t an den Ort der neuen Siedlung gebracht worden ist, während das rechte Bild 1/4 Stunde später auf genommen wurde und bereits wiedergibt ,'wie die Wandt zusammengefügt werden. Diese Art der Besitznahme des Bodens, die auch in dem in der ״J. II." besprochenen Film ״Ein Tag — ein Werk“ den Inhalt ist ein besonders eindrucksvolles Symbol des Aufbauwillens des jüdischen Volkes in Palästina, der auch in schweren Tagen nicht erlahmt. v des ersten Hauses der Handlung bildet, Foto: K. U. ood h K, L.