Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 39 (1934)
- Issue
- Heft 72-73 (7.9.1934)
- Date
- 1934-09-07
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 89% known words query
- IRI
…/2651273-2653452-2653520--25730-2682886- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 9!31 Kr?2/73. 7 IX, 1934 JÜDISCHE RUNDSCHAU j, fisdhri. dem ״hasttag Gedalja•• *** jT* « 8־ # (ICH ' Jrnn• 1 Tel! 'H in j idH’:\ s' irkuj!; all'!. \ üiit. j Hc. 1י'!»£ [ ' av!. ו!Hut h\0\7 i Vcr.; ctlon 4 h in ־! nHn! |U’)1e f llllil ■ u;!, | .He;; m 5 Tu«. :1 *Hu• .Irui, 1; (irr in111‘־ I n1!r, |A\u־h |rii1n, \n 1'־E | Mel• Jchkk! vom Icbcd l/ieiii; i 1!/ץ 4 vo:n 1־ du־ j vor- J in.* 4■ um inin־ 3.: {hiisi, ikers \j im!“ •I לhe thf \ 1, E1 n י ן In a: | '1 IH'II, I Unll f;,m [ j die mal \ ni.,t * u: ח \ a/ ן I mal Umil johrr 1 r׳\\1 < : um■ 1 um mann •)יחו[ 1 ei״ 4 Ihe \ in'ie! j’m uima; ■lind aus* \ Mr. hu• Als Die Geschichte eine» Friedemhelden Von E111 a n u c 1 bin O o r i 0 n ״ der Kiinid von Babylon, *Ncbukadnezar, das Reich besiegt hatte und Jerusalem gefallen war, da wurde!״,, der K’Ule König Judas, geblendet und gefangen ,rh ßahvkm abgefuhrt. Den Add und die Reichen, soweit ",;de״׳!)lutbad entronnen waren, schleppte man ebenfalls Lrt* das arme Volk aber ließ man im Lande, Manche? l,t<cn sich »״di vorher m che Nachbarländer im Osten I ״ ״ Süden, nach Ammon, Mo,ab und Edom, fluchten können. vor I Der ciu/ige« der das Unglück vorausgeschen und 1' km Kriege gewarnt halle, war der Prophet Jcremia gewesen,!1 Id er befand sieb zur /eit der Zerstörung Jerusalems im 4 Lbncnisse. Ihn ließ Nelnisaradan, dem Nebukadnczar die I Mmtigune dcs Feldzuges und die Wiederherstellung der f Ljmin« im jüdischen Reiche anvertraut hatte, als ersten 4 L, Er stellte ihm auch frei, mit nach Babylonien zu | 'jciicii oder וויי Lande zu bleiben, und Jcremia wählte die ■ ״c״B*vor Nelnisaradan abzog, setzte er über das herrenlose zdict des früheren Reiches Juda einen Statthalter ein, der ,, ijitd vcrwalicn und im Gehorsam der babylonischen Herrschaft die Regierung führen sollte; für dieses Amt wurde M ein Eingeborener bestimmt, ein Mann namens Gedalja 9 t(() Acliik.un, dessen Vater und Großvater am königlichen “ «ef in Jerusalem gedient hatten, und der ein Freund des Propheten Jcremia war. Or(1,11 j,1 übernahm die ihm?!'gewiesene Tätigkeit und jr bestrebt, der babylonischen Obrigkeit ebenso wie dem V0!kc gercclit zu werden. Das verwüstete Land sollte wieder* ,!!(״diaut, Getreide-, Wein- und Oclbati von neuem ge* ‘ij^t werden. Eines der schlimmstem Ucbel der Zeit vor In Zusammenbruch war die ungerechte Verteilung des godrns gewesen; die Fürsten hatten sich allmählich den ״roßeren Teil des Acker- und Weidelandes angccignct, und |r früher selbständigen Bauern waren längst zu Leibeigenen j(r grollen Besitzer geworden. Das al’c mosaische Gesetz vom Frei),dir, demzufolge jeder jüdische Knecht nach sechsjähriger Dienstzeit freigegeben werden mußte, und die Satzung!