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Jüdische Rundschau · 1934-12-28 · Heft 104 (28.12.1934) · page 6

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
39 (1934)
Issue
Heft 104 (28.12.1934)
Date
1934-12-28
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 104. 28. XII,!934 ך״־ייך •ץ״י׳•^ 1 r! Ir ךז0 1׳ ■' 1 r'\ n .S 1 Bä O W' BE I* «1 י {£■ II II «J Von Walter ]Iciijainl״ IC■*! «•**•’ Wir veröffentlichen heute den zweiten Abschnitt aus der Arbeit Walter Benjamins über Franz Kafka. Ein erster Abschnitt nebst Einführung ist in Nr. 102/103 der Jüdischen Rundschau״ erschienen. Red. II lk1״s luicklieilte Uliiiiiilelii Knut Hamsun, so erfuhr man vor längerer Zeit, habe die Gcplloguiheit, hin mul wieder den Briefkasten des Lokal- Watts der kleinen Stadt, in deren Nähe er wohnt, mit seinen Ansichten zu beschicken. Es fand vor Jahren in dieser Stadt ein Sdiwurgcriehtsprozeß gegen eine Magd statt, die ihr neugeborenes Kind umgehraeht hatte. Sie wurde zu einer Ciefängnisstrafe verurteilt. Bald darauf erschien im Lokalblatt eine Meinungsäußerung von Hamsun, Er sagte an, er werde einer Stadt den Rücken kehren, welche fiir eine Mutter, die ihr Neugeborenes töte, eine andere Strafe kenne als die schwerste; wenn schon nicht den einigen, dann das Icbcnslängliche Zuchthaus. Ls vergingen einige Jahre. ״Segen der Erde“ erschien und darinnen die Geschichte. einer Dieustinagd, die das gleiche Verbrechen begebt, die gleiche Strafe erleidet und, wie der Leser deutlich erkennt, gewiß keine schwerere verdient hatte. Die nachgelassenen Reflexionen Kafkas, die Ln ״Bau der Chinesischen Mauer“ enthalten sind, geben Anlaß, sieh dieses Hergangs zu erinnern, nenn kaum war dieser Nachlaßhand erschienen, als sieh, gestützt auf seine Rd'.exioncn, eine Heutung Kafkas hervortat, die sich in deren Auslegung gefiel, um mit seinen eigeiit’ichen Werken desto weniger Umstände zu machen. Zwei Wege gibt es, Kafkas Schrifttum grundsätzlich zu verfehlen. Die natürliche Auslegung ist der eine, die übernatürliche ist der andere; am wesentlichen gehen beide — die psychoanalytische wie die theologische — in gleicher Weise vorbei. Die erste ist vertreten von Hellmuth Kaiser; die zweite von nun schon zahlreichen Autoren, wie H. J. Schocns, Bernhard Rang, Oroethuysen. Zu ihnen ist auch Willy Haas zu rechnen, der ,freilich in ferneren Zusamnicnliängcii, auf die wir noch stoßen werden, Aufschlußreiches üfcer Kafka bemerkt hat. Das hat ihn nicht davor bewahren können, das Ocsanitwzrk im Sinne einer theoiogisehen Schablone nits/wleutcu. ״Die obere Macht“, so schreibt er über ,Kafka', ״den Bereich der Gnade hat er dargestellt in seinem großen Roman ,Das Schloß‘, die untere, den Bcreich des Gerichts und der Verdammnis, in seinem ebenso großen Roman ,Der Prozeß‘. Die Erde zwischen beiden, das irdische Schicksal und seine schwierigen Forderungen hat er in strenger Stilisierung zu gehen versucht in einem dritten Roman ,Amerika‘, Das erste Drittel dieser Inlcrpretntion kann man, seit Brod, wohl als Gemeingut der Kafka-luternrctation betrachten. In diesem Sinne, schreibt z, B. Bernnarc1 Rang: ״Sofern man ,()ns Schloß‘ als den Sitz, der Gnade ansehen darf, so bedeutet, theologisch gesprochen, eben diescs vergebliche Bemühen und Versuchen, daß sich die Gnade Gottes nicht willkürlich und willentlich vom Menschen her- ,י i! ihren und erzwingen läßt. Die Unruhe und Ungeduld verliHHicrt und verwirrt nur die erhabene Stille des Göttlichen.