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Jüdische Rundschau · 1934-10-12 · Heft 82 (12.10.1934) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
39 (1934)
Issue
Heft 82 (12.10.1934)
Date
1934-10-12
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Ann*hme»<hl!1R Uir die Oi<>nMMR-At]«£tb• Montag 10 Uhr, für di• Fr*lt«§Au*s>ht Mittwoch 13 Uhr {F*fwllt*n*n*eig0n bl* Donnerstag 10 Uhr) Hcilmttatte ln Palästina. ״ßaioler Pro!r«m ייווו m #*! ןיל5•; [)je für Sonnig anpcsd/ic Täflung des Beirates der If-fchsvcrtrciii«#? der deutschen Juden gibt Gelegenheit j'.j Rückschau auf die geleistete Arbeit und zu einer >iC|״t/ung der gegenwärtigen deutsch-jüdischen Situ- 01״t. Der gewaltige Umschwung in Deutschland 11,1t; deutsche Judentum relativ unvorbereitet getroffen! j diu־ grolle Anzahl von Aufgaben erzeugt, die erst ’״״,;iiilich gelöst werden. Wer erwartet hatte, daß die '..,!,jclic Neiioricntienmg des deutschen Judentums in ן, ן Rciclisvertretung einen gewaltigen Ausdruck finden;j'.(!, dali hier ohne Gebundenheit an alte Vorurteile j , oincr neuen Situation ein neuer Anfang j’,,;nacht wird, wird freilich nicht zufriedengestcllt sein, i’c Rcicli-vertretung vermochte die Widerstände, die . -!ו,■s ׳len alten Vcnvaltimgsincchanismen entgegen- ,:eilten, nicht völlig zu brechen. Aber auch wer der Untuiig der Rcichsvcrtrctung kritisch gcgenüberstclit, -jll anerkennen, daß sic eine in dieser Zeit überragend »,einige Aufgabe erfüllt hat. Sic hat die Vertreter der;ffidiiedciH'ii Richtungen des deutschen Judentums an ■ [iien runden Tisch zusaiiimengcbracht, wo in gemein- , 1:1er Arbeit, ohne doktrinäre Befangenheit, die Dinge ,׳.sprachen werden konnten, und in der praktischen Arbeit ist man sich nähergekommen, da ja die Situ- 1!ion weniger ideologischen Streit als gemeinsames Handeln verlangte, in saldier Zusammenarbeit kommt 5 häufig zum Kompromiß. Aber auch das Kompromiß!im konstruktiv und fruchtbar sein, wenn cs den Weg ra praktischer Arbeit ebnet Die Rcichsvcrtrctung hat sich in repräsentativer Hinsicht grolle Zurückhaltung aiiferlcgt, doch konnte sie bei mehreren Gelegenheiten auch hier ihr Hort sprechen, und noch wichtigere Aufgaben stehen ihr bc'or, wenn die Regelung der Judenfrage in Deutschland in ein neues formales Stadium treten sollte. Unter den praktischen Arbeiten cier Rcichsvcrtrctung sind die , wichtigsten die auf kulturellem und pädagogischem Ge* K so die Richtlinien für die jüdischen Schulen, die Gründung der Mittclstellc für Erwachsenenbildung ussv, lor allem aber muß man als Frucht der Rcichsverrrefung die Tatsache verzeichnen, daß der Partei* 'streit, der die kleine Gemeinschaft der deutschen Juden 01 zersprengen drohte, durch die Funktion der Reichs- Vertretung cingcdümmt worden ist. Leider ist in der letzten Zeit ein völlig unmoti- 1«1er Kampf gegen die R e i c h s ver t r e t u n g ^!genommen worden. Die in der Berliner Jiidi* ״hen Gemeinde herrschende liberale Partei hat Cfgenübcr der Reichsvertretung Machtansprüclic geltend!;Taclit, die durch die Sachlage nicht begründet sind.; ,״ ־Jüdische Rundschau“ hat zu diesen Kontroversen! Dion mehrmals Stellung genommen. In der letzten Nutndes Gemeindeblattes der Jüdischen Gc-;■"«nde Berlin wird von neuem der Anspruch auf eine j forzugte Stellung erhoben. Wenn man bedenkt, der Vorsitzende der Berliner Jüdischen Gc- Tinde von Anfang an Mitglied des Priisidial-Ausscliusscs "ז Rcichsvcrtrctung war, daß eine vom gesamten dcut- Judentum als geistig führend anerkannte Bcr- ‘J״er Persönlichkeit an der Spitze der Rcichsvcrtrctung daß die großen Organisationen, die sämtlich ihre Oralen in Berlin haben, im Ausschuß vertreten waren, Tn verstellt man nicht, wieso ein künstlicher Gegen- ‘J« ,zwischen Berlin und dem übrigen Teich liier in l? jüdische Politik liineingetragcn wird. Es ist falsch, .?