Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 39 (1934)
- Issue
- Heft 100 (14.12.1934)
- Date
- 1934-12-14
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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RUNDSCHAU jüdische LITERATUR - BLATT Nr. 100, 14. DEZEMBER 1934 Die Juden im Mittelalter Zu zwei G csdt ichts werken Die rrfalir.mjrcn in Deutschland haben den Imlcti die Anteil d.ifur geoffni♦, ttali die Emanzipation des 0. J3Strl111״derN nie 1 eine ein gültige 1-ösung der Judenfrage ',r. somlcrn daß sieh das Schicksal der Juden in ihrem Zu- *Vmcnleb••י»י ״♦ de״ mulerc״ Völkern i״ Wellenlinien he- ' ״t. (iiei.'livtrl, ,"״<׳"' ־״ die Uumccn ihrer rechtlichen lll(| faktischen (1k1־eh>telhm«4!11 irgendeiner künftigen Periode " j,* ,1!« Ruek1׳a1)1>111׳r.'. ’ »0. laKIIM-'lii ... M 11.1 .,«riet, die Rückgängigmachung der Emanz’ipaticm in ViiKhlaml!*< 1‘י״ i nktum von unverrückbarem svtitplo- Ljiisrlien '־Vl‘r1.: (dnnbten viele deutsche Juden vor 1933, ' ״״eh der deutsche״ (icseluehte anziigchürcn, haben sic ,'ci7t crf.ihmi, daß mc stets eine Etappe der jüdischen ifscliiihte durchleben. Selbstverständlich sind sie mithestimmt die (icsainlgeschichte, aber innerhalb des deut- Han nes haben sie stets ihr San d e r s c h i c k s a I Mit diesem liowulStscin betrachtet durch idicn fh.1bt, Md itiesem licwimtscin ״etrachtet man auch die :,jisclic Geschichte m Europa jet/t ganz anders als Indier, tjh man früher darin mir ״Mittelalter“, das jet/t eml11״lti״;,hcruiimlcn ist, so crkcimcn wir heute, daß sich in früheren fpochen c״1׳/ analoge I.11t\v1ckl1mge״ vollzogen haben wie Kutc, naturlicl* in den der Zeit entsprechenden veränderten formen. Die Zeit des Eintretens der Juden in den ctiro- .־״chcii 11ml deutschen Raum und ihrer ersten Verflechtung j.1־ der Geschichte der hier wohnenden Volker ist daher 1״r uns nicht bloß theoretischer Bctrachtmigsstoff. Unter ye«m (icMchtspunkt, und nicht nur wegen des Autors, ״•rdieiit der soeben erschienene neue Band des ״Systems jer So/iok'ttic“ von Franz Oppenheimer unsere auf- ״erkenne Anteilnahme. Es ist die dritte Abteilung des!:erten, historischen, Bandes dieses gewaltigen Werkes. Oppen- Himer gibt in diesem historischen Baud den ״A b r 1 li einer;nnal- und Wirtschaftsgeschichte Europas 0זr der Völkerwanderung bis zur Gegenart“. Die dritte Abteilung behandelt ״Stadt und Bürerschuft“ (XVI, S. SEI IP’ (ir. 8״, RM. 2•»,-, geh. ),50, Verl 1g Gustav Fischer, Jena). Oppenheimer ist kein 1'storikcr. Er spricht in seinem Vorwort offen aus, dal) er gine eigenen historischen Studien getrieben, sondern nach m Prinzip der Arbeitsteilung die Werke der Historiker als jjacllc hemitzt habe. Er ist Soziologe, Systematiker, .! sein Werk dient im Grunde der Darlegung seiner These,;J die Weltgeschichte der Kampf von zwei Prinzipien sei: 15 ״(ikoiimniselieii Mittels“ (Arbeit) und des ״politischen Mittels“ (Kaub). So ist diese Soziologie in hohem Maße ein »tltanschauliehes Werk von grandiosem Format. Als seine Vjfj.ihe hitrachtct Oppenheimer die Synthese, die Erklärung und Siiindetiliing der sozialen Zustände und Beziehungen der Menschheit aus ihren menschlichen, psychologischen mul -torischen Voraussetzungen. Cieradc wegen dieser iiniverulen Zielsetzung bekommt das Werk auch für uns seinen twinlcrcn Reiz. Demi das Schicksal der Jude n, die auch mir cm Teil der großen sozialen Einheit sind, kann niemals isoliert betrachtet werden, sondern nur in seinen Beziehungen rar l'imvelt. Wie es für