Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 43 (1938)
- Issue
- Heft 2 (7.1.1938)
- Date
- 1938-01-07
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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JÜDISCHE RUNDSCHAU PALÄSTINA-BLATT Nr. 2, 7. JANUAR 1938 Die Entwicklung des Tel Aviver Hafens Ist Verständigung möglich? Von unserem palästinensischen Korrespondenten gl. T e I A v i v, Ende Dezember 1937 Vorbereitung der Passagierlandung Südlich des Baggers, der Sand und Steine aus dem äußersten Teile des Leiciiterhafcns in Tel Aviv herausliolt und aut bereitstellende Autos ablädt, liegt ein unregelmäßig gestaltetes welliges Stück Boden, das an die kleinen Wohnhäuser des Nordviertels der Stadt angrenzt. Hier werden in diesen Tagen die ersten Vorbereitungen für die Landung von Passagieren im Hafen gemacht. Der Boden muß aufgefüllt und geglättet werden, Gebäude für die Passagiere, Gepäckräume, Büros und anschließend eine Stelle für Quarantäne und Desinfektion sind notwendig. Wenn alles glatt geht, soll die Landüng von Passagieren in Tel Aviv, für die nach etlichen Verhandlungen die Erlaubnis der Regierung erwirkt wurde, noch vor Peßa eh beginnen. Und im Zusammenhang mit diesen Nachrichten wird das Interesse am Hafen von neuem lebendig und in den Besuchs- •tunden findet man vor den Lagerhäusern und an dem kleinen Leichterhafen immer etliche Neugierige, die sehen wollen, wieviel man in letzter Zeit weitergekommen ist. Was gibt es heute im Hafen zu sehen? Die Entwicklung der Tel Aviver Anlegestelle hat sich — 1entgegen manchen Anfangsplänen — mehr nach Süden, nach der Stadt zu gezogen. In jenen grauen Tagen — es ist jetzt ungefähr 10. Jahre her! — als man plötzlich unter dem Druck des arabischen Streiks in Jaffa den Plan faßte, sich in Tel Aviv einen eigenen Hafen zu bauen und diesen Plan mit größter Eile ins Werk setzte, legte man die Anlegestelle direkt an die Jarkonmümluiig. Hier baute man den berühmten Landungs- Steg ins Wasser; täglich berichteten die Zeitungen, um wieviel Meter er vorgetrieben worden sei. Dieser Steg sieht heute im allgemeinen Hafenbild fast ein wenig verloren und vergessen aus. Er ist plötzlich viel kleiner geworden, als man ihn aus seiner ersten Zeit in Erinnerung hatte, weil man ihn mit den südlich weitergezogenen Anlagen vergleicht. Und er ist nicht mehr das Zentrum der Ladungsarbeit und wird nur bei ganz ruhiger See benutzt. In seiner Nähe liegt eine der Attraktionen für Besucher, die Bootswerft, ein großer Schuppen, in dem Leichter hergestellt und repariert werden. Da Bootsbau durch Juden in Palästina eine nagelneue Sache ist, konzentriert sich auf diesen Schuppen besonderes Interesse. Gegenüber der ■Bootswerft liegen ein paar einfache Holzbaracken, eine für die Ladungs- und Löschgeselisehaft ״Prika“, eine der wichtigen Institutionen im Hafenbetriebe, andere für sonstige Beamte und ein paar primitive Speischänser für die Arbeiter. Der •eigentliche Hafenbezirk, wo sich in den Arbeitsstunden alles laut und geschäftig durcheinander drängt, liegt südlich davon, um den Leichterhafen herum. Hier hat man ein Becken ausgebaggert und mit einer Betonwand geschützt, das die Leichter äufnimnit, die die Ladung von und zu den Dampfern bringen, die ie nach See- Sang in der Nähe oder weit draußen im offenen Meer ankern. ieses Leichterbassin, mehrmals erweitert, ist immer noch eng genug, die fünfzig Leichter und etliche Motorboote, die heute den!dienst