Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 39 (1934)
- Issue
- Heft 88 (2.11.1934)
- Date
- 1934-11-02
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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ו Seite 12 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 88, 2.11!934 pr ץ~* «"-ך ן.*»; ^_ך7 Die Familie Mendelssohn - Berlin, 30. Oktober 1934 Sehr verehrliclx Redaktion! Ich darf Sic wohl auf einen kleinen Irrtum aufmerksam machen, der Ihnen in dem Artikel ״Um ein altes Buch“ (Nr. 87 der ״Jüd. Rundschau“ S. 6) oder aber dem ״Dawar״, dem Sic ihn entnommen haben, unterlaufen ist. Unter den Subskribenten des astronomischen Werks ״Jcssod Olatn', das 1848 erschien, ist Paul Mendelssohn Bartholdy, ״der Vater des Komponisten״, genannt. Paul war aber der Bruder des Felix. Der Vater — Abraham mit Vornamen — ist bereits im Jahre 1815 gestorben. Wie assimilatorisch ׳ der Cirof'ivater Moses auch bestimmt war, so hätte er doch nicht seine Söhne schon Paul (oder Felix) genannt. Er nannte sie immerhin noch Josef, Ähraham und Nathan, von seinen Töchtern freilich hieben zwei Dorothea (die nachmals so Berühmte und so Katholische) und Henriette. Wohinegen wiederum Abraham, der Sohn des Moses, zwar seine ,ohne Felix und Paul nannte, seine Töchter aber Rebekka und FannyI Wie ja auch seine Frau Lea hieß und einem frommen Hause entstammte. In diesem Spiel der Vornamen drückt sich, so nebenher und ein bißchen unterirdisch, der Gang der assimilatorischen Entwicklung aus. Nebenbei: die Familie schrieb und schreibt sieb ohne Bindestrich, der ebenfalls versehentlich in Ihrem Artikel gesetzt ist. Mit vorzüglicher Hochachtung Hermann Sinshelmer. W. •4S.«— L- -U ►.*׳־« W« 08a כ E WISM aagncy W 15; JMelnckcstr. 10. Telephon! Postid lcckkonto Tf ״•׳ץך!; *־ י■ jß pt - ' &׳׳•'■* Aii» F0a rAkfilTINl J 1, Bismarck 7165/70. Berlin Nr. 16708.!21011 Cruppenvcrbandslag in Obersch: Verbandstag obcrschlcdschcr Zionisten, der '1 /iHk/lndigutiCfCH au* dem Reick Breilau 1 Zionistische Vereinigung. Am 3. Nov., 20.30 Uhr, im Paliislin.i-Hüio, (;;trlen.tr. 25. ״IIrhräisrlu-r Abend“,!mir» Mitwirkung von 1. Kctrikov. 8. <Rld. M. Ziegler, I״ Freund - Alexander. — Dresdent Vor;t!tkümligm'.g: Vmtiag von Kahl». Dr. Ptii!!״ :,׳( .«'*t'hlrhtc , als gestaltende Krall der Ucgenw.ul“ am 11. Nov., abends 8.30 Uhr, im 1 est ,11״ der ״iimmonif“, 1,amll1.u1s.tr. 11. — Dricscm Am . 4. November, 20.30 Uhr, in der Synagoge, Georg Kopydlowski, Stettin: ״PaWslinetisischc (’.«־genwarlsfi.igcn“ und l.khibiW'tieifen ’ ״Jerid Hamisrach“. — Frankfurt am Maini Am 8. November, abend» 8.30 Uhr, Im Vcreimhaui, E»:her»hcimer Eanrfstr. 27, Dr. Schloßborg, Berlin, Uber! ״Der ZukunlNwcg der deutschen Juden”. Jüdischer Kulturbund Rhein-Ruhr! Reiitation-ahend Willy Hu«hhojt: in F...rn: am 3. Nov., 20 Uhr, Loge; am 4. Nov.. 20 Uhr, Loge. Wuppertal: «m B. Nov., 20 Uhr, im Weißen Saal der Sindllrille.' Gehenkirrhen: am fl, Nov,, 20 Uhr, Loge. Köln: am 7. Nov., 20 Uhr, Kheinlandluge. Ktricld: am 0. Nov., 20 Uhr, Gcmrindrhnn» Lirblration, IVcherdruBc. Köln: um 10. Nov., 20 Uhr, Rheinlandlogc. — Kttlnt Jüdisches Lrhrhaus. Ansktmfl über alle Kintelheilcn i«ci I.eo Cirüwbaum, Köln-Sülj, Lotliarstr. 