Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 39 (1934)
- Issue
- Heft 94 (23.11.1934)
- Date
- 1934-11-23
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Kl Uhr) Dir Zlonlsmu* erstrebt IQr das indische Volk die Schaffung einer Cttentltch - rechtlich gesicherten Helmst&tte In Palästina. ״Baseler Programm•• .it» Eiglcmi und die Oiienlirage Das Erscheinen des Berichtes über die geplanten tonslitutioiicllen Aciulerungen in Indien ist ein Ereignis von größter Bedeutung für die gesamte Weltpolitik. Denn |,ci der engen Verflochtenheit aller Wcltproblcme und bei der Fernwirkung, die große innere Ereignisse eines Reiches auf die Politik der anderen Großmächte aus/.uuln'tt pflegen, ergeben sich bei einem politischen Ereignis häufig Konsequenzen, die auf den ersten Blick damit nichts zu tun haben. Abgesehen aber davon zeigt die indische Frage, die das Schicksal von dreihundert Mil- Ionen Menschen betrifft, so recht den Wandel der Volkerslriiktur und der grundlegenden Anschauungen in unserer Zeit. Die ״Times“ nennt den Bericht über Indien die gmindliflutc und erschöpfendste Untersuchung konsti־ tutioncllcr Aenderungen, die jemals in der Geschichte des britischen Reiches, wenn nicht der ganzen Welt, unternommen worden ist“. Die Frage wird in den nachsten Wochen nicht aus den Spalten der Zeitungen verschwinde 11. Es ist bekannt, daß die Opposition gegen den Bericht von zwei Seiten kommt, von seiten der größere demokratische Freiheiten beanspruchenden indischen Nationalpartei, unterstützt von radikal linksgerichteten Elementen Englands, und von einer von Churchill geführten Gnippe der Konservativen, die in dem Beginn einer Demokratisierung Indiens eine Gefährdung des ganzen Baues des britischen Reiches sicht. Aus dieser Opposition, von der man bereits eine Spaltung der Konservativen Partei befürchtet, kann eine Aufrollung der ge*!amten inneren Politik Englands kommen, die sich dann cm die Hauptfrage der Methode der Bcherfschung kolonialer Völker drehen wird: ob diese Herrschaft kraft Gewalt oder aber durch Einvernehmen erfolgen soll. Das aber ist eine Problemstellung, die die englische Politik nach dem Kriege durchzieht und die, neben ihrem allgemeinen menschlichen und politischen Rang, für uns eine spezielle Bedeutung hat, weil auch Palästina und die Errichtung des Jüdisehen Nationalhcims in diesen Problemkreis einkrogen worden ist. Viele Ereignisse der Palästinapolitik, p ihre ganze innere Entwicklung seit 1917, werden erst dann verständlich, wenn mail sie in diesen Rahmen ge- Hellt sieht. Die zionistische Welt war vielfach geneigt, Palästina völlig isoliert zu sehen und glaubte, die jüdische Politik könne darin bestehen, bei jeder ein-!einen Maßnahme der Mandatarmacht Lol) oder Protest w äußern — meist war es Protest —, ohne die Macht und Chancen solcher Stellungnahme an dem wirklichen ^'esen der cntgcgensteheiiden Momente zu messen. Wir naben jetzt zu der ersten Nachkriegsperiode die nötige Distanz gewonnen, um sic auch mit anderen Augen betrachten zu können. Und da leistet uns ein jetzt in dcut- Scl1cr Sprache vorliegendes Buch außerordentliche jauste, das die entscheidende Phase der Nachkriegs- Diplomatie vor uns erstehen läßt. Harold Nicol so 11, uivatsekretiir Lord Curzons, öffnet —t wie schon in sei« "c!!1 Buch ״Fricdensmaclier 1919“ einen Blick hinter “le Kulissen; sein Buch ״Curzon, The last Phase“ ist u״*cr den! Titel ״N a c 11 k r i e g s d i p 10 m a t i e“ in vor-!uglidier Uchcrsetzung von Hans Reisiger vom Verlag ’ Äscher, Berlin, herausgegeben worden. Lord Curzon war ein imperial gerichteter Mann, lc.Angelegenheiten des europäischen Kontinents inter« Werten ihn weniger; so kommt es, daß auch dieses 1*di fast ganz der orientalischen Frage ge- 1uiiet i;t. Palästina, so sei gleich bemerkt, wird ’«nicht erwähnt; dies mag auch damit zusam- וי-י!längen, daß die Palästinapolitik bald nach der Kon* rc11!