“ I jiu'in ist diese Deutung; daß sie unhaltbar ist, erf i int, je weiter sie sieh vorwagt, desto klarer. Am klarsten ö. ,;r vielleicht bei Willy Haas, wenn er erklärt: ״Kafka ,mit... von Kierkegaard wie von Pascal, man kann ihn 1 11 den einzigen legitimen Enkel Kierkegaards und Paseals jitiuien. Alle drei haben das harte, blutig harte religiöse Grundmotiv: «laß der Mensch immer im Unrecht ist vor Gott... Kafkas... Oberwelt, sein sogenanntes ,Schloß‘ mit seinem unnhsclihnren, kleinlichen, verzwickten und recht li'istcrnon Bearntcnstab, sein merkwürdiger Himmel treibt ein furchtcrliches Spiel mit den Menschen...; und doch ist der Mensch ganz, fiel im Unrecht sogar vor diesem Gott.“ Diese Ideologie fällt weit hinter eile Rechtfcrtigungslehrc Anselms von Canferbury In barbarische Spekulationen zurück, die im übrigen nicht einmal mit dem Wortlaut des Kafkaschcn Textes vereinbar scheinen. ״Kann denn“, heißt es gerade Im ,Schloß‘, ״ein einzelner Beamter verzeihen? Das kann doch höchstens Sache der Gcsauitbehörde sein, aber selbst diese kann wahrsclieiiilich nicht verzeihen, sondern nur richten.“ Der Weg, der so beschriften worden ist, hat sich schnell totgelaufen. ״Das alles“, sagt Denis de Rougemont, ״ist nicht der elende Stand des Menschen, der ohne Gott ist, sondern der Llcndssfaml des Menschen, der einem Gott verhaftet ist, den er nicht kennt, weil er Christum nicht kennt.“ Es ist leichter, aus der nachgelassenen Notizensammiung Kafkas spekulative Schlüsse zu ziehen, als auch nur eines der Motive zu ergründen, die in seinen Geschichten und Ronianen auffreteti. Aber nur sie geben einigen Aufschluß über die vorweltlichen Gewalten, von denen Kafkas Schaffen beanspriuht wurde; Gewalten, die man freiliclt mH gleichem Recht auch als weltliche unserer Tage betrachten kann. Und wer will sagen, unter welchem Namen sie Kafka selbst erschienen sind. Fest steht mir dies: er hat in ihnen sich nicht zurechtgefunden. Er hat sic nicht gekannt. Er hat nur in dem Spiegel, den die Vorwclt ihm in Gestalt der Schuld entgegcnhiclt, die Zukunft in Gestalt eines Gerichtes, das diese Kräfte ins Werk setzt, erscheinen sehen. Wie man sich dieses aber zu denken hat — ist cs nicht das jüngste? macht es äneht aus dem Richter den Angeklagten? ist nicht das Verfahren die Strafe? —, darauf hat Kafka keine Antwort gegeben. Versprach er sich etwas von ihr? Oder war cs ihm nicht vielmehr darum zu tun, sie hintan zu halten? In den Geschichten, die wir von ihm haben, gewinnt die Epik die Bedeutung wieder, die sie im Mund Schehcrazados hat: das Kommende hinauszuschicbcn. Aufschub ist im ״Prozeß“ die Hoffnung des Angeklagten — ginge nur das Verfahren