Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 43 (1938)
- Issue
- Heft 21 (15.3.1938)
- Date
- 1938-03-15
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Pr. ti ✓ Jahrgang 4S Preis 25 Rpi. JÜDISCHE RUNDSCHAU ■•daktion, Verlag und A nzeigenverwaltnngi BerlinW IS, Molneke.tr. 10 Fernruf 1 919031, Telagranyn-Adreiiei Orjjhlp. - In Fäll™ höherer Gewalt beiteht kein Aiwpmch auf Nachlieferung oder Erstattung etwa schon gezahlter Jahr RM 5,75ל* bei Abholung RM 1,88 bzw. RM 5,39 (einsdiliefllich Postzeitungsgebühr von 10,72 Rpf je Monat). — Postscheck - Konten der Vertriebs - Abteilung für Groß - Be rl in: Berlin 71573, für das übrige Reich: Berlin 17392 BERLIN י״ב אדר ב׳ תרצ״ח DIENSTAG, 15. MÄRZ 1938 Erscheint Jeden Dienstag and Freitag. Gültig׳ ist die AnKelgenpreisliat• Nr. 5 vom 1. April 1936. Die zwolfgespaltene mm-Zeile 20 Rpf, für Familien- Nachrichten 15 Rpf. Keine Gewähr für Aufnahme von Anreisen in bestimmten AmiahmeschluB für die Dienstag-Ausgabe: Montag 10 Uhr, für die Freitag-Ausgabe! Mittwoch 15 Uhr. Familien - Anzeigen am Tag vor Erscheinen 16 Uhl Der Zionismus erstrebt für das iüdische Volk die Schaffung einer Öffentlich - rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina. (Baseler Programm) In geschichtlicher Stunde Weizmann bei Chamberlain Sitzung: des A.-C. endet Montag Nacht — Resolution gegen Ein wanderungs •Drosselung ■־־־־ Agency-Tagung geschlossen Wie wir bereits in unserer vorigen Ausgabe kurz berichteten, wurde die Sitzung des A.-C. im Woburn-House in London unter Anwesenheit von etwa 70 A.-C.-Mitgliedern sowie Mitgliedern der Exekutive der Jewish Agency in London und Jerusalem von Ussischkin eröffnet. Ussisclikin gedachte der in Palästina Gefallenen und der Toten der zionistischen Bewegung und teilte mit, daß die Sitzung den olitischen Fragen Palästinas und der Wirtschaftichcn Lage im Lande gewidmet sein soll. Hierauf ergriff Dr. Weizmann das Wort, der einen umfassenden Ucberblick über die politische Entwicklung seit dem letzten Kongreß gab. Er führte u. a. folgendes aus: Seitdem er im vergangenen November London verließ, um sich nach Palästina zu begehen, habe sicli in der politischen Lage ein m arkantcr W e c h s c 1 vollzogen. Als er nacli dem Kongreß nacli London kam, stand er in enger Fühlungnahme mit allen englischen Regierungskreisen, die für die Politik in Palästina verantwortlich sind. Sein Eindruck zu jener Zeit war, daß die Regierung, nachdem sie die allgemeinen Argumente und Schlußfolgerungen der Königlichen Kommission angenommen hatte, beabsichtigte, den Plan einer Teilung Palästinas durcli/uführen. Es wurde vorgeschlagen, daß eine kleine Kommission sich nicht später als im Dezember nach Palästina begeben solle, um dort alle notwendigen Nachforschungen anzustellen, die der Regierung zu konkreten Vorschlägen für die Teilung Palästinas verhelfen sollten. Er hatte allen Grund zu der Annahme, daß bis März ein vollständiger und ausführlicher Plan vorhanden sein würde, so daß dann die Regierung ihn der Ständigen Mandatskommission im Mai vorlegen könnte. Dies war die Lage, als er London verließ. Die Regierung schien damals entschlossen gewesen zu sein, diesen Plan zu verfolgen. Er dachte, alles, was er jetzt zu tun habe, sei, die Feinde des Zionismus zu verhindern, in Palästina einen Bürgerkrieg zu entfesseln. Er war jedoch nur kurze Zeit in Palästina, als ihn beunruhigende Meldunen aus London erreichten, so daß er sich entschloß, nach ondori zuriickzukcliren. Dr. Weizmann gab hierauf einen Ueberblick über seine Tätigkeit seit seiner Ankunft in London vor drei Wochen. Dr. -Weizmann gab eine umfassende Analyse des Spiels der Kräfte im Nahen Osten. Er führte einige Beispiele an, mit denen er die verschiedenen Formen antiziotiistischcr Propaganda illustrierte und sprach von den Methoden der Exekutive, die angewandt wurden, um dieser Propaganda zu begegnen. Die Lage sei schwierig, aber er glaube