versehen, drängen sieh aneinander. Die Waren werden aus den Leichtern auf die Kais gehoben und in den Magazinen gestaut, neuen sehr geräumigen Lagerhäusern, die in Ietz.ter Zeit entstanden sind und sowohl dem Import als auch dem Export (insbesondere von Orangen) dienen. Ein Kai läuft zwischen Bassin und Magazinen, ein anderer wird an der Meerscite des Bassins laufen und für die Passagiere dienen. Hinter dem alten Steg sieht man die großen neuen Gebäude der elektrischen Station jenseits des Jarkon, die jetzt beendet werden und zu denen über den Jarkon hinüber eine provisorische Holzbrücke führt. Die ganze Gegend hat sich in noch nicht zwei Jahren von Grund auf verändert. (Vgl. die untenstehenden Bilder.) Der Hafenarbeiter Tel Aviv hatte nicht nur einen Hafen, zu schaffen, sondern auch Hafenarbeiter. Man brauchte plötzlich Leute, die Boote regieren konnten, und zwar in einer recht unangenehmen und rauhen See, die sich auf Schiffen auskennen mußten, die verstanden, wie man Ladungen herausholte und ui Leichter brachte, wie man sie auf den Schiffen verstaute, in den Lagerhäusern behandelte. Bei der Herstellung des Bassins und der Kais stand man vor unbekannten technischen Problemen. Man brauchte Bootsbauer. Und alle die versclüedenen Arbeiter haben sicli in den kurzen Jahren seit dem Beginn der Hafenarbeiten ausgebildet. Man holte eine Gruppe von Leuten aus Saloniki, wo ja die Juden seit langem 1m Hafen beschäftigt sind, Kibbuzim entsandten besondere Trupps und von den ganz wenigen Menschen, •die wußten, wie alle dies» Dinge angepackt wurden, lernten die anderen, und es JUdisch - arabische Verhandlungen im Vorjahre Aus Tel Aviv wird uns geschrieben: Im ״Haarcz“ beleuchtet M. M e d z i n i die Möglichkeit und Aussichten jüdischarabischer Verständigung und kommt dabei aut die im Vorj a h r e (1936) während der Unruhen geführten Verhandlungen zu sprechen: Zweimal wurden im Vorjahre Versuche gemacht, zu einer politischen Lösung zu kommen; einmal in Gesprächen mit Arabern, einmal in Gesprächen mit Engländern. Der erste Versuch wurde wenige Wochen nach Beginn der Unruhen gemacht. Eine kleine Gruppe einflußreicher Juden traf sich mit einer Gruppe arabischer Notabein und beriet zur Zeit der Morde und Ueberfälle. über einen zeitweiligen jiklisch-arabisehen Vertrag für die nächsten zehn Jahre. Die Grundlagen waren: Befriedigung der arabischen Forderung nach Erweiterung der politischen Selbständigkeit, Befriedigung der jiidisehen nach Einwanderung. So wurde vorgeschlagen, die jüdische Einwanderung so zu regeln, daß sicli die jüdische Bevölkerung im Laufe dieser zehn Jahre verdoppeln würde, wobei die Juden am Endtermin nicht mehr ein Drittel der Bevölkerung wie jetzt, sondern zwei Fünftel ausmachen würden. Inzwischen sollten beide Partner Erweiterung der Selbstverwaltung unter Beteiligung von Juden und Arabern fordern. Dieser Vorschlag, der später in der arabischen Presse veröffentlicht wurde, sen eiterte. Die arabischen Notabein, die an den Verhandlungen beteiligt waren, waren nicht die Führer der arabischen Bewegung, die im Obersten Rate repräsentiert war. Aber das war nicht die einzige Ursache des Scheiterns der Verhandlungen, denn auch auf jüdischer Seite war der Boden nicht vorbereitet, unu die politische Führung stimmte Verhandlungen in dieser Richtung nicht zu. Als dann der T e i 111 ngs Vorschlag kam, konnte man freilich aus denselben Kreisen, die sicli damals den Verhandlungen widersetzt hatten, hören, daß