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Jüdische Rundschau · 1934-10-26 · Heft 86 (26.10.1934) · page 6

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
39 (1934)
Issue
Heft 86 (26.10.1934)
Date
1934-10-26
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 [JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr, 86, 26. X, 1934 k I 1 ' V I 5 I Die Kattowitzer Konferenz Ein fünfzigjährige» Jubiläum Von Heinrich Loewe (Tcl-Awiw) Am 18. Chcschwan (in diesem Jahre: 27. Oktober), der Im jaiire 1884 auf den <>. November fiel, sind fünfzig Jahre vergangen, daß in der obcrschlcsischen Grenzstadt Kattowitz 126 Juden zusammcnkaincn, um, wie sic cs nannten, einen .Kongreß für die Palästina-Idee abndialten, die *ben anfing, in Rußland und Rumänien Wurzel zu schlagen. Wenn ein Kongreß von der Zahl der Teilnehmer. abhängt, so war es nahezu vermessen, diese Zusammenkunft einen ,Kongreß zu nennen. Wenn man aber die Wichtigkeit der . *;7׳v. ■1׳t j.,• {, in der Milte sitzend; Rabbiner S. Mohiletuer und Dt. L. Pinsher verhandelten Gegenstände, das Ansehen und die Bedeutung der teilnehmenden Persönlichkeiten in Befracht zieht, so war diese Tagung der Chowewe-Zion ein Kongreß, der in der Geschichte der zionistischen Bewegung von epochaler Bedcutung geworden ist. Der Eiitbcrufcr der Kattowitzer Konferenz, ihr Leiter Und der auf ihr zum Vorsitzenden der zukünftigen Organisation gewählte Führer war Dr. Leo Pinskcr, dessen sterbliche Ucbcrrcste erst vor wenigen Wochen nach Jerusalem überführt und liier beigesetzt wurden. Er, der nur Naturwissen• schattier seit! wollte, der in seiner unvergleichlichen Schrift ״Auto-Emanzipation“ die Judenfragc als Krankheit ansieht lind als Arzt behandeln will, stand doch unter dem Einfluß der jüdischen Geschichte mehr als irgendein anderer. Der erste praktische Schritt auf dem Wege der Bcsicd* hing Palästinas war die Gründung der Ackcrbatiscliule Mikwch- Jisraci bei Jaffa durch Charles Netter, im Jahre 1870, die aber so lange unfruchtbar blieb, bis die wirklich entstandene Kolonisation ihr das Feld zu ihrer Betätigung schuf. Diese Siedlung ging von drei verschiedenen Punkten aus. Der erste war der Versuch rumänischer Juden, sich in Palästina anzusieddn, Der zweite Ausgangspunkt war Jerusalem selbst, von wo eine kleine Zahl von Juden sich an dem Unterlauf des ,Audscli (heute wieder Jarkon) niederlief). Der dritte (Juellpunkt war Rußland und dort vor allem der Verein ״Bilu“, der aus Studenten und Obcrgymnasiasteu bestand. Um die ersten schwer um iiire Existenz ringenden Kolonien zu unterstützen, bildeten sich die Ver* eine der Chowewe-Zion, die zugleich die Träger des national-jüdischen Palästinagedankens wurden. Auch in Berlin und in London entstanden solche Vereine als schwache Ansätze zukünftiger Palästhiahestrchungen. Den gemeinsamen Anstrengungen von Pinskcr, Li 1 i c 11 b I ti in, R a l> hi n o w i t s c 11, sowie der rumänischen Zionsfretmde Dr. Karpcl Lippe und Samuel Pi 11 el es gelang es zu erreichen, dal) (ür den Herbst des Jahres 1884 nach Kattowitz eine Konferenz cinbcrtifen wurde, die über gemeinsame Schritte zur I Übung und Unterstützung der Kolonisation beraten sollte. An der Stelle, wo