Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 39 (1934)
- Issue
- Heft 93 (20.11.1934)
- Date
- 1934-11-20
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Annahmtschluft für die Dienetas-Ausfabe Montag 10 Ubr, für die Frelfag.Aua^ab« Mittwoch 13 Uhr (Farailienanteigen hie Donneretag 10 Uhr) Helmstitte In PalBstlna. ״Baseler Programm*• er-'-O ץ*?י׳״ TI /fS* »!י״\ ü Gniu^:1׳ ׳ aCiiH זה־!; j'c^rT3! 8■»»1■ ״L Cia^tir *MP 111 g וייייי ויי"» Amerikanische Reisebriefe RI Von Ern*f Kahn, New York*). |)cr dculsclic Jude, und namentlich der junge, erwartet von Kennern und Besuchern fremder Länder angstvoll eine;:!re Antwort auf die Frage: Wo sind Möglichkeiten ihr «,ich? Und der Kenner fremder Länder? Er ist mit seiner Anueort womöglich noch ängstlicher. Denn er weifi sich in;iner totalen Zwickmühle: Die naheliegende und leider auch H'greifliclu' Negierung jener Frage führt zu schlimmen Fol•;in. Die opt iuistische Bejahung von Auswanderungsmöglich• ,eilen aber birgt eine Verantwortung in sich, die kein ge• *isscnhalter Mensch tragen kann. Vielleicht diene ich dem Leser am besten, wenn ich in den Anfang meiner Ausführungen jene Auffassung über An Emigranteiiprohlem stelle, die ich vor meiner Studienfahrt durch die Vereinigten Staa^ni schon an dieser Stelle geäußert :nie, zu einer Zeit also, in der ich durch Sachkenntnisse skr die derzeitige amerikanische Lage in meinem Urteil sicht getrübt war. Damals vertrat ich den Standpunkt, daß für jene 70000 Hs כל (WO Juden, die bisher Deutschland verlassen haben, sid für eine vielleicht ähnlich große Zahl, die in den nächsten Jahren ihr Geburtsland verlassen wollen oder müssen, keine i'itcntlüsung vorhanden sei. Kein Land, auch nicht Palästina, ann sie zurzeit alle oder auch mir zum größeren Teil bei ״cli aufnehmen. Sie müssen über Dutzende von Staaten ver• kli werden, wobei natürlich die Aufnahmefähigkeit der ein-;einen Gebiete grundverschieden ist. Unter den in Frage ioüimenden Ländern nannte ich die Vereinigten Staaten an;weiter oder dritter Stelle, und die Aufnahmemöglichkeit idiat/te ich zur Zeit zwischen 5000 und 10 (KM). Selbstvcr•' 1'imllidi hatte ich dabei an kein blühendes, von Hochkonjunktur tjünstigtes Amerika gedacht. Denn unter normalen Verullnissen wäre wirtschaftlich seihst eine jüdische Einnmknmg von 50 000 und mehr in einem einzigen Jahr zu '״(lauen gewesen. Das zeigt ja die Geschichte der ost• rurpäischen Länder in den Jahrzehnten vor dem Krieg. (Die;tsctzlichcn Schwierigkeiten mögen für den Augenblick uncr* ,dort bleiben.) Aber das ist ja die besondere Erschwerung »eres rmigrantcnproblcms: w׳ic fast überall ist die Welt* Hins und vor allem die Massenarbeitslosigkeit auch hier :och lange nicht überwunden. Wie deckt sich jene theoretische Ucberlcgung mit den praktischen Eindrücken? Im großen und ganzen bestätigt Unterhaltung mit Eingewanderten und Einheimischen jene Mfassiuig. Bevor alter die hiesigen Möglichkeiten erörtert werden, l<! cs unbedingte Pflicht, mit allergrößtem Nachdruck auf ^Schwierigkeiten ״nd Hemmungen hinzuweisen. man möge die folgenden Zeilen keineswegs leicht nehmen *tcr ühcrlescn: Emigrantcnscliicksal ist nie eine reine Freude; diejenigen, die sich wirklich glücklich im Ausland fühlen,!!