Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 39 (1934)
- Issue
- Heft 72-73 (7.9.1934)
- Date
- 1934-09-07
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Die poßen Festtage an der Schwelle des Herbstes sind die Tandes stärksten und intensivsten jüdischen Lebens und Fuhlens. 1 nun er wieder sind wir von dem Zauber der jjijc ergriffen und aufgewühlt, und an ihnen wird uns, «selten sonst, die Einzigartigkeit der jüdischen Gemeinschaft bewubt. Welches andere Volk feiert den j (gpim des Jahres in solcher Weise? Ein ganzes Jahr | cs zu leben, dein Lehen gewachsen z.u sein, und } diese Tage des Jahresanfangs sind wie eine Vorbereitung, : me Stählung für die grollen Anforderungen, die an jeden I nn u״s, an jeden Menschen schlechthin, gestellt sind. I Stumien der Einkehr, Beschäftigung mit der Frage der 1 Vera 111wo 111111׳ g des Menschen für seine Taten, ein * Ringen mit Hott um Vergebung, da wir trotz, aller Be* | Füllungen um das Oute doch als Menschen in der |!-irnschlirheii Unzulänglichkeit befangen sind, eine Rück* 1 Khan auf das vergangene und Sammlung um Kraft für I ns bevorstehende Jahr — dieses immer wicderkelircndc! Ereignis im Leben des Juden ordnet sein Dasein, gibt |;einem Tun und Leiden den Rhythmus. Ein Volk, das auf 1 igener Scholle ein normales, durch die Jahrhunderte in gnuler I itiie sicii entwickelndes Lehen führt, empfindet J ajeh seine Feste als organischen Bestandteil seines Seins. Bei uns Juden der Oaluth, deren alltägliches Leben sich in einer nichtjiidischen Welt vollzieht, haben Festtage tinen anderen Rang. Sie sind gewissermaßen das ״Jüdischcslrt‘ unseres Jah .1cs. Es genügt nicht, nur die tthgiösc Seite zu selten. Gewiß sind es tief religiöse feiern, und in einer Zeit der Unsicherheit wie der un- 5cten ist auch das religiöse Empfinden wieder wacher!15 cs in den Tagen ungestörter Behaglichkeit der Fall vir. Aber darüber hinaus gibt das Bewußtsein, diese Tage in jüdischer Sphäre, mit jüdischem Inhalt zu bc-;dien, ein Gefühl des Zusammenhangs: in allen Teilen der Erde sind die Synagogen dicht gefüllt, und alle beten gemeinsam, alle dasselbe ״Wir“ auf den Lippen, in der gleichen Sprache in dieser menschlich wichtigsten Stunde vereinigt. We Juden der ״aufgeklärten“ Generation verstehen ״Rc Sprache nicht mehr, und dennoch werden auch etwas von der Großartigkeit des Augenblicks emp- 11״den; 11 r0 iclc werden sich anschicken, die Sprache fe wieder zu erobern, um mit vollem Bewußtsein in feem Zusammenhang zu leben, dem sic in Wahrheit «entronnen waren, der sic aber jetzt fest umklammert. Als vor vierzig Jahren der Prozeß begann, durch fe dank dein Zionismus viele ihrem Volk entfremdete |udm zum Judentum zurückkchrten und jüdisches Volks- ^pfimlen erlebten, da wurden •zuerst jene Feste er- ״euert, die dem Kampf gegen Assimilation und der Abfec an Knechtschaft gelten. Chanukkah wurde zum }hkkahäer-Fest, und Theodor Hcrzl, der keine religiöse Vorschrift mehr hielt, fand in der Mcnorah das Symbol SCi״es Amtes als Diener am Licht. Die Geschichte vom aus Aegypten ließ das Pcßachfest in einem neuen Sinn erstrahlen, weil der Weg von Knechtschaft zu Freineu begriffen wurde. Weniger batten dieser jüdischcn Generation die großen Feiertage des Jahresbeginns w saRCn. Jetzt erst haben wir uns auch diese Tage in '0"ein Sinne zurückerobert. Denn wir wissen heute, kein Volk von außen her erweckt oder befreit "crden kann, sondern nur von innen. Rosch Haschanah 5״Cr ist das Fest der Innerlichkeit. * . ^er ,.Tag des Gedenkens“ ist Anlaß der Erinnerung lc״t nur für den Einzelnen, der für sein Tun Rechen- J a“ abzulegen hat. Die jüdische Gemeinschaft? s°lel1c stellt an einem Wendepunkt. Wir ״gedenken ,!