die drei Kaiserreiche Zusammenstößen, die von Rußland und Rumänien im freien Europa am ehesten zu erreichen war, sah mau den geeigneten Platz, einer Konferenz. Am 18. Chcschwan 5615 (6. November 1881) traten die Delegierten der verschiedeneii Chowewc-Zian-Vercine in Kattowitz zusammen. Die Tagesordnung war sehr reichhaltig. Von vornherein mußte für die ״Delcgierlcnversammlung der Zionsfretmde“, die sich selbst ״Kongreß“ und keineswegs ״Konferenz“ nannte, eine größere Zalil von Tagen in Aussicht genommen werden. Ein Zentralkomitee sollte zur Leitung der weiteren Kolonisationsarlicit geschaffen werden. Das Zentralkomitee sollte die staatliche Genehmigung zu erreichen suchen, sowie die bereits beste hei ulen Kolonien möglichst sichern und auf eine breitere Grundlage stellen. Mau mußte siel! einen Ucberblick über die zu Gebote stellenden Mittel, den Bestand der ver« schiedencn VcrriiisiniUci sowie über die Im Entstehen begrtüene Montefinrc-Stiftung verschalten. Endlich mußte inan an die nicht minder wichtige Frage der Gründung eines austiihrcmlcu Ausschusses in Palästina seihst herauf rrien. Die Versammlungen und Sitzungen fanden im Lokale der Concordia-Lnge des U.O. Bnc-Brith in Kattowitz statt, deren Präsident Ad. Löhinger an ihnen teilnahm. Folgende Delcgierte wirkten mit: Rabbiner Samuel Mohilcwer, L. Kliwanski, Selig Freutlial, Moses Moses, S. Friedländer, W. Wissot/ki, Dr. Leo Pinskcr, Brnmson, Dr. Knrpel Lippe, Dayches, Dr. Josef Chazauowicz, J. Bariictt, J. M. Meyersohn, N. Sclioimiaiin, 1). Friedmnnn, Dr. nied. I)rübinowiez, Rechtsnnwalt J. Jnsiiwwski, II. Mirkin, L. Schalit, Dr. Rabhinowicz, Alexander Zedorb,111111, M. Lmiz, Dnvidsohn, L. Kalischcr, P. Rahbinowitseli, Ch, Wollr,mch, B. Frcidenberg, F. Piues, B. Rittenberg, David Oordon, Max Mnndclslamin. Die I)elegie1tenversa111ml11ng beschloß die Einsetzung eines vorläufigen gcschäftsfiibrendeii Komitees in Odessa unter der Leitung Pinskcr«, bis das Zentralkomitee in Wirksanikeit treten konnte. Es war natürlich, daß das provisorische Komitee in Odessa immer mehr in die Erscheinung und in den Vordergrund trat, weil die starke Persönlichkeit Pinskcrs an seiner Spitze stand. Bis über den ersten Basler Kongreß hinaus war das ״Odcssacr Komitee" und seine Exekutive in Jaffa in der Koloiiisafionsbcwegimg von ausschlaggebender Bedcutung. Es wurde — später unter dem Vorsitz Ussischkins — für anderthalb Jahrzehnte der anerkannte Führer der Bewegung, nicht bloß der Kolonisation, die durch die immer wachsende Anteilnahme des Baron Edmond de Raths child ihr Gepräge erhielt. Wenn wir das erste halbe Jahrhundert seit der Kattowitzer Konferenz [eiern, so liegt die Versuchung nahe, ihre Bedcutung zu überschätzen. Das darf nicht geschehen. Es war ein erster Versuch, der freilich den Keim des Udingens in sich trug. Ls waren nur wenig I)elegierte. Aber sie waren voll des glühendsten Optimismus. Sic hegten keinen Zweifel, daß die noch kleine Bewegung wachsen und einstmals das ganze jüdische Volk ergreifen werde. So war die Kattowitzer Konferenz der echte Vorläufer des ersten Zionistenko»grosses, der in Basel 1S‘>7 abgclialtcn wurde. ,86. Ausstellung über Schulhygiene in Jerusalem Im Nathan- und rusalcm wurde eine h y g I c n e eröffnet, die Prinzipien aufgebaut ist um V 1 Liita-Strauß-Gcsuiidheilszciitruוזו in 1e, ine Ausstellung über Schul! die ganz auf modernen Ausstellung! ui die erste dieser Art in JermalL" darstcllt. Ihr Schön(״ ist Dr. Fritz Kah״ früher Berlin, der!