״d dünn gesät, auch w׳enn sic eine Stellung «)der gar *'« geeignete Stellung errungen haben. Erst im Ausland wird Menschen bewußt, w i c sie an Deutschland hängen, ,1'sic in Deutschland verwurzelt waren und sind. , Deutschland erfreut sich — und das ist nicht etwa eine '״"eilige subjektive Auffassung — wie nur ganz wenige ',״iler der Welt eines seltenen Zusammentreffens von natiirilicn Schönheiten mit Seele, gutem Klima und materieller ,!iltiir. Deutschland hat in den Jahrzehnten nach der Reichs• ׳״utulung zu dem alten Besitz an geistigen Schätzen soviel wnsfreude durch die Entwicklung von Sport, Naturgenuß, ü ohnungswesen usw, hinzugefügt, wie kein anderes Volk Welt, Das empfindet der Auswanderer auf Schritt und '1,l• F.r empfindet es doppelt, da nur den Allerwenigsten der fj'^anR rum Kulturleben der neuen Heimat offene,teht. Dazu 15 t an tJcr Beherrschung der Landessprache — eine Üh i mchr 011 cr weniger leidlich, mit mehr oder weniger I «Mn״ Akzent sprechen und sie meistern ist ein liimmel- |d Unlc-schied — dazu fehlt ihm die Freundschaft zu I ״ einheimischen — der Einwanderer verkehrt vorwiegend ,״^וי'«gleichen, und die Wohnungen der anderen sind ihm tau!״,n,er versperrt —, dazu fehlt ihm schließlich leider , ' immer die Kenntnis der Literatur und Geschichte der l’iü11,*0^ ״s,üttc, was wiederum gar zu leicht zu einer j crsc'1ätzung der Kulturgüter in der Fremde verleitet. L 1'^ S0 ist die Lage des Emigranten um so tragischer, r cr ®n Gutem und Schönem zu Hause in sich auf- : ״0"״men hatte. das «״«* an Ocde und Depression auslöst, kann tnii n,'SScn׳ der in den letzten zwei Jahren die jüdischen und k! en aus Deutschland in Amsterdam, Paris, London l niuW York beobachtet hat. ' 051,; a"ts das schon für die zu Arbeit und Auskommen! ',ot! ir 80 '8* der Zustand jener von Land zu Land, i fhr״dP°m1!ee zu Komitee Ziehenden, nach einer Bleibe Sulm1״cr wieder Enttäuschten, geradezu - k r i t i s c h. I!Siehe Nr, 89 und 90 der ״jüdischen Rundschau“. Ein Arzt würde unschwer typische Krankhcitscrschcinungcn, eine Art ״Emigranten-Neurasthcnic“ feststcllen können: der quälende Gedanke, daß die Aufenthaltserlaubnis abläult, die Tat sachc, daß die Sparpfennige täglich abnehmen, das ewige Warten in den Komitees und anderswo erfordern tatsächlich besonders gesunde Nerven. Dieses Emigrantcnscliicksal wird natürlich hier in den Vereinigten Staaten mindestens ebenso empfunden wie anderswo. In einer Beziehung vielleicht noch stärker: Amerika ist auch heute noch ein neues Land mit weniger Tradition, man ist weiter von den zurückgebliebenen Angehörigen ent• fernt; das für das Wohlergehen so wichtige Klima ist nicht gerade ideal, in den meisten Landcstcilcn ist der Sommer wesentlich heißer und luftfciichtcr, der Winter wesentlich kälter als in Mitteleuropa. Andererseits freilich ist gerade die Entfernung von zu Hause ein wirksamerer Zwang zum Umstellen. Dieses Umstellen ist ja eine der ersten Voraussctzungen zum Erfolg. Gleichgültig, was man sich in einer Geheim• kammer an Hcimntslicbc und Heimatserinnerungen bewahrt — im täglichen Leben, im Gespräch mit anderen ist ein Mindestmaß von Einfühlen unerläßlich, sonst ist der Versuch des Wurzelfassens von vornherein zum Mißerfolg verurteil(. Und da scheitern so furchtbar viele. Was die ungeschickte, taktlose Haltung mancher Immigranten diesen selbst, aber auch anderen geschadet hat, das wissen die Wenigsten. In der Praxis ist das alles so ganz anders, als man sich das manchmal in Berlin vorstellt; die deutschen Juden, die wir hier im Ausland beobachten, fallen — mit ganz wenigen Aus• nahmen — nicht dadurch auf, daß sie ״gegen Deutschland hetzen“, sondern durch das fortwährende Hervorkehron ihrer 'Anhänglichkeit an Deutschland. Das macht ihnen gewiß menschlich alle Ehre; aber unrichtig ist cs, dies mit einer Herabsetzung des Eiiiwandeningslamles zu verbinden. Es wäre z. B, klüger, wenn die Immigranten ungefragt die ständigen Vergleiche zu Lasten des Auslandes Unterließen. Eine gewisse 'Ucberlicblichkcit in dieser Beziehung wird immer beklagt und führt häufig zur Abweisung von Stellungsuchcndcn. Womit nicht gesagt sein soll, daß nun immer diese die Schuld tragen — nein, cs ist 111m mal seit ewigen Zeiten das Schicksal des Immigranten, daß cr gar zu gerne überkritisch bcobaclitet, schlecht bezahlt