nicht allmählich ins Urteil über. Dein Erzvater selbst soll Aufschub zugute Kommen, und müßte er seinen Platz in der Tradition dafür hergeben. ״Ich könnte mir einen anderen Abrah a m denken, der — freilich wurde er es nicht bis zum Erzvater bringen, nicht einmal bis zum Altkleickrhändlcr — die Forderung des Opfers sofort, bereitwillig wie ein Kellner, zu erfüllen bereit wäre. Der das Opfer aber doch nicht zustande brächte, weil er von zu Hause nicht fort kann, er äst uneiillniii I10I1, die Wirtschaft benötigt ihn, immerfort ist noch etwas nnzuord'ieii, das Haus ist nicht fertig, aber ohne daß sei» Haus fertig ist, ohne diesen Rückhalt, kann er Wicht fort, das sieht auch die Bibel ein, denn sie sagt: ״Er bestellte sein Haus.“ ״Bereitwillig wie ein Kellner“ erscheint dieser Abraham. Etwas war immer nur im Gestus für Kafka faßbar. Und dieser Gestus, den er nicht verstand, bildet die wolkige Stelle der Parabel, Aus ihm geht Kalkas Dichtung hervor. Es ist bekannt, wie er mit ihr zurückhielt. Sein Testament befiehlt *•« <Dr Vernichtung an. Dies Testament, das keine Befassung «nt Kafka umgehen kann, sagt, daß sie ihren Autor nicht zufrieden stellte; daß er seine Bemühungen als verfehlt ansah; daß er sich selbst zu denen rechnete, die scheitern mußten. Gescheiter ist sein großartiger Versuch, die Dichtung in die Lehre zu überfuhren und als Parabel ihr die Haltbarkeit Und di״ Unschcinbarkeit zurückzugebcn, die im Angesicht der Vernunft ihm als die einzig geziemende erschienen ist. Kein Dichter hat das ״Du sollst •Dir kein Bildnis machen“ so genau befolgt. ״Ls war, als sollte die Scham ihn überleben“ — 'das sind die Worte, die den ״Prozeß“ beschließen. Die Scham, die seiner ״elementaren Reinheit des Gefühls“ entspricht, ist die stärkste Gebärde Kafkas. Sic hat aber ein doppeltes Gesicht. Die Scham, die eilte intime Reaktion des Menschen ist, ist zugleich eine gesellschaftlich anspruchsvolle. S>cl1»m_ ist nicht nur Scham vor den anderen, sondern kann auch Scham für sie sein. So ist Kafkas Scham nicht persönlicher als das Leben und Denken, das sie regiert und von dem er gesagt hat:?,Er lebt nicht wegen seines persönlichen Lebens, er denkt nicht wegen seines persönlichen Denkens. Ihm ist, als lebe und denke er unter der Nötigung einer Familie... Wegen dieser unbekannten Familie... kann er nicht entlassen ' werden,“ Wir wissen nicht, wie diese unbekannte Familie — aus Mensehen und aus Tieren — sich ziisniiiinciisotzt. Nur soviel ist klar, daß sie es ist, die Kafka zwingt, Weltalter im Schreiben zu bewegen. Dem Geheiß dieser Familie folgend, walzt er den Block des geschichtlichen Geschehens wie Sisypltos den Stein. Dabei geschieht es, «laß dessen untere Seite ans Licht gerät. Sie ist nicht angenehm zu sehen. Doch Kafka ist im- Stande, ihren Anb'ick zu ertragen. ״An Fortschritt glauben beißt nicht g'auhcn, daß ein Fortschritt schon geschehen Ist. Das wäre kein G'auhcn.