Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 39 (1934)
- Issue
- Heft 90 (9.11.1934)
- Date
- 1934-11-09
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2651273-2653452-2653535--25988-2683159- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
i Jahrgang 39 Preis RMA25 1וד־*ין Zz^ cl Ja u ״»״J I. ״״L *׳-—״ .י*',•״,*11.0,,״ ■• An*el*en*orw.H«n*, B.rJIo WIS, Molnokoalr. 10 f\rtjl!S״nfn^’^r* ^*m״rck 3*81/82» 7165-70.7240/42. - Bnxugspreia pro Monat rro Qtistul HM 5.75. — Po«fschcck*Kont•«» der Abonnements * Abteilung: «1573 (fikr Crof'Rtflln), Berlin 17 392 (für da• übrige Kelch)• Ausland•« Ufidsewihrun«. - Urm&mlnt Jeden DU-1״tag und Fr«lUff, BERLIN ב׳ כסלו תרצ״ה FREITAG, 9. NOVEMBER 1934 AmelgsnUrlfi Dis S2geep«Hen• 13M 0,20. iflr Sicllengnsuche KM 0,10* für FemiHennachrichien RM 0,15. Fintelanreigrn nur gsgen Vorsusrahliinf ■ae Scheiter oder ■ul Pottecheck-Komo Berlin 71618 Montag bis Donnerstag 9—18 Ubr Freitag 9—15 Uhr. Annehtneechluft für die Dienatag-Auigsbe Montag 10 Uhr, für dl• Frcitag.Ausgah• Mittwoch 1) Uhr (FemiUenanrsigan bis Donnerstag 10 Uhr> p,r Zlonlsmu» erstrebt IQr das jUdlscho Volk die Schäftung einer Öffentlich - rechtlich gesicherten Heimstätte In Palästina. ״Baseler Programm** Von Ernst Kahn (1. Teil s. in Nr. 89) 0n f ך־) ף וווו A V.^'te-4 IteaW Jüdisches Erlebnis , Wer vergangene Woche in einer Veranstaltung des j berliner Kuluirbundcs anwesend war, wurde Zeuge jjncs merkwürdigen Vorgangs, der mehr Licht auf die! wahre Situation des deutschen Judentums wirft als so : ״״nchc klugen Befrachtungen von Rednern und Schrei- (icrn. Ms nach einer belanglosen Folge abgestandener! Kabarett-Vorführungen, wie sic leider dem bisherigen! $tü des Kulturbundes entsprechen, in einer zweiten Ab- 1 idiiung ostjiiclischc Volkslieder dargestellt wurden, ging : ein Erwache״ durch das ganze Haus, und wie von un-; (ifhiharer Hand berührt, erhoben sich die Menschen, Uatsclitcn, jauchzten, lachten und weinten mit. Wir hatten nicht mehr den steifen Bürger, als der das Bild dc< deutschen Juden erscheint, vor uns, sondern mit!!nem Schlage war aus dein ,,Publikum“ Volk gcnorden. Wo liegt das Geheimnis dieser Verwandlung? Seit einiger Zeit wird im deutschen Judentum eine - wie uns scheint ziemlich unfruchtbare — Debatte erneuert: ob die Emanzipation gut oder schlecht war und oh sic weiterhin das Ziel der Juden bleiben soll. Die Emanzipation ist eine historische Tatsache, die in ihrer zeitgeschichtlichen Bedingtheit fast genau so von uns Juden unabhängig war, wie jetzt ihre Aufkhung im neuen Deutschland. Daß die Juden im modernen Staat nach Gleichberechtigung streben, ist selbstverständlich; sie ist eine Bedingung unseres äußeren Lebens, und niemand von uns wird die Wichtigkeit fester Grundlagen unserer äußeren Existenz leugnen. Aber neben dem äußeren Leben gibt es ein inncres Leben. Der Mensch lebt nicht von Brot allein. Und wenn dis innere Leben vertrocknet, kann auch das äußere sich nicht mehr entfalten. Im Zeitalter der Emanzipation haben die deutschen Juden — ob freiwillig oder unter Zwang bleibe dahingestellt — ihr jüdisches Innenleben ausgehöhlt. Sic waren ängstlich bemüht, alles m vermeiden, was sie von ihrer Umwelt unterscheidet und an ihre besondere Herkunft erinnert; sie glaubten, daß dann auch diese Umwelt ihre Herkunft vergessen «der verzeihe״ werde. Was vom Judentum übrig blieb, «ar eine verdünnte Religion, die man in den streng abgemessene« Formen des wolilvcrhaltcnen Bürgertunis,!vusagen in Zylinder und Glaccchandschuhcn, zclcbriezen konnte. Es gab aber nichts, was das ganze Leben *Mich durchzog, und so mancher Jude nahm