«111 juhcljihr, nach welcher• alle fünfzig Jahre die alten Büicrrumler wiederhcrges'ellt werden sollten, waren in Ver- ״«fiilu'it geraten, und keiner kümmerte' sich uni deren lelfilgmig■ Ein einziges Mal, der letzte Krieg mit Babylon irlic schon begonnen, und König Zitlkija fühlte sieh in ™fler Bedrängnis, entschlossen sich die Machthaber dazu, In ücselz zu erfüllen, und riefen ein Freijahr aus. Aber kaum hatten sie cs getan, als es sic schon gereute, und 8asie ehe Gewalt besaßen, fingen sie alle ihre freigelasscncn Knechte wieder ein und machten sie sich aufs neue leibeigen. Dieses Unrecht war cs, das den Propheten Jcremia seine irnle große Maluircdc halten und den Untergang Jerusalems wlibiilißcii ließ, Da die Herren der großen Güter nicht mehr da waren, killen ihre Knechte von selbst die Freiheit wieder erlangt, aJ (ictlalja vermochte den Boden aufs neue gerecht zu verteilen. Lr versammelte die Uebriggehlicbenen des Starn* itn Jurla uin sicli und gebot ihnen, sieh in die Abhängigkeil von den Babyloniern zu fügen, versprach ihnen aber, ialis sie nur friedlich der Landarbeit nachgingen, für ihr lolilcrgi'lien sorgen zu wollen. Als erstes wies er sic an, he alte Ernte cin/tibringcn, denn die Eeldcr waren mitten «der Arbeit verlassen worden, und die Vorräte von Trauben, Ffipn und Oliven ein/usamniein. Da Jerusalem in Trum- Km lag, wählte er sicli das eine reichliche Meile nord- *iris gelegene alte Mizpa zur Residenz, wo schon fünfhundert Jahre vorher, unter den Richtern Jiftach und Sasutl, das Volk sich zu versammeln pflegte. Hier stießen «cli einige llnupileuie des ehemaligen jüdischen Heeres ns ihm, die er auf den babylonischen Herrscher vereidigte, und an einem von ihnen, JochaiKin ben Karcach, gewarnt er (Isen besonders ergebenen Freund. Der Ruf von der Wieder- Ehr der Ruhe und Ordnung im Lande verbreitete sich |׳.T:1ll1.1ll>rn; die nach Ammon, Moab und Edom (icfiüch- 1;:een kehrten zurück, und auch die in Samaricn verblichenen .;;iArcrlosen letzten Angehörigen des Reiches Israel erwogen Anschluß an das wieder aufwärfsstrebende Land Juda, (ihr König war gestürzt, der Prunk des Tempels für immer Min, und eine babylonische Besatzung in Mizpa erinnerte 'Einen täglich an den Verlust der eigenen Macht; aber das 1ml war in der Hand seiner Söhne verblieben, und das ö'iiueui des gc,echten Gedalja erweckte Zuversicht und iWiiHing auf bessere Zeiten. 1 Unter den aus Ammon Zurückgekehrten befand sich;weh ei!! Angehöriger des jüdischen Königshauses, Ismael 1׳fn Nctanja; er war als einziger aus dem Geschlecht Davids En Babyloniern ent rönnen und hatte in der uiiruhevollen Mt am' 110(0 des auinionitischcn Königs Baaiis Aufnahme fduiulcn, Diesen Mann verdrossen die Erfolge Gcdaljas Lr glaubte, daß ihm als einem Prinzen die Macht j1,1 ehesten /uknmine, und es widerstrebte ihm, sich cm cm! Manne mite! ordnen zu müssen, dessen Väter seinen Vätern ji'fcnt liaiten. Audi sah er in Gedalja nur den Sendling iH<l Handlanger der Babylonier, die die Erzfeinde Judas er begrift nicht, daß Gedalja der Berufung, hatte ^0׳Re leisten imibsuii, wenn er Volk und, Land nicht gan/hcti Mumie gerichtet sehen wollte. Ein anderer Widersacher ׳ Maljas war Baaiis, der König von Ammon, der hoffte,;) einer Beseitigung des jüdischen Statthalters werde 1 u0״ und Volk ihm Zufällen, und, ohne dem Ismael etwas ' '״״ diesen Plänen zu verraten, hetzte er den .ehrgeizigen f״l>«t1 immer stiirUcr gegen den tapferen und pflichtbcwuß-!'"Ocdalja auf. Als Ismael das amnionitisclie. Reich verließ, 7 «r es mit dem Vorsatz, Gedalja so bald wie möglich aus Wege zu räumen. Er begab sicli nach Mizpa, leistete jcr• wie alle anderen Offiziere des früheren jüdischen lc"cs. Gedalja den Treueid und wartete auf seine Gc- ״Allheit. , So heimlich er sein Vorhaben hielt, der klügste unter ',י Hauptleuten Gcdaljas, Joeitanan ben Karcach, erriet ihn 11noch und begab sicli sofort zu Gedalja, um ihn zu war- JGedalja aber sagte: ״fsniael hat mir geschworen und i M *ich nicht gegen mich erheben.