Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 39 (1934)
- Issue
- Heft 100 (14.12.1934)
- Date
- 1934-12-14
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Ann*Htn«arhlu8 Mir di# Dienstag.Auagab* Montag 10 Uht, für di* Fr*l(*|-Au*g*b* Mittwoch 13 Uhr (Familiensnislgen bi# Donnerstag 10 Ulu) ptf zioHlamus^rstrobt f0r das jOdlschB Volte dte Schaffung einer Öffentlich - rechtlich gesicherten Heimstätte In Palästina. ״Baseler Programm•* / ן—1 1 ץ■■•"* •־ין* Uli ץ •י!; i l J 1 I 1 f י 11 11k In den letzten J,ihren ist in der politischen Diskussion bei 3l!cf! Völkern Europas die Frage nach der Tendern ihrer Entivi rkl 1111 f׳ i״ den Vordergrund getreten: wahrend die einen in erster Linie d i e Kräfte im Vordringen begriffen ״bubten, die eine immer engere Verflechtung der Nationen durch wirtschaftliche und geistige Hände herbei führen, und liier,ms eine Tendenz zum ״I n t c r n a t i o n a I i s m u s“' ablesen wollten, sah mau anderswo die Bemühungen der meisten Völker zur Festigung ihres Natiniialbcwußtseiiis, beobachtete ihre Bestrebungen der wirtschaftlichen Selbstversorgung und;bubte insbesondere in der Hinwendung der jungen Generalion 7u den Werten der eigenen nationalen Vergangenheit finen Sieg der 11״ a t i o n a I c n“ Idee konstatieren zu müssen. In einer ganzen Reihe von Landern, darunter auch in Dcutscli'nul, hat diese Entwicklung zu einer Durchsetzung des nationalen Prinzips (in verschiedenen Schattierungen) gefahrt. Trotzdem bestellt auch in solchen Landern der Wunsch, die geistigen Beziehungen zur Umwelt und die praktische Verflechtung mit dem Schicksal der anderen grollen Nationen rieht abbrechen zu lassen; so ist die notwendige Ergänzung zur nationalen Entwicklung im Innern der Wunsch, mit den änderen Völkern Kontakt zu halten und zu iibernatioaalen V c r s t a 11 d i g u n g s v e r s u c h e 11 zu gelangen. Die Meinung, daß d־׳r ״Nationalismus“ notwendig gegen andere Nationen gerichtet sein mul), ist irrig. Wohl mag es in sielen f allen so sein, aber im Wesen des Nationalisam Hegt es nicht. So gal» cs schon in der Vergangenheit mehrfach Versuche, die nationalen Bewegungen der verschiff, denen Völler zur Erörterung der sie alle berührenden Fragen wf internationaler Basis zusammcnnifassen und dadurch einander rilicrziihringen. Diese Bestrebungen scheinen jetzt konkrete formen arzimchmen. Mit dem Sitz in der Schweiz besteht eine Internationale Arbeitsgemeinschaft der Na• lion al i s 11• n“, die von «lern VÄIkcrrechtslelirer Dr. Keller ins Leben gerufen worden ist und Anfang dieses Monats מ Berlin einen ArbcitskongrcB abhiclt. Nach den Berichten, die über die Tagung in der Presse erschienen sind, lief die Kritik an Jen bisherigen Formen zwischenstaatlicher Bindung, * auf dieser Konferenz geübt wurde, darauf hinaus, daß tarn die Grundbedingungen g e g e 11 s c 11 i g c r A c 11tunC und unbedingter Aufrichtigkeit gefehlt hatten. Diese Gedanken, die, wenn sie in der politischen Praxis verwirklicht werden, geeignet sind, eine neue I’eriode fe Völkerlcbens eiimileitcn, berühren in der Tat auch unser jüdisches Interesse sehr stark.Denn das jüdische •olk als Minder heitsvolk k a t cxochcn, das in allen Lindem, in denen es lebt, die Rolle einer mehr oder weniger Kringfngpcn Minderheit spielt und daher alle Interessenwiflikfe der Völker, in deren Mitte es beheimatet ist, am rigenen leihe noch ״zusätzlich“ zu spüren bekommt, stellt sicherlich positiv zum Gedanken der Ordnung der zwischen- *hatliclicn Beziehungen auf der Basis der gegenseitigen An- «hnniing und des Friedens. Es ist daher für uns von beson- ״«er Bedeutung, daß der oben erwähnte Kongreß und die Weiterhin tätige Arbeitsgemeinschaft 'von einem Völker- und naturgemäß den Rechtsordnung eehtslchrcr geschaffen worden ist .men der internationalen C1nc Aufmerksamkeit schenken mußte. Haniher hinaus aber ist durch die Errichtung des jikli- «neu Natioiiallieirns in Palästina eine besondere Vcr- '1«ntimg des jüdischen Volkes als solchen mit der organi- .'