die Umwelt, will sie die Juden verstehen, unerläßlich wäre, sic aus ihren geistigen, historischen und sozialen Voraussetzungen zu begreifen, so ist cs Im uns Juilcn notwendig, das Werden und die Wandlangen der Umwelt zu verstehen, in die die Juden eingi’clialcrt sind. Dies ermöglicht das Werk Oppenheimers, iw Juden kommen in der Karolinger-Zeit in eine fremde, 1:.in/ anders geartete Welt. Sie werden auch als Fremde 1״'iphimleit Aber da sie eine für die Entwicklung «er Zeit wichtige Funktion insbesondere auf dem Gebiet U ll.uhlils erfüllen, sind sie zunächst willkommen oder mindestens geduldet. Oppenheimer behandelt in einem bcanderen Kapitel die l äge der Juden, wobei er als Quellenicrkc hauptsächlich die (icseluehte von Kastein und die Wirt-!;11ait־gescNichte von Caro verwendet. Schon daraus geht hervor, daß keine neue Tatsachen ans Licht kommen, sotimi worauf es ankommt, ist die Gruppierung, die 1'['pfnlu'in er dem Material gibt, immer unter Zugrunde trgung .Ii<c1... . Oraktirisicrt Oppenheimer das jüdische Schicksal, sich immer wiederholt, wie folgt: ״Zuerst sind sie als Lehrer der Völker in aller Kunst der Kaufmannschaft Md des Kreditwesens hochwillkommen. ... Wem! sie aber wc Aufgabe erfüllt haben, werden sie durch ihre Schiller wrdr.ingt. ... Und das vollzieht sieh nach den Kreuzziigeu ”1״er mear und mehr, bis die Juden aus dem Wnrenhandel cid dem (irollkredifliaiidel so gut wie ganz licrausgedrangt!i״d, tun sich fast nur noch auf den Kleinkredit, das heißt o VrVher, angewiesen zu finden.“ Bis zum 12. Jahrhundert ‘fMdit man nirgends vom ״jüdischen Wucher“, dagegen wird * den zeitgenössischen Quellen häutig über die ״wucherische cidcitseh;,ft“ verschiedener christlichen Gruppen Klage ge- *t; erst später wird der Jude damit verbunden. Nach dein Vfe der christlichen Konkurrenz, beginnen auch die Aus- ',Übungen aus den verschiedenen Ländern Europas, •und 'י "ie shts in der (ieseliiclite derartige Aktionen mit niora* "'dien Motiven verbrämt werden, beginnen zu dieser Zeit;:‘d1 die Anklagen gegen die Juden. Vor allem taucht die ״1׳neriselie Ritualmord-Bcsclmldigung auf, gegen die sich 1i£ liochsten Autoritäten wie Kaiser Friedrich 11■ und die 1׳Pste mit Entschiedenheit wenden, ohne aber viel durch- 'U'ctzen. Denn hier wirkt, wie Oppenheimer sagt, das ״so- 11«•psychologische Ilauptgesetz“, demzufolge ״sieh immer died״'« Ideologie umstellt, die die (iruppenliandhiiig zwar '1'■i't verursacht, wohl aber legitimierend begründet . Eine instruktive Parallele bildet das Schicksal des Templer- "[*,eis. der 14 ״״, Jahrhundert zu hohem Reichtum ‘fljMgt war, auf den sieh die Habsucht der Fürsten rieh- ' c: Es kam zu Anklagen gegen die Templer wegen ״ketze- _d1cr Anschauungen“, wegen ״Teufelsanbctung“, ״smiilich- 5;'v״ser Neigungen“ usw. Schneider (in ״Die Entstehung f Nationalstaates“) spricht von ״geradezu wahnwitzigen “•''״mlnuscn, die den Templern abgczwiingen wurden , um Jn Vorwand zu ihrer Verbrennung und zur Einziehung (hh, y״n1iigc״s zu haben. Nun waren die , Teinplcr, vv <<-' ן Pcnheiiner bemerkt, ״ebensowenig uiiseliuldsvollc ן״• י■ Zfr/IC Auch die Juden waren in , .Z״t7 mm n/Un>r »kaum gewissenhafter als ihre christlichen Z * icr ,״cru,sß1‘״ossc״״. Aber was ihren Sturz herbeifuhrt , Koni ״nsch Her aufsteigenden Schichten nach Beseitigung r 0nl7rre״,,cn■ dic sich dadurch rechtfertigten, daß s,t- 1״re Ebe״t “:lls. vcrabschcucnswiirdige Ucbcttätcr“ hinstcl!tui JlS0 c,KUig es einige Jahrhunderte später den Jesuiten und 8״deren, die Oppenheimer anfiihrt. siciW dJ!r nacHfolgendcn Periode spielen die Juden immer VirtJ, und dort eine Rolle bei der Entwicklung der *ווייfür *!1lul ,füllen Lücken im sozialen Gefüge aus, werden Aufpah״auc^ hierfi1r herbeigerufen und nach Erfulluii, <cr Mertiru au?k׳estoßen. Auch anderen Gruppen, die frühen •M f1, ״lcht so klar als Sondcrgrttppc _ gekennzeichnet zU ähnlich, Oppenheimer bringt in seinem Werk tttll״.'