Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 39 (1934)
- Issue
- Heft 71 (4.9.1934)
- Date
- 1934-09-04
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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SO Ubr) ■ ^lon»*tnu* erstrebt tOr da» jQdlacho Vota dl# Schaffung einer Öffentlich« rechtlich Qeslcherten Heimstätte ln Palästina. ״