34. -- KBnIgtbcrgt Am 12. Nov., im Gemeindehaus, Svnagogcnstr. 14/15: ״(«.•sprodu-nc Zeitung“ (Redaktionsstah: l)r. Licht, Dr. Ratrkowski, M. Munwes, Zwi Grtin.poon, Stnrmann tt, :1), — Leipzig: Zionlitlichc Vereinigung. Am 3. Nov., abend« 8.30 Uhr, In der Turnhalle der Höheren Israelit. Schule, Gustav-Adolf-Str. 7, spricht Dr. Franr. Meyer, Berlin, übe״ ״Zu neuen Ulernl - Die Leistung des Zionismus für das deutsche Judentum". Am 4. Nov., vorm. 10 Uhr, In der Lelptig-Loge, Arndtatraße t, Gruppcnvcrbandstagung de» Zionistischen Gruppenverbandes Mitteldeutschlands. Es sprechen Dr. Frans Meyer über ״Die deutschjüdische Situation” und Ellcscr Liebenstcln, Berlin, Uber ״Zionismus in Palästina und In der Golah“. Anschließend Aussprache. — Olfenbach am Main! Am 8. Nov., abends 8.30 Uhr, Im jüdischen Gemcindctaal, Ollenbach, Gocthcstr. I, Dr. Schlofibcrg, Berlin, über! ״Der Zukunftsweg der deutschen Juden". — Oppeln! Am 4. Nov., tm Rahmer der lv.II.-Aktion: Vortragsabend von Dr. Zwt Wilenski über: ״Die Bedeutung Palästinas für die deutschen Juden“, j 'Die Zionitiische Orl»gn1p|»c hat ihro W'intcrarbeit mit slcr l-'ortsctzting des Jüdischen Geschidtlsktitses unter Leitung von R.-A. Wundciliih begonnen. Es sind weiter in Aussicht genommen Schulungskurse über Geschichte des Zionismus und Pala-,tinakunde. Stettin! Zionistisch,.• Vereinigung. Am 3. Nov20.45 ״ Uhr, im liar-Kocliba-llcim. Klosterhol 31, Vortrag von Rsbh. Dr. Elk über: ״Schul- und Erziehung»- fragen in Palästina“. — formst Zionistische Ortsgruppe. Dr. Margtilirs, Mannheim, hält jeden Sonnabend, abends, Kurse über jüdische Geschichte ab. Sprechstunden Täglich, mit Ausnahme von Sonnabend und Sonntag, von 9.10-12 Uhr. Sprechstunden der Juristischen Beratung von Montag bis Donnerstag, zwischen 10 und 12 Uhr. Airswärtige Besucher, die in Berlin Auskunft einholc* wollen, werden gebeten, der betreffenden Abteilung vorher Schriftlieh davon Mitteilung zu machen. Erweiterung der Handwerker-Alljah Die Einwanderung gemäß Kategorie A3 der palästinen• slschcn Einwaiulerungsbcstimmuitgcn ist Insofern erleichtert worden, als zu den bisher ztigclasscticn Berufen neue hinzufreien. Demnach können Anträge in dieser Kategorie von Angehörigen folgender Bcriiisgrttppcn gestellt werden: Tischler, Betonarbeiter, Elektrotechniker, Optiker, Motormcchanikcr, Vulknniscurc, Sattler, Lederarbeiter. Polierer, Maler, Polsterer, Rohrleger, Glaser, Feinmechaniker, Buchhinder, Buchdrucker. Voraussetzung ist der Besitz eines Kapitals von mindestens EP 250, über das der Antragsteller frei verfügen muß, und eine Betätigung im Fach von mindestens vier Jahren in der letzten Zeit. Anträge können durch Vermittlung des Palästina-Amtes, Abteilung Handwcrker-Alijalt, bearbeitet und wcitergelcitet werden. Informatlont-BroichQre «Allfah״ Welche Vorbereitungen hat der Palästina-Wanderer zu treffen? Wie erfolgt die Ucbcrsiecllung? Wie ntneht man den Umzug? Was muß der Palästina-Wanderer über Palästina wissen? Welche Arbeitsmöglichkeiten gibt cs in Palästina? Was für Lohne werden gezahlt? Wie Ist die palästinensische Wohnung? Welche Siedlungsmöglichkcitcn gibt es in Palästina? Diese und viele andere Fragen beantwortet crschöpfaul die sechste Auflage der Informations-Broschüre ״Alijah“, die in einem Umfange von 100 Seiten Großformat mit Bildern nun Preise von 0,75 RM. im Buchhandel, im Straßenverkauf und durch das Palästina-Amt, Verlags^Abtcilung, zu beziehen ist. Beschaffung der KapiialisicnvUen der Kategorie A 1 Im Einverständnis mit der British Passport Control Office ist das Palästina-Amt bereit, die Besorgung von Kapitalistenvisen der Kategorie A 1 (AP 1000) gegen mäßige Besorgungsgebtihr zu vermitteln. Interessenten erhalten auf Anforderungen eine Aufstellung der beizubrmgenden Unterlagen, Anfragen sind an das Palästina-Amt zu richten. Der .״ ... ..U(T 28. Oktober in Bcuthen stattfand, war grundlegend f״ eine fruchtbare Winterarbcit, aufruttelnd für den «״ ״״ Kreis der Gesinnungsgenossen und eürfrueksvoll auch 11״? Außenstehenden. Aus allen T eilen der Provinz w« die Freunde narb Bcuthen geströmt und blieben bei ermt und gewissenhafter Arbeit bis zum spaten Abend zmamm« Fs war wohl keine von den 20 oberschlesischen Gemeint Teilnehmer diesmal unvertreten. Schon bei Sitzungsbcginn waren 150 wesend, zu denen bis zur Nachmittagstagung weitere tm kamen. Die Sitzung wurde von dem Verbandsvorsitzendf? R.-A. Dr. Weiß mann, Bcuthcn, rnit einer Rede «01(3 in der er eine Rückschau über die Ereignisse des ln,, gab. Dann teilte sich das Plenum in fünf Sektionen fyr P Ortsgruppen-Arbeit, für die Tätigkeit der Fonds, ßR 3:'• die Makkabi-Arbcit und die f icdialnz-Angelegcnhcitcn Nachmittag, nach Besprechung der Resolutionen, ermiß™ t,1"י den Nationalfonds Dr. Weiß, Berlin, für den Keren! Herr Joel, Breslau, das Wort, um die Jahresergebnisse h. Arbeit in den einzelnen Gemeinden zu würdigen. Dann sw,.l Dr. Fricdcnthal, Berlin, der als Vorsitzender des Deutsche«! Makkabl schon am Vormittag in seiner Sektion «inen Vortri» gehalten hatte, und berichtete über die Lage im Zionismi״ Nach ihm referierte Arnold Wiener, Bcuthen, über dt. Stellung der Zionisten zur oberscltlesischen Judcnhcit. ** Die Abendveranstaltung vereinigte wiederum die Teß. salcm, über: ״Palästina — und wir“ und Dr. Frietf«®’ thal über: ״Die Zukunft der jüdischen Jugend!“ Die Reden ,׳•י"■ «""ו• Gesängen der Jugend. waren umrahmt von hebräischen Pteue RtdäsUhokaUett. I H«nu*ge|!ün vom Koran Ka|Ofl»0th üflfHIRlin HEBRÄISCH und ENGLISCH Preis 50 Rpf. / Porto 4 Rpl. zionistiscno üoremigung für ooufschiind Vtrhtf» AbUilaotf Berits W15« MalsaktBlf. 