Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1934-11-06 · Heft 89 (6.11.1934) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
39 (1934)
Issue
Heft 89 (6.11.1934)
Date
1934-11-06
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2651273-2653452-2653534--25973-2683143
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

5 entity mentions

I Ls'*] 0 ״f0 / Jahrgang 39 j. ח t M ״«״»״£ ןך-«"י~"^ ץי" -J V, J) Preis RM —.25 C>»»«1.. *«2 £•*.-•,׳. ״Jl £•««■3!> ׳ Hü,«»*»» «2 .^(tl.H״־־*'V״־,״-A״E״״'*״,״W־M״,«,B״»»».*‘״'״״״-l״.tr.lO l*״|iS«mmrl-Nr. 11 DImumUi 3181/82,7165/70,7240/42 - B«tMc«pral* pro Monat ״"!?)«ס*' UM 5,75■ —* l’c*t»ch«<A-K0nl«1 dar Alxmiiamanta• Abtrilunc üL 715W (l"' Gf0S יי"""'1 ־ B"591 17 "״ «ä׳ a•• «hrt*. R״id,% Aaalanda. Und«w»hra״t• - E»*h<l1jt j.d.n DtaaaUg ■nd Fr.lt•!, BERLIN . כ״ח מרחשת תרצ״ה DIENSTAG, 6. NOVEMBER 1934 Ac!x«*tg0׳x1t«Hf• Dl• 12g#fpeh#n* RM 0,20» für St«Q*RKMUc)1• RM OM, für F»mUi*nn«chricht«n RM 045• EinfeUmelgen nur g«g*n Vorauetehlunf •a■ Schalter oder •vf Postecf»*rk־Kcmm Berlin 71618 Moni•! bis Donnern•( Sb—IS Uhr Freitag 9—15 Uhr׳ Ann*hm#*chU1S Mir dis Dien*(»|*Au*teb• Montag SO Uhr, US* dl• Preltaf.AtMgaH• Mltivock 13 Uhr (Faalliemai•!!•« bis Donnerstag SO Uturl l!f Zl0n»״n»»*_*^*^^*Prj^aj0tiiEc»1o Volk dlo Schaffung einer Cttontllcli - rechtlich gesicherten Holmstatte In b*al&stlna. ״ Baseler Programm“ BdU ®iS liSQi!iil6(C®I®Lii® Baron Edmond de Rothschild ist am 2. November in seinem Schloß in Boulogne (Seine) im Alter von, Ü9 Jahren gestorben. Dem M.inti, dessen Tod heute von dem ganzen jüdischen Volk beklagt wird, ist das seltene Glück zuteil jcwordcn, im hohen Alter die Erfüllung und ungeahnte Krönung eines Lebenswerkes mit eigenen Augen zu sehen, dessen Grundlagen er mit kühnem Vorausblick fdegt hat, als die grolle Weit noch darüber lächelte. Edmond de Rothschild, in Palästina und bei den jtidisehen Massen seit fünfzig Jahren kurz ״der Baron“ (hebräisch ״Ha-nadiw“) genannt, ist einer der mächtigncii und wesentlichsten Bahnbrecher der jüdischen Kolosisalion Palästinas geworden, er heißt mit Recht der ,Vater der jüdischen Kolonisation“. So einzigartig die Geschichte des jüdischen Volkes, so einzigartig ist die Wund Weise dieser Förderung eines für das ganze Volk unausdenkbar bedeutungsvollen Werkes durch einen Ein-!einen. Es hat im 19. Jahrhundert, in der Periode des Aufstiegs der bürgerlich-kapitalistischen Welt, ebenso wie bei anderen Völkern auch bei den Juden viele reiche Leute gegeben, sogar einige sehr reiche. Nur wenige von diesen haben sich nicht an philanthropischen Werkm beteiligt. Die meisten dürften mehr als dies durch-/ «Hfiiltlich bei anderen Völkern der Fall war für wohltätige Zwecke aller Art gespendet haben. Man hört ja oft die jüdische Wohltätigkeit loben. Auch Baron Edmond war ein großer Philanthrop. Aber er ist mehr geworden. Er war glücklicher als Baron Hirsch, der die Bedcutung Palästinas nicht erfaßte und dessen großes Vermögen von 10 Millionen Pfund, das er dem jüdischen , Volke hinterließ, nicht für eine Volkssachc eingesetzt wrde. Der Baron Rothschild als einziger aller Philan- 1 thropen hat ein Werk hinterlassen, das der jüdischen Geschichte angchört. Hie Beziehungen des Barons zu Palästina begannen 1 ™ Jahre 1883. Eine Delegation der Chowcwc Zion unter Leitung des Rabbiner Samuel Mohifcwcr traf in Paris ein, ®י Hilfe für die 18S2 neu gegründeten jüdischen Sied- Hngcn in Palästina, die mit den größten Schwierigkeiten w kämpfen hatten, zu suchen. Sie fanden bei Baron : Wmond Gehör, Er nahm die drei Kolonien Rischon; Sichren Jakob und Rosch Pinah unter seinen 1 *hutz und half bei der Gründung weiterer Kolonien. 