״ seinem Werk ״f)״ l eben des Mensch«!* eine neue Art poptj. I.irwissenschaltlichtr lllustrationsmcthüden geschaffen hat. (>!{!*•״isaleincr A11sj|t|. Iting setzt sich tu einer großen Zahl dieser besonders tin. dringlichen und dem kindlichen Verständnis angepaßten Bilder!u. Rammen, die durch die Gegenüberstellung von Beispiel und (je. genheispielsowohldcti Kindern wie ihren Lehrern und Eltern die Gebote der Hy, giene nahebringen, Bei der Eröffn!״,» der Ausstellung war ein groß» Publikum aus Lehrer- und Aer/tckreiscn am«, send, das mit leb. baffem Interesse von dieser für Palästina neuen Art der Ocsundlicitspropaganda Kenntnis nahm. Es ist beabsichtigt, die Ausstellung auch in Tcl-Awiw, Haifa und einer Anzahl der größeren Kolo• nien zu zeigen. ■' ״ י "יי"*,] WtTfe«f>la)tat für Einführung wm F«l- Uhungtn »u׳t*ctam den Schultiundtn war C. Z. K. Maimomdes und das Rassenproblcm fn der Tci-Awiwer Tageszeitung ,,Dawar“ schreibt A. Jaari: Am Vorabend des kommenden Pcßachfcstcs werden 800 Jahre seit der Geburt des Philosophen Maimonides verflossen sein. Dem Tage zu Ehren werden jetzt schon Versuche gemacht, die Lehren des Philosophen lebendig zu machen. Die kürzlich von der Gesellschaft ״Mekizc nirdnmiin“ (Erweckcr der Schlafenden, Gesellschaft zur Neu- Herausgabe alter hebräischer Werke) nciiherausgcgcbenc Sammlung von Responscn, redigiert von A. Cb. F r c i 111 a n n, enthält auf Seite 40—42 eine Korrespondenz, die nicht ohne aktuelle Bedeutung ist. Rabbi Obadja Ger Z e d c k, ein in Palästina lebender Prosclyt, fragte Maimonidcs an, oh er dieselben üebctforincln gebrauchen könne wie die echten Rasscjtiden, ob er also /,. B. sagen dürfe ״Gott unserer Väter“, wo doch seine Viitcr Nichtjuden waren, oder ob er die Gcbctformel gebrauchen dürfe, ״der du uns geheiligt hast“ 11. dgl. Die Antwort des Maimonidcs lautet: ״Du hast mich angefragt wegen der Segenssprüche und Gebete, die du im stillen Gehet verwendest oder Gebete, die du öffentlich allssprichst, ob du sagen dürfest ״unser Gott timl Gott unserer Väter“ und ״der uns durch seine Gebotc geheiligt hat und uns befahl“ und ״der uns ahgesondert hat“ und ״der unseren Vätern zuteil werden ließ“ und ״der uns aus dem Lande Aegypten führte“ und ahnliehe andere Gehctformcln. Dir ist 7,u antworten, daß du alles zu beten hast, wie cs verordnet worden ist, und li'ichts verändern darfst. So wie jeder andere vollberechtigte Jude betet und Scgenspriichc sagt, so sollst du Segen sprechen und beten, sei cs, daß du allein betest, »cl cs, daß du in der Gemeinde betest, Die Hauptsache ist, daß unser Vater Ahraham das ganze Volk unterrichtet hat lind ihm die Religion der Wahrheit und die Einzigkeit Oottes verkündet hat, und den Götzendienst verwarf und viele zu Gott bekehrte, sic unterrichtete und belehrte. Deswegen ist jeder, bis zum Ende aller Geschlechter, der sich bekehrt lind Gott als den Einzigen anerkennt, ein Schüler unseres Valors