“ Das Zeitalter, in dein Kafka lebt, bedeutet ihm keinen Fortschritt über die Uranfänge._ Seine Romane spielen in einer Sumpfwclt, Die Kreatur erscheint bei ihm auf der Stufe, die Bachofen als die hetiirische bezeichnet. Daß diese Stufe vergessen ist, besagt nicht, daß sic in die Gegenwart nicht hineinragt. Vielmehr: gegenwärtig ist sie durch diese Vergessen heit. Eine Erfahrung, die tiefer geht als die des Hurchsclmittsbiirgers, trifft auf sie auf. ״Ich habe Erfahrung", lautet eine der frühesten Aufzeichnungen Kafkas, ״und es ist nicht scherzend gemeint, wenn ich sage, daß es eine Seekrankheit auf festem Lande ist.“ Nicht umsonst erfolgt die erste ״Betrachtung“ von einer Schaukel aus. Und unerscliftpf'ich ergeht sich Kafka über die schwankende Natur der Erfahrungen. Jede gibt nach, jede vermischt sich mit der entgegengesetzten. ״Es war im Sommer“, so beginnt der ,Schlag ans Hoftor‘, ״ein heißer Tag. Ich kam auf dem Nachhauseweg mit meiner Schwester an einem Hoftor vorüber. Ich weiß nicht, schlug sie aus Mutwillen ans Tor oder aus Zerstreutheit oder drohte sic mir mit der Faust und schlug gor nicht." Die bloße Möglichkeit des an der dritten Stelle erwähnten Vorgangs läßt die vorangehenden, die zunächst 11 armlos erschienen, in ein anderes Licht treten. Es ist der Moorboden solcher Erfahrungen, aus denen die Kafkaschcn Fraucngcstaltcn aufsteigen. Sie sind Sumpfgesehöpfe, wie Leni, die ״den Mittel- und Ringfinger ihrer rechten!fand“ ansauseinander spannt, ״zwischen denen das Vcrbindungshäiiteilen fast bis zum obersten Gelenk der kurzen Finger“ reicht. ״Schöne Zeilen“, erinnert die zweideutige Frieda sich ihres Vorlebens, ״du hast mich niemals nach meiner Vergangenheit gefragt." 1 »ie.se führt eben in de« finsteren Schoß der Tiefe zurück, wo sich jene Paarung vollzieht, ״deren regellose Ueppigkeit“, um mit Rachofcn zu reden, ״den reinen Mächten des himmlischen Lichts verhaßt ist und die Bezeichnung lutcac voiuptates, deren sich Arnobias bedient, rechtfertigt.“ Vor» hier aus erst läßt sich die Technik, die Kafka als Erzähler hat, begreifen. Wenn andere Romanfiguren dein K. etwas 711 sagen Haben, ,so tun sie das — mag es das Wichtigste, mag es das Ucbcrrasclicndsfe ,sein — beiläufig und auf eine Weise, als müßte .er es im Grunde längst gewußt haben. Es ist, als wäre da nichts Neues, als ergehe nur urtauffähig an den Helden die •Aufforderung, sich doch ein fallen zu lassen, was er vergessen habe. In diesem Sinn hat Willy Haas mit Recht den Hergang des ״Prozesses“ verstehen wollen und ausgesprochen, ״daß der Gegenstand des ,Proyesses', ja der eigentliche Held «lieses unglaublichen Buches das Vergessen ist..., dessen... Hauptcigenschaft ja ist, daß es sich seihst vergißt... Es ist hier selbst geradezu stumme Gestalt geworden, in dieser Figur des Angeklagten, und zwar Gestalt von großartigster Intensität.“ Daß ״dieses gcheimnisvolle Zentrum ... der jüdischen Religion“ entstammt, ist wohl nicht von der Hand zu weisen. ״Hier spielt das Gedächtnis als Frömmigkeit eine ganz geheimnisvolle Rolle, Es Ist... Jiiclit eine, sondern... die tiefste Eigenschaft Jehovas, daß er gedenkt, daß er ein untrügliches Gedächtnis ״bis ins dritte und vierte Geschlecht“, ja bis ins ״hundertste“ bewahrt. Der heiligste.., Akt des... Ritus ist die Auslöschung der Sünden aus dem Buch des Gedächtnisses.