1 Damit war der Anfang einer kolonisatorischen Tätigkeit piiacht, die in dieser Form sicherlich nicht ihresgleichen; ״at. Baron Rothschild bemühte sich, den Kolonien eine wirtschaftliche Basis zu beschaffen. Er stattete die Sied-; *ז mit Boden, Häusern und Wirtschaftsgeräten aus, gab; J״nen Betriebskapital, baute in seinen Siedlungen Schulen, Smgogcn, Spitäler und gründete in Rischon Lezion *J״Cn 'h'r größten Weinkeller der Welt mit den modernt ”91 Einrichtungen ausgestattet, dessen Bau und Einrich-?״ff 3Nein zwei Millionen Goldfrancs kosteten. Die Idee othschilds war die Entwicklung des Weinbaus in Pa- 3Üina, von dem er sich versprach, daß er die Grundder Existenz einer großen Kolonisation bieten könne, j ״, ■s* «inmöglich, liier aufzuzählen, was alles in Palä- *״na von Baren Rothschild geschaffen oder mitgesclaffen *orden ist. Die genaue Höhe seiner Aufwendungen ist 1J* bekannt und schwer zu berechnen. Die Schätzungen «mfen sieh zwischen 70 und 100 Millionen Goldfrancs. j 'nc Siedlungen lief! er zuerst in Palästina durch eigene; «mte verwalten, im Jahre 1890 übertrug er die Veräitun^• der |ca (jewish Colonisation Association), die : . n paehl.iß des Baron Hirsch verwaltet. Im Jahre 1924 '011®" a^er tllc palästinensischen Angelegenheiten wieder striii 'rJCn 10*gelöst und einer eigenen Organisation unter- 5,H ’ 1״e den Namen Pica (Palestine Jewish Coloni- ,״Association) führt und deren gegenwärtiger •Präsi- 'lcr Sohn des Barons, James de Rothschild, ist. bu , 5 Werlc des Barons ist keineswegs immer reilionie, vcrlaufen. Seine Methoden sind gerade von dn. ls£״er Seite oft scharf bekämpft worden. Beson- Rc , wlerig gestaltete sich das Verhältnis zwischen Wk■ L״d Baron. Der erste Band von Hcrzls sehr hyn,£1bt ein eindrucksvolles Zeugnis dafür, wie imme. . slch u«n den Baron bemüht hat und wie er Nieder mit dieser Gestalt,־ die sich ihm versagte* zu ringen versuchte. Am 8. Juli 1896 schrieb Hcrzl an den Groflrabbincr von Paris, Zadok Kahn, einen Brief, worin es heißt: ״Ls ist absolut notwendig, daß Edmond Rothschild sicli uns anschlicßt. Um seine Zustimmung zti erlangen, mache ich das Angebot, mich vollständig von der Führung der Bewegung zuriickzuzk’hcn, um jeden Verdacht der per- , sönliclien ׳Ambition auszuschaltcn. ׳Möge er mein Programm akzeptieren und die begonnene Arbeit weiterführen; ich gebe mein Ehrenwort, dann für die Sache nicht mehr anders zu kämpfen, denn als Soldat in Reih und Olied. Ich werde mich bemühen, zusammen mit Sir Samuel Montagu und Col. Goklsmid eine Form zu finden, in der wir Edmond Rothschild die Präsidentschaft der ״Society ot Jcws“ an- . bieten könnten — und später noch einen anderen Titel.