“ Jochanan erwiderte: ' ״ aber weiß, dali Baaiis den Ismael nur zu dein Zweck I«,» f gesandt hat, um dich zu ermorden; und es gibt kci- »! aP(Ur11 Rat, als daß wir ihm zuvorkotnmen und du mich rifä#c dc" Ismael totzuschlagen.“ Aber Gedalja glaubte 1!s» ’ ifgend jemand Böses gegen ihn im Schilde fuhren ״ne und wcigerle sich, auf eine bloße Vermutung hui euien Men sc»cn zu richten. Sp gewann. Ismael Zeit, seine Verschwörung vorzuberel* ten. Er dang sicli zehn Männer, die zu allein entschlossen waren, und. suchte mit ihnen am Tage nach dem Neujahrsj.csie den Statthalter auf, der den Gästen ein Mahl richten ließ,.Während der Feier erhoben sieh die Versclniörer auf ein Zeichen Ismaels und durchbohrten den nichts ahnenden Gedalja mit dem Schwerte. Audi alle Diener im Hause wurden unigcbracht, Ismaels Anhänger verstärkten sicli und erschlugen an dem Tage auch die babylonische Waeltc In Mizpa. Jochanan ben Karcach und die Gedalja besonders ergebenen Leute waren nicht in der Stadt anwesend und weilten, ip Erfüllung einer Order Gi'daljas, drauBcn auf dem Lande. Die schauerliche Mordtat blich bis nun folgenden Tage iincnttleckt, mul an diesem ereignete cs sicli, daß ein Pilgerzug von achtzig Männern, Angehörigen des ehemaligen Radies. Israel, von den Ruinen Samnricns, Silos und Sielienm nach Mizpa kam, um das dortige Gotteshaus atif/tisuchen und Gedalja Geschenke darzuhringen. Der Ruf des jüdischen Statthalters war in die Bezirke des früheren Nordreiches herauf gedrungen, und hätte Ocdalja noch gelebt, so wäre es ihm wo 111 gelungen, den Rest Israels mit dem Rest Judas aufs neue zu vereinigen. Allein Ismaels ruehln.se Tat hatte das vereitelt. Der Mörder Gcdaljas lockte die Pilger in das Malis des Statthalters, überwältigte sie dort und gali ihnen den Tod; nur zehn, von ihnen erkauften sicli die Rettung, indem sic dem Ismael ein Versteck verrieten, wo sie ihre Lebensmittel, Weizen, (!erste, Gel und Honig, verwaiirt hatten. Die Leichname wart ismael in eine Zisterne, die vor Zeiten König Assa, der Urenkel Salomos, hei der Befestigung von Mizpa angelegt hatte. Danach macht c sicli Ismael mit seinem Gefolge auf den Weg nach Ammon; er schleppte einen Hauten Volkes aus der Anhängerschaft Gcdaljas und die Königstöchter, die in Mizpa ansässig gewesen waren, gefangen mit sich. Inzwischen erfuhr Joeitanan ben Karcach von dem Vor* gefallenen, er eilte dem Verräter nach und stellte ihn bei üibcori. ismael wurde geschlagen, mußte die Gefangenen herausgeben und auf die Beute verzichten. Aber dem Totschlägcr. selbst mit acht Begleitern gelang die Flucht auf ammoiiifisehes Gebiet. Nach Mizpa zuriiekgekehrt, beriet sich Jocl1a11.au mit des Getreuen Gcdaljas und dem Propheteil Jcremia darüber, was nun zu tun sei. Die Babylonier würden die Nicdenuetzelung ihrer Wache und den Mord an den! von ihnen eingesetzten Statthalter nicht ungestraft hinnehmen, und da der eigentliche Schuldige in Sicherheit sei, würde die Rache ohne Zweifel alle Juden treffen, die im Lande verblieben seien. Der nächste Kriegszug Babyloniens würde keinen mehr verschonen; das Land Juda sei endgültig verloren und müsse verlassen werden. Dieser verzweifelte Entschluß, das Land der Väter für immer preiszugeben und nach Aegypten aus/uwanderu, rief Jeremias heftigsten Widerspruch hervor, und er versuchte mit