aus &'Cr paradoxen Situation seine Zuflucht zur Ironie, die * die Kehrseite der Vereinsamung ist. Ob dies eine 0״twendige Folge der Emanzipation war, kann man bezweifeln; vielleicht hätte cs nicht so kommen müssen, al,cr cs kam so. Man kann aber weder eine Gemein- ״Mt, noch eine Religion nur durch Verstand und Invention lebendig erhalten. Nur das schlagende Herz kann dies. Das deutsche Judentum war «line innere Wärme. Und als der Umsturz 1933 Juden auf sich selbst zurückwar{, da waren ihre Hcr/cr. schwach geworden. Zwar drang zu ihnen in kritischen Stunde das jüdische Wort, zwar merk- |fn ,IU einen deutlicher und die anderen weniger deutdaß alte Begriflsgcbiinde (die seltsamerweise auch i .fu*c noch in manchen jüdischen Kreisen und in den Nten jüdischer Zeitungen einherstolzieren) zusammen- *nrochc״ waren; aber man fand in sich nicht mehr *״lebendig sprudelnden Quell, der Wüsten in blühende Garten verwandelt.; , ^as ist das Erlebnis der eigentümlichen Episode ל berliner Kulturbund: die Menschen spürten, wonach ן ^l־ SW1 so lange gesehnt. Die Wärme schlug ihnen 11 Regen, die ans echter Volkstümlichkeit, aus gelöstem ™endigen Volkstum strömt. Da waren alle Theorien - ״kesseig alle Theorien von ״Deutschjudentum“ und ״*»!«dcntain« alle Kunst-Ideologien des Kulturbundes, '״ Tiefe des Herzens war etwas angesprochen « ן r .en> was verschüttet lag, von den Trägern selbst , ״,* ״cn entfernten Winkel verdrängt, vielleicht seit ■:!״erationen brachliegend. Gefühl ist alles, Namen und VerK,! sind Schall und Rauch. Beglückend war es, kW* n zu scin mit — nein, a>s — jüdische Gemein- J ' als Volk. Und alle die behäbigen Herren und kwi, wollten mit dabei sein, standen und 1'n e; Cn w‘e ein zionistischer Jugendbund, fühlten sich kalte!, '..Stl,״de der Gelöstheit befreit von der eis- Stellt .0ipilärc ihres Lebens und mitten ins Volk 1 Man darf solche isolierten Augenblicke der ■ i II. ״Osijndcn״ und ״Wesftiuden" — Der Antisemitismus »Lehman — Mose» — Solomon* Vor etwa 25 Jahren versuchte mir Jakob Schiff, damals der Führer der nnicrikanisclien Juden, deren innere Spanmin- Ren klarzulegcn: ״Als wir deutsche Juden um die Mitte des 19. Jahrhunderts nach den Vereinigten Staaten kamen, da sahen die altl'ingvhorrncn portugiesischen und spanischen Juden auf uns herunter, vermieden unsere Gesellschaft. — Heute sind sie froh, wenn wir bei ihnen arbeiten lassen, wenn wir ihnen etwas zu verdienen geben. Heute sind wir die großen Leute und heute sehen wir auf die Neuankömmlinge aus Osteuropa herunter. Wenn wir nicht sehr auf der Hut sind, wenn wir nicht mit diesen heute noch Verachteten zusainmeinvirkeu, dann wird das Schicksal unserer Kinder eine Wiederholung der heutigen Scphardim sein.“ Das war die Zeit, in der die ״wohlanständigen“ Juden mitteleuropäischer Herkunft nur mit Nasenriimpfcn von den ״Keikes“ sprachen. ״Kcikcs“ war alles, was ״hinter Berlin" geboren war. Man konnte gar nicht verächtlich genug von den Ostjuden sprechen. War jemand als ״Kcike“ charakterlsiert, so war er mindestens gesellschaftlich geächtet. Damals ging das Scherzwort: ״Wann hört ein Kcike auf, ein Keikc zu sein?“ Antwort: ״Wenn er in Deine Familie heiratet.