die Vorschläge des Jahres 1936 besser gewesen w ären als die Teihing. Der zweite Versuch einer Lösung heißt ״P a r i t ä t“. In den Herbstmonaten des vergangenen Jahres, als die Königliehe Kommission sich anschickte, nach Palästina zu reisen, versuchten einige Zionisten in London, unter ihnen Führer der Bewegung, und englische Freunde der zionistischen Bewegung, einen positiven, konstruktiven Vorschlag vorzulegen, mit dem man vor die Königliche Kommission treten könnte. So entstand die ״Parität“, die vielleicht nichts anderes war als die zu neuem Leben erweckte Formel ״b i 11 a t i o n a 1 e r Staat". Auch dieser Gedanke wurde von der zionistisehen Bewegung nicht angenommen. Es gab einen erbitterten Kampf innerhalb der Parteien und zum Schluß vermied man die Entscheidung. Es ist unklar, ob die Araber diese Vorschläge je angenommen hätten. Jedenfalls aber haben es die Juden nicht getan. Jetzt aber, wenn in der arabischen Presse und anderswo von einer jüdisch-arabischen Uebereinkunft die Rede ist, sehen die Vorschläge wesentlich anders aus. Vor anderthalb Jahren sprach man von einer zeitlichen Begrenzung des Zahlenverhältnisses. Jetzt scheint erste Bedingung zu sein, daß die Juden auf immer auf die Erreichung der Mehrheit verzichten. Die Grundlage aller neuen Vorschläge ist, daß Palästina ein arabisches Land ist. Der Zionismus wird wie ein besiegter Gegner behandelt, trotzdem er sieh doch offenbar während der ganzen Zeit behauptet hat. Die Gründe sind sowohl die Radikalisierung der Araber wie die seit 1937 offenbare Spaltung unter den Juden in der Tcilungsfrage. Jedenfalls scheint keine Aussicht zu bestehen, auf die Vorschlage des vergangenen Jahres zurückzugreifen. Auch dieienigen unter den Juden, die ihnen zuneigten, haben jetzt Bedenken, weil die Macht, weiche als Garant für jüdischarabische Abmachungen in Frage kam, offenbar nicht mehr gewißt ist, die Verantwortung für das Schicksal des ganzen Landes Palästina weiter zu tragen. Dazu tritt die Befürchtung, daß sich unsere politischen Aussichten im Laufe der Zeit immer mehr verschlechtern werden. Der Vorschlag der Königliehen Kommission scheint unter diesen Umständen der einzige gangbare Ausweg. R. W. Die hier zitierten Mitteilungen des ״Haarez“ werden gewiß größtes Interesse finden, da die breite üeffentlichkeit bisher nicht genau über die jüdisch-arabischen Verhandlungen des Jahres 1936 informiert war. Man hörte darüber seinerzeit zwar allerlei Gerüchte, und man hörte auch Proteste aus zionistischen Kreisen, die sich dagegen wandten, daß inoffizielle Verhandlungen geführt werden, aber die genaueren Tatsachen waren nicht bekannt. Der Artikel im ״Haarez“ ist verdienstvoll, nicht nur weil er historische Fakten enthüllt, sondern weil diese Mitteilungen auch von ganz aktuellem Interesse sind, denn im Grunde handelt es sich um eine Situation, die in ahnlieh er Form seit Jahren immer w i e d e r k e 11 rt. Zwar wird bei zionistischen Verlautbarungen stets von der ״Bereitschaft zur Verständigung mit den Arabern“ geredet, aber es fehlt völlig an einer intellektuellen Klarheit darüber, was dieses Wort eigentlich bedeutet. Die meisten, die es gebrauchen, verstehen anscheinend darunter eine Unterwerfung der Araber unter die zionistischen Forderungen. Jeder Versuch, durch eine Modifizierung des zionistisch ctl Programms eine Verständigung wirklich zu einer akt u e 11 e n Möglichkeit zu machen, wird von diesen zionistischen Kreisen als eine