und auch sonst ausgenutzt wird. (Das ist, nebenbei bemerkt, der Grund, warum die englische Regierung die Erteilung von Arbeitscrlaubnisscn für Einwanderer u.a. von einer genügenden Bezahlung abhängig macht.) Doch zurück zu dem Spczialproblcm Amerika. Wäre Europa in normalen wirtschaftlichen Verhältnissen, wäre vor allem Palästina für Einwanderer restlos offen und für ihre Gesamtheit aufnahmefähig, so würde man im großen und ganzen für den Augenblick vor der Einwanderung hierher eher abraten müssen (wenn man von jener Handvoll Spezialisten ahsicht, für die schließlich auch anderswo die Tore offcnstchen). Denn man darf nicht vergessen: die Vereinigten Staaten haben heute etwa zehn Millionen Arbeit!lose! Und cs gibt Berufe, wich• tige Berufe, in denen fast hundert Prozent der darin einst Beschäftigten auf der Straße liegen, wie etwa im Baugewerbe bis hinauf zu den Architekten, die sämtlich in einer geradezu verzweifelten Lage sind. Da aber Europa in keiner normalen Lage ist, und da Palästina selbst unsere Jugend nicht im vollen Bedarf aufnimm♦, und da trotz aller Bedenken Tausende zur Auswanderung bereitstehen, und da schließlich unter gewissen Voraussetzungen eine zum mindesten vor• übergehende Abwesenheit von zu Hanse noch nie geschadet hat, so können wir nicht warten, bis dieses größte Wirtselmftsgcbiet der Welt wieder in Hochblüte steht und Einladungcn zum Herüberkommen versendet. Die Fragestellung ist deshalb eine andere: Sind in Amerika unter gewissen Voraussetzungen für gewisse Berufe und AI* tcrsklasscn bescheidene Lebens nt öglic h k c i t c n gegeben? Und diese Frage ist nicht unbedingt zu verneinen. Tatsächlich sind bereits etwa 5000 deutsche Juden in den letzten zwei Jahren hierher gekommen. Das mag als ein günstiges und ein ungünstiges Symntom gedeutet werden. Günstig insofern, als doch diese Zahl für eine gewisse Aufnahmefähigkeit des Landes auch in der Depression spricht, wenn auch jene 5000 keineswegs als gesichert gelten können und nicht wenige noch auf der Suche nach einer Stellung sind; 1111 g ü n s t i g, weil damit für den Augenblick ein erheblieber Teil der Möglichkeiten des Landes ausgeschöpft ist. Das ist wie folgt zu verstehen: Die Aufnahmekapazität der Einwandcrimgsländcr für uns wird —- ganz abgesehen von den gesetzlichen Bestimmungen — von psychologi* sehen Momenten und dem Arbeit» markt bestimmt. Die psychologischen Momente aber werden namentlich von der Hilfsbereitschaft der ortsansässigen Juden in erster Linie abhängen. Diese wiederum erreicht an einem gewissen Punkt ihre Grenzen: kommen zu viele Stellnngssuchcndc, so treten leider bedenkliche Ermüdungserscheinungen ein. Der eine hilft dem ersten und zweiten, der andere hält bis zum zehnten durch — aber diejenigen, die auch dem letzten den Weg ebnen wollen und auch können, sind dünn gesät. Das hingt selbstverständlich mit den Verhältnissen auf dem Arbeit*« markt zusammen. Hier wiederum ist, namentlich in Depressionszcilcn, die Aufnahmefähigkeit bald erschöpft. Nach einer gewissen Uebcrgangs/cit — so ist zu hoffen — werden allmählich die zuerst Ausgewanderten festen Fuß fassen und 9700 Zerfifikate bewilligt Jerusalem 15. November. (JTA.) Die Pal!lstlna-Rc* glcrung hat für das kommende Halbjahr 9700 Arbeiter* clnwandcrungs-Zcrtlflkatc bewilligt. Gegenüber der Anforderung der Jcwish Agency, die 18 600 Zertilikate betraf, bedeutet die neue Quote eine Kürzung um 47 *#. 