“ — Wir Furopiicr kennen diese Mischung von Hochmut, Pnteutpatriotismus, Acsthctentum und — Konkurrenzangst nur zu gut. Und wir Zionisten haben ja einen langen und erfolgreichen Kampf gegen diese üble Bewegung geführt — nicht restlos erfolgreich, wie ich zu meiner Beschämung und Bestiirzung kürzlich in Baltimore auf einer gewaltigen Frauen* Convention erfahren mußte. In dieser Versammlung sollte u. a. für die notleidenden deutschen Juden gesammelt werden. Der Hauptredner, ein hoher Richter östlicher Herkunft, erzählte von einem Essen in Berlin, auf dem scin Nachbar, ein ׳deutscher Jude, ihm naiv und offen erklärt hatte, man hätte ja gar nichts dagegen gehabt, wenn die Regierung die Ost- Juden aus dem Lande gewiesen hätte, aber,... Man stelle sich den Eindruck solcher und ähnlicher Worte liier und anderswo auf vorwiegend ostjüdisclic Menschen vor, Menschen, die im gegenwärtigen llilfswcrk mindestens so viel leisten wie die Westjuden. (״Mindestens“ ist eine sehr milde Anerkennung, wenn ich etwa die mehr als laue Haltung der französischen Assimilierten mit der geradezu rührenden Hilfsbereitschaft jener ״Kcikcs“ in allen Ländern vergleiche,) In jener Versammlung zu Baltimore versuchte ich die Situation dadurch einigermaßen zu retten, daß Ich In jenem Berliner Tiscliredncr einen Angehörigen der kleinen Naur mnnngruppc vermutete (nach Naumann wird man hier auf Grund sensationeller Berichte ständig gefragt) und meinte, daß es ja auch in Amerika derartige Kreise gebe, — Ich mußte an diese von ühcrassimillerten Juden diesseits und jenseits des Ozeans geübte Diskriminierung denken, als ich gestern aus dem großen Saale des Youiig Men’s Hcbrew Association bekannte Klänge vernahm und zu meiner Ucbcrrnscliung dort ein etwa lOOköpfiges Orchester versammelt sah, das unter der Leitung eines unverkennbar östlichen Dirigeilten in Arbeiterbluse — ״Siegfrieds Rlieinfnhrt“ probte. Dieses Interesse an dem deutschen Kulturleben — unerseliiittert durch Einflüsse der letzten Zeit — ist gcradezu der wichtigste Berührungspunkt zwischen vielen hicsl- Innern Bewegtheit gewiß nicht überschätzen; aber ge* radc für deutsche Juden sind sic eine Lehre. Jüdisches Volkstum ist dort noch vorhanden, wo Juden ohne Unterbrechung in Massen zusammengelebt haben, vor allem im Ostjudentum. Wir sind weit entfernt davon, das Ostjudenium zu idealisieren. Das Ostjudcntum hat seine Fehler — wer hätte keine? — und cs mag auch zutreffen, daß sich gerade bei solchen Ostjuden, die allzu schnell aus ihrer Umgebung gcrissen und in eine fremde Welt hineingestoßen wurden, zuweilen Entartungserscheinungen zeigen. Aber der Kern des Ostjudentums ist jüdisches Volk, das die Wurzeln seiner Kraft noch nicht verloren hat, das ein selbstverständliches jüdisches Gefühl und damit ver* banden die Naivität und menschliche Wärme hat, ohne die eine Gemeinschaft nicht leben kann. Die neue jüdische Entwicklung wird über das Ostjudentum ebenso hinausfühl cn wie über das Westjudentum. In beiden Zweigen — die kulturelle Differenzierung ist ja nur wenig mehr als hundert Jahre alt — sind noch die Säfte des alten Baumes, beide Teile haben Wertvolles, Unersetzliches beizutragen. Aber das Große, das wir entfremdeten und nun wieder heimkelirenden westlichen gen Ost- und Westjuden (nicht der orientalischen Juden, die davon wenig wissen). Immer wieder ist man vorblülft über diese zugcstanilene oder nicht zugestaiulenc Ver- Inindenhcit mit deutschen Quellen. Das geht von der Sprache bis zur Küche. Natürlich findet diese Verbindung zur Zeit einen sehr verschicdcnen Niederschlag. Die einen suchen aus ihrem Widerstreit zwischen jüdischem und deutschem Empfinden irgendwie zu einem Kompromiß zu kommen, die andern übcrkoinpausieren ihre tiefe Liehe und Sehnsucht zu Deutschland mit einem übermäßigen Ressentiment, — das ich ihnen nicht recht glaube. Ich rede jetzt von Menschen deutscher Herkunft. Nicht selten führt diese verschiedenartige Einstellung zur Gcfährdung alter Freundschaften. Diese Verwirrung der Gefühle zeitigt auch Erscheinungen, die als menschliche Tragödien anmuten. Wie