״cn Vdlkerwclt gegeben. Das jüdische Volk ist heute dabei, 7״ dner Periode, in der es in Üeschichtslosigkeit zu ver- '7'״ dr«hte, wieder in die Reihe der lebenden Völker einirrten. Es gibt niemanden im jüdischen Volke, der die ״«idu Oder die Hoffnung hegt, wir Juden könnten als Volk ' ״in den Besitz, eines solchen Maßes politischer ״Macht“ vrTiC"' da״ wir i״ einer Welt, die den Machtstandpunkt nyt 1 ״d das Lebensrecht der einzelnen Völker nur insoteil ant•,keimt, als sie es notfalls auch mit Gewalt vcr- 1gen Rönnen, uns durci1setz.cn könnten. So sehr wir davon film!'e1 si״d> daß das jüdische Volk über die Kräfte versind */c ^’ir a u f b a u e n d e Arbeit notwendig sind, so tief \> 7'f a1d der anderen Seite davon durchdrungen, daß dieses in ׳״ das ^0hlwollcn der anderen Völker braucht und nur dAtmosphäre gedeihen kann, die Recht und Frie- *ur Basis der internationalen Beziehungen macht. ״ •״״ Fragenkomplex einer internationalen Neuordnung der kreis a ®ew״ß*Kewordcnen Völker, der im deutschen Ku tur- 1m v11־ rch an Interesse gewonnen hat, daß Deutschland ... frbund als der wichtigsten Institution des geltenden rcc'ds nicht mehr mitarbeitet und daher zur bisherigen in einem Breskfeis!!? v״״ Völkern?«htsl: WmrrlaKe kritisch Stellung nehmen muß, wird auch C rsvrc«e" Aufsatz von Prof. Dr. O. A. Wal (niflj '1.1,^dt, der im Dezemberheft der Zeitschrift »Y®ll‘er* Im v11״• ydlkcrreclit“ erschienen und in seinen Haupttcilcn Wui, .Ien Beobachter“ vom 7. Dez. abgedruckt ist. Dieser u ״ut dem Titel: ״Nationalsozialismus uad Völkerrecht“ betont zunächst, da(1 das Volk als urs|)1 iingliclic Gemeinseliaft im Vordergrund stellt, und daß der Staat vom Volk aus legitimiert wird, nicht umgekehrt. Hieraus folgt bereits die Anerkennung der fremden Volksgruppen und die Forderung, dal! eine vom Muttervolle abgesplitlertc Volksgruppe in der Rcchtsform der Kult u r a u t o 11 o 111 i c seitens des fremden Staatsverb,־indes anerkannt werden muß. Walz |x>lc111isicrt sodann gegen die sog. ״mimlcrhcitenrechtlichc“ Regelung nach dem ״c g a 1 i t ä r c n“ 'P r i 11 z i p, die anordnet, daß bestimmte Staatsbürger wegen ihrer völkischen Andcrsartigkcit nicht anders, d. h, 11 i c h t u 11 g ii 11 s t i g c r behandelt werden dürfen als die Aiigfhörigen des Herrschcrvolkes. Gegenüber dieser ״nega• tiven“ Behandlung der Andcrsartigkcit fordere der National- Sozialismus die positive Anerkennung des anders gearteten Volksteils und stelle gegen die egalisierende Assi- >11 i I a t i o n s 111 c o r i c die Forderung der völkischen Kulturautonomie. Diese Darlegungen, durch die das Problem der ״Dissiniilation“ in einer neuen Form aufgeworfen wird, sind für uns Juden um so wichtiger, als mau wohl folgern kann, daß die völkerrechtliche Anerkennung der positiven Eigemutcrcsscn nicht nur für diejenigen Volksgruppen zu fordern ist, die von einem ״Muttervolk“ ,־)!»gesplittert sind, sondern auch für ein Mimicrlieitsvolk wie die Juden, das ein staatlich organisiertes Muttcrvolk nicht besitzt und heute auch auf keinem territorial geschlossenen Gebiet eine örtlich begrenzte Mehrheit bildet. Auch das jüdische Volk ist daran interessiert, daß gegenüber der herrschenden Mehrheit der Gedanke der kulturellen Autonomie der Minderheit sich durchsetzt. Allerdings ist diese Forderung bisher stets so verstanden worden, daß die bürge r liehen Rechte der Mimlerlicitsangehörigcn in vollem Umfange gewahrt blieben, und daß zu ilmeti besondere Privilegien h i n z 111 r a t c u, die eben dazu dienen sollten, ihre kulturelle Eigenart gegen den übermächtigen Einfluß der Umwelt zu schützen. Auch die anderen Nationen, die an dem Schutz, der .