- von San Remo dem Kolonialamt, dessen Chef ״״?ni 'Var* unterstellt wurde, während Curzon Außen- TtiT״ War• Aber die Auseinandersetzung mit _ den K,;.'cn..dcr griechisch-türkische Krieg, der ägyptische b '011alismus, das Ringen um Mossul usw., die in der s״ a11t UfM spannend geschriebenen Darstellung Nicol- Vor' a's dramatische Kapitel der Nachkriegsgeschichte tisclU״S c.rs^cDcn, zeigen deutlich den allgemeinen poli*. j1j,i’Cn ^Hintergrund, auf dem sich auch die viele Zio* ab enttäuschende Palästinapolitik Englands (CM<riegsdiplomatie, als deren ״Schulfall“ Miß״״ . ci Türkei behandelt, hatte, so sagt er, das fof1t?Cfr0t■ *ö sic S’C*J der Herrschaft zweier me‘n •«geliefert sah: einerseits galt noch die Nir ״römische“ Formel der ״Autorität“, andererseits war die ״amerikanische“ Formel von der ״Zustimmung“ proklamiert worden. Aus dieser Unlogik war kein Ausweg möglich. Dazu kommt noch, daß die Demokratisierung, die während des Krieges gewaltige Fortschritte gemacht hat, cs den Staatsmännern unmöglich machte, das von ihnen als richtig Erkannte durchzuführen; sie mußten ״Die Juden in Bewegung" Die ״National-Zeltung“, Essen, vom 2t. 11. berichtet in einem Aufsatz ״Die Juden in Bewegung“ über die zionistische Bewegung, schildert deren Arbeit (u. a. auch die zionistischen Büros in der Mcinckcstraßc) und gibt eine Anzahl von Daten über den Fortschritt des Aufbau- Werkes. Allerdings scheint der Verfasser die wahre Bcdcutung des Zionismus für das jüdische Volk und auch das deutsche Judentum noch nicht erkannt zu haben. Sonst würde er nicht folgende Sätze in seinem Bericht schreiben: ״Pie Juden in Deutschland haben das richtige Gefühl, daß sic unter dem nalkm.ilsoiialistUrhen Regime machtpolitisch au»• gespielt hs11*-n. Da» Uleiben ist ihnen daher verleidet, und sie tasten nun sunfichst die Ideologie des Zionismus ab, der sie aber nicht au *!*!titancr Tut hochreinen kann, dn ihn nichts inncwohnt, was den Juden begeistern könnte. Das Ziel Palästina winkt zwar in absehbarer Zeit, aber cs hat für den Juden den bitteren Beigeschmack, daß er dort von der eigenen Hände Arbeit leben soll.“ Ihm scheint nicht bekannt zu sein, daß seit dem Frühjahr 1933 bis heute etwa 18000 Juden aus Deutschland nach Palästina gegangen sind, und daß ein erheblicher Teil von ihnen den Weg zur körperlichen Arbeit in Stadt und Land gefunden hat. Daß wir Zionisten unserer eigenen Arbeit in Palästina mit ehrlicher Selbstkritik gcgcnüherstchen, zeigt gerade, wie stark der Wille des jüdische« Volkes zu einer neuen Fundierung seiner sozialen und kulturellen Grundlagen ist. Wenn man die deutsche Ocffcntlichkcit über diese auch für die Völker, in deren Mitte die Juden leben, wichtige Erscheinung unterrichten will, so wäre es besser, die Tatsachen für sich selbst sprechen zu lassen und sic nicht mit Urteilen zu verbinden, die geeignet sind, ein falsches Bild von den wirklichen Zusammenhängen zu geben. vielmehr stets darauf bedacht sein, sich mit der Volks- Stimmung und mit populären Parolen und Hoffnungen nicht in Widerspruch zu setzen. Wie verhängnisvoll dieser Zwiespalt war, zeigt Nicolson an der Rcparations- Politik. Die englischen Minister, sowohl Lloyd George als auch Curz.011, sahen die völlige Unsinnigkcit und Undurchführbarkcit der Rcparationsfordcrungcn ein, aber da die siegreichen Völker hofften, die deutschen Zahlungen würden ihr Staatsbudget auffüllcn, so konnte kein Staatsmann die. Wahrheit sagen. Die Rücksicht auf die Volksstimmung beherrschte auch die ganze Orient- Politik. Eindrucksvoll zeigt uns Nicolson den nach dem Sieg in England cingctrctencn völligen Zusammenbruch des Kanipfwillens, die beispiellose Kriegsmüdigkeit, die jeden politischen Verzicht einer neuen Verwicklung vorzog und die zur Folge hatte, daß an sich machtpolitisch unbedeutende, aber entschlossene Völker sich gegenüber dem Willen der Großmächte durchsetzen konnten. Viele zionistische Kongreß-Besucher werden sich der Reden Dr. Wcizmanns auf den ersten Nachkricgs-Kongrcsscn erinnern, als eine ungestüme zionistisehe Opposition int Namen des englischen Imperialismus eine Niederwerfung des arabischen Widerstandes in Palästina forderte und der zionistische Führer, der keineswegs Koimnandogewalt über englische Armeen hatte, die undankbare Aufgabe auf sich nahm, seinen Hörern klarzumachen, daß nicht die mindeste Chance dafür besteht, England für eine solche Politik zu gewinnen — ganz abgesehen von der von vielen (auch von uns) damals nngezweifelten Frage, ob eine solche Poli« tik auf