allen Kräften, sie von diesem verhängnisvollen Schritt abzulialtcn. Aber seine Worte blichen ungvhört; Jochnnan ben Karcach und sein Anhang waren durch nichts mehr zum Ausharren in der Heimat zu bewegen. Sic brachen nach Aegypten auf und zwangen auch den Propheten mit/ukommen. So endete der letzte Versuch, das Reich Davids zu erhat* teil. Juda war nun zerstreut in Babylonien und Aegypten, und es begannen die Jahre der Verbannung. Der Tag aber, an dem Gedalja von Mördcrhaml gefallen war, der dritte Tischri, wurde zum Fasttag für alle Zeiten bestimmt. Jüdische Kalender in alter Zeit Von Rabbiner Dr. S. Lcvl, Mainz Wenn heutzutage beim Beginn eines neuen Jahres dem luden «in neuer ״Luach“ (Kalender) zugesandt wird, dann bedenkt er wohl nicht, daß auch dieses kleine Büchlein und sein Inhalt eine fiir die Geschichte unserer Gemein- Schaft recht beachtenswerte Entwicklung aufzuweisen hat, Es ist bekannt, daß in ältesten Zeiten die Festlegung des jüdischen Kalenders auf den persönlichen Aussagen von Zeugen aufgebaut war, welche vor der zuständigen Behörde in Jerusalem zu erscheinen hatten. Das tahmulischc Schrifttum, insbesondere der Abschnitt Rosch Hnschanah, berichtet ausführlich darüber, wie weit die Verpflichtung׳ zur Erstattung der Zeugenaussagen ging, auf welche Art die Vernehmung erfolgte und wie die Bekanntgabe vom Eintritt des Neimicmds zu erfolgen hatte, damit die Opfer dargebracht und die Festtage rechtzeitig bedangen werden konn* ten. Die Abhängigkeit des gesamten jüdischen Volkes von den auf den Zeugenaussagen mifgebauten kalendarischen Bestimmungen der jcrusatcmitischcn Zentralbehörde war aber mit der zunehmenden Diaspora des jüdischen Volkes unhaitbar geworden, so daß unter Hilicl II. im Jahre 314, das ist im Jahre •1105 der jüdischen Zählung, die Grundregeln des jüdischen Kalenders hekanntgegeben werden!mißten und dadurch die kalendarischen Bestimmutigen nur noch von rechnerischen Grundsätzen abhängig waren. Von da an konnte jedermann, wenn er die niatlicmalisch-astronomischen Regeln kannte, sich den Kalender selbständig berechnen. Man darf anneliiiicii, daß schon in den spät-taimudisehen Zeilen an den verschiedensten Wohnsitzen der Juden Veröffentlichungen über den Kalender, die sicli entweder auf ein einziges Jahr oder auf eine Reihe von Jahren bezogen, erfolgt sind. Ursprünglich hat man allerdings hierbei nur die wesentlichsten Wende- und Euiseheidimgspunkte des jüdischen Jahres berücksichtigt und hat nicht etwa siimtliehe Tage des Jahres mit ihren Sonderheiten und Pflichten zusamiucngcstcllt. Die Anordnung der sahhatlichen Thora* Vorlesungen wurde freilich früh in diesen Veröffentlichungen behandelt. Diese Zusammenstellungen wurden gewöhnlich an Machsor-, Tcfilloh- oder Bibeüuuidsehrifleii aiigcfugt. Die heute gebräuchliche hebräische Bezeichnung ״Lu ach“ fiir den jüdischen Kalender dürfte dadurch entstanden sein, daß die genannten kalendarischen Entsrhcidungspunktc des Jahres auf ein Blatt oder eine Tafel aufgcschrieben wurden. Bald nach Erfindung des Buchdrucks durften auch jüdische Kalender in der einen oder anderen Form gedruckt worden sein. Solche gedruckte Luchot sind aus der ersten Hälfte des 10. Jahrhunderts bekannt. Im IS. und 10. Jahrhundert haben sicli die jüdischen Kalendcr-Druckausgahcu nicht nur zahlenmäßig ,außerordentlich entwickelt, so daß wir Ausgaben der verschiedensten damaligen hebräischen Druckereien kennen. Sic wurden auch von