“ Das Vergessene — mit dieser Erkenntnis stehen wIt vor einer weiteren Schwelle von Kafkas Werk — Ist niemals ein nur individuelles. Jedes Vergessene mischt sich mit dem Vergessen er» der Vorwelt, geht mit ihm zahllose, ungewisse, wechselnde Verbindungen zu immer wieder neuen Ausgehurten ein. Vergessenheit ist das Behältnis, aus dem die unerschöpfliche Zwischenwelt in Kafkas Geschichten ans lieht drängt. ״Ihm gilt gerade die Fülle der Welt ais das allein Wirkliche, Aller Geist muß dinglich, gesondert sein, um hier Platz und Dnscinsrccht zu bekommen. Das Geistige, insofern es noch eine Rolle sniclt, wird 711 Geistern. Die Geister werden zu ganz individuellen Individuen, selber benannt und dem Namen des Verehrers aufs besonderste verblinden ... Unbedenklich wird mit ihrer Fülle die Fülle der Welt noch überfüllt ... Unbekümmert mehrt sich hier das Gedränge der Geister; ... immer neue zu den alten, alle eigennamiieh voneinander geschieden.“ Es ist nun freilich nicht Kafka, von «fern hier die Rede ist — es ist China. So beschreibt Franz Rosenzweig im ״Stern der Erlösung“ den chinesischen Ahnenkult. Unabsehbar wie die Welt der fiir ihn wichtigen Tatsachen aber war fiir Kafka auch die seiner Ahnen und gewiß ist, daß sie, wie die Totembäumo der Primitiven, zu den Tieren hiiuiiifcrftihrte. Uebrigcns sind die Tiere, nicht allein bei Kafka Behältnisse des Vergessenen. Im tiefsinnigen ״Riondcn F.ckbcrt“ Tiecks stellt der ver* g.esscne Name eines 1 Kindchen■ — Strohint — als Chiffer einer rätselhaften Schuld, So kann man verstehen, daß Kafka nicht mikle wurde, den Tieren das Vergessene abzui.msclien, Sie sind wohl nicht das Ziel; aber ohne sie geht es nicht. Man denke an den ״Hungcrkünstier“, der, ״genau genommen, mir ein Hindernis auf dem Weg 711 den Ställen war“. Sicht man das Tier im ״Bau“ oder den ״Riesen* maulwiirf“ nicht grübeln, wie man sie wühlen sieht? Und doch ist auf der anderen Seite dieses Denken wiederum etwas sehr Zerfahrenes, Unschlüssig schaukelt es von einer Sorge zur anderen, es nippt an allen Aengsten und hat die Flatterhaftigkeit der Verzweiflung. So gibt cs denn bei Kafka auch Schmetterlinge,• aus dem schuldbeladenen ״Jäger Gracchus“, der von seiner Schuld nichts wissen will, ״ist ein Schmetterling geworden“. ״Lneben Sic nicht“, sagt der Jäger Gracchus. — Soviel ist sicher: unter allen Geschöpfen Kafkas kommen am meisten die Tiere zum Nachdenken, Was die Korruption!m Recht ist, das ist ln ihrem Denke« die Angst. Sie verpfuscht den Vorgang uni ist doch da, einzig Hoffnungsvolle In ihm. Weil alter die vergessend(! Fremde unser Körper ״~ der eigene Körper -- ist, verstellt man, wie Kafka den Husten, der aus seinem Innern brach ״das Tier“ genannt hat. Er war der vorgeschobenste Posten der großen Herde. Der sonderbarste Bastard, den die Vorwclt bei Kalk! mit der Schuld gezeugt hat, ist üdradek. ״Es sieht zunächst aus wie eine flache, sternartige Zwirnspule, und tatsächlich