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Jüdische Rundschau · 1938-03-11 · Heft 20 (11.3.1938) · page 11

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
43 (1938)
Issue
Heft 20 (11.3.1938)
Date
1938-03-11
Page
– (sequence 11)
Language
German
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JOCUSCHE RUNDSCHAU PÄLÄSTIMA-BIÄTT Nr. 20, 11. MÄRZ 1938 Landeskonferenz für soziale Arbeit Von unserem palästinensischen Korrespondenten gl. Tel Aviv, 3. März 1938 Wachsendes Verständnis Die Konferenz zur Diskussion sozialer Fragen und Arbeitsmethoden, die in den letzten Tagen zusammentrat, erweckte das öffentliche Interesse in einem bisher unbckannten Maße. Soziale Hilfe wurde bis vor kurzem in Palästina nicht als ein gleichberechtigtes Gebiet der öffentlichen Arbeit anerkannt; die wenigen, die sich mit diesen Dingen befaßten, hatten zuerst alle Hände voll zu tun, um das Publikum und die leitenden Persönlichkeiten des jischuw von der Notwendigkeit organisierter großzügiger sozialer Hilfe zu überzeugen. Daß dies gelungen ist, bewies der starke Besuch der Konferenz. Zur Eröffnungssitzung waren an 600 Menschen erschienen, die mit der bestehenden sozialen Arbeit verbunden sind und die Vertreter aller Institutionen, die mit dem leitenden Department der Sozialarbeit im Waad Leumi oder den lokalen Instanzen dieser Art Kontakt haben. Die hebräische Tagespresse referierte dieses Mal ausführlieh über die Verhandlungen, gab die Referate in extenso wieder und wies auf die Bedeutung der hier diskutierten Pläne und die Notwendigkeit der geleisteten Arbeit hin. Dieser starke Besuch und die lebendige Reaktion der Öffentlichkeit auf die Konferenz sind als solche sciion als ein großer Erfolg zu werten. Palästina tut in dieser neuen, durch hartnäckige Aufklärungsarbeit geschaffenen Einstellung zu den Sozialroblemen den ersten Schritt zu ihrer Milderung und späteren ösung. Mit dem Moment, wo immer größere Teile der Oeffentlichkeit zu verstellen beginnen, daß die Gemeinschaft als solche für das Schicksal ihrer schwächeren, hilfsbedürftigen Mitglieder verantwortlich ist, finden sieh auch die Mittel und Wege, um dieser Verantwortung gerecht zu werden. Frauen und Westler In einer der hebräischen Tageszeitungen wurde darauf hillgewiesen, wie groß der Anteil der Frauen an der sozialen Arbeit und den Verhandlungen der Konferenz sei. Die Beobachtung ist richtig•. Unter den Frauen im Lande fanden sich die ersten, die sozialen Fragen durch praktische Hilfe zu Leibe zu gehen versuchten. Dem kleinen Häuflein, das sich seit längerem auf diesem Gebiete abtnülite, ist in den letzten Jahren großer Zuzug aus der neuen Einwanderung, insbesondere aus Deutschland, gekommen, ein Zuzug, der den Mangel an Landeskenntnis bald durch energisches Studium der Verhältnisse wettmachte und außerdem eine ausgezeichnete Kenntnis ausländischer Methoden und Systeme mitbrachte, die heute immer mehr den palästinensischen Verhäitnissen angepaßt werden. Miß Szold, die Leiterin der Sozialabteilung im Waad Leumi, schöpft ihre Regriffe über soziale Hilfsarbeit aus amerikanischen Vorbildern, so manche ihrer Arbeitsgenossen ergänzen sie durch in Deutschland entwickelte Arbeitsmethoden. Sind so Frauen und Westler vielfach Pioniere auf diesem Gebiete, so haben sich ihnen doch heute ganze Gruppen von alteingesessenen Paliistincn-; sera und Einwanderer