nicht, daß irgendein Grund zu P e s s i in i s m 11 s vorhanden sei. Dr. Weizmann erwiderte auch auf die antizionistische Propaganda in gewissen jüdischen Kreisen. Die politische Debatte In der anschließenden Diskussion sprach als erster Rabbi Afeir Berlin (Misrachi). Er glaubte, daß die Teilung jetzt weniger gewiß sei, als es nacli den Empfehlungen der Peel-Kommission den Anschein hatte. Auch diejenigen, die eine Teilung vorziehen würden, müßten sich in dieser Situation für die Aufrechterhaltung des Mandates einsetzen. — Kurt Blumenfeld kritisierte die unzulänglichen Informationen über die politische Lage in den letzten Monaten und wandte sich gegen die Kritik, die an dem im Peel- Bericht für den Judenstaat vorgeschlagenen Landbezirk geübt wird. Er forderte, die zionistische Bewegung müsse zu einer definitiven Entscheidung kommen, um ihrer Füllrung ein tatkräftiges Vorgehen zu ermöglichen. — Abe Gold her g bemerkte, daß viele amerikanische Juden gegen den Tcilungsplan seien, weil sie prinzipiell einen Judenstaat ablehnen. Dennoch sei die große Mehrheit der amerikanischen Juden für die Teilung. — Dr. Weizmann sagte, er habe der britischen Regierung gegenüber erklärt, daß das Mandat nach Ansicht der Juden nicht undurchführbar sei, sondern daß die Regierung es undurchführbar gemacht habe. Der Teilungsplan der Peel-Kommission sei unannehmbar, bilde aber eine Verhandlungsbasis. — Rabbi Gold (Misrachi) meinte, es müsse alles dafür eingesetzt werden, um die öffentliche Meinung für die Durchführung des Mandates zu gewinnen. — Remez (Arbeiterpartei) wandte sich gegen weitere Diskussionen in der Tcilungsfrage. — Dr. Schwär zbarth (Allgemeine Zionisten, Gruppe R) meinte, daß bei einer Wahl zwischen einer permanenten jüdischen Minderheit in Palästina und der Teilung die Meinung der Teilungsgegner sich ändern müsse. Er wandte sich gegen Verhandlungen durch unbefugte Personen. — Rev. J. K. Ooldhloom (Allgetn. Zionisten, Gruppe A) forderte politische Propaganda in England und eine Erweiterung des Londoner Büros. — Mr. Weinstein (Judenstaatspartei) polemisierte gegen die Haltung der Exekutive in der Teilungsfrage. — Shragai (Misrachi) übte gleichfalls an der Haltung der Exekutive Kritik. Hierauf sprach das Mitglied der Exekutive David Ben Garion Er charakterisierte die Gefahren, die in bezug auf die künftige Einwanderungsregclung bestehen. Bei der Besprechung des Terrors in Palästina hob Ben Gurion die Zusammenarbeit aller jüdischen Kreise hervor. Er stellte mit Befriedigung fest, daß Transjordanien dank den Bemühungen der britischen Regierung vom Terror nicht angesteckt wurde. Ben Gurion schilderte dann den Kampf, der von gegnerischer Seite gegen den Zionismus geführt wird und würdigte Weiznianns Bemühungen in der Abwehr dieser Gegner. Schließlich dementierte er nochmals kategorisch, daß die Exekutive sich jemals einverstanden erklärt hätte, mit den Arabern aut der Basis einer jüdischen Minderheit in Palästina zu verhandeln. Am Schluß seiner Rede verteidigte Ben üurion die Haltung der Exekutive und betonte, daß er selbst ein überzeugter Anhänger der Teilung sei. — Als nächster sprach Ussischkin, der den Standpunkt der Neinsager vertrat. Er glaubte nicht, daß Teilung die einzige Alternative sei, und erklärte, dal! er den Kampf bis zum Schluß fortsetzen werde. Er sei auch gegen die von den englischen Zionisten angenommene Resolution. Er wolle, daß auch den Teilungsgegnern die Möglichkeit gegeben werde, vor der neuen Kommission zu erscheinen. — Prof. Brodetskv äußerte sich zu dem bekannten Beschluß der englischen Zionisten über die Frage der Zukunft Palästinas. — Dr. M. Kleinbaum (Allgem. Zionisten, Gruppe A) meinte, es sei überhaupt illusionär, auf der Basis für uns akzeptabler Bedingungen zu einem Frieden mit den Arabern zu gelangen. Die Exekutive müsse im Sinne der Resolution des Kongresses weiter arbeiten. — Dr. Ooldmann ergänzte die Situationsberichte