einzelnen Vereinigungen, Orgmiisationeii und Gemeinden mit literarisch cn Beigaben der Oeffenilichkeit übergeben und stellen vielfach eine Art von Volksliteratur dar. Man darf wohl sagen, daß damals In keinem jüdischen Hause der Luach fehlte. Diese Kalender stellen andererseits ein Dokument für die Lebensführung und das Interesse der Leger dar; hier harrt nocii Material für die Erkenntnis des Lebens unserer Vorfahren der Auswertung. Daß beispielsweise in diesen alten Kalcndcratisgaben sämtliche Märkte und Messen von Bedeutung verzeichnet waren, läßt Rückschlüsse auf die wirtschaftliche Betätigung unserer Vorfahren zu. ln fast allen Kalender,uisgalH'ii dieser Zeit finden sich neben der Chronologie der jüdischen Geschichte Gcburts- und Juhiläunisilatcn der Fürstenhäuser. Holzstiel!• oder Kupferstich- Illustrationen bringen in Kopf- oder Uinrahmungsbildern die 12 Gcstirnzt'iclien des Jahres und in diesen die Hanptbetätißiingsaiifgahcn, welche den einzelnen Monaten oder Jahres- Zeiten zufalleri. In kleinen Anhängen werden vielfach die Gebete fiir die Momlweihe oder für die Reise gebracht. Allerdings macht der in S 11 i z h a c h im Jahre 1771 erschieneue Kalender schon daraut aufmerksam, daß er Gebete dieser Art int Luach nicht mehr bringe, weil nach der Ent- Scheidung führender Rahhineii durch Wegwerfen der mit Abschluß des Jahres unbrauchbar gewordenen Kalender und der in ihnen enthaltenen Gcbctstückc eine Entweihung des Oottesiiamens zu befürchten sei. Wetter- und Eruchlbarkcitsnrophczeihungcn wechseln mit Adcrlaßregeln und Rezepten für die verschiedenen Krankheiten. Alle diese Anmerkungen werden in Jüdischdeutsch der damaligen Zeit und in hebräischer Druckschrift gebracht. Die sprachlichen Unterschiede zwischen den einzelnen Gegenden können an Hand der verschiedenen Kalenderausgaben von Sui/hach, Frankfurt, Fürth, Metz usw. fcstgcstcllt werden. Beachtliche Einblicke in das Volksleben werden ermöglicht, wenn beispielsweise der Furt her Luach von! Jahre 1760 sagt: ,,bechaudcsch chcschwan dringt die Kalt in den Guf (Körper) vun Menschen und schließt die Scliweißlöchcr zu, darum ist ungesund zu baden, oder Schweißbad zu baden, weil dodurch die Schweißiöcher eröfliit werden. Alle Speisen und Getränk sein warm gesund und der Mensch soll sieh bewegen mit arbeiten oder spazicrengchcn“. Das Gegenstück dazu lautet: ״bechaudcsch siwan fangt sieh der Summer an; drum wer haben kann soll sich mit leichten Kihlen und leichti verdauend!! Speisn bedienn“. Auch aus den Aderlaß regeln, die für alle Tage des Monats aufgesfellt werden, sprechen merkwürdige Er* fahrungen; so sagt beispielsweise der Sulzbacher Luach für das Jahr 1771; ״der 11. Tag ist nit gut, man kann ciias wescliolom in ein Chtilschcs (Ohnmacht) fallen. Der 15. Tag Is gut, bekräftigt das Esse und Trinke“. Auch Beispiele für den Stand der damaligen Heilkünde seien nicht vorcnthaltcn. Unter dem Titel ״Refuaus“ (Heilungen) sagt dieser Sui/bachcr Kalender: ״wenn Kinder sclierozim (Würmer) haben, so nehmt man rote Möhren und so groß wie a Haselnuß; tunkt ein In Branntwein, leg es auf dem Nabel und Hirni es zu, also wern die Rchcrozim in Leih vergehen (Rccsras haschcm)“. ״For die schetiiim jesurim (Zahnschmerzen) nein ein großen Zwiefei, holiit ihm aus und tu drein Wald Salz und Pfeffer gestoßen und was eraus gcnumincn stop! wiederum hinein, loß ihm ganz weich braten a so warm als leiden kann vun dem Pfeffer und Salz auch das weiche von Zwicfcl auf dein Zahnfleisch wo die Jesurim sein, warm eines um das ander auf* gelegt: also werden cs die Flit (?) crausziehcn und die jesurim heesras haschcm vcrlosscn sein.