יי das Ocmeindeblatt behauptet, die Berliner Juden- ."״■׳( habe ein Mehr von Pflichten und weniger Rechte. Il־ berliner Judenschaft hat natürlich besondere Pflich- 31!\ r auch '',re Rechte sind ungeschmälert, denn «nncrhalb der Reichsvertretung können die Rechte lz/11 *'ncr JucR1!'־schaft nicht gemessen werden an der L’*cr Sitze, die die Berliner Gcmeindcliberalcn in I >0r 1 1***18Vertretung inuc haben. Der Berliner Gemeinde- 1 Jud ♦d ist doch nicht identisch mit dem Berliner L Auf der anderen Seite empfinden wir cs als 1 jy rasscs Unverständnis für die Lage der deutschen j uc״. wenn das Berliner Ocmcindcblatt schreibt: 5c;n״P״ ,jüdische Mensch, der in Berlin lobt, empfindet Stad♦; ,eksal nicht anders als der Jude in einer anderen 1k ’״׳. Reiche. Das Judentum, in Berlin ist kein anderes Sch״»! ,>n Köln oder Leipzig oder Hamburg. Die gleiche ticut^L^Remeinschaft, dieselben Probleme umschließen alle Wan ״'•״ Iuden. Die Fragen sehen nicht anders aus, ob ״der rlVom Standpunkt des Juden in der Provinz betrachtet, McnJh« n]an s'c unter dem Gesichtspunkte des jüdischen »cn in unserer Gemeinde ansielit.“ fcitifk beweist, daß die Lage der Juden In n und mittleren Orten, wo nur, wenige Juden leben, # J» <י^>ןךךךן erheblich anders ist als in den Großstädten und insbesondere in der Groligcmeiiidc Berlin. Wir machen sogar maiiclimnl die Beobachtung, daß Berliner Juden, denen es wirtschaftlich erträglich gellt und die in ihrem persönlichen Leben keine große Veränderung gegenüber früher spüren, sich über manche brennenden Probleme leicht himvegsct/en möchten. Es ist daher voll bcrcchtigt, daß innerhalb der Rciclisvertrctimg auch den Juden der ״Provinz“ ein entsprechender Einfluß eingeräumt wird. Die Berliner Gemeinde hat ihre großen Vcrwalt u n g s a 11 f g a b e n. Gerade weil Berlin die größte Judengcmeiiidc ist, ergibt sich für die Berliner Gemeindefiilmmg eine gewaltige Möglichkeit konstruktiver Arbeit, die bisher noch lange nicht erschöpft ist. Die Repräsentanz dos gesamten deutschen Judentums aber kann nicht unter lokalen Berliner Gesichtspunkten erfolgen, sondern unter Berücksichtigung der großen Strömungen im deutschen Judentum, deren Zusammen* fassung allein eine wirkliche Repräsentanz verbürgen kann. Wir hoffen, daß die Sitzung des Beirates über diese Fragen volle Klarheit schaffen wird. Wenn erst ein Schachern um Mandate beginnt, dann kann man darauf gefaßt sein, daß überall Ansprüche angcmeldet werden und die Rciclisvertrctimg entweder zu einer Farce wird oder überhaupt zu bestehen auf hören muß. Es wäre unfaßbar, wenn irgendeine Gruppe, und sei sic auch die Berliner Gemeindeverwa11mig, aus Prestige• gründen die hoffnungsvollen Versuche einer Zusammen• fnssuiig des deutschen Judentums in dieser Zeit zum Scheitern brächte. Wir sind überzeugt, daß jeder solche Versuch in der ()Öffentlichkeit des gesamten deutschen Judentums dem entschlossenen Widerstand und bcrcch• tigten Unwillen begegnen würde. Statt das deutsche Judentum in diesem Moment in innere Kämpfe zu stürzen, müßte cs das Bestreben aller sein, alle Ansätze zur Zusammenarbeit zu Rudern und der Reichs- Vertretung, so wie sie aus richtigen Erwägungen einmal geschaffen Wurde, volle Unterstützung zu gewähren, damit sic den Aufgaben, die noch an sic lierantrcten werden, gerecht werden kann Jif oslav/isns Judcnhcit Iroiicit An der tiefen Landestrauer um den ermordeten König von Jugoslawien nimmt die jugoslawische Judenheit in dem Bewußtsein, daß mit König Alexander