aus den verschiedensten Hcrkunfts- *ländern zugesellt, und auch die verschiedenen öffentlichen Anstalten haben immer mehr Verständnis für dieses wichtige Gebiet aufgebracht. Die Konferenz war ein schlagender Be- Weis dafür, daß die Sozialarbeit im Land bereits Helfer aus allen Kreisen des Jischuw bezieht, und daß diese Helfer viel gelernt haben und etwas von der Sache verstellen. Die Punkte des schwächsten Widerstandes Der Fortschritt im öffentlichen Interesse und die Schaffung eines verständnisvollen Mitarbeiterstammes dürfen jedoch niemanden darüber hinwegtäuschen, daß der Aufbau des Apparates für die soziale Hilfe noch durchaus in den Anfängen steckt. Die Anforderungen, die an ihn gestellt werden, sind heute, in einer Zeit der Wirtschaftsdepression, natürlich hesonders groß, die Mittel dagegen, die vorhanden sind, reichen keineswegs aus, um auch minimalen Ansprüchen gerecht zu werden. In diesem Punkte waren sich sämtliche Redner der Konferenz, einig, und jeder, der die Verhältnisse kennt, wird ihnen beipflicliten müssen. Der Wert derartiger Diskussionen und die Untersuchungen, die im Zusammenhang mit der Soziaiarbeit gemacht werden, reichen in ihrer Bedeutung jedoch weit über die praktische Hilfsarbeit, in der sie resultieren, hinaus. Hier werden im Zusammenhang mit der täglichen Arbeit und den mannigfachen Materialsammlungen, die sie notwendig macht, eine ganze Fülle von Problemen geklärt, die sonst unaufgedeckt blieben. Die soziale Arbeit setzt notwendigerweise an den Stellen des schwächsten Widerstandes ein, an allen den Punkten, wo unser wirtschaftliches und gesellschaftliches Gebäude die stärksfen Lücken und die größten Risse aufweist. Solche Punkte sind selbstverständlich bei uns, die wir in einem Kolonisationsland leben und unter dem Druck von starker Ein- Wanderung und anschließender Ebbe arbeiten, außerordentlich zahlreich. Dazu kommt, daß sich hier eine moderne Gesellschaftsordnung unter durchaus rückständigen Bedingungen entwickelt, unter rückständigen Gesetzen, ohne eine ganze Reihe von staatlichen und juristischen Sicherungen, die in modernen westlichen Ländern selbstverständliche Voraussetzung sind. Die Fragen allein, die auf der jetzigen Konferenz berührt wurden, genügen, um Reformen auf dem Gebiete der Bestellerung, der Gesetzgebung, des Schulwesens, der sanitären Fürsorge, des Wohnungswesens notwendig zu machen. Vernünftige Sozialhilfe braucht ja nicht nur entsprechende Gelder, sondern auch die Anpassung ungenügender Apparate an neue und größere Aufgaben. Stellt man z. B. nur zusammen, mit welchen Fragen die K i n d e r f ii r s o r g e zusamnienhängt, so ergibt sich folgendes interessante und bunte Mosaik: Eine wirkliche Bereinigung dieser Frage verlangt: eine großzügige Wohnungspolitik, da die herrschenden schlechten Wohnbedingungen unter den armen Schichten jede gründliche Reform verhindern; den Ausbau des Elementarscliulwesens (besonders in Jerusalem), um allen Kindern den Schulbesuch zu sichern; eine Regelung des Lelirling.swesens, für das heute in Palästina überhaupt keine gesetzlichen Bestimmungen bestehen: eine gründliche Untersuchung der orientalischen Juden und der besonderen Methoden, die ihre Anpassung an moderne Verhältnisse ermöglichen sollen; eine bessere Auslese der Einwanderung und umfassende Einwanderungsfürsorge. Man kann diese Liste noch beträchtlich