10 * Foilichockkonlo« Bin. IWi duefkavletv dzv*]ledcrfduM* D. B., Berlin. Ihre Vermutung ist nach unseren Informationen richtig. Der Film ״M a 8 k e r a d c“, der unstrittig ebenso als der größte Filmcrfolg der Saison hlngestcllt werden kann wie voriges Jahr der von dem Juden Benoitl ew inszenierte Film ״La Mnlernclle“, stammt, wie uns mitgcteilt wird, von dem jüdischen Autor Walter Reisch, der das Drehbuch geschrieben hat. Der Schöpfer der Auss t a 111t 11 g des Films ist der Wiener Professor Oskar Struad, der gleichfalls Jude ist. Daß ein unter so füllraulcr Mitwirkung prominenter jüdischer Filmkünstler hergestellter Film einen so nachhaltigen Erfolg erringen kann, darf wohl als anspornender Beweis dafür gewertet werden, daß echte Leistung von Juden sich durchsetzt. ״Hygienische Ratschläge für Einwanderer nach Pal|»tln1<1 von Dr. Alfred Engel, Kinderarzt, Jerusalem, Verlag Kedtm Bcrlin-Cliarloltcnburg. -- hi dieser kleinen Broschüre werden eine Reihe sehr instruktiver Ratschläge für jeden, der njclt Palästina libersicdclt, gegeben. Das Büchlein kann daher allen Interessenten empfohlen werden. GescträlUlche Mittellongeo (Ohne Verantwortung der Redaktion.) Btlhlcr-Mssslvti,1u»cn für Palästina. Wie wir erfuhren, hat die patetfl. rechtlich geschützte Bflhler-StahlskelcU-Maialvbauwelte, die »eit ««. I Rn Jahren i.! Dcutnrhlawl und einer Reihe von At1.lands.tMtm * erfolgreich erprobt und wegen ihrer hohen I.olicrtähi(;kc1t für dm: Orient ln'.omlers geeignet ist, nunmehr auch in l'alaüina Bing».{ gefunden. Fin Vomig der HiihRr-l läu.cr bestellt u. a. darin, <US «he l.Udrrting von 1 l;1u4־>est,mdtci!rn uml Materialien tm Werte *<« 00 1‘ror.ent der Gc«,1mtt>uukoslen des *ehlusselfertigen llauic« « Deut .1111 und erfolgen kann. Wegen der hierdurch erzielbaren 10>,it1■ liehen L'*|rorte ist rite hrluirdllche Gcmhmigurig crleilt *wden, d!J Attswatul« rer ohne Anreelimtng mit die Deviseuittleilung Bestellung^ für Hohler■ 1 liiuser nufgehen können. Mit der Uehernahroc uni 4)ureh(iihrtmg der Hauaudnige hefalit sieh die Export Bauimi llandels-G.ttr.h.H., Berlin W 50, Tauentricn.tr. 12a. Nach monrt«. langer Vorarbeit ist es dieser Gc.clbeliaft gelungen, die Vorau.jetr«• gen dafür au schaffen, daß Auswanderer nach Palästina bereits in Deutsehland den Auftrag aut srhliisiclfetligc l'.rrirhltutg eines llittwi in tietieliiger Ausführung und für jeden grwiinsrhtcn Ort in Prä. *tina erteilen können, wobei ein Teilbetrag bi« zu 60 Prozent der Aal trag.Mimme in «Rutscher Reich.nmrk ztt bezahlen ist. Dir Rc»t U in |mla«linen>iw’t1«r Währung Sn tntrirliten und wird auf Wuntdi durch Aufnahme einer 1 lv |*ot taU bewhnlft. Die paläuimtmvü« Bau'irma, mit der ei!. enl.|>rerhe11(les Airkommen zur Duichinhrarj solcher Batitm zum Ah-ehluß gclrtarlit wurde, ist die Palr.ti« Building Syndieatc Limited, Tcl-Awiw. Die dic^-m Unternehme! naliestchendc lm|Kjrt, Building und Tnniing ('ompany Limitot. Tel• Awiw-, iilrernimmt die Aufgabe, den liiesigen Hc.tellern von Bohle(. HHtisem auf Wunsch geeignete Bau.teilen nachztlweiscn und di« rt»4 ertorderlii'lun er.tstelligen Hypotheken ztt Ite»-I1a(len. Dir de»tyb« Vertretung beider