II. einer der aufrichtigsten Freunde der Judcnhcit unter den Monarchen der Welt dahingegangen ist, besonders erschüttcrt Anteil. Sämtliche Synagogen und öffentlichen jüdischen Gebäude tragen Trauerschmuck, In allen Synagogen werden Traucrgottesdicnstc abgehaltcn, das Obcrrabblnat hat einen Trauermonat proklamiert. Oberrabbiner Dr. Alkalay, das geistliche Oberhaupt der Juden Jugoslawiens und ihr offizieller Repräsentant Im Senat, gehörte zum Kreis der persönlichen Freunde des verstorbenen Königs und wurde von diesem wiederholt zu Unterredungen ln den Belgrader Konak berufen. Der König hat auch dem Zionismus mehrmals seine Sympathien erklärt und 1929 einen Minister zur Zionistenkonteren?, entsandt. 1928, anläßlich des zehnten Jahrestages der Proklamierung des jugoslawischen Königreichs, veranstaltctcn die jugoslawischen Zionisten eine Sammlung zur Pllanzung eines König Peter-Waldes auf Nationalfondsboden in Palästina zum Andenken an den Vater König Alexanders. Die Schirmherrschaft Uber diesen Fonds hatte König Alexander übernommen. Der Verband der jüdischen Gemeinden Jugoslawiens beabslchtigt, dem verstorbenen König Alexander in Belgrad und In Jerusalem Denkmäler zu errichten, die an die Verbundenheit des Königs mit den kulturellen und nationalen Bestrebungen seiner jüdischen Untertanen und sein Interesse für den Aufbau des Jüdischen Nationalheims erinnern sollen. Auch der französische Ministerpräsident B a r t h o u, der lelchzcltlg mit König Alexander den Tod fand, hat wiederolt jüdische Bestrebungen gefördert und sich bedrohter jüdischer Interessen angenommen. In frischer Erinnerung Ist noch die Abfuhr, die er dem rumänischen Anliscmitenführcr Prof. A. C. Cuz.a In der feierlichen Sitzung des rumänischen Parlaments erteilte, In der Barthou zum Ehrenbürger Rumäniens ernannt wurde, Als Prot. Cuza Barthou als den Vertrefer des ״nationallslischcn und chrhtlichen Frankreich“ begrüßte und von einer angeblichen jüdischen Vorherrschaft In Europa sprach, erklärte Barthou unter dem stürmischen Beifall des rumänischen Parlaments, er sei Nationalist und Christ im besten Sinne des Wortes, denn er verlange Achtung vor den Rechten unterdrückter Völker. Als Christ und Katholik fordere er Schutz der Bekenner jeder Reil* Ion und die Wahrung Ihres Rechts, ihren Glauben frei zu ekennen und ihm gemäß zu leben. Dns Äimgßji vm Zum Problem. der jüdischen Eingliederung in der Diaspora Die gegenwärtige Zeit, die in vielen Ländern zu einem Umbau der Staatsverfassung auf neuen Grundlagen geführt hat, bedeutet auch eine Erschütterung alter Axiome in bezug auf die Regelung der Lebcnsvcrhältnisse der Juden in den einzelnen Ländern. Ein Jahrhundert hindurch galt als Norm -- wenn auch natürlich bei weitem nicht überall durchgcführt — die liberale Auffassung der ״Gleichheit aller Staatsbürger vor dein Gesetz“, wobei zugleich die freie Lebenssphäre der einzelnen Persönlichkeit und auch der Gruppe anerkannt wurde. Mit der Erschütterung des liberalen Weltbildes in Europa östlich des Rheins wurde mit einem Male offenbar, daß wesentliche Probleme ungelöst sind. Daraus ergab sich ״Un- Ordnung“ in der Judcnfrage, auch bei den Juden selbst. Es gilt jetzt, in einer neuen Form den Anspruch der Juden auf ihr Somlcrleben in Einklang zu bringen mit den Lebensformen, die sieh die Völker nach ihren Anschauungen schaffen. Wenn z. B. ein neuer Staatsbegriff sich eng mit dem Volksgcdanken des Mehrheitsvolkes verbindet — ganz abgesehen von Deutschland, wo der Rassegedanke ausschlaggebend ist —, dann ist die Lage der Juden notwendig eine andere als in dem keinen Totalitätsanspruch erhebenden liberalen Staat. Die sich daraus ergebende