Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 39 (1934)
- Issue
- Heft 104 (28.12.1934)
- Date
- 1934-12-28
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Auagab• Mittwoch 13 Uhr (Fa«jilian»n*aii@n hl« Danutrstag 10 Uhr) p«r llonitimia erstrebt für das JOdlscho Volk die Schaffung einer Öffentlichrechtlich'gesicherten Heimstätte In Palästina. ״Baseler Programm*1 03 (33 « -3 O J L ge•*״"• tl»»‘-״, #3—■Eku.i t י/^ Das zweite alaHm• Das Jahr 1034 hat für die deutschen Juden keine umwälzenden Ereignisse gebracht. Was in der Geschichte als Datum der Wende verzeichnet sein wird, ist die Ziffer 1933. Es ist nun bald zwei Jahre 11er, daß sich das Schicksal und die Lage der deutschen Juden mit einem Male grundlegend gewandelt hat. Was die meisten , Juden nie für möglich gehalten hatten, ist Wirklichkeit geworden. Die deutschen Juden sind unter eine Sondergeset/ßcbuug gestellt worden, sic sind aus allen einflufircichcn und maßgebenden Stellen des deutschen Lebens beseitigt worden, und der Rassengrundsatz, der besagt, daß die staatsbürgerlichen Rechte nach der Abstammung bemessen werden, ist zur herrschenden Maxime des Staatslcbcns geworden. Diese Neuordnung hat uin so aufwühlender, umstürzender gewirkt, als sie die Anstimm ngswclt, in der die Mehrzahl der deutschen Juden gelebt hatte, als eine Illusion, nur im eigenen Kreise geglaubt, enthüllte. Aber auch diejenigen jüdischen Kreise, die die Jndcnfragc in ihrer ganzen Schwere erkannt hatten und die sich nicht verhehlten, daß eine Klärung Ciiolgen müsse, standen tief erschüttert vor der Wucht der geschaffenen Tatsache«. Auch sic konnten nicht verkennen, daß es nun zu spät und sinnlos geworden war, eine allmähliche organische Auseinandersetzung der Judenfrage herbeizuführen; cs mußte gänzlich vonncucm begonnen werden, und dies war um so schwerer, als auf der einen Seite Vorurteile und Abneigung, auf der anderen Seile schmerzliche Enttäuschung und Ressentiment vorhanden waren. Die deutschen Juden mußten, wie es oftmals in der Geschichte gewesen ist, den Bezirk beziehen, der ihnen zugewiesen wurde. Ein Teil wanderte aus, auch dies die gewohnte Begleiterscheinung solcher Erschütterungen, in unserem Falle nur dadurch ausgczeichnet, daß das Vorhandensein des Jüdischen Natioitalhcims in Palästina vielen eine natürlichere Aufnahme- Stätte hot, als Einwandcruiigsländer zu sein pflegen. Aber die Masse der deutschen Juden blieb selbstverständlich in Deutschland und hatte die Aufgabe, die neuen Verhältnissc zu meistern. Das Jahr• 1934 war im wesentlichen Fort- Setzung. Der begonnene Prozeß der Ausscheidung und Umwandlung spann sich weiter. Die Entscheidungen vollzogen sich jetzt sozusagen mehr in der privaten Sphäre des Einzelnen. Denn nicht alle werden von einer Welle gleichzeitig erreicht, allmählich aber dringt sie dahin und dorthin. So haben auch im Laufe dieses ].ihres viele Juden eine liebgewordene Tätigkeit, in der sic der Allgemeinheit zu dienen und zu nützen glaubten, einstellcn müssen. Die Frage, was mit ihnen werden soll, ist noch ungelöst. Daß Emigration (von Palästina abgcsehen) nur einem sehr kleinen Teil helfen kann, hat sieh inzwischen deutlich gezeigt. Das sogenannte Enü- Rrantcn-Hilfswcrk hat ein fast vollständiges Fiasko erlitten, weil die Staaten, die im Herbst 1933 das Komitee m beschicken bereit waren, in Wahrheit nichts für die Siche tun wollten oder konnten; ihre Innenpolitik verbindert sie, Einreise-Bewilligungen und Arbeitserlaubnis