׳!!»gesplitterten Volksgruppen interessiert sind, haben im allgemeinen den Grundsatz vertreten, daß ihre in fremden Staatsvcrhämlen lebenden Volksgenossen um ihrer nationalen Zugehörigkeit willen nicht ungünstiger behandelt werden d ii r f t c n als die übrigen Staatsbiirgcr. ln Staaten, die als ihr Wesen eine Gemeinschaft von individuell gleichberechtigten Bürgern betrachten, wird daher der Grundsatz des ״egalitären“ Prinzips auf diesem Gebiete wohl auch in Zukunft' nicht aufgegeben werden, und es muß zumindest als sehr fraglich bezeichnet werden, ob die Minoritäten selbst, z. B. auch die deutsche n Volksgruppen im Auslände, bereit wären, als Preis für eine volle Kulturautoiiomie einen Teil ihrer staatsbürgerlichen Rechte hinzugeben. Prof. Walz bekennt sich zum Legalitätsprinzip im Völkcrlebcit und grenzt den Nationalsozialismus vom Faschisimis insofern ab, als dieser das von Sorel gelehrte Prinzip der ״schöpferischen Gewaltanwendung“ akzeptiert habe. Er betont aber, daß das Bekenntnis zur Völkcrrcchtsordmmg in sich die VcrpFichtung zur Verwirklichung einer gerechten Ordnung enthält. Auch damit wird ein Punkt berührt, der uns Juden nahegeht. Die Idee der Ger e c 111 i g k c i t, die von Theoretikern anderer Völker zuweilen wegwerfend beurteilt wird, ist für uns seit den Tagen der Propheten das Grundprinzip menschlichen Lebens. Wir glauben in bezug auf das jüdische Volk, daß seine Lage in der Welt die Erfordernisse der Gerechtigkeit noch nicht erfüllt. Wir erstreben für uns eine neue Lcbcnsmög- I ich k eit durch die Schaffung eines nationalen Zentrums in Palästina und Normalisierung unserer Lage in den Ländern der Zerstreuung. So fern es uns liegt, gegen die Gesellschaft der Nationen als ״Ankläger“ aufzutreten, so stark empfinden wir doch, daß — um das Wort eines englischen Staatsmannes zu gebrauchen — die Völker cs sind, an denen es liegt, ein ״historisches Unrecht“ gutzumachen, das von ihnen durch Jahrhunderte hindurch am jüdischen Volke verübt worden ist. Wir unsererseits glauben, daß das jüdische Volk, wenn ihm die Möglichkeit dazu gegeben sein wird, wesentlich dazu wird beitragen können, die gegenseitige Achtung, Auf*• r i c h t i g k c i t und Gerechtigkeit im Völkerlcben durclipisetzcn. Wir sind Erben und Verwalter einer uralten ethischen Tradition. Die ethischen Qrundcinsicliten in das Verhältnis des menschlichen Zusammenlebens, die das Verhalten des Einzelnen bestimmen sollen, sind auch die Basis der Beziehungen zwischen den Völkern, wie wir sie uns vorstellen. In dieses System des Völkerrechts soll und muß das nationale Prinzip als Bestandteil eingchen, weil ohne seine Anerkennung die Herstellung friedlicher Verhältnisse zwischen den Völkern niemals möglich sein kann, Wir sind heute in Europa und in weiten Teilen der Welt gewiß von der Erreichung eines solchen Idealzu• Standes noch weit entfernt. Daß aber die Wissenschaft und auch Kreise, die der praktischen Politik nahe stehen, sich mit diesen Problemen mehr denn je beschäftigen, zeigt, wie brennend sie empfunden werden. K. L. Die andere Seite der Medaille Von unserem palästinensischen Korrespondenten. g. I. Tel-Awiw, 3. Dezember 1934. Bei den besonderen Verhältnissen, unter denen det Palästina-Aufbau sieh vollzieht, bei der starken Beliebtung durch öffentliches Interesse und Propaganda und den auffallenden Fortschritten der Arbeit ist cs unausbleiblich, daß Leistungen, Erfolge, erfreuliche Erschcinungen, einen viel breiteren Raum in den Berichten einnehmen als Fchlschläge, Schwierigkeiten und