“ Rothschild aber wollte von dem Plan nichts wissen. Er fürchtete für den Bestand der von ihm geförderten Kolonien unter türkischem Regime, denn er meinte, daß Hcrzls Plan einer politischen Bewegung den Widerstand der Türkei herausfordern werde. Das ,ällcs lag noch vor dem Beginn des politischen Lionismus, aber durch diese Kontroversen ist Hcrzl immer stärker in die Gegnerschaft gegen die praktische Kolonisationsarbcit in Palästina hineiugedrängt worden. Hcrzl fürchtete, man werde durch die Rücksichtnahme auf bereits bestehende Kolonisation kleinen Ausmaßes verhindert werden, die große Aktion zugunsten der politischen Voraussetzung einer Massen- Siedlung durchführen. So haben die beiden Männer nebeneinander gearbeitet. Hcrzl schuf die Bewcgung, die das Volk weckte; der Baron arbeitete unabhängig davon in aller Stille für die Vergrößerung der palästinensischen ludcnsicdlung. Gewiß wäre Rothschilds Werk ohne den Zionismus ebenso bedeutungslos gcblieben wie die Kolonisations-Versuche des Baron Hirsch in Argentinien; aber ebenso muß anerkannt werden, daB Rothschilds praktische Arbeit in späteren Jahren die Bemühungen des Zionismus sehr erleichtert hat. Und Rothschild hatte die Genugtuung, daß unmittelbar nach dem Kriege der Führer der zionistischen Bewegung, Dr. Cfnim Wcizmnnn, dankbar den Namen Edmond Rothschilds nannte, als einen der stärksten Helfer des zionistischen Werkes. Rothschild könne, so sagte Wcizmann, als der Zionist mit dem größten politischen Vorausblick gelten. ״Wenn cs auch wahr ist, daß er mit der Zionistischen Organisation nie etwas zu tun gehabt hat. so war doch sein ganzes Wirken und alle seine Gedanken und Pläne erfüllt von Zionismus. Einst fragte ihn jemand, warum er . sich mit dem Aufbau der Kolonien und dieser ganzen Pionierarbeit befasse, die ja vor dreißig Jahren ungeheuer schwierig war und noch unendlich phantastischer erschien als heute. Er antwortete; Er tue dies, well er daran glaube, daß ein Tag kommen werde, an dem das jüdische Problem vor einem hohem Gerichtshof zur Verhandlung kommen werde, und er wolle in Palästina etwas schaffen, das dann auch die Juden berechtigt, bei der Entscheidung ihre Stimme abzugeben. Und nichts hat uns bei den schwierigen politischen Verhandlungen während und vor der Fricdenskonferenz mehr Rückhalt gegeben als die Möglichkeit, auf Palästina hinzuweisen und zeigen zu können, was die Juden dort unter den schwierigsten Verhältnissen zustande gebracht haben. Das aber war zum großen Teil Baron Roth- | Schilds Verdienst.“. Es darf aber nicht verschwiegen werden, daß die Rothschildsche Kolonisation tatsächlich viele sehr schwere Mängel aufwies. Vor allem leistete sie einem Kolonistcntyp Vorschub, der als Grundherr auf seinem Boden billige arabische Arbeiter beschäftigte, so daß vielfach die Dörfer einen stärker arabischen als jüdischen Eindruck machten. Die Idee des selbst auf seinem Boden arbeitenden Juden war mit dieser philanthropischen Kolonisation nicht verbunden. In dem Kampf um die jüdische Arbeit, der noch heute aktuell ist, entstand die neue zionistische Kolonisation, ln der späteren Zeit, als die Rothschild-Kolonisten bereits reüssierten, hat man oft den Gegensatz zwischen ״Pri* vatkolonisation“ und ״nationaler Kolonisation“ betont, dabei aber vergessen, daß auch die sogenannten ״privaten“ Kolonien mit einem nationalen Kapital gearbeitet haben, nämlich den Millionen, die der Baron für die Nation — a fonds perdu — zur Verfügung stellte. Seit der Balfour-Dcklaration hat sich Rothschilds Verhältnis zum offiziellen