“^, d|e spätere Zeit keine zusammenhängende Dar- 8 der jüdischen Entwicklung mehr, aber im Zusammender allgemeinen Entwicklung. Nach einer Darstellung ' 'icn Aufstiegs im Einaiizwesen und im Großhandel Johann Rabcncr: ״Denn Ich bin ein Mensch ge- Wesen“. (Rowohlt Verlag.) Warum das Buch Rabcncrs an dieser Stelle Erwähnung verdient, ist rasch gesagt: weil es die, nein: eine Welt der letzten zehn Jahre zu schildern versucht, in der auch dic, nein: eine jüdische Welt enthalten, eingeinauert, eingedrückt und ... verfälscht war. Der junge .Schriftsteller Rabcncr hat schon in seinem Erstlingswerk ״Verurteilt zum Leben“ mit mehr ״er- Icscnen“ als erlesenen Mitteln eine Unschönfärberei, ebenso schlimm wie Schönfärberei oder eigentlich noch schlimmer, getrieben mul damit mehr ins Schwärzliche als ins Schwarze getroffen. Wie sich das menschliche Unglück räuspert untl spuckt, das hat er ihm (oder aber dazwischen geschobenen Vorbildern) gründlich abgcguckt. . Rabcncr erweist sich auch in diesem zweiten Buch als cm bedeutendes l.itcraturtalcnt mit der Neigung und Leidensrliaft zum Schildern und Formulieren, wobei er aber leicht und oft ins ünmhnslisrhc*, Theatralische und Kitschige abgleitet. Er hat noch nicht (oder überhaupt nicht) das Fingerspit/engefühl für das Deckende seiner Eindrücke und Aus* drücke. Er set/t die Farben dick und breit neben die Umrisse, Ist das noch Sturm und Drang oder schon dic artistische Lust an einer frühreifen Routine? Er haut ein Romanhaus aus vielen Räumen. Da die meisten davon, im Lebensstil der verflossenen zehn Jahre, mit Figuren aus der Berliner Gesell,äfts-, Kunst-, Sport- und — — Leheweit bevölkert sind, schauen durch die allerdings ziemlich blinden Fenster auch einige jüdische Gesichter heraus. Wir wollen von dem phantastischen Großschicher, dessen Vorbild wir aus Polizei- und Presseberichten kennen, nicht reden und auch nicht von dem Manager eines Boxchamnions — denn beide sind von Rabcncr selbst, der sich so leicht keine Figur «Irr Vorder- und Hintertreppen entgehen läßt, nur so im Vorübergehen erhascht und panoramatisch hingetuscht. Aber da ist noch dic entscheidend in die Handlung eingreifende Figur des jüdischen Arztes Dr. Jonas, deren Herkunft aus der Literatur, von Schnitzler und Wassermann, unverkennbar ist. Es ist der sowohl durch seine geistige Ueberfcinerimg als auch durch den Mut zur Sclbstverniclitung bcmerkenswerte jüdische Gelehrte und Helfer. Darüber hinaus aber wird Dr. Jonas dadurch zu einer plastischen Zcitfigur, daß er das Besondere seines und überhaupt des jüdischen Schicksals erkennt und etwa, um dies durch ein Beispiel zu erläutern, den Kampf der Westjuden gegen die Ostjuden mit dem Kampf der Stadtmaiise gegen die Feldmäuse in der Fabel vergleicht. Dieser Vergleich sit/t — er sitzt bedeutend besser als der Mensch, der ihn nussprieitt, in dein Roman sit/t. Denn auf den Dr. Jonas häuft der äußere Zufall und der innere Nervenverfall soviel Sehmer/ und Schicksal, soviel vcrnich* ternlen Blitz׳ und Donner, daß das von Rabcncr virtuos arran* gierte