ז asscn die Vergangenheit an uns vorüberziehen, und ten מ n*cM> um unsere Heldentaten hervorzukehcnunt| uns VQr dcr Außcnwclt n1jt ihnen zu brüsten, sonunsere Schwächen zu erkennen: im Mittel- 111« ^'escr Tage steht das Bekenntnis der Verf ehj f>cn. So geartet ist unser Nationalismus. Aber ebenso wie wir nicht übermäßig Verdienste für uns bcanspruclicn, können wir auch nicht an unsere übermäßige Schuld glauben, wo eine gemeinsame Ent- Wicklung die Menschen und Völker einer bestimmten KulUirgcmcinschaft von Etappe zu Etappe geführt hat. Auch in der alten Welt, die vom Judentum unberührt war, gab cs verschiedene Phasen im Auf und Ab der Kulturen, Zeiten stärkster Entfaltung und Zeiten des Niedergangs, aufhauende und auflösende Elemente. Von den alten Völkern vermochten die Griechen zwar eine hohe Kunst, aber kein eigentliches politisches Madttgebildc zu schnffen, der g r i e c h i s c 11 c I n t c 11 c k t u a 1 i s in u s erfaßte dann die ganze alte Welt, auch die Juden wurden in der hellenistischen Zeit von ihn! ergriffen; die eigentlich staatsbiklcndc Kraft kam von Rom, und als dann in einer späteren Epoche von Rom aus das gigantische geistige Reich der Kirche errichtet wurde, mischten sich religiöse Elemente jüdischen Ursprungs mit der politischen Formkraft Roms. Es ist sehr schwer heute zu entscheiden, welchen Anteil das Christentum als Voraussetzung der Stnatengriinduiigen Europas hatte und wie weit der christliche Versuch der Schaffung eines einheitlichen abendländischen Kulturgcbildcs, zweifellos auch durch die jüdische Vorstellung vom einheitlichen ״Reich Gottes“ genährt, infolge der verschiedenen Spaltungen im Christentum vereitelt wurde. Die Auflösung der festgefügten Glaubenswelt durch die Maeht der Skepsis am Ausgang des Mittelalters, in ihren verschiedenen Stadien von der Renaissance bis zu den großen Aufkiärungs-Philosoplicn des französischen, englischen und deutschen Volkes ist ein gcistcsgcschichtlichcr Vorgang, an dem wir Juden, die gerade in jener entscheidenden Zeit außerhalb des europäischen Geistesgefüges standen, fast keinen Anteil (außer vielleicht durch Spinoza) hatten. Nicht wir waren cs, die die Völker damit infiziert haben. Unsere Schuld, deren wir uns in diesen Tagen des Schuldbekenntnisses zu erinnern haben, liegt anderswo. Sic Hegt darin, daß wir nach unserer Emanzipation, als wir von der Welt der europäischen Aufklärung umfaßt und aufgenommen wurden, unser jüdisches Selbst aufzugeben bereit waren. Und während bei allen andern Völkern der Erde die Menschen, die in ihrer natürlichen, organisch geworde* nen Volkheit leben, unabhängig von ihrem Denken in Bindungen bleiben, führte bei uns die Loslösung vom Judentum zu gänzlicher Bindungslosigkeit. Je wenigcr ein Jude noch vom Judentum besaß, um so leichter konnte er das haltlose Opfer jeder auf* und abgehenden Welle werden. Diese Entwicklung ist jetzt zu Ende. Es ist nur menschlich, wenn viele mit dem Vergangenen liebäugeln, Made ml: Neujahrs-Beilage Kinder - Rundsdi au Musik-Beilage Zum Beginn des neuen Jahres spricht die Reiclisvertretung allen Gemeinden und allen Männern und Frauen in ihnen, dem alten und dem jungen Geschlecht in treuer Verbunden« heit