Abraham, der Friede sei mit ihm, und sie alle sind Kinder seines Hauses, Nachdem du dich zu Gott be« kehrt und ihm anbangest, gibt cs keinen Unterschied mehr zwischen uns und dir, alle Wunder sind uns und dir zugleich geschehen, cs gibt gar keinen Unterschied mehr zwischen uns und dir in irgendeinem Punkte. Sicherlich mußt du den Segciisspriich sprechen ״der uns erwählt hat“ und ״der uns die Lehre gegeben hat“ und ״der uns abgesondert hat", denn schon hat dich der Schöpfer erwählt lind dich abgesondert von den Völkern und dir die Thora gegeben. Denn die Ibra ist uns ti 11 d den Prosclytcn gegeben worden. Wisse, daß ein großer Teil unserer Väter in Aegypten Götzendiener waren und sich unter die Völker mischten und ihre Werke lernten, bis der Heilige unseren Lehrer Moses, den Lehrer aller Propheten, sandte und uns von den Völkern abrcliicd und uns und alle Prosclytcn zu sich bekehrte und uns allen ein Gesetz gab. Deine Herkunft sei nicht gering in deinen Augen! Wenn wir von Abraham, Isaak und Jaakob herstammen, so stammst d u von dem, der durch sein Watt Uic Welt erschuf.“ Theodor Herz!, Gesamtausgabe der zionistischen Werke. Mit dem Erscheinen des vierten Bandes der Herr!• Gesamtausgabe ist die Ncuaiisgabc der Tagebücher Th, Hcrzls (Jüdischer Verlag G.m.h. II., Berlin W 50) nunmehr vollendet. Der fünfte Band gelangt in wenigen Wochtn zur Ausgabe, Er enthält, wie bereits mitgctcilt, das Schauspiel ״Das neue Ghetto“, den Roman ״Alt neuland“, den elegischen Schwank ״I in Speisewagen“ und zahlreiches Material ״Aus dein Nachlaß“, darunter viele Briefe, eine Denkschrift an den Zaren, die Notlzcn zu der Unterredung mit Baron Hirsch; die ersten Entwürfe für ״A 11 n c u I a n d“, drei Entwürfe für den Charter, den die englische bzw, ägyptische Regierung für das Gebiet El Arisch und die Sinai-Halbinsel erteilen sollte nsw. Gemäß den buchhind• Icrischen Bestimmungen wird mit Erscheinen des V. Band» der gegenwärtige Subskriptionspreis, der 3,85 M. für de« kartonierten Band und 5,85 M. fiir den Ganzleinen band beträgt, aufgehoben. Itnu■, E»p! Dm»• Uiw« Moiü Ff»nVI D fertla Xintca '1|p V;j|• i,f|| ,lf* Erinnerungen eines Berliner Juden Von Arthur Elocsscr (4. Fortsetzung) IV. Die Schule In dem üblichen Alter von etwas über sechs Jahren kam Ich in die Schule. Da cs in den Vorschulklassen noch keinen Religionsunterricht gab, wurde cs mir nicht bewußt, daß ich zu einer ,.Minorität1‘ gehörte. Die gemeinschaftliche Schuland.acht für alle Klassen bei Wochenaiifang und Schluß wurde auch erst später eiiigeführt. Wenn es zwischen den Kleinen Unterschiede gab, die sie selbst kaum machten oder empfanden, so hatten sie ganz andere Ursprünge; cs waren, abgesehen von der Begabung, die der Lebenshaltung, vor allem aber der inneren Voraus- Setzungen, die man schon von Hause mithraclitc. Meine Mitsehiiler aus einer wenig eleganten Gegend, weshalb unser Gymnasium auch Pantineum hieß, stammten meistens von kleinen Kmiflcuten, kleinen Beamten, kleinen Handwerkern, es war in diesen Familien häufig die erste Generation, die überhaupt die ״Hohe Schule“ besuchte, zum großen Teil, Hin sieh ein Zeugnis zu erwerben, das für eine initiiere Beamtenlautbahn ausreichte. Für