der Exekutive. Die Haltung der englischen Zionisten sei von größtem Wert gewesen. Dr. Goldmann schilderte die außenpolitische Situation Palästinas. Würde Palästina für die jüdische Einwanderung verschlossen werden, so würde das die J u d e n f r a g e in Europa verschärfen. Für die Verbesserung des Teilungsplanes könne man Symathien gewinnen. Man solle die Bedeutung eines jüdischen taates, seihst in einem Teile Palästinas nicht unterschätzen. — Dr. Weizmann kritisierte unbefugte Aktivität einzelner Personen und forderte eine Entschließung mit der Fest- Stellung, daß r. u r die Jewish Agency für das jüdische Volk vertretungsberechtigt sei. In der politischen Debatte sprachen weiterhin Rabbi Brodt, A. Reiß, Jizchak Grün bäum, Naiditsch, Berl Locker und Abraham Katzenelson. Ferner hielt Dr. Stephen Wise eine Rede und kritisierte die Exekutive. Er persönlich wünsche ein unverletzliches und ungeteiltes Palästina. Er unterstütze Ussischkins Forderung, daß die Teilungsgegner vor der Kommission erscheinen sollen. Die Debatte wurde mit Schlußreden von Dr. Weizmann und Ben Gurion beendet. Nach ihrem Abschluß wurde eine Kommission von 1! Mitgliedern gewählt, die die politischen Resolutionen dem A.-C. vorlegen soll. Am Sonntag diskutierte das A.-C. in einer Abendsitzung die wirtschaftliche Lage in Palästina. Vor SchluB der Sitzung Wie wir unmittelbar vor Redaktionsschluß aus London erfahren, erwartet man, daß die Sitzung des Aktions- Comites in 11er Nacht zum Dienstag zu Ende gehen wird. Es wird mit der Annahme einer Resolution gerechnet, in der die zionistisch-politischen Forderungen zusammengefaßt sind, wobei vor allem gegen die Festsetzung eines politischen Maximums für die Einwanderung protestiert wird. Im übrigen hat die große Mehrheit des Aktions-Comitös die Politik Dr. Weizinanns gebilligt. Das Administrative Committee der Jewish Agency ist Sonntag in London zusammengetreten und hat den ganzen Tag über beraten. Die Sitzung wurde jedoch bereits Sonntag abend beendet. Es wurde eine Resolution angenommen, die eine Fortsetzung der Politik gemäß den Züricher Beschlüssen befürwortet und an die Regierung vor allem die Forderung richtet, zu dem Prinzip der Wirtschaftliehen Aufnahmefähigkeit als dem maßgebenden Regulativ für die Festsetzung der Einwanderungsquote zurückzukehren. Das Administrative Committee der Agency hat ferner eine Erklärung abgegeben, in der ausgesprochen wird, daß niemand als die legitime Vertretung, nämlich die Exekutive der Jewish Agency, berechtigt ist, im Namen der Juden in der P a 1 ä s t i n a s a ch e Verhandlungen zu führen. (Dieser Beschluß richtet sich gegen einzelne jüdische Persönlichkeiten in England und Palästina, die ohne Mandat versucht hatten, mit Arabern zu verhandeln.) Die Nichtzionisten waren bei der Sitzung hauptsächlich durch englische Mitglieder vertreten. Von den amerikanischen Nichtzionisten war niemand zur Sitzung erschienen, doch sandten die Amerikaner ein Telegramm, in dein sie verschlugen, daß die Exekutive eine Round Tahle - Konferenz zu Verhandlungen mit den Arabern einberuft. _____ Weizmanns Verhandlungen Mittwoch Abreise nach Palästina Am Freitag wurde Dr. Weizmann von Premierminister Chamberlain und Kolonialminister Ormsby-Gore empiangen. Auch mit Lord Halifax hatte er eine Unterredung. Dr. Weizmann unterbreitete die zionistische Aulfassung der aktuellen Palästina-Probleme. Am Mittwoch, dem 16. März, veHgßt Weizmann London und begibt sich nach Palästina. Unterdes wird er in Paris an der Sorbonne einen Vortrag Uber die Palästinafrage halten. Gewaltiges Geschehen von historischer Tragweite er* schüttert und erregt alle Herzen und Gemüter zutiefst. Schon seit mehreren Jahren ist es den Einsichtigen klar, daß wir in einer Zeit leben, in der große historische Prozesse sich erneuern und vollenden, die Kontinuität von Jahrhunderten, die durch eine Zeit abstrakter Weltbetrachtung zerrissen zu