soll man cs anders nennen, wenn man z. fl. die seelische Situation eines Mannes wie James Speyer bedenkt! Er ist in Amerika geboren, in Deutschland erzogen und seit jener Zelt mit diesem Lande auf das innigste verbunden, hat dort große Stiftungen gemacht, im Krieg als ״pro-Gcrman“ sich hier ächten lassen, nach dem Kriege sich bereit erklärt, für die gefährdete Frankfurter Universtät große Opfer zu bringen und heute — fährt er nach Karlsbad im großen Bogen um scin geliebtes Deutschland herum. — — * Die eingangs erwähnte Prophezeiung Jakob Schiffs ist bereits heute zum Teil eingetroffen. Schon durch ihre numerische U eher zahl haben die aus dem Osten stammenden Juden innerhalb der Jmlenheif eine sehr gewichtige Stellung. Und cs wird nicht mehr lange dauern, bis sie ihre völlige Gleichberechtigung auch sozial errungen haben. Für einen solchen Prozeß gibt es ja keine geeignetere Zeit wie eirje schwere, langamlnucrmle Krise, wo Klubs und Religion)• gcscllschaftcn unter den finanziellen Nöten leiden und froh sind, wenn sic Mitglieder mit etwas anderem Stammbaum gewinnen und wo auch manches Mädchen einen Mann ans einem anderen Clan heiratet. Denn die Zeiten haben fürchterlich gewütet. Die häufig zu optimistisch finanzierten Synagogen, Klubs usw. können zum recht erheblichen Teil ihre Verpflichtungen nicht voll erfüllen: sic sind dabei freilich in guter Gesellschaft; denn wie viele Hotels in Amerika sind heute ohne Zwaiigsvcrwaltung und wie viele Hauswirte zahlen volle Hypothekenzinsen? Wenn man mit den Juden deutscher Abstammung über ihre a 111 i ö s 11 i c 11 e Einstellung spricht, so bekommt man immer wieder eine Schilderung der a 111 i j ii d i s c h cn Strömung, die erst durch die russisch-polnische Einwauderung ausgclöst worden sei. Darin liegt nun freilich etwas Richtiges. Diese antijüdische Einstellung des Amerikaners ist nämlich ein Teil seiner Abwehrstellung gegen alle Einwanderung. Der hundertprozentige Amerikaner ist ein Mensch, der jeden Ausländer jiaßt, ob er Türke, Jude, Deutscher oder Italiener ist. Er fürchtet neue Beimischungen und ausländische Einfliisse. Diese Bewegung kann natürlich erst dann zu einem Problem werden, wenn eine Einwanderung zur Massener sch ei nung wird und wenn es sicli um dcutlien abgegrenzte Kulturen, Sprachen usw. handelt. Solange aber ein verhältnismäßig dünner Strom jüdischer Emigration dcutschsprcehcnder, stark assimilierter Juden aus Juden unserem Volk ־- und damit auch der Bereicherung der Menschheit -- geben können, wird fruchtbar und segensreich erst auf dem Mutterboden eines jüdischen Volksgcfühls, das aus einem freudigen Ja-Sagen zu!11 Judentum wieder in uns erblüht Wir glauben, daß Wir dann erst den rechten, weil unbefangenen und Ungekünstelten, menschlichen Ton auch zu unserer IJnir weit finden werden, und zugleich werden wir dann auch ganz anders verstehen, was es bedeutet, daß Menschen in Palästina für unser Volk eine neue Volksheimat aufbauen. Gewiß gibt cs auf allen Gebieten für uns alle eine Fülle von ernsten Problemen, von Schwierigkeiten, von Nöten und Sorgen, aber alles wird leichter 7.11 tragen und zu bewältigen sein, wenn wir zueinander streben, statt uns voneinander abzugrenzen, wenn wir den tiefverschütteten Funken, der in jedem von uns noch irgendwo glimmt, freilegen, und dann von jener jüdischen Begeisterung erfaßt werden, die ein Schönes jiddisches Wort den ״Brenn“ nennt. Denn eine solche Zeit wie die unsere kann nur überwunden werden, wenn die Seelen offen sind und ״brennen“ Und wenn das Wort da ist, das aus diesem Feuer ein Werk zu; gestalten vermag, das dauernder ist als Erz. . \