Martyrium seinen jüdischen Helden eher zum Pech* vogcl und Srhlemilil als zum tragischen Menschen macht. Dabei wird eine Gerichtsverhandlung geschildert, die das deutsche atrafprozeOrecht nicht geiade \״!bildlich beachtet. Das wäre eine Bagatelle, wenn Rabcncr nicht gerade In der exakten Beobachtung und Betrachtung solcher Bagatellen des Lehens seine (iroßc zu erweisen versuchte. Dabei irrt er fast imitier ins Romanhafte ah, in eine mehr gewollte al« gewählte Vielheit der Erscheinungen, die sein Buch zu einem I anoptikiiiu verflachter Totcnhiiizfigiiren mnelif. Deren Mittelpunkt ist ein junger Dichter, und in dessen granüihcrladener Gestalt gibt sich der Autor zu allem Ueberfhtß mit nar/issischer Ueberdeutliehkeit seihst zu erkennen. Weit entfernt davon, ״Gerichtstag über das eigene Ich" zu halten, häuft er, meist monologisch, Freispruch auf Freispruch in eigener Sache, während er, uni auch den .־indem Teil des Ibsen-Wortes zu zitieren, ״dunkler Gewalten Spuk“ in sieh bekämpft, indem er die Träger dieses Spuks hei einer nicht eben unsatten Bürgermoral denunziert. Dieses harte Urteil trifft Rabcncr deshalb, weil er seihst vor seinen Figuren eine höhere dichterische Gerechtigkeit vermissen läßt, sie mit romanhaftem Pessimismus ״.msschmückt“ und an ihrer Glanzlosigkeit oder ihrem verderbten Glanz sich die Augen blind sieht. Sein Talent des Schildern® und Formulieren« ist so groß, daß man wünschen und ver* langen muß, er möchte nun bald zu einer seelischen Konzentration und Härte sich entwickeln, die seine fast kindliche Freude an der Sclbsthcspicgelung, soweit diese nicht Selbstpriifnng ist, austilgt und aus seinen intcrwcltlichen Bildern ein Weltbild entstehen läßt. Unter dieser Voraussetzung, aber nur unter dieser, ist und bleibt er eine Hoffnung der Romanlitcratur. hs. hang mit seiner allgemeinen Darstellung ist auch dieser Punkt zu verstehen. In der Tatsache, daß die Juden selbst sich der wahren Gründe der Verfolgungen, unabhängig von den vorgeschützten Motiven, bewußt waren, sicht Oppenheimer eine der I lauptiirsaehc des ״Rationalismus der Juden“, die gezwungen waren, durch die Ideologien hindurch die Dinge selbst zu sehen. Zugleich mit dem Buch Oppenheimers erscheint ein großes Sammelwerk ״Germania Judaica“ im Auftrag der ״Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums“, herausgegeben von E. El bogen, A. Frei mail 11 und II. T vkocinski. (Verlag M. 11. H, Marcus, Breslau PHI, XLVlil, S. 5SO, RM. 16, .) Dieses Buch ist dic Durchfuhrung eines bereits 1003 gefaßten Planes, die (ieseliiclite der jüdischen Siedlung in den einzelnen Orten Deutschlands zu schreiben. Da der vorliegende erste Baud bis zum Jahre 1238 reicht, so behandelt er gerade die Zeit, für die Oppenheimer die (ieseliiclite der Juden im Karolinger-Reich zusamiiu'iifassciid behandelt hat, und man kann daher hier an Einzelbeispielen die großen Richtlinien verfolgen, die au« (lein Werk von Oppenheimer hervortreten. Dem Buch vorausgeschickt ist eine zusammenfassende Darstellung der jiidisehen Geschichte in Deutschland aus der Feder von Prof, El ho gen. Dic ״Jüdische Rundschau“ hat in Nr. 56 d. J. einen Hauptteil dieser Darstellung vorabgedruckt. Fs wird darin die Rechtsstellung der Juden, ihre Wirtschaftstätigkeit, ihre Organisationsform, das Verhältnis zwischen Juden und Christen, sowie ihre kulturellen und religiösen Bestrebungen im allgemeinen Umrissen. Aus der vorbildlich sachlichen, gcdrängten Zusammenfassung bekommt der Leser ein lebendiges