“ In einer Schlußbemerkung des Sulzbacher Kalender von 1767 wird die Fruchtbarkeit des bevorstehen• den Jahres prophezeilit und schließlich gesagt: ״und wollen weiter haschcm jisborasch um cliescd mcracliamim bitten, daß er soll schomih tauvoh schicken und soll uns lassen acclius owaus genießen, daß mir aber vor mit tcsclmwoh usetiloh uzedokoh unser chatoim sollen büßen, omen“. Mag Vieles in Sprache und Sitte Im Wandel der Zeit skh geändert haben, die Gesinnung, die in diesem Schlußwünsch zum Ausdruck kommt, dürfen wir auch in unseren Tagen in uns tragen. Neue Kalender Im Verlage Dr. Herbert locvvenstein, Kunstverlag in Berlin, ist vor einigen Tagen ein von der Künstler- Hilfe der Jüdischen Gemeinde zu Berlin unter Leitung von Dr. Hermann Schildberger herausgegebener Kalender erschienen. Die Bild- und T cxtgestaltung dieses Kalenders haben Dr. Max Osborit und Professor Dr. Franz Landsberger besorgt, ein Geleitwort hat Prof. Max Lichcrman.it beigestcuert, für die Gesamtleitung der Herausgabc ist Erna Stein, Kustos am Jüdischen Museum Rcrlin, verantwortlich. Der sehr gut gedruckte und übersichtlich angeordnete Kalender enthalt neben den üblichen kalendariselten Angaben für die einzelnen Wochen Verse von Bialik, Brod, Meidncr, Lessie Sachs, Silbcrglcit, Sturmann und Woifcnstein. Auf den einzelnen Blättern sind Reproduktionen von Bildern und Skulpturen einer sehr großen Zahl jüdischer Künstler wiedergegeben, zum größten Teil mit kurzen Aufsätzen über die betreffenden Künstler aus der Feder der die Herausgabe besorgenden Kunsthistoriker. Der Kalender gibt auf diese Weise eine vortreffliche Uebersicht über die in Deutschland lebenden bz.w. aus Deutschland staintnenden jüdischen bildenden Künstler. Besonders interessant ist die Feststellung, wieviele von ihnen, und zwar nicht nur diejenigen, die in Palästina leben, sicli von der Landschaft und dem Leben Ercz Israels haben beeinflussen lassen, sowohl in der Wald ihrer Gegenstände als auch, was ilire Ausdrueksiähigkeit anhelanytt. Auch dieser Kalender zeigt, wie stark die geistige Verbindung der Schaffenden im deutscheu Judentum mit dem Lehen Palästinas bereits heute ist. Im Verlage von I). H c 11 c r, München, ist der Würzburger Israelitische Kalender fiir das Jahr 5605 erschienen. Neben einem gut ausgestatteten Kalendarium enthält der Kalender insbesondere einen Teil: ״Aus dem jüdischen Geistesleben“ mit zahircicdien interessanten und wertvollen literarischen Beiträgen und Abbildungen. Die Gesellschaft für jüdische Volksbildüng e. V., Frankfurt a. Main, hat soeben einen Luach 5605 herausgegeben, der von Rabb. Dr. Georg Salz, berger und Prof. Moritz Werner, Frankfurt a. M.t bearbeitet ist. Der Kalender zeichnet sich durch eine Einführung in die Festtage und sehr umfangreiche und gute kalendarische Notizen aus. Er enthält ferner einen Aufsatz über das Programm der Gesellschaft und das jetzt beginnende Rambam-Jahr von Prof. Dr. Moritz Werner. Nicht recht ersichtlich ist es, welchen Sinn cs haben soll, daß dieser Aufsatz die Gelegenheit zu antizionistischen Angriffen benutzt. A. n. :Jru ,i.e"! der. in!); jtc- 1 Ul' ul HI (©yfiMKä'i M Ö 4 W ■ U3S!) J!)Lijm.tI(!0nhl-!i®/0L ÜÄlINiöä iSiOIBMrי ״ C (UUli'Jil! l^.CXQLsi.U!ü,i11 UxiGjfeuj 1!' I