scheint es auch mit Zwirn bezogen; allerding«; dürft(-«!1 cs mir abgerissene, alte, aneinander geknotete, aber auch ineinander verfitzte Zwirnstiieke von verschiedenster Art und Farbe sein. Es ist aber nicht nur eine Spule, sondern tut der Milte des Sternes kommt ein kleines Qucrsläbehen hervor und an dieses Stäbchen lügt sich dann im rechten Winkel noch eines. Mit Hilfe dieses letzteren Stäbchens auf der einen Seite und einer der Ausstrahlungen des Sterne» aut der anderen Seite kann das Ganze wie auf zwei Beinen aufrecht stehen.“ Odradek ״hält sich abwechselnd auf dem Dachboden, im Treppenhaus, auf den Gängen, im Flur aui“, Es bevorzugt also die gleichen Orte wie «las Gericht, welches der Schuld nachgeht. Die Böden sind der Ort der ausrangier• ten, vergessenen Effekten, Vielleicht ruft der Zwang, vor dem Gericht sich cin/ufimlcn, ein ähnliches Gefühl hervor wie der, an jahrelang verschlossene Truhen auf dem Boden heran/ugehen. Gern würde man das Unternehmen bis am Ende der Tage aufschieben, so wie K. seine Verteidigung», Schrift geeignet findet, ״einmal nach der Pensionierung den kindisch gewordenen Geist zu beschäftigen“. Odradek ist die Form, die die Dinge in der Vergessenheit annchmen. Sie sind entstellt. Entstellt ist die ״Sorge des Hausvaters“, von der niemand weiß, was sie ist, entstellt das Ungeziefer, von dem wir nur allzu gut wissen, daß cs den Gregor Samsa darstellt, entstellt das große Tier, halb Lamm halb Kätzchen, fiir das vielleicht ״das Messer des Fleischers eine Erlösung“ wäre. Diese Figuren Kafkas aber sind durch eine lange Reihe von Gestalten verbunden mit dem Urbiide der Entstellung, den Buckligen. Unter dm Gebärden Kalkascher Erzählungen begegnet keine häufiger als die des Mannes, der den Kopf tief auf die Brust herunter• beugt. Das ist die Müdigkeit bei den Gerichtsherren, der Lärm bei den Portiers in dem Hotei, die niedere Decke bei den Galeriebesucltcrn. In der ״Strafkolonie“ aber bedienen sich die Gewalthaber einer altertümlichen Maschinerie, die verschnörkelte l.cttcrn in «Jen Rücken der Schuldigen ein■ graviert, die Stiebe mehrt, die Ornamente häuft, solange, bis der Rücken der Schuldigen hcilselieud wird, selber diese Schrift entziffern kann, ans deren Lettern er den Namen seiner unbekannten Schuld entnehmen muß. Es ist also der Rücken, dem es aufliegt. Und ihm liegt es bei Kafka seit jeher auf. So in der frühen Tagcbuchnofiz: ״Um möglichst schwer zu sein, was ich fiir das Einschlafen für gilt halte, halte ich die Arme gekreuzt und die I iiimle auf die Schultern gelegt, so daß icli dalag wie ein bepackter Soldat.“ Ha ml* das Volkslied das Gleiche versinnbildlicht. Dies Männlein ist der Insasse des entstellten Lebens; es wird verschwinden, wenn der Messias kommt, von dem ein großer Rabbi 1 sagt hat, daß er nicht mit Gewalt die Welt verändern wol sondern nur um ein Geringes sie zurechtstellcn werde. ״(Ich ich ir mein Kämmerlein, tVill «nein Bdtlcin machen, Stellt ein bucklicht Männlein da. Fängt als an m lachen." Das Ist das Lachen Odradcks, von dem es heißt: ״Ö klingt etwa so, wie das Rascheln in gefallenen Blättern. ״Wenn ich an nuin Rmklcin knie, Will ein bißlcin l>e(en, Sfcht ein bucklicht Männlein da, Fängt als an zu reden: Liebes Kindlein, ach ich bitt, Hct fürs bucklicht Männlein mit.