Konsequenz, den Minderheiten, gerade weil sie als solche empfunden werden, von Staats wegen ein der Eigenart ihrer Situation entsprechendes Eigenleben zuzugcsieiien, wird dabei nicht immer mit aller Klarheit gezogen. Wenn ein Volk gerade solche Güter besonders zu pflegen entschlossen ist, bei denen die Juden naturgemäß Ausscheiden, so z. B. die Rasse oder die christliche Religion, so ist cs vom jüdischen Standpunkt selbstverständlich, daß diese Einstellung des Mchrhcitsvolkcs respektiert werden muß und daß die Juden daran keinen Anteil haben können; es ergibt sich ohne Hinzutun der Juden eine Situation, die nach unserer Meinung dazu führen muß, daß sich die Juden in verstärktem Maß ihrem jüdischen Erbe zuwenden, woran auch der Staat interessiert ist, der doch nicht wünschen kann, daß dort, wo den Angehörigen des Mchrhcitsvolkcs ideale Güter vermittelt werden, die jüdischen Staatsangehörigen nur ein Vakuum finden. Angesichts der neuen Entwicklung und der neuen Staatsauf fassung sehen wir, daß in manchen jüdischen Lagern, die früher den jüdischen Volksgedanken gar nicht begreifen konnten, die Erkenntnis von den jüdischen Volksnotwendigkeitcn — olt unter diesem oder jenem neuen Namen — vordringt. Aber es ist auch nicht verwunderlich, daß die Juden selbst bis tief in die Kreise des nationalen Judentums hinein noch keine eindeutige und klare Linie für iiir Verhalten haben. Der Grund für solche Schwankungen mag darin zu suchen sein, daß wir in einer sehr bewegten und bedrohlichen Zeit leben und eine Atmosphäre 11 es allgemeinen Mißtrauens jede Regelung erschwert. Insbesondere ist man sehr empfindlich geworden gegen alles, was wie eine Verletzung des Prinzips der ״Gleichberechtigung“ aussieht. Nun braucht aber eine Anerkennung der Sonderart der Juden noch keines* wegs eine Verletzung der Gleichberechtigung zu sein. Gleichbcrcchtigung ist nicht identisch mit Assimilation. Im Gegenteil: Eine Gleichberechtigung, die mit Assimilation erkauft wird, d. h. die die Juden zwingt, unter der Fiktion der vollständigen Gleichheit mit dem Mchrhcitsvolk auf allen Gebieten zu agieren, kann überaus verhängnisvolle Konsequenzen für die Juden haben und der Gleichberechtigung einen stärke* ren Stoß versetzen, als wenn von vornherein Klarheit über die Demarkationslinie geherrscht hätte, In dem Augenblick, wo die Völker ihr Leben völkisch oder rassisch determinieren, kamt der Jude nur ״als Jude“ seine staatsbürgerlichen Rechte wahren.*) Gegenwärtig sind die Dinge im Fluß, Zwei Beispiele der letzten Zeit illustrieren die Problematik: der Kampf um die Wahlkuric in Saloniki und der Sturm wegen der Juden•, klassen in Wien. In Saloniki, das erst 1913 zu Griechenland kam, ist von altersher eine große Judengemeinde, die ihre eigene Geschichte hat und gegenüber der griechischen wie der bub (!arischen Bevölkerung ihre Individualität bewahrt hat. Die griechische Verfassung hat ursprünglich diesen Juden ihre eigenen Abordnungen im Parlament durch eine eigene Wahl• *) Die Disfanzlosigkeit, mit denen manche Juden auch heute noch politischen Problemen gegenüberstehen, Ist gc? radczti erschreckend. Viele Emigranten haben In die• 8er Hinsicht nichts gelernt, und glauben, durch ihr Verlassen Deutschlands auch der Judenfragc Ieilig geworden zu sein. Wenn z. B. in einer kürzlich auch in deutschen Zeitungen, wiedergegebenen Emigranten-Kundgcbung unter der Uebcr* schrift ״Deutsche sprechen zu Euch“ eine Anzahl von jüdischen Namen erscheint, so beweist das, daß die Betreffenden mit Blindheit geschlagen sind und fünfzehii Jahre Geschichte spurlos an ihnen vorübergegangen sind.

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