Leiden. Die Judenseliaft der Diaspora nimmt die frohen Schiiderungen über den Fortschritt irn Lande, über neue Gründungen, über die Freiheit der Juden in Palästina mit Freuden auf; weniger gern hört man eine Schii* 1^fR> IbUüÜ: Hasse und Wirtschaft / Das Weihnachtsgeschäft und dl• Juden - Juilon und Musikleben / Z11 den Vorgängen an der Wiener Staatsoper — Basel verbietet anti;<(ldUch• Diffamierung — Sombart über Wissenschaft und Rasse — Nöte des Emigranten — Haltung der Araber Bilder nua I’idüstiiiu / Litcralurblntt / Sport derung der Schwierigkeiten. In den schweren Verhältnissen der Diaspora muß man sich den einen hellen Punkt Palästina wahren und rein halten. Jedoch entsteht gerade durch das häufige, an sich berechtigte Hervorheben der erfreulichen Erschcinungen leicht ein einseitiges Bild. Es kommt ja nicht darauf an — und heute schon sicher nicht! — Menschen für Palästina zu interessieren, indem man ihnen erzählt, es sei hier alles schön in Ordnung. Worum cs geht, ist eine Schilderung der L a n d es vc rh ä it » i s se, die den wahren Umständen entspricht, und man kann sich ganz gut darauf verlassen, daß gerade Menschen, die die Bedingungen richtig kennen, eine wahrere und ernstere Einstellung zum Lande erhalten, als die um jeden Preis Begeisterten. Nur durch ernste und ungeschminkte Darstellung wird man den Mensehen, die vor der Auswanderung stehen, auch die Vorbereitung erleichtern und ihnen helfen, indem man durch Rügen von Mißständen zu deren Abstellung beiträgt. Es ist im letzten Jahre viel über die deutsche Ein- Wanderung geschrieben und immer wieder betont wor* den, wie hier in Palästina für Tausende eine Zuflucht geschaffen wurde. Das ist richtig, und noch mehr: Wir haben erst kürzlich von den sichtbaren Erfolgen der deutschen Immigration erzählt, von der Gründung von Siedlungen, der starken Bertifsiimschichtung, dem deutsch* jüdischen Arbeiter in der Plantage und auf dem Bau. Um das Bild zu vervollständigen, scheint cs geboten, auch einmal die andere Seite der Medaille zu betrachten und zu zeigen, mit welchen Schwierigkeiten ein Teil der deutschen Juden und die neue Einwanderung überhaupt irn Lande zu kämpfen hat, und wie das ״Einlebcn“ für viele doch zu einem äußerst komplizierten Problem wird. Wir sprechen heute also nicht von denen, die bereits ihren Platz gefunden haben, sondern von den Sorgen jenes Teiles, der sich noch nicht cingeordnet fühlt. Zuerst kommt der Kampf um die Existenz. Gewiß, wir stehen in einer Konjunktur in Palästina, und es hat sich — auch ohne Umschichtung — eine weit größere Anzahl von Menschen einen Platz im Wirtschaftsleben geschaffen, als man je träumen konnte. Aber cs bleiben viele übrig, die nur eine Arbeit finden konnten, der sie nicht völlig gewachsen sind, auf die sic sich erst umstellen müssen. Es bleiben viele, die ein Geschäft, irgendein Unternehmen angefaugen haben, und jetzt darum hangen und bangen, ob sie auch genügend für ihren und der Familie Unterhalt heraussclilagen werden. Es gibt viele — man denke an die berühmten Tausendpfund-Kapitalistcn, die die erste Zeit investieren und zuschießen können, aber nach und nach von der Angst befallen werden, ob sie auch noch genügend Mittel in der Hand haben, um auszuhalten, bis sie ״rentabel“ geworden sind. In dem Kampf um die Existenz, rächt sich bei vielen die mangelnde Kenntnis der Landesverhält• nisse. Sie sind, vom ersten Moment an und auf lange Zeit hinaus bei jedem Schritte auf den Rat und die Unterstützung der alten landeskundigen Palästinenser angewiesen. Man wird hier zugeben müssen, daß eine Reihe von diesen in den letzten Jahren viel Zeit und Kraft den Neuen gewidmet haben (besonders die HOS. hat hier Gutes geleistet), aber man wird andererseits