die jüdischen Kinder kam das nicht in Betracht; sie versaßen auch ihre Zeit im Gym« liasium, das dazu kaum die richtige Stelle war, bis zum Einjährigeri-Zeugnis als Vorbedingung einer kaufmännischen Lehre, oder sic waren, wohl alle Kautmaiiiissöiine, schon früh zum Studium bestimmt; sie sollten mehr lernen als ihre Ettern und, wie es damals hieß, es im Leben einmal besser ha|1en. In den jüdischen Familien herrschte immer noch ein starker sozialer Ehrgeiz oder Auftrieb, der im Anfang des Jahrhunderts mit der Emanzipation eingesetzt hatte. Man sprach mit großem Respekt, oft auch die Vermögen abschätzend, von den Glaubensgenossen, die mit schon pafrizischen! Ansehen in den Villen des Tiergartens saßen, man rühmte ihre Stiftungen für wohltätige Anstalten oder sonstige Ckmciiidczwccke, die sie zu einer Art Peerschaft in Israel erhoben. Sehr früh hörte Ich auch von bedeutenden Medizinern und Juristen, die man fiir die ersten in ihrem Fach halten mußte, wenn die staatliche Hierarchie aus bekannten Grunde ihnen auch nur den zweiten Platz cinräumtc. Die I lofliiungen der Eltern gingen gewöhnlich höher als auf eine bloße Versorgung; der Sohn, der in ein Geschäft eintrat, sollte nicht sein Leben lang unselbständig und bloßer Gehaltsempfänger bleiben, und wenn man, nicht ohne Anstrengiing bescheidener Einkommen, die Kosten des Studiums anfbraclite, so war die Erwartung einer besonderen Leistung mit gegeben. Die Beaintenlanfhahn und manche andere Mögliehkeit, durch Rang und Titel gestempelt z.11 werden, war den Juden verschlossen, eine Aendernng oder Besserung schien bis zum Regierungsantritt von Kaiser Friedrich vertagt, so sollte, was ihnen abging, durch besondere Auszeichnung ersetzt werden, wozu wieder ein besonderes Talent vorauszusetzen war. Es hat dann auch die strenge Auslese statt* gefunden, mit der das Leben solche Erwartungen oder Ansprüche zu berichtigen pflegt, und wenn cs wohl auch alle diese von den Ihrigen Aiigespornten y.u einer ausreichenden Ikrufstüchtigkcit gebracht haben, was die von der heiligen Ungerechtigkeit der Natur verstreute Gabe des ״Talents“ nnhclatigt, so dürfte wie natürlich der Fehlanschlag die Regel über der Ausnahme gewesen sein. Die Erfahrungen der Schule sind zwar die ersten, denen der Mensch sieh im äußeren Leben stellen muß, aber cs werden in mancher Hinsicht auch die letzten sein, die sich von den späteren an Beweiskraft selten übertreffen lassen; ich kann jedenfalls die Beobachtungen und Schlüsse der Entwicklungszeit kaum entbehren, wenn ich jüdische Eigenheilen und Eigenschaften abzusehätzen suche. Ein wesentlicher Schluß ergab sich schon damals, daß im Judentum ein Spaiuningsvcrhiiltiiis allcrstärkster Gegensätze vorwaltet, so daß jedes ausgesprochene Urteil sofort nach einer Revision verlangt. Der Jude gilt als Materialist und läßt sich auch gern so gelten; wenn er sein ganzes Leben nichts arideres getan hat als mit alten Hosen handeln, so meint man, daß er damit gar nicht unglücklich gewesen sei. Hatte aber dieser selbe Jude, noch tief im Ghetto eingewurzelt, einen lernfähigen Sohn, so wurde er fiir das Talmudstudium auscrwlihlt, sozusagen als ein Erwerbsunfähiger, anerkannt, als ein Vornchmer