“ So endet das Volkslied. In seiner Tiefe berührt Kafka den Grund, den weder das ״mythische Ahmmgswissen“ noch die ״existenzielle Theologie“ ihm gibt. Es Ist der Oruna des deutschen Volkstums so gut wie des jüdischen, wenn Kafka nicht gebetet hat — was wir nicht wissen —, » war ihm doch aufs höchste eigen, was Malehranche ״״?» natürliche Gebet der Seele“ nennt — die AufmcrKsamkett Uno in sic hat er, wie die Heiligen in ihre Gebete, w Kreatur cingeschlosscn. _ Da« erste jüdische Liederbuch Ein zionistisches Jubiläum (1894 - 1934) Es Ist ein Verdienst Heinrich Loewes um die ,5'״?ף'’ sehe Bewegung, daß er die Herausgabe des ersten zjomstisc Liederbuches, d. b. des ersten jüdischen weltlichen Liedcrbucn überhaupt, durchgeführt hat. Vor 40 Jahren ließ er in als Heit i tmd II seiner ״Jüdischen VolksbiWioihek“ cm ־ 1״ derbuch für jüdische Vereine“ erscheinen, das sich gr״' Beliebtheit erfreute und die für die damalige Zeit iingcwo lieh hohe Zahl von fünf Auflagen (Ws 1803) erreichte, I Blich scheint also damals eine Lücke aus gefüllt und י Bedürfnissen der nacli Deutschland übergreifenden nation jüdischen Bewegung entsprochen zu haben. . ״ Die Absicht des Verfassers ging dahin, die gcmcinscna . bildende Kraft des Liedes in den Dienst der neu entstehen«״ nationaljüdischcn Bewegung zu stellen. Diese Bewegung vor allen Dingen zionsfrctindlich. Daher spielt ’n.t]e.״, IC,rcn’ die für diese Vereine zum Teil erst neu gedichtet 'ץ ' hauptsächlich ein romantisches Z i 0 n s i d c a I die UM rolle, wie es sich z. B. *11 dein noch heute bekannten ״Dort wo die Zeder...“ von Dr. Feld äußert. Aber aucn von jüdischem Bewußtsein erfüllte Lieder, wie da* von ׳ Oppenheimer der jüdischen Burschenschaft ״Badem» *L widmete ״Juden sind wir, wollen cs bleiben bis m ' - Ewigkeit“ und die Lieder der ersten nationaljüdischcn, in Wien gegründeten Verbindung ״Kadimah“ fanden Am" in diesen Liederschatz, den zu einem großen Teil der!י geber, neben dem noch die Namen N. Birnbaum, M. I. neimer, M. Lcwinsohn, E. Locwe, W. Perlmann u. a. tu n sind, selbst bestritt. .!^f Selbstverständlich durfte ein hebräischer Ten fehlen, aber er konnte nur sehr schwach vertreten sc,n'TfXt dem alten Judentum fand sich als einzig brauchbarer j. .«״- u—i« ״•י.! -»u sich aus der rtcn״ , ... n....l״,mllS 1SIU״ hienene ״,.״«. w f4״han"ן ifichen Literatur nur —.—, ,״ (von Dr. Baneth) zugescllte. Die 1886 zuerst erst Hatikwah war noch nicht nach Deutschland gekommen• Rabb. Bernhard Brilling» Bf*־״״ * ״11׳ ,8 Attbatht* Emp\ (Jb«a, i! ־ י •*»©AM i f ן׳ DUtdor ׳ II!«1. IC0I י! < ftrer K ן * Slmo1 :י II, l!Mil, u«u 1,ן bnptt.11 c p >'׳ D r Stad, r (!׳־ >;! 1 Mal(! V. II!1F I U : < c Man״ «. Zt. mir das Moaus zur-Lied, dem sich aus u«.ן!־ :tl)f die Ueberscfzung des Gaudeamus 1 f ,t :11 KB!!'׳‘ m * V

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