Bild. Daran schließen sieh dic einzelnen Monographien an. Für jene Friih/eit sind die Quellen naturgemäß noch etwas dünn gesät. Aber in mühsamer üclchrtcnarbcit hat der Stab der Mitarbeiter des Buches alles Erreichbare herangeholt, so daß wirklich eine umfassende Darstellung der Siedlung von Juden auf 11 c u t s c h c m Boden von den trii beste 11 Zeiten entstanden ist. Wohl existieren schon Eiuzeldarstelliingeii über dic Geschichte der Juden in verschiedenen Gemeinden, aber diese Zusammenfassung der wesentlichen Daten mit dem Ziel der Vollständigkeit ist mehr. Audi der Laie weiß einiges von der Frühgeschichte dieser Gemeinden; yhmmter sind die bekanntesten wohl dic Judeiigemeiiulen am Rhein, wie Mainz, Worms, Köln, Trier, Speyer, Bonn, aber auch in Böhmen, vor allem Prag, dazu kleinere böhmisdie Gemeinden, ferner Städte wie Regensburg, Wien, Frankfurt, Posen sind schon in früher Zeit bedeutende jüdische Siedlungen: cs ist unmöglich, in diesem Rahmen alle Orte von Bedeutung atifzuzählcn. Wiederholt wird auch auf die Beziehungen hingewiesen, die in jener Zeit zwischen den Gemeinden in Deutschland und Pa- ן ä s tina bestanden, und das geistige Leben, sowie die hervorragenden jüdischen Persönlichkeiten, dic in den einzelnen Orten lebten, werden dargcstcllt. Es muß hier genügen, festzustelien, daß wir liier ein klassisches Nadischlngcbueh hcsitzen, das über dic Frühzeit der Geschichte der Juden in Deutschland wertvolle Informationen gibt. Die lange Vergaiigcnheit von Juden auf deutschem Boden kommt zum BcvvullLscin, zugleich aber auch dic Labilität ihrer Existenz, die sic auch in iahrhundertewährendem Aufenthalt niemals zu voller Sicherheit und Einwurz.elting gelangen ließ, sondern sie zu einer Sondergruppe machte, die in kritischen Gcschichtsmomcnten immer wieder das Schicksal der Ausgliedertmp und Wanderung zu gewärtigen hatte. Solche Gcschichte ist für uns heute eine wichtige Lektüre, nicht etwa, weil es besonders reizvoll wäre, da oder dort billige Analogien zu ziehen, sondern weil cs uns heute mehr als je angelegen sein muß, unsere Herkunft und unsere geschiehtliehe Bestimmtheit ungeschminkt zu sehen und daraus auch Aufschlüsse über unser eigenes Wesen — und vielleicht auch über unseren künftigen Weg — zu erhalten. Es wäre zu wünschen, daß der folgende Band dieses Werkes, der die spätere Zeit behandelt, ermöglicht wird; leider bestellt, nach einer Bemerkung des Vorworts zu schließen, aus finanziehen Gründen keine große Aussicht hierauf. W. In Palästina erschien soeben das neue englische Buch N'aluim Sokolows, ״Chibbat Zion“. Das Buch ist dem fünfzigjährigen Jubiläum der Chibbat-Zion-Bewcgung gewidmet. Es ist in Palästina in der Druckerei ״Hapocl Hazair“ in Tel-Awiw hergcstcilt. Eine hebräische Leaefibel mit erster Einführung irr die Sprache für Kinder, ״Q a n 1“ von A. J. Schtpiro , (Warschau, Solna 14) ist in neuer Auflage erschienen. Biblischer Humor In Bildern Das Buch Jona, erzählt in 2t) Federzeichnungen von Ludwig Schwerin. — Dr. Herbert Löwcnstein, Kunstverlag, Berlin. 