ausgezeichnet, der ein abstraktes über das gemeine Bedürfnis erhobenes Dasein führen durfte. Die Familie wie die Gemeinde trug die Pflicht, ihn sorglos seiner Denkarbeit leben zu lassen. Diese durch Jahrhunderte getriebene geistige Dressur hat uns viel gekostet, aber auch viel cingcbracht, nicht nur für die Erhaltung unserer intellektuellen Fähigkeiten unter erdrückenden und erniedrigenden Verhältnissen, sondern auch für die Hervorbringung großartiger und besonders standhafter. Persönlichkeiten. Diese Energie und Entsagungskraft war in den mir zugänglichen Familien kaum noch erhalten,, die, .sich ja .auch von dein festeren ,oder treibenden Kern des Ostjudentums mehr oder weniger abgespalten haften. Das Abstrakteste in der Scjuilc Ist die Mathematik. Ich fand gegen dieses Fach, nicht nur bei nur, eine hoffnungslose Talentlosigkcit mul Abneigung, wahren« einige jüdische Schüler darin glänzten, und es verhütt יךי mit der Naturwissenschaft kaum anders, die überdies a» langweilig galt und im humanistischen Gymnasium wie andere und minder vornehme tote Sprache gelehrt war«• Wenn die jüdischen Schüler, wenigstens die aus sozial stnon gehobenen Familien, etwas gemeinschaftlich hatten, so warm es literarische und künstlerische Neigungen, obgleich sie in Zeichnen nachm stehen pflegten. Aber wir gingen ins Museum, mögen wir cs erst aus Eitelkeit getan haben, um uns ai» Kenner zu fühlen, die erste Beziehung zur Kunst war ]*7״' falls damit gegeben, und man soll diese Eigenschaft, sie zuerst angeknüptt hat, wegen ihrer oft ernsten t®a fruchtbaren Folgen nicht unterschätzen. K Es war wohl derselbe Sinn für die Form, der unJ.a, der Schullektüre mehr als den bloßen Lese- und Lernstoff ״e ausfördern lief). Die ersten literarischen Interessen, du* ויה meist mit jüdischen Kameraden verbunden, mögen sich ״ . alles, was keine Mitarbeit erfordert, auf der Oberfläche u nicht ohne Schaumschlägern abgespielt haben. Sagt nian׳ •* Juden überhaupt Oberflächlichkeit oder leichte uidwtvwä Erregbarkeit nach, so gab es ebensowohl das Gegenteil von zähen und schweren Arbeitern, die alles ״ mühevollem Einsatz von vorn anfingen. Diesen ^c1llc11 entgegengesetzten Typen bin ich immer wieder begcS" ׳ Schriftstellern oder sonstigen Wortführern, die sich ™,״■־ך, vom Wort führen ließen, die aus leichter und seichter u fiihlsatifwalhing sich überschnell entscheiden konnten, und 0׳ oft bei persönlicher Redlichkeit und Ucbcrzcugthcit, «1.5י,!! von anderen herbeigeschafften Denkinatcrial ihre Fjmigtj katc herstellten. Daneben und dagegen standen die fremden, die im Offertenwesen Ungeschickten, d!c י׳■י samen, die sich ihr Handwerkszeug noch selbst h®" mit Schwielen an den Händen von der schweren Karm arbeit, die am Anfang aller Wissenschaft steht. Ooau dem philologischen oder literarischen Fach, das Kh ständig beurteilen kann, bin ich später solchen begegnet, von denen ich als ein Muster an Beschcidenne» ims kürzlich entrissenen Professor der Musikgeschichte Fficdländer hervorheben möchte, dem Sammlung, Pflege, breitung des deutschen Volkslieds unter allen neueren »ehern am meisten schulden. , , (Fortsetzung k»fw *»!«• Z«a Hock Alt

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