Art ״Verrat“ an der zionistisehen Sache betrachtet. (Sogar der Präsident der Zionistischeu Organisation, Dr. Weizmann, wurde 1931 deswegen gestürzt.) Und doch ist es klar und mußte gerade in dieser Stunde um der Würde der Sache willen ins Bewußtsein gehoben werden: daß ohne Modifizierung des ursprünglich (vor •lOJahren) unter ganz anderen Verhältnissen konzipierten zionistischen Programms eine Verständigung nicht zustande kommen kann, und wie man daun angesichts der immer verwickelter werdenden politischen Lage und der in ihrem Gefolge auftretenden wirtschaftlichen Schwierigkeiten die Erfolgs- Chancen des Zionismus abschätzrt, hängt von der Urteilskraft (und nicht etwa von der Gesinnung) des Einzelnen ab. Aus d 111 Artikel von Medzini erfahren wir, daß eine Verständigungsplattform, die hihite von vielen gern akzeptiert würde, vor einem Jahre als indiskutabel abgelehnt wurde. Und zur Zeit der unangefochtenen Geltung des Peel-Plans (noch vor drei Monaten) waren nur wenige bereit, an jüdisch-arabische Verhandlungen, bei welchen die Verständigung (natürlich eine echte, die jüdischen Hauptpostulate sichernde) durch einen Verzicht auf die Teilung seitens der Juden erkauft werden konnte, zu denken. Nun ist wieder einmal ein Moment gekommen, in dem, wie Medzini es ausdrückt, die Araber meinen, mit den Juden wie mit dem ״besiegten Gegner“ sprechen zu können. Leider denkt in dieser ganzen Sache seit Jahren immer eine der Parteien in den kriegerischen Vorstellungen von ״Sieger und Besiegte in“. So kommen wir aber keinen Schritt weiter. Es handelt sich vielmehr darum, das gemeinsame Interesse beider Völker zur Plattform zu machen und daraus eine Idee zu entwickeln, für die beide sich begeistern können. Mit den alten Methoden, auch mit Protest-Resolutionen aller Art, ist nichts getan. Der vorstehende Bericht über Ereignisse des Vorjahres könnte doch manche zum Nachdenken voranlassen. Und aus einer solchen Besinnung könnte die politische Energie entstehen, die in der Palästinasache endlich eine produktive Wendung herbeiführen könnte. bildete sich sehr rasch ein Arbeiterstamm heraus, der aus Versuch und Irrtum, aus rationaler Ueberlegung, wie eine solche Sache wohl anzupacken sei und durch Energie seine Aufgabe bewältigt. Das Streben nach Modernisierung und besserer Bewältigung rein physischer Aufgaben führte bald zur Mechanisierung. Kräne, Schienen erleichtern das Werk. Wieder einmal hat sich gezeigt, was alle ausländischen Werkführer immer wieder in Palästina mit Erstaunen feststellen, daß der jüdische Arbeiter neue Dinge rasch erlernt, daß er fehlende Tradition djirch Intelligenz und Wendigkeit ersetzt, daß er besonders lernbefähigt ist. Die Finanzierung Im ganzen sind bis heute im Hafen von Tel Aviv £ 210000 investiert worden. Man braucht augenblicklich weitere L 10000 für die für die Passagierlandung notwendigen Gebäude und hofft, sie in allernächster Zeit aufzubringen. Alle Kapitalien sind aus Palästina selbst gekommen, fremde Gelder aus dem Auslande hat man bisher nicht gehabt. Der ״Pa lest ine Maritime Trust“ hat in Tel Aviv seihst £ 58090, in 11020 Aktien geteilt, aufgebracht, der übrige Jischuw im Lande hat in 10 000 Aktien weitere £ 35 000 geliefert. Diese C 93000 waren die Investition des großen Publikums, wie aus der starken verladen; im Hintergrund der Neubau eines großen Lagerschuppens — Blich auf "das Hafenbecken; im Hintergrund die auf der Reede ankernden Dampfer i'oio!: (;u»1e>(L