2200 Zertifikate wurden für Einwanderer, die ohne Erlaubnis Ins Land gekommen sind, und für Touristen, die um die Bewilligung des dauernden Aufenthalts angcsucht haben, zurückbehalten. Wenn auch die Jcwish Agency feststcllen kann, daß die jetzige Sclicdtile größer ist als die früheren, so weist sic doch darauf hin, daß die Zahl der bewilligten Zertifi* kate keineswegs ausreicht, um das Minimum des bei dem starken Arbeitcrmangel bestellenden Bedarfs nach ncucinwaudcrndcn Arbeitern zu decken. Die Jcwish Agency setzt daher ihre Bemühungen um Erhöhung der Zer* titikatczahl für jüdische Arbeiter fort. Für ein ungestörtes Weihnachtsgeschäft Mitteilung des Reichswirtschaitsminfsieriunu Das Rcichswirtxchaftsministcrium teilt mit: ״per Relchswirtschaftsministcr hat in einem Schreiben an die Landesregierungen und die beteiligten Stellen der Wirtschaft mitgeteilt, daß die gleichen Grunde, die ihn im vorigen Jahre im Interesse der Arbeitsbeschaffung veranlaßten, sich für eine ungestörte Abwicklung des Weih* nachtsgesehäfts einzusetzen, auch in diesem Jahre vorliegen. Mit Rücksicht auf die wirtschaftliche Lage Deutschlands, insbesondere im Interesse der Erhaltung und Schaltung von Arbeitsgelegenheit fiir deutsche Volksgenossen, hält der Rcichswirtschaftsminister einen völlig reibungslosen Ablauf des Weihnachtsgeschäftes für erforderlich. Er hat datier sein Rundschreiben an die Landesregierungen vom 16. Dezember 1033 erneuert und genaueste Beobachtung der in dem Rundschreiben enthaltenen Grundsätze den in Frage komniemlen Stellen zur Pflicht gemacht. Die Landesregierungen haben somit auch in diesem Jahre jeder Störung des Wcibnachts* gesell ä ft es nachdrücklich eiitgegenziitrcten. Es soll sowohl der unbeeinträchtigte Verkauf von Weih* nachtsgeschcnkcn und Christbaumschmuck, als auch eine ungebinderte Werbung In den Formen und In dem Rahmen, wie sie auch für Waren- und Kaufhäuser, Elnheitsnrels- und Fllialgescbäfle sowie für nlrhtarlsche Betriebe für den Weih* nachtsverkauf seit langem üblich sind — z. B. durch Aus- Schmückung der Verkaufsräume, Schaufenster und Waren mit Tannenbäumen, Tanncngrün und Lametta — sichergestellt werden.“ Der ״Völkische Beobachter" vom 18. November bemerkt hierzu: ״Die bekannten Anordnungen der Partei und ihrer Or* ganisationen werden hierdurch selbstverständlich nicht berührt." dadurch ihren nachdrängciulen Freunden, Verwandten und Empfohlenen die Wege ebnen. Das lehrt die Geschichte jeder, besonders aber jeder jüdischen Auswanderung. Der erdrückende Teil der aus Deutschland Kommenden bleibt bisher in New׳ York hängen. Das mag aus tausend Gründen begreiflich sein: Scheu vor den Reisekosten nach dem Innern, mehr Bekannte in New York usw. Trotzdem ist dieses Kleben an der Metropolis aus tausendundein Gründen bedauerlich; Drinnen im Lande mit seinen sehr großen Gemeinden sind die maßgebenden, meistens sehr hilfsbereiten, Menschen nicht so überlaufen wie in der Weltstadt, die Kon* kurrenz ist nicht so groß, das Leben meistens viel billiger und nicht seiten auch angenehmer. Wer Beziehungen außerhalb New Yorks hat, sollte sich deshalb auf diese stützen. Naturgemäß stehen einer gesunden geographischen Verteilung gewichtige Hindernisse entgegen. Und damit kommen wir aut die einzelnen Berufe: Es sollen beispielsweise in New York bereits 200 deutsch-jüdische Aerzte leben, während ich in den anderen Städten verhältnismäßig selten solchen Medizinern begegnet bin. Allgemein hält man mit jener Zahl den Sättigungspunkt vorerst für erreicht und rät dazu, jetzt eine Pause cintreten zu lassen, denn die Bctätigungsmögiichkeitcn sind in Anbetracht der zum Teil hervorragend geschulten einheimischen Aerzte begrenzt, und auch diese klagen darüber, daß sich in den Depressionsjahren hier eine erschreckende Abneigung in der Bezahlung von Doktorreehnungen herausgebildet habe. Ein Grund nun, warum die Mediziner vorwiegend im Staate New York bleiben, liegt in den Bestimmungen, wonach hier deutsche Aerzte mit Praxis bisher ohne größere Schwierigkeiten die Erlaubnis zur Niederlassung erhalten, während anders die Dinge etwas verwickelter liegen. Aber auch im