sein schien, sich wieder schließt. Die Menschen, die allzu gläubig den Lehren der aus dem 18. Jahrhundert kommenden Welle der Aufklärung vertrauten, und die Massen, die sich, infolge des rapiden technischen Fortschritts und der Industrialisierung, vor allem von den Bedürfnissen einer neuen wirtschaftlichen Entwicklung bestimmt glaubten, waren in ihrer Meinung, eine ,,Neuzeit“ habe durchgängig neue Voraus- Setzungen und Anfänge geschaffen, viel zu weit gegan« gen. Die Kräfte der Historie sind stärker. In oberflächlichen Zeiten sind sie latent und wirken unterirdisch, aber sie nähren die Kräfte, die im gegebenen Zeitpunkt doch wieder ans Licht drängen. Dann kommt der Umbruch, der die Augen öffnet fiir den Blick über die große Linie der Jahrhunderte und Jahrtausende. Plötzlich sind die Menschen aufgewühlt und sehen sich als die unmittelbaren Erben von Zuständen, Gebilden, Bewegungen, die vor Jahrtausenden das Gesicht der Weltperiode prägten, in unserer Zeit haben wir Juden, die wir uns im vorigen Jahrhundert besonders radikal von unseren geschichtlichen Voraussetzungen getrennt hatten und völlig von ihnen losgelöst zu sein glaubten, dieses Erlebnis des Zusammenhangs, der Kontinuität unseres Schicksals mit dem Schicksal unserer Ahnen und Vorahnen. Wir begreifen wieder, was es heißt, Jude zu sein, und was es immer bedeutete. Einzelne waren es, die vorausgingen, unverstanden von ihren Zeitgenossen. Wir erinnern nur an die eine große Gestalt des 19. Jahrhunderts, Moses Heß, dessen 1862 erschienenes Werk den Titel führt ״Rom und Jerusalem“, ln diesen Namen stecken zwei geschiehtliehe Ideen, und Heß wußte: sie realisieren sich aufs neue. Es war um die Zeit, als in Europa die römische Frage akut war, als Rom noch nicht die Metropole des geeinten italienischen Volkes war. Und Jerusalem? Auch der Name dieser Stadt trägt eine Idee, die um Jahrtausende zurückweist. Können solche Ideen, so fragte man damals, in unserer Zeit wieder Aktualität und Realität erlangen? Die Antwort Rom betreffend wurde bald gegeben. Ueber J e r u s a 1 e m als Idee liichelten damals die meisten Juden. Heute begreifen wohl weit mehr Menschen, was Geschichte ist. Ihre Probleme bleiben, oft in veränderter Gestalt, über Jahrhunderte. Auch die ungeschichtliche Auffassung, daß ein bestimmter Zustand der Welt oder eine am grünen Tisch festgesetzte Ordnung ״endgültig“ sei, wird immer mehr Menschen als naive Theorie erkennbar. Geschichte ist kein statischer Zustand, sondern eine Welt der D y namik, Und Ideen, Probleme, Grundfragen des Seins der Völker, werden immer wieder das geschichtliche Feld bewegen. In jedem Volke erweisen sich die Männer, die diese Kräfte des Zusammenhanges erspüren und in diesein Sinne das Kommende voraussehen, als die tragenden historischen Figuren. Die Juden heit Deutschlands und Oesterreichs, die sich im 19. Jahrhundert vollständig dem Glauben an den ״Fortschritt“ überließ und darunter vor allem ein Vergessen aller historisch, blutmäßig, strukturmäßig, psychologisch vorhandenen Differenzen verstand, hat diese Voraussicht nicht bewiesen. Ein Mann stand am Ende des 19. Jahrhunderts auf, und zwar in der Stadt Wien, damals der Hauptstadt eines aus vielen Nationen zusainmengesetzten großen mitteleuropäischen Reiches, und sagte mit visionärer Voraussicht, welchen Weg die Juden gehen müssen, wenn sie verhindern wollen, daß sie bei einer Weiterbewegung des politischen Mechanismus zwisehen die Räder kommen. Theodor Herzl hat den Weltkrieg nicht mehr erlebt, er wußte nicht, welche Veränderungen sich im Bilde Europas ab 1914 vollziehen werden. Aber er witterte die Entwicklungen voraus. Das UdtvMLck Zu einem größeren Gefecht kam es in der Nähe von Akko, bei dem die Araber schwere Verluste halten. Das Militärgericht in Haifa fällte über einen Araber ein Todesurteil. In Jerusalem traten jüdische und arabische Kauflcnte wegen der Miets-Verordnung gemeinsam in den Streik.