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Jüdische Rundschau · 1934-10-16 · Heft 83 (16.10.1934) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
39 (1934)
Issue
Heft 83 (16.10.1934)
Date
1934-10-16
Page
– (sequence 1)
Language
German
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M I M! t״«;״״. hl .,נ..״ונ Vrhcr Nietzsches Stellung tum Judentum Ist schon sehr viel geschrieben worden und auch in den letzten Tagen hrac den ,< 1 urigen euf t rungen dieser Art, Nun ist dieses Ihema gewiß sehr Interessant, aber man darf das große geistige Ringen dieses Mannes mit einem welthistorischen Problem nicht für die Bedarfnisse der Tagespolitik vereinfachen. Denn Nietzsches Aeußcrnngcn dürfen nur v o 11 s l ä n d t g betrachtet werden. In sei• ״־>״ Dri,’lcn bekennt cr sich bekanntlich wiederholt als entschiedener Gegner des Antisemitismus, Und er hat über Hassenthcorie, Nationalismus, Christentum usw. an vielen Stellen seiner Schriften eingehend gesprochen. Diese Anschauungen müssen mitberücksichtigt werden, wenn man Nietzsches Haltung zur Judenfrage resümieren will. Heber die Juden als Volk und ihre Eigenschaften hat Nietzsche mit großem Respekt geurteilt. Statt des so oft besprochenen Themas, wie Nietzsche zu den Juden stand, bringen wir heule einen Beitrag darüber, wie Nietzsche, auf die Juden in ihrem geschlossenen Lebensbezirk wirkte. Red. r 1! Reminiszenzen Im 90.Gcburis/ag Friedrich Nietzsches am 15.Oktober Von S. M e i s c I s, Wien. Es war in <1111 neunziger Jahren des neunzehnten Jahr• haderts. Das Judentum wurde wieder einmal, wie so oft• :,115 in der Geschichte, von äußeren und inneren Erschütte• rmeen hcinigcsucht. Judenverfolgungen in Rußland, Drcyfus•;[!.« in Frankreich, Die materielle Not machte auch" die ״!stifjc fühlbar. Und das Bewußtsein, daß eine Acndcrung w äußeren Verhältnisse notwendig sei, erzeugte das Bcdürf• ׳:! auch nach einer inneren Umgestaltung. Zu jener Zeit fuhr in die Cihcttojngcnd der zündende!'׳!?: Friedrich N i e t z s c 11 e. Wovon sprach der “tiüer? Von ״Tafeln zerbrechen“, von ״Umwertung aller Täte“. Ware dieser Jugend Nietzsche früher begegnet, wer «iß, oh sich nicht ein jüdischer Nietzscheanismus j c n itits vom Judentum entwickelt hätte. Nun waren aber « Würfel bereits gefallen, das Wort von der jüdischen üraaissancc war ausgesprochen. Man suchte daher Nietzsche ril dem jüdischen Rcnaissanccgcdanken in Einklang zu hingen. Wo gibt es im Judentum einen dem Nict/schcanis• gemäßen Wertinhalt, den man erneuern, wiedcrbelebcn l'ünntc? Man fand ihn im Chassidismus. So entstand jrt nictzschcnnischer Neuchassidismus, der die Strome «r lehre Nietzsches in das Meer der chassidischcn Mystik öiiberziileiten suchte. Der Chassidismus enthält vieles, was der l ehre• Nictz- •dies zmviderläuft. Schon die erste Tugend, die er lehrt, Ähifihluth“ (Demut) — ein Wort, mit dem die Chassidim wh die Begriffe Bescheidenheit, ■Genügsamkeit, Mitleid und [rharmen verbinden — würde schwerlich im Zarathustrawh Unterkunft finden. Und doch bietet der Chassidismus in ,iwr Rcjahungdcs I. e b c 11 s und V ergöttiiehung i<5 Menschen, in seiner Betonung des Natiir* . ■hen und neuen Wertung von Gut und Böse unzählige Mogicn zu Nietzsches Zaratluistra-l.clirc. ,I>ie Parallelen Analogien sind um so leichter auffindbar, als die ch.issiyrten Lehren in jenem porösen svhillinischcn Stil, der vieles!’ dch aufsaugt und aus dem vieles herausgepreöt werden jiiM, ahgefaßt sind. Viele Gedanken Nictzschcschcr Prägung jenseits von Gut und Böse, Umwertung aller Werte, ■j'fbtrmcnsch, Fcrnstcnlicbc usw. — erhalten im Chassidis-;י« ihren Platz. Die alten Schriften der Chassidim enthalten :'wehe Lehren, die sich von den Gedanken des Nietzsche• j Mhustra nur darin unterscheiden, daß jene auf die gottj'hülltc, diese auf eine cntgottctc Weit hinzielen, j Die jttnghebräischeu Nictzschcancr haben dem Chassidisijm die äußere Form, dagegen Pathos und Gedanken- < 311׳ dem Nietzscheanismus entlehnt. Während die ersten j»1dim nur gegen die religiösen Geset/cscrschwcrungen ™filierten, lehnten sieh die chassidischcn Nictzschcancr »lies auf, was der Entfaltung des ״Uebcrmcnschcn“ _ Juden hinderlich sein könnte. ״Umwertung aller Werte' ir auch ihre Parole. Um einen Tempel aufzubauen, muß einen nicdcrrcißcu — diesem Ausspruch begegnet man;״1־er wieder in ihren im flammenden Nictzschc-Stil gchal- | (n Schriften. Die Sprache der Propheten ist gewiß nicht ״, an Kraftausdriickcn; aber liier hören wir zum erstenmal יי" Sprache eherne Worte, deren dröhnender Klang die n,(l,cn 1',lies uralten Gebäudes zu erschüttern droht. Die L,Jüdischen Nietzschcancr suchten einen ״neuen Weg , der zurückführt zur Natur, zum Schönen in 1 ״ M'ir. zum Erhabenen und Freudigen im Etlichen.;.o meine Brüder, '■,W״. auf die k0"'. hört euc h gehl hinaus ins Freie, in die Felder und um! in die Täler, und höret ihre Sprache, verdrängen, irgendein alle Schönheit?' Soll Vergangenheit über Berge selbst . ״Soll irgendeine Salzung uns die Welt die' ’s';hr — B"cs!•1'Den, irgendein Wort j, ■ 'l'tift über das Leben triumphieren, die ,’1־gcmvariV“ wirf '? fUl^ das zu Herzen geben: So iiir der Natur nahe 7 ’ ״m All, dem Unendlichen, so seid ihr die Wohlhabenden, 1 'hr die Reichen, so seid ihr groß und mächtig gleich jenen. *T, ״K״״mt her und laßt euch künden, was euch in (len letzten *111™ ,"Cf:rül'ct; •,סי ihr euch nicht anstrengt, die Geschielte aus *,fl' Jrdärhtnis zu tilgen — so wird dil Geschichte euch, euere *0 ' ,Und Körper verschlingen, und Zeiten werden kommen, 1 r einem toten Stück geschriebener Geschichte gleichen .,6 N 1״eine Brüder, tut von euch die Fesseln Her Geschichte *hir1r’"!,lct das Leben I Das Leben ist nicht Geschiehte. Ge• ' Ist etwas Fest siebendes. Das!.eben aber;״cot, A|Y'. dehnt sieh aus, geht in die Breite und in die a 1efe. «ns uns erneuern, so müssen wir einen neuen Geist m ühjiü!״ fhmtn• Pie Zeit ist gekommen, daß wir neue "ehe t״<n ’ |'t'״e Werte für unser Leben, unsern Geist, ״' ־ «na für unsere •׳*»"י« Gedanken, für unsere Empfindungen, für unser ■11nii 2jjf va»״. .... \»r_1. _ r ״k״״ wu um selbst• |ייי %% 1C!I lur Natur, zur Welt, zum Leben, zu uns (Bcrdyczewskit Al «m-hadercch, Warschau 1899•) So stürmten ihre Worte einher. Nirgendwo, glaube ich, hat Nietzsche einen gewaltigeren Einfluß ausgeiibt wie aut die dem Ghetto entronnenen jungliehräischcn Stürmer und Dränger. Die junghchräischeii Nictzschcancr nahmen die Lehren Nietzsches nicht nur als Zukiififtszicl an, sondern sie machten sie buchstäblich zu einem Gcgcnwartspro• g r a m in. Was dem Meister als hohes Ziel einer fernen Ent- Wicklung vorgescliwebt hatte — seine jüdischen Jünger wollten es gleichsam im Handumdrehen im Bezirke des Judentums verwirklichen. Dabei kann man nicht einmal sagen, daß sic den Sinn der Lehre Nietzsches in seiner ganzen Tiefe erfaßt hätten; aber sic hatten Nietzsches Grundgedanken akzeptiert und sic zum Ausgangspunkt einer ungeduldig drängenden imichassidischcn Bewegung gemacht. Gegen diese Jungen Stürmer und Dränger erhob sich damals eine Stimme, die allgemeine■ Aufmerksamkeit erregte. Es war die Stimme A c 11 a d H a a tu s. in einer durch Form- Vollendung und Gedankentiefe gleich ausgezeichneten Abhandlung ״Umwertung aller Werte“ setzte sich Achad Haam mit den jungen Stürmern entschieden und sachlich auseinander. Zunächst hob cr die neuen Worte und Ideen, die ״lärmend die hebräische Literatur durchschwirrten“, aus dem sic umgehenden Nebel heraus und gab ihnen eine gemeinverständliche, Fassung. Dann wies., er die