in Emigranten zu geben, und materielle Leistungen bgendwelchcr Art, etwa eine internationale Anleihe, sind auch nicht zustande gekommen, ln der Tat hat der Eini- Ponten-Kommissar James MacDonald, der vergeblich ו|0'י Land zu Land fährt und Reden hält, nur von jiidisclier Seite finanzielle Mittel erhalten, obwohl seine Aufgabe keineswegs eine ausschließlich jüdische war, denn e!; gibt auch nichtjiidische Emigranten. In manchen Kreisen der jüdischen Emigranten iin Ausland herrscht großes Elend; die ״Jüdische Rundschau“ hat darüber 1"dirmals erschütternde Berichte gebracht. Was aber soll jus den Menschen werden? Die größte Not ist die der Menschen, die arbeiten wollen und können, aber keine Aussicht haben, Arbeit zu finden. Im wesentlichen '*■'״den die Juden wieder in einem höheren Maße als vorcr in den Handel gedrängt. Auch der jüdische Kaufruinn hat heute mit zahlreichen Widerständen zu k.impc״> da ja da und dort politische und rassische Gesichts- ™c »״eh für das Geschäftslcbcn geltend gemacht ״erden; aber auf Grund der Erlasse des Wirtschafts- ■msters und Innenministers dürfen wir der Meinung *!"י cs der Standpunkt der Regierung ist, im Bccif * ״ ,kaufmännischen freien Wirtschaft den Juden kev^• Z1r^ zuzucrkcnnet1. Dies also ist eine Möglich- und ,.״nserer Jugend bleibt Vom sozial-pädagogischen Pohtischen Standpunkt aber fragen wir uns, wohin es führen soll, wenn wieder alle Juden im Handel zusammengedrängt werden. Als die wichtigste Alternative stellt vor der Jugend ein Arbeitslebcn in Ercz Israel. Denn die Programme einer Berufsumschichtung der deutschen Juden, die vor einem Jahre unter starker Betonung zukünftiger Betätigung in Deutschland von manchen Gruppen aufgestellt wurden, sind heute wohl allgemein aufgegeben. Denn es ist klar geworden, daß nichts schwerer ist als das Eindringen in die arbeitenden, Landwirtschaftliehen und handwerklichen Berufe, die sämtlich Standesmäßig gebunden sind und keine Geneigtheit zeigen, Juden in größerer Zahl zuzulasscn. Wer die Zukunft der deutsch-jüdischen Jugend überdenkt, muß abseits von ideologischen Gesichtspunkten zu dem Ergebnis kommen, daß, abgesehen von den Jugendlichen, die im kaufmannischcn Beruf ein Unterkommen und eine Aufstiegs- Möglichkeit sehen, nur Palästina als Zukunftsweg übrig bleibt. Das werden zweifellos auch die Führer der jüdischcn Hilfsgcscllschaften einsehen, die eben zu einer Sitzung in New York zusanunentreten. Palästina hat sich, während leider anderwärts Gelder vergeudet wurden, als einzige produktive ״Hilfsaktion“ erwiesen. Auch dieser Weg ist für den Einzelnen ein schwerer, cr stellt größere Anforderungen als das Verharren in der bekannten Umwelt, aber er gibt zugleich eine seelische Genugtuung. Wir sehen in unserer deutschen Umwelt das Bestrcben, die neue durch die Revolution geschaffene Position weltanschaulich, philosophisch, metaphysisch zu unterbauen. Wir deutschen Juden haben uns gleichfalls immer wieder Rechenschaft zu geben, wo wir stehen. Für viele ist das Verhältnis zum Judentum ein neues. Aber auch unser Verhältnis zur Umwelt, zu Europa, wird oft durch Schlagwortc und Mißverständnisse getrübt. Wir Juden haben später als das übrige Europa das Ende unsercs Mittelalters durchlebt. Wir haben uns von der» mittelalterlich-scholastischen Denk- und Lebensformen losgelöst und sind gleichzeitig nicht in eine neue eigene Weit, sondern in die Welt Europas cingctrctcn. Nun wollen wir die Rückkehr zum Judentum vollziehen, aber