verlängern. Will man eine gesunde Jugend zur Leistung und Arbeit erziehen, so muß man ihnen ja ein Minimum von Lern- und Lebens in öglichkeiten geben, ohne die sie sich nicht entwickeln können. Daß lange Zeit dazu gehören wird, um auch nur ein Minimum all dessen zu schaffen, was zu einer umfassenden Sozialfürsorge gehört, braucht keiner besonderen Rctonnng. Die Erkenntnis dieser Zusammenhänge jedoch und ihre Diskussion wird vor allem dahin führen, daß die jüdische (")öffentlichkeit im Lande von vornherein verhindert, daß sich ein großes Lager Hilfsbedürftiger bildet. Weitscnaucnde Wohnungspoiitik verhindert Bildung von Elendsvierteln und damit all den Jammer, den die soziale Arbeit später mit großem Aufwand au Geld und Menschen zu mildern sich bemüht; ein gutes Schulnetz läßt die Kinder gar nicht erst aufsichtslos auf die Straße kommen; sanitäre Fürsorge verhindert Krankheiten, die später mit großen Kosten geheilt werden müssen usw. Fs ist das Verdienst der mit sozialer Arbeit Beschäf- . tigten, daß sie nicht nur praktische Hilfe zu bringen suchen, sondern der Oeffentlichkeit überhaupt klarmachen, wo die schwachen Punkte des Gemeinwesens liegen und wie sie gestärkt werden können. Aufgaben der nahen Zukunft Miß Szold faßte in ihrer zweiten Rede die Aufgaben zusammen, die sich die jüdische soziale Arbeit im Lande in midister Zukunft setzt: da ist die Speisung von Kindern, die drohende Unterernährung verhindern soll; die Einrichtung des Heimes für straffällige Kinder in Gwat (in der Ebene Jesreel), wo gefährdete Kinder in einem entsprechenden Milieu wieder für Arbeit und Zusammenleben erzogen werden; und schließlich Fürsorge für Mädchen. Das ist ein recht ehrgeiziges Programm, das noch um so größer ist, als die MacMidiaels Vereidigung Sir Harold Mac Michael bei der l’ereidigung durch den palästinensischen Oberrichter (mit Perücke) im llegicrungsgebäude in Jerusalem A1«״,!n,1.f01o / tägliche Arbeit außerhalb dieser neuen Aufgaben weitergeführt werden muß. Noch zwei Voraussetzungen müssen erfüllt werden, che die soziale Arbeit im Lande auf einigermaßen befriedigende Grundlagen gestellt wird: eine s t ä r k e r c o r g a n i s a t orische Zusammenfassung aller zuständigen Institute ist notwendig und die Sichern!!; der notwendigen Gelder. Uebcr die organisatorische Einigung aller dazugehörigen Instifutionen spricht man in Palästina seit langem, cs sind auch so manche Fiiiigungsverstichc gemacht worden, bisher aber ohne genügenden ErfoV, und die Bemühungen müssen erneuert und verstärkt werden. Zur Aufbringung der Mittel ist ein neuer Weg, nämlich die Einführung einer besonderen Soz.iaisteuer, notwendig, die sie durch zwangsmäßige Eintreibung sicherst eilt. Es ist nur recht und billig, daß private Spenden für soziale Arbeit gemacht werden, aber sie sind nicht sicher genug, um eine reibungslose Funktion der bestehenden Apparate zu garantieren. Ist die dauernde Sorge um die Mittel geringer, der Kontakt zwischen allen Institutionen dazu geregelt, so wird die Sozialarbeit im Lande weit schneller fortschreiten können als heute. Soziale Fürsorge in Tel Aviv Die Hitachduth O 1 ej Germania veranstaltete vor kurzem in Tel Aviv unter dem Titel ״Ich klage an“ eine öffentliche Gerichtsverhandlung über die Tel- Aviver soziale Fürsorge. Au der Veranstaltung nahmen über 1000 Menschen teil, darunter Vertreter der jüdischen