lange Sicht im jüdischen Interesse gelegen hätte. Es war jene Zeit, als eine mächtige demagogische Gruppe in England die Räumung Palästinas und Meso* potamiens propagierte, um zu verhüten, daß England in irgendwelche Verwicklungen Iiincingezogcn wird. Diesen Einflüssen gegenüber konnte, so wußte Dr. Wcizmann, die zionistische Position nur behauptet werden, wenn man der englischen Ocffcntlichkcit allmählich klar machte, daß der Zionismus keine derartige Belastung der englischen Außenpolitik bedeute. Herbert Samuels Politik des Ausgleichs, die freilich mit einer Herab« inindcrung der ursprünglichen, seit 1917 in den jüdisehen Volksinasscn verbreiteten Vorstellung eines Juden- Staates verbunden war, erfüllte den Zweck, die öffentliehe Meinung Englands mit dem Palästina-Experiment zu versöhnen. Neben dieser Kriegsmüdigkeit Englands war der zweite entscheidende Faktor in der Orientpolitik Wcnichopes Ankimli in Palästina mm ׳11.1׳»»» St. ' Der High Commlssioncr Sir Arthur Wauehope bei seiner Ankunft auf dem Flugplatz Callandia bei Jerusalem, ln der Milte des Bildes der High Commissioner im Gespräch mit Mr. Pcarce, dem Kommandeur der palästinensischen Luft• Btrcithräfle; ganz rechts Mr. Hall, der Chcfsehretär des lligh Commissiancrs Foto; Lata« Düniuv der Nachkriegszeit die Entstehung eines modernen Nationalismus im Orient nach dem Vorbild der europäischen Nationaibewcgungcn. Dieser National«• mus, so sagt Nicolson, schuf eine Lage, bei der die ״Zustimmung“ der Regierten zur europäischen Herrschaft sehr unwahrscheinlich war. Man half sich daher mit einer eingebildeten Zustimmung, und mit dieser Selbsttäuschung war keine konsequente Politik zu machen. Ein dritter Faktor, der die politische Lage im Orient zu einer völlig chaotischen machte, war die Entzweiung zwischen England und Frankreich, die zeitweise die Form eines direkten erbitterten Gegencinanderarbcitens annahm. Bei der Behandlung der Türkei spielten auf eng- Hschcr Seite auch andere imperiale Interessen mit. Gegen den Plan Lord Curzons, die Türkei endgültig aus Europa zu vertreiben und ihr Konstantinopel zu nehmen, erhob sich der damalige Staatssekretär für Indien, Edwin Montagu, bekanntlich ein Jude, den Nicolson folgendermaßen charakterisiert: ״Eine kluge, charaktervolle, schwermütige Natur mit tiefen, wenn auch düsteren Ucbcrzeugungen und schlichten Liebhabereien — wie etwa für Vögel und unterdrückte Nationen“. Montagu fürchtete die Opposition der indischen Mohammedaner; aus diesem Grunde war er bekanntlich auch schon während des Krieges ein entschiedener Gegner der zionistenfreundiiehen Politik Balfours. Nicolson ist über« zeugt, daß Montagu das Wesen des Panislamismus ebenso verkannte, wie den Kern der türkischcn Frage. Denn die indische Kalifatsbewegung sei, wie Curzon richtig gesehen habe, künstlich gewesen, und mit einem fait accompli hätten sich die indisehen Moslems sicher schnell abgefunden. Hierzu kommt noch, daß die kemalistische Türkei ja antireligiös war, nationalistisch im europäischen Sinn, keineswegs an panislamische Motive appellierend. Trotzdem siegte im Kabinett damals Montagu. Eine radikale Lösung in bezug auf Konstantinopcl kam nicht zustande, dafür aber kam es zu allerlei Abenteuern in Kleinasicn. In gewaltiger Steigerung entwickeln sich die Ereignisse, die Griechen werden nach dem Sturz Venizelos’ von den Alliierten im Stich gelassen und nach einem qualvollen Hin und Her, wobei England versäumte, den Griechen die volle! Wahrheit zu sagen und sie zur Räumung Kleinasicns zu veranlassen, kommt dann die fürchterliche griechische Niederlage. Bald darauf fällt Lloyd George. Parallel zu diesen Vorgängen geht die Entwlck» 1 ung Aegyptens. Auch in Aegypten hat sich England durch formale Bedenken und später durch die neue anti-imperialistische Mentalität abhalten lassen, Aegypten zu annektieren, und auch hier führte das Kompromiß zu keinem Erfolg. Englands Politik in Aegypten, so sagt Nicolson, war auf einen Ausgleich mit Zaghlul gerichtet, obwohl dieser Ausgleich unmöglich war, was man sich aber nicht eingcstchen wollte. In den zwei Jahren nach Kriegsende kam es zu sechs verschiedenen Aufstän». den des Ostens gegen den Westen: die ägyptische EmJ