herzliche Wünsche aus. Aller Wunsch, ob wir ihn darbringen oder empfangen, setzt eine Bereitschaft voraus. Zwiefach ist sie in diesen ernsten Tagen von uns gefordert: als der Wille zur Gemeinschaft und als der Wille zum Opfer. Wir sind mehr denn jo auf uns *selbst gewiesen. Nur wenn wir Zusammenhalten, frei von Eigensucht und Eigensinn, und nur wenn eines jeden Können, auch eines jeden Habe dem verbindenden Ganzen dienen will, nur dann werden wir bestehen. Mahnung und Bürgschaft dessen zu sein, das ist die große Aufgabe der Reichsvertre« tung. ln dem Willen zu ihr spricht der Wille zur Gemeinschaft und zum Opfer. Möge er sich im neuen Jahre bewähren« Die Reiclisvertretung der deutschen Juden BAECK das schließlich für sie eine angenehme, äußerlich glückliehe Zeit war. Aber trotzdem wir diese Erscheinungen . einer Ucbcrg.ingszeit sehen, glauben wir nicht, daß das deutsche Judentum wieder in seine frühere Selbstverncinung hineingeraten könnte. Der Weg ist heute ein umgekehrter. Wir ringen noch um einen ehrenvollen Platz in der neuen Ordnung, aber wir glauben, daß wir nur als Juden einen legitimen Platz finden können. Wenn in diesen Tagen, wo das deutsche Volk eine große Zusammenkunft der den Staat tragenden Massenpartei mit innerer Anteilnahme und Jubel feiert, von höchster deutscher Stelle gesagt wurde, daß innerhalb Deutsch- Lands auch von den heute noch Abscitsstehcndcn diejenigen gewonnen werden sollen, die ״dem Blute nach“ dazu gehören, so ist das aus der blutmäßigen und rassisehen Fundierung der nationalsozialistischen Idee ververständlich. Wenn aber gleichzeitig die dann noch verbleibende Gruppe von Menschen, die naturnotwendig, aus Gründen des Blutes, außerhalb der Bewegung bleibei! muß, mit dem Verbrechertum der modernen Gesellscliaft verglichen wird, so können wir für uns Juden uns mit einer solchen Lösung nicht abfinden. Denn Jahrhunderte geschichtlicher Vorgänge, die nicht von uns gemacht waren, haben uns in unsere heutigen Lebensgebiete in Deutschland gebracht, und auch der Nationalsozialismus erkennt ja an, daß wir durch objektive, also nicht von uns verschuldete Gründe außerhalb seiner, das übrige ganze deutsche Volk beanspruchenden Gemeinschaft bleiben müssen. Gewiß ist ein solches numerisch unbedeutendes Element ״wesenlos“ für die Gesamtheit, es stört die Homogenität des ganzen nur unwesentlich, aber diese ״Störung“ kann nur beseitigt werden, indem diese Zusammensetzung bejaht und dadurch auch dieser kleine fremde Zusatz zu einem Faktor des Aufhaus wird. In der Vergangenheit war — neben vielem Fruchtbaren — vieles in der deutsch-jüdischen Symbiose unbefriedigend, weil durch Unklarheiten und Heimlichkeiten aller Art belastet. Wenn die Unklarheiten, die diese Stellung vernebelten, schwinden, wenn wir, die wir jetzt ja von außen her unzweideutig als Juden bezcichnet werden, nun auch als Juden, ohne Diffamicrung, leben könnten, nachdem ja die Möglichkeit einer blutmäßigen Vermischung ausgeschlossen worden ist, dann hätten wir den Platz, von dem aus wir aufbaucn könnten; nicht als Mitglieder einer Gemeinschaft, die uns naturnotwertdig ausschließt, wohl aber als mitlcbende, durch viele Fäden und vor allem durch das Vaterland verbundene Menschen, die In einer anderen großen, auf Jahrtausende zurückblickenden Gemeinschaft Ihre Wurzeln und ihren Halt haben. Wir vermissen — das ist vielleicht erklärlich — heute in der. deutschen Welt noch das Verständnis für