1,95 RM. Einer der merkwürdigsten und in vieler Hinsicht anmutigsten Abschnitte der Bibel ist das Ruth vom Propheten o 11 a. Dic menschliche Schwäche dessen, der durch den fcfehl von oben ausgezeichnet worden ist und vor die Welt als Künder des I lerrn treten soll, wird in dieser Er- Zählung von dem widerspenstigen Jona, der sich Gott widersetzt, als er ihm sein Prophetcnamt aiiferlegt, lind (kr mit ihm hadert, wenn er die Worte, die er durch seinen Mund verkündet hat, nicht erfüllt, lebendig. Dieses Porträt eines merkwürdigen Menschen hat Ludwig Schwerin gereizt, um es in 20 von Humor überflicßeiulcn Blättern uns vor Augen zu führen. Wir sehen die Berufung und die Flucht Jonas vor Gott, erleben seine Abenteuer auf dem Schiff und im Leib des Walfisches, freuen uns mit ihm über seine Errettung und begleiten ihn nach Ninive, wo er den Unter* gang der 1 Stadt verkündet und (Ins Volk zur Umkehr veranlaßt. Wir sehen ihn mit dem Herrn hadern, als Ninive he* gnadigt wird, und erleben schließlich seine reumütige Hinwendting zu Gott, nachdem er durch das gleichnishafte Erlebnis mit dem schattenspendcnten Ri/iuushaum vom Sinne seines Handelns überzeugt worden ist. All das ist von Ludwig Schwerin mit einem feinen Humor gestaltet, der niemals über dic Grenzen des Themas mul die durch seine Einordmmg in die Sphäre des religiösen Erlebnisses gebotenen Rücksichten hinaiisgeht. Die sehr gut reproduzierten und in einer geschmackvollen Mappe gesammelten Zeichnungen, die vom entsprechenden Text begleitet sind, dürften ohne Zwei, fei ein beliebtes Ocschcnkwcrk werden. oe. Kriegsbriefe gefallener Juden Der Reichs hu ud jüdischer Frontsoldaten hat vor wenigen Tagen eine Sammlung ״Kriegsbriefe gefnllcncr deutscher Juden“ (Vortrupp-Verlag, Berlin 1035) herausgegeben, in der auf einigen 90 Seiten eine Reihe von Kriegsbriefen gesammelt sind, die einen Einblick in das Denken und Fuhlen der Menschen jener Zeit zu gehen vermögen. Den wichtigsten Anhaltspunkt für derartige Publika- Honen bieten die von Wittkoop iieratisgegchcnen ״Kriegsb r i c f c gefallener deutscher S t ti d e 111 c n“. die uns s. Zt. den tiefsten Einblick in die seelische Haltung der Kricgsgcncration gewährten. Der Ton und Inhalt der Briefe der jüdischen Soldaten unterscheidet sich nicht von dem der nichtjiidischcn Soldaten. Das Verhältnis zu diesen tritt in der Sammlung kaum hervor; meist ist eine völlige Gemeinschaff zvvisrhen allen im Schützengraben hergcstcilt. Viele halten an den jüdischen Bräuchen fest, ohne daß die nichtjüdische Umwelt irgendwelchen Anstoß daran nimmt. Von antisemitischen Strömungen ist nur sehr selten die Rede, des öfteren freilich von einer Zurücksetzung der jüdischen Soldaten bei Beförderungen und Auszeichnungen. Die Sammlung ist ein Beweis dafür, daß die jüdischen Soldaten slimmungsmäßig in keiner Weise von den anderen unterschieden waren, ja daß sie sieli oft bemühten, mehr zu leisten, weil sie sich beobachtet fühlten und, wie cs oft aus diesen Brieten hervorgehl, nur auf diese Weise in einen engeren Kontakt mit ilirt'11 Kameraden kommen konnten. Die Briefe von Offizieren an dic Eltern der Gefallencn beweisen, daß die Herstellung dieses Kontaktes sehr oft wirklich erfolgt ist. Was die Auswahl der Briefe anbclangt, so kann man freilich der Ansicht sein, daß sich auch zahlreiche Briefe jüdischer Kriegsteilnehmer hätten finden lassen, die das spezifisch jüdische Erleben jüdischer Menschen im Weltkriege noch stärker zum Ausdruck bringen. N. Die Jewish Palcstine Exploration Society, . band, unter der Redaktion von Prof. Sloush, erscheinen. Das Buch enthält Beiträge zur Archäologie, Geschichte und Topographie Palästinas von Sukcnik, Klein Beil Zwi, Preß. Torczyncr, Klausner usw. in hebräischer Sprache und zwei Beiträge von Vincent und Neuville in französisch. Die Sammcl» «chrift ist mit zahlreichen Abbildungen, Tabellen und einer farbigen Tafel versehen, Preis 17 sh, exkl. Porto.