Zionismus gewandelt. Er hat cingcschcn, daß erst die Bewegung der Jungen und ihr Idealismus auch sein Werk in einen höheren Sinn- Zusammenhang emporhoh. Seine früheren politischen Be- ■ denken waren seit der Balfour-Dcklaration gegenstandslos geworden. So kam cs, daß sich bald eine enge freundschaftlichc Kooperation zwischen ihm und den Führern des Zmnismus, bzw. den Vertretern palästinensischer lnstitutionen anbahnte. Baron Edmond, der es früher strikt abgclehnt hatte, irgend etwas mit dem Zionismus zu tun zu haben, ist bei mehreren Gelegenheiten auch mit finanzieller Unterstützung cingesprungcn, wenn ein Notstand in Palästina entstanden war. Auch für die Hebräische Universität Jerusalem hat er Beiträge gegeben. Bei der Erweiterung der Jewish Agency im August 1929 wurde der greise Baron zum Ehrenpräsidenten der Jewish Agency gewählt. Die Klagen gegen die Rothschildsche Beamtenwirt- Schaft und verschiedene Mißstände seiner Verwaltung sind in der heutigen Zeit insofern gegenstandslos geworden, als die ganze Arbeit unter dem Einfluß der in* zwischen umfangreich gewordenen zionistischen Siedlung einen ganz anderen Charakter angenommen hat. Dazu kommt, daß die alten Kolonien sich im Laufe der Zeit zu erheblichem Wohlstand hinaufgearbeitet haben und die Unterstützung des Barons nicht mehr brauchen. Die Pica, wie das Werk des Barons nunmehr heißt, ist in segensreicher Weise an der Erschließung Palästinas be« tciligt und hat auch im letzten Jahre bei dem Werk der Ansicdlung und Einordnung deutscher Juden mitgeholfen. Von dem Ausmaß der Rothschildschcn Sied* lungsarheit in Palästina haben viele Palästinafreunde nicht die richtige Vorstellung, weil das Werk der Pica, das von einer Einzelperson dotiert wird, begreiflicherweise kein Interesse an öffentlicher Propaganda hat Es muß aber gesagt werden, daß aus dem modernen Palästina das Wirken Rothschilds nicht wegzudenken ist Sein Name ist auch im Lande sehr populär. Zahlreiche Straßen, auch Siedlungen sind benannt nach ihm oder seinen Familienangehörigen. Dabei wird meist sein hebräischer Name Benjamin verwendet. Zwei Haupt- Straßen in Tcl-Awiw heißen Rothschild-Alice und Nachlath Benjamin. Die Kolonie Benjamina trägt seinen Namen (Sichren Jakob, Pardcss Channah usw. die seiner engsten Familienangehörigen). Die Organisation der Söhne der von Rothschild angesiedelten Kolonisten nennt sich Bne Benjamin. Rothschild hat fünfmal Palästina besucht. Bei seinem fünften Besuch im 80. Lebensjahr wurde ihm in Tcl-Awiw, dem Zentrum des modernen Palästina, das einstmals im Gegensatz zu dem seinen stand, ein überaus warmer Empfang zuteil, und Rothschild ließ damals, da er selbst des Hebräischen nicht genügend mächtig ist, seine Rede in der Synagoge von Tcl-Awiw in hebräischer Sprache verlesen. Es war eine eigenartige Feier von un« gewöhnlichem Reiz, als die Gegner von einst, die verschiedenen Richtungen und Generationen sich hier vereinten in der Liebe zu Palästina, in dem weiten Raum der Synagoge, die noch unvollendet war, mit einem provi* sorisch überspannten Dach, da das Geld für die geplante Kuppel nicht aufzutreiben war. Das war vor neun Jahren. Inzwischen ist die Synagoge fertig und Tel-Awiw um das Vierfache vergrößert. Diese letzte Fahrt des

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.