jttnghebräischen Nict/scheaner auf die Verkehrtheit־ ihres Unterfangens hin, ein fremdes Reis auf den Baum des Judentums pfropfen zu wollen, ״ohne vorher zu überlegen, ob und iiiwicfern der Boden des Judentums für das Wachstum dieser neuen Pflanze geeignet erscheint“. Schließlich faßte er das Wesentlichste von Nietzsches Lehre zusammen lind hob die Merkmale hervor, durch die sich diese Lehre von der des Judentums unterscheidet, mul zeigte gleichzeitig die Linie an, auf der sich Nietzsches Lehre mit den Lehren des Judentums begegnet. Mit Beziehung auf eine Erläuterung Georg Simm eis unterscheidet Achad Haam in Nietzsches Lehre von der Umwertung aller Werte zwei Grundgedanken: einen allgcmein menschlichen und einen spezifisch arischen. Der spezifisch arische Grundgedanke äußert sich in Nictzsches Lehre vom Uebcrmcnschcn. Daß das Judentum die rein arische Anschauung vom Uebcrmcnschcn sich nicht zu eigen machen kamt, verstellt sich für Achad Haam von selbst. Dagegen steht der allgemein menschliche Nictzschcsclic Gedanke von der ״Höherentwicklung des menschlichen Typus in den höchsten Individuen der Art“ mit dem Judentum in keinem Widerspruch. Im Gegenteil, dem Judentum ist dieser Gedanke nicht einmal völlig neu. Im aitjüdischcn Schrifttum Jinclen sich viele Sentenzen, die die Lehre vom Ucbcrmcnsehen enthalten. Nur ist die jüdische Vorstellung von ihm eine andere. Der jüdische Ucbcrmensch ist der Gerechte. ״Die ganze Welt ist für den Gerechten geschaffen“, lautet ein charakteristischer tnlmudisehcr Ausspruch, ״Der Gerechte wiegt die ganze Welt auf“, heißt es an einer anderen Stelle. Viel zitiert wird namentlich in chassidischcn Kreisen der Satz: ״Der Gerechte ist das Fundament der Welt.“ Die Lehre vom Uebcrmcnschcn läßt sich also mit dem Judentum vereinen, aber nur dann, wenn sie den jüdischen Anschauungskreis nicht verläßt. Die jungliehräischcn Stürmer und Dränger aber schwärmten unentwegt fiir Nietzsches Idealtyp. Mit feiner, kaum merklicher Ironie spricht Achad Haam vom ״Volapük der Moral“ und macht dazu folgende feinsinnige Bemerkung: ״Der Erfinder des Volapük, der seine Sprache bei allen Völkern cingcführt zu sehen wünschte, hielt es für notwendig, aus seinem neuen Alphabet den Buchstaben R zu streichen, weil ihn die Chinesen nicht aussprechen können. Die Erfinder unseres moralischen Volapiik dagegen suchen gewaltsam das Judentum mit einer netten Lehre zu beglücken, die durch und durch seinem ganzen Wesen widerspricht.“ Der ncuchassidischc Nietzscheanismus war eine vorübergehende Erscheinung. Sichtbare Spuren hat er lediglich im jungliehräischcn Schrifttum!unterlassen. 1200 Paiästmazeriifikaie Jerusalem, 12. Oktober. (JTA.) Von den im Rahmen .der Einwanderungs-Schcdule für das nächste Halbjahr zu bewilligenden Zertifikaten hat die Palästina-Regierung der Jewish Agency 1200 Zertifikate vorschußweise ausgefolgt. _ , ׳Die Pipeline Mossul-Haifa ta Betrieb Haifa, 14. Oktober. (JTA.) Auf der eben in Betrieb genommenen Irak-Pipeline hat der Oelstrom am 14. Oktober den Endpunkt der Leitung in H ai f a erreicht, wo er in die großen Tanks der Irak Oil Company im Hafcngebict von Haifa geleitet wurde. Für die Stadt bedeutet das Eintreffen des ersten Irak-Oels ein Ereignis von historischer Denkwürdig• keit, das entsprechend gefeiert ,wurde. , , ׳, ,, ,! Die Rcichsvcrtretung der deutschen Juden hat zum zweiten Male seit ihrem Bestehen den Beirat einberufen, der das Bindeglied zwischen dein aus neun Mitgliedern bestehenden PräsidialausschuB und der weiteren jüdischen Ocffentlichkcit darstellt. Es hat sich auch diesmal gezeigt, daß ein solcher Kontakt in direkter Aussprache stets nützlich ist. Innerhalb einer Gemeinschaff, in der verschiedenartige Organisationsformen nebeneinander bestehen, gibt es