Ge-ellsrhaften liegt in den Händen der 0R«■ genannten Kaport Bau- und I landcls ('r.m.b.lf., Hertin. die dstni! in der I.nge ist, mit «Rutschen Interessenten vor ihrer Auwreise Hieb I’aläslin* t»llc notwendigen Vereinhtimngen zu trelfcn. Da äuge sieht« des starken Wohnung-Bedarfs in l'alästin» dir 6 Fragen von he.onderrm fnlere.se sin«), behalten wir uni vor, hia• mtf noch ausführlicher zutfiekzukomtnen. r gilt 1 fraitt . »täd« er u״j Besuc |a*n | einen■' IRDt kflrp(,. Per 1 dem | neue, Mal«11, vor pennt 33 J«1 lieh »־ die ' sie V* Ein Aja'"; Bliite;. wund■ Mod< verpa. Sdrör Viels.1 »(.esc1 Rcrat, jrtah! dtm , poffr; vom ' Pari der;■ der " trag«1 linb/l 1s«3i: und 1 lihlej in i' ltmg Vogt. und t *׳und weiß״ «’g Hau! licht, lerei« llell*׳ Rerli: Beru‘| Rrat Kt״!‘; ' 1prCerl Kpre« ■ Blrih. Vf DUm» 2t R*»f. x,l Mitt«' 2(1 Ml« , Erinnerungen eines Berliner Juden Von Arthur Elocsscr (5. Fortsetzung) In der Sexta begann der Religionsunterricht, . find somit fand die erste offizielle Trennung oder Untersehcidiirtg in der Schülerschaft statt: ich selbst habe, wenn diese Stunde nicht an den Anfang fiel, oft zuhören dürfen; e« war, außer wenn der Katechismus auswendig gelernt wutdCj jener Zeit entsprechend im wesentlichen Geschieht«- unterricht, also zu meinem Lieblingsfach gehörig, und in der . Hauptmasse aus dem stoffreicheren, von Geschichte und auch von Geschichten erfüllten Alten Testament. Fiir die jüdischen Schüler war kein Religionsunterricht vorgesehen, und unsere Eltern dachten auch nicht daran, diese Lücke auszulüllcn; es gab auch immer schon genug, was so ein Junge nicht lernen wollte. Alles in allem, oder von beiden Seiten her gesehen. Religion galt als ein angehängtes Nebenfach, auf keinem höheren Rang etwa als die Gesangs- oder Turnstunde; sie gehörte nicht zur innersten Verpflichtung des humanisti-; scheu Gymnasiums. Was man als Religion oder Religiosität bezeichnen kann, als Erhebung, Aufschwung, Gläubigkeit, als Zutrauen zu einer Vorsehung, das war viel mehr in den eigentlichen Geschichtsunterricht hineingcwiehsen, nach- ' dem der deutsche Einlicitstraum durch eine etwas weit ausholende Vorsehung erfüllt worden war. Es gab genug Schülerfrcundscbaften hinüber und herüber; kleine Unterschiede der Art wurden bewußt oder unbewußt übersehen, und wenn wir an unsere Abstammung oder an ,, ein Anderssein erinnert wurden, so geschah «s, wenigstens j im Anfang, nur durch einige Lehrer, die seit den achtziger ׳' fahren zuerst durch die Stöckerschc Bewegung berührt wurden. Ich kann nicht sagen, daß wir jüdischen Schüler zusammen- ' hielten; Juden haben immer etwas aneinander auszusetzen״ » Wenn auch, wie unvermeidlich, die Minorität mit der Majori- 'י tat mittat oder unwillkürlich mitdachtc. mitfühlte, gewisse , Differenzen, sind, mir damals schon fühlbar geworden, nur daß ich sie mit späterer Erfahrung und Kritik genauer bezeichnen kann. Wir waren alle weicher erzogen als unsere Umgebung, wir stammten aus einer urbaneren Rasse, die ‘ s*it Jahrhunderten eng zusammengedrückt in Städten lebte,; die den Zusammenhang nicht nur mit einem bestimmten Boden, sondern überhaupt mit einer rauheren Tätigkeit verloren hatte. Wir waren gewohnt, mehr Anteil aneinander zu nehmen, mehr ineinander hineinzusehen; jeder Jude möchte, daß der andere weiß, wie ihm zumute sei, und nicht zuletzt, wenn er sieh über irgend etwas zu beklagen hat. Dieser Abstand Mt mir früh ins Bewußtsein gerückt, da ich mit einem InR diancr- oder Spartancridcal anders sein wollte, und da das Treiben in der anderen Welt, in der zwischen Prenzlauer Straße und Scheunenvicrtel, mir eine gut abwehrende Kruste hatte amvachscn lassen. — Erst in der Prima wurden wir infolge einer neuen Verfügung zum jüdischen Religionsunterricht angchalten, Der Lehrer, an den ich gern zurückdenke, war ein kleiner feiner Manu von viel Vernunft und Wissenschaft, aber er kam weder von Mose und den Propheten noch übcrlmijit von unserer allen Geschichte her. sondern einmal von Spinoza, einmal von Kant, an dem len mich damals mit sehr unzureichenden Kräften versuchte; er gab uns eine philosophisch geklärte, religiös farblose Ethik, von einem höheren denkerischcn Standpunkt also ungefähr dasselbe, was ich bei gelegentlichen Besuchen der Synagoge, bei Hochzeiten und Begräbnissen von unseren Predigern gehört hatte, ihr verniinftiges Zureden und auf jeden Fall rrostcnwollen. das an schweren Schicksalen gern die mildernden Umstände entdeckte, machte mich aufsässig, oder noch schlimmer, ließ mich gleichgültig und spöttisch. Jahrzehnte später habe ich cingcschen, daß wir mit der Entbehrung einer Religion aufgewachsen sind, die zugleich unsere Geschichte und die daraus hervorgehende alte Verbindlichkeit bedeuten mußte. Andere Völker, die über die Nation hinaus einer Weltkirchc angehören, mögen es anders halten dürfen. Es war eben, und nicht mir für uns die Zeit, in der die Welträtscl von der Seite der Naturwissenschaft allein gelöst werden sollten, in der die Religion als billig, jede Metaphysik als außer Kurs galt. War mir und meiner Generation keine häusliche Tradition * von Judentum!unterlassen, hatte ich die Synagoge in ihrem mir unverständlichen Ritus befremdend und leer an Gefühls• werten gefunden, so war ich doch nicht ahne Kenntnis unserer alten, unserer welthistorisch großen Vergangenheit aufgewachsen, mit einer größeren Kenntnis wahrscheinlich als diejenigen, die einige Mole im Jahre ihr Gebetbuch auf• schlugen und deren hebräisches Wissen, auf die jährliche Wiederholung derselben Gebete beschränkt, wahrscheinlich sehr auswendig geworden war. Zu meinem vierzehnten Ge• burtstag — das war der andere Glücksfall meiner Kindheit nach der Entdeckung der von dein amerikanischen Onkel!unterlassenen Klassiker-Bibliothek — bekam Ich von einer Tante, die gern außer der Reihe ging, eine Bibel ge• schenkt. Die Frau war in England in einer christlichen Familie Erzieherin gewesen, was sie schon zu einiger Originalität verpflichtete, und sic hatte