öffentliehen Körperschaften und der Presse. Die Verhandlung fand unter Vorsitz von P e r I s 0 n statt, während die Anklage von Dr. S. Kanowitz vertreten wurde. Sachlich wurde die Anklage von dem Schauspieler Freitag behandelt, der die Situation der von sozialer Not Betroffenen überzeugend und eindringlich schilderte. Diese Anklage richtete sich gegen die mangelnde Zusammenarbeit der verschiedenen Fürsorgestellen und gegen die Tatsache, daß die finanziellen Mittel, die die Bevölkerung Tel Avivs hierfür zur Verfügung stellt, zu gering seien. Dr. Kanowitz. beantragte Zusammenfassung der verschiedenen Fürsorgestellcn unter dem Protektorat der Stadtverwaltung, die Koordinierung der privaten Fürsorgestellen und ihre Unterordnung u!1,ter die öffentliche Kontrolle sowie die Erhöhung des Budgets für soziale Fürsorge durch eine von der Stadtverwaltung zu erhebende soziale Steuer. Er begründete diese Forderung mit umfangreichem Material. Der Verteidiger, Herr Z u c 11 o w i t z k v, betonte, daß die Regierung Palästinas auf diesem Gebiete ein Vorwurf treffe, weil sie zu wenig bemüht sei; er erhob auch gegen die Jewisli Agency Vorwurfe. Als Zeugen wurden eine Reihe von Mitarbeitern auf dem Gebiete der sozialen Arbeit vernommen, die zum Teil sehr eindrucksvolle Schilderungen von der Situation gaben. Nach dem Plädoyer des Staatsanwalts und der Rede des Verteidigers wurde von dem Gerichtshof das Urteil gefällt. Es würdigte die Tätigkeit der vorhandenen Wohifahrtsorganisationen, die jedoch den steigenden Ansprüchen nicht gewachsen seien. Es forderte die Erhebung einer sozialen Steuer durch die Stadtverwaltung, die Vereinigung der offiziellen Fürsorgestellcn sowie die Unter-, Stützung seitens der Regierung. Bemerkenswert ist, daß nicht nur der Inhalt der Veranstaltung großes Interesse erweckte, sondern auch das sprachliehe hebräische Niveau, in dem die Verhandlung geführt wurde, einen sehr guten Eindruck machte. Die Gefechte bei Dschenin Aus arabischer Quelle verlautet, daß bei den Gefechten bei Dschenin 34 Araber mit ihren Gewehren verhaftet wurden und Scheich Attieh Ahmed, für dessen Gefangennahme von der Polizei 500 Pfund ausgesetzt worden war, getötet wurde. Attieh war seit 1935 als Unterführer des vor kurzem Hingerichteten Terroristcnfiihrers Scheich Kassam tätig und beteiligte sieli an terroristischen Umtrieben in den Jahren 1936 und 1937. Er lebte in Balad es Scheich. Vierzehn Gefangene wurden nach Haifa gebracht, wo sie vor ein Militärgericht gestellt werden sollen. Zwölf weitere Getangene wurden nach Dschenin geschafft. Einer der Gefangenen aus dein großen Gefecht bei Dschenin mit Namen Abu Aiek gestand, an der Ermordung des Kolonisten Goldschlager in Miscluuar Hacmek tcilgcnommen zu haben. Insgesamt sollen bei den Gefechten 70 Araber etötet worden sein; 26 von ihnen wurden in Dschenin eigesetzt. Truppen, die in der Nähe von der Siedlung Tirath Zwi, die am 28. Februar von Terroristen überfallen wurde Nachforschungen anstellten, fanden zwei weitere tote Araber. Einer wurde bereits am 1. März in unmittelbarer Nähe der Siedlung gefunden. Die Eröffnung des Tel Aviver Passagier-Hafens Blick auf den Tel Aviver Hafen am Tage der Eröffnungsfeier für den Personenverkehr. Am Leichterhafen hatte sich eine große Zahl von Gästen versammelt Foto: KH und kkl r •״ v-'-.v

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