leicht Stoff zu Spannungen, und es ist gut, wenn Konflikte, statt unterirdisch weiterzuwirken, in einem Gremium ausgetragen werden, zu dem überparteiliche Persönlichkeiten gehören, die allgemeinen Respekt genießen. Die Tagung am Sonntag zerfiel in zwei Teile. Der Vormittag war vor allem organisatorischen Fragen gewidmet, am Nachmittag gewann das Plenum einen Einblick in die umfassende sachliche Arbeit. Was jeden Teilnehmer dieser Sitzung besonders berührt haben muß, ist der Geist der harmonischen Zusammenarbeit, der im Präsidialausschuß herrscht. Menschen verschiedenster innerjüdischer Herkunft haben sich zusammengefunden und in voller Loyalität ohne Vorurteile an den aktuellen Aufgaben, die ja aus der Situation heraus für alle deutsehen Juden die gleichen sind, zusammengearbeitet. So ergab cs sich von selbst, daß auch angesichts der organisatorischen Probleme, die jetzt aufgeworfen .yvurden, dieser Kreis zusamrfifnhiciL Denn es ist klar, daß jede Neugestaltung die Gefahr in sich birgt, daß die ganze ursprüngliche Konzeption einer parteilosen, nur aus gemeinsam von allen designierten Persönlichkeiten be« .stellenden Spitze zusammenbräche. In Wahrheit mögen das alle Beteiligten gefühlt haben, und daher ist e^ nicht zu verwundern, daß die Sitzung zu einer Einigung geführt hat, wenn auch damit natürlich noch nicht alle Fragen aus der Welt geschafft sind. Die organisatorische Debatte — eingeleitet durch eine eindrucksvolle Eröffnungsrede Dr. Baecks und ein wohl abgewogenes Referat Dr. Otto Hirschs —< *wurde durch die Annahme eines Antrags M. Warburgs abgeschlossen, der dein Präsidialausschuß den herzliehen Dank und das Vertrauen des Beirates ausspricht und zugleich die Einsetzung eines Ausschusses Vorsicht, um die organische Weiterent Wicklung der Rcichsvertretung zu beraten. Diese Weiterentwicklung mag ein Erfordernis sein, da ja die endgültige, alle Körperschaften richtig einordnende Organisationsform für das deutsche Judentum noch nicht vorhanden ist. Der Antragsteller selbst gab seinem Antrag die Interpretation, daß eine Er weiterung des Präsidialausschusses nicht vorgenommen werden soll. Dies ist auch unzweifelhaft als Meinung der Mehrheit des Beirates aus der Debatte ersichtlich gewesen. Die Ansprüche, die von den Großgemeinden und insbesondere von der Berliner J ü d i - sehen Gemeinde erhoben werden, sollen in anderer Weise berücksichtigt werden, nämlich innerhalb des Haushaltungs-Ausschusses, der die Ausgaben zu überwachen hat; dies wurde schon darum als notwendig erachtet, weil in Zukunft weit mehr als bisher die jüdischen Steuerträger, d. h. also die Gemeinden, zu den Leistungen herangezogen werden müssen. Die Verbindung der Reichsvertretung mit dem ״Zentfalausschuß deutscher Juden für Hilfe und Aufbau“, der noch vor der Rcichsvertretung geschaffen worden ist und daher von ihr organisatorisch unabhängig war, soll in Zukunft enger werden. Die Aufgaben, die sich für die Reichsvertretung und damit für die Geld auf bringung des Zcntralausschusses ergeben, werden wachsen. Das Kulturwerk, insbesondere die Sicherung;und Ausbreitung des jüdischen Schul netzes, hat zövar im*letzten Jahre Fortschritte gemacht, steht aber erst in den Anfangen. Und die ,sozialpolitischen Aufgaben, sowie die Wirtschaftshilfe haben eine fast unüberschbarc Fülle von Anforderungen zu' befriedigen, was mit der Umschichtung Und Wanderung (auch Binnen- Wanderung) der deutschen Juden zusammenhängt. In zwei vorbildlichen Referaten gaben■ Dr. Cailmann (Köln) und Dr. Franz Meyer weit mehr als trockene Berichte über das Geleistete, sie gaben eine eindrufeksvolle Darstellung des geistigen und realen Hintergrundes, auf dem sich das Schulwerk, bzw. das sozialpolitische

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