wir können eine Entwicklung nicht rückgängig machen. Eine jüdische Welt, die uns aufnehmen könnte, gibt es noch nicht. So stehen wir in einem Zustand des U e bc rganges der immer etwas Unbefriedigendes in sich hat, zugleich aber auch den Antrieb zu schöpferischer Leistung enthält. Die Welt in der wir leben können, haben wir erst zu schaffen. Bis sie uns — und wir sie — umformt, bleiben wir unserer alten Existenz verhaftet. Wandlungen vollziehen sich im Gefolge der großen krisenhaften Erschütterung langsam und allmählich. Indem wir in den tiefen Grund unseres jüdischen Wesens untertauchen, indem wir uns in die Kette der Generationen cinreihen und das wechselnde Schicksal unserer Gemeinschaft historisch überdenken, bereiten wir, die wir durch die Welt Europas bereichert wurden und voll Dankbarkeit dieses Gut wahren und mehren wollen, eine Zukunft vor, die nicht der Zeit vor 1933 gleichen kann, aber auch über unsere Gegenwart hinausführen muß. Was immer in diesem arbeitsreichert Jahr 1934 im Rahmen der jüdisehen Gemeinschaft getan, gedacht, gelitten und geträumt wurde, bildet Bausteine auf unserem Zukunftsweg. Seit der Schicksalswende des deutschen Judentums hat die ״Jüdische Rundschau" als ein wesentlicher Faktor des jüdischen Lebens überall anerkannte Bedeutung gewonnen. Sie hat im Kampf um die Wahrung der jüdischen Ehre und des jüdischen Ansehens, um die Mehrung des jüdischen Selbstbewußtseins und der jüdischen Bildung, in der Hilfe bei allen Sorgen und Nöten des deutschen Judentums in der vordersten Reihe gestanden. In einem gewaltigen Anwachsen ihres Leserkreises hat die ״Jüdische Rundschau" Bestätigung dafür erhalten, daß ihr Kontakt mit der jüdischen Gesamtheit sich immer enger gestaltet. Diese Resonanz war uns eine Ermutigung auf einem nicht immer ganz leichten Wege. Am 1. Januar 1935 tritt die ״Jüdische Rundschau" in ihren 40. Jahrgang ein. Dem kommenden Jahr geht unsere Zeitung mit neuen Plänen entgegen. Der große Kreis, zu dem sie spricht, verpflichtet sie zu weiter gesteigerten Leistungen. Die Bericht-Erstattung wird auf allen Gebieten, sowohl in Deutschland wie in Palästina und im Ausland einen starken Ausbau erhalten. Der Bildor-Dionst erfährt eine neue Ausgestaltung. Der Unterhaltungs-Teil wird eine bedeutende Ausweitung auf allen Gebieten des kulturellen Lebens durch regelmäßig wiederkehrende Beilagen aufweisen. Es wird auch eine Reihe größerer jüdischer literarischer Arbeiten erscheinen. Die Berliner Rundschau wird durch verschiedene Reportagen aus dem Berliner Leben bereichert werden. Unsere ,,Berichte aus dem Reich" halten den Leser über alle wichtigeren jüdischen Vorkommnisse in Deutschland auf dem Laufenden. Eine hebräische Beilage wird nach Abschluß des hebräischen Fern-Unterrichts 14tägig erscheinen, für diejenigen Leser bestimmt, die die Anfangsgründe der hebräischen Sprache beherrschen. Die Rubrik ״Wie gestalte ich den Schabbat" wird weiter Anregungen für die allgemein um sich greifende Institution des Oneg-Schabbat veröffentlichen. Eine Schach-Rubrik wird u.a. insbesondere über das Wirken und über interessante Partien jüdischer Schachmeister berichten. Die ״Jüdische Rundschau" wird in den kommenden Jahren ihren Lesern — wie bisher — .der unentbehrliche Begleiter und Freund bleiben.' An unsere alten Leser richten wir den Appell, mit dazu beizutragen, daß die ,,Jüdisch• Rundschau" in keinem jüdischen Hause fehlt. . . . , . .Yedgg .;und Schriftleitung der ״Jüdischen Rundschau".