wohl bemerkt, daß da in jedem respektablen Hause eine Bibel zu finden war. Seit jenem Tage war ich Bibelleser, wovon ich nur wenige Unterbrechungen durch Reisen und anderes abzuziehen brauche, nur daß ich die Bibel heute anders lese, um das «Wort Aktualität zu vermeiden, als eine uns gerade jetzt mit ungeheurer Eindringlichkeit nahegeriiekte Gegenwart, als du Gesetzbuch uml als das prophetische Buch, das all unser crichbarcs Schicksal vorweggenoinmen hat. Ich kannte, *« Geschichte, was Gesetzgebung, was Mythos, was Märchen ist, gewiß noch nicht unterscheiden, ich überschlug aut״ manche Ausführlichkeiten oder Wiederholungen des Penja• tcuch, des Lcviticus und Deuteronomium. Aber ich I« meine Liehlingsgcsehichtcn von Helden, auch Aberiteurern, von Propheten und Märtyrern, auch von großen Sündern um Abtrünnigen in immer wiederkehrender Flingcrissenhcit, und ich fühlte mich in einer Welt zu Hause, in der es immer han auf hart herging, in der alles Denken, Fühlen, Hanod״ mir beispielhaft und gegen das Abendländische von unendnen verstärkter Energie erschien. Ich dachte nicht einmal ף' heute viel daran, daß cs meine Vorfahren waren, die w ihre Schicksale austrugen, daß es unser Gott war, vor dem die Geschichte zuerst Rechenschaft ablcgen ich las die Bibel wahrscheinlich, wie die ganze weit!! lesen kann, wie sie sic vor vierhundert Jahren empfang'״ hat als eine der ganzen Menschheit gemeinsame geschiclitc, von den Erzvätern an, als ein und Häuslichkeit, in der jeder sich heimisch machen, Ahncnscni aller Art und Urbilder des Lebens finden konnte, als ״ Buch, das zum Schwert wie zum Pflug gehört, das otaat' gegründet, Weltteile erobert hat. — . . f Auf meinem Abiturientenzeugnis — ich baffe m mittleren Klasse die Schule gewechselt — stand am t*׳ 1״ Er verläßt die Schule, um Geschichte zu studieren. * ich mich sehr genau prüfe und den Faden nicht allzu 1 spinnen sollte, ich glaube, daß die Wahl dieses Studium*, gewiß nicht als Brotstudium galt, aus meinem Vers mit der Bibel hervorgegangen ist. Unser Gott offenbart * durch die Schöpfung als der Allmächtige; er ist aucn s Gerechte, der sich durch die Geschichte 0״efl״״ Ich glaubte bemerkt zu haben, daß die Welt trotz־ י ׳ Fortschritten der Wissenschaft nicht richtig oder me״! N recht genug regiert wurde, und bildete mir ein, daß das 1 ־ gehen müßte, wenn man die Lehren und Warnungen Weltgeschichte berücksichtigte. So wollte ich vom aus die Völker und die Regierungen mit den besten MetwN versehen. Als ich mich bei meinem mir wohlges! Direktor verabschiedete, sah er mich besorgt an: Aber ״ Sie auch bedacht, daß Sie besondere Schwiez » keiten haben werden? ich versicherte ihm. daß Kn Schwierigkeiten nicht fürchtete, die doch dem Bewe״ besten Willens nicht standhalten könnten. Darauf der D» , mit einem belustigten Schmunzeln: Oh, °h, lieber ich sehe Sie schon als Journalist. Worauf ich nicm hochmütige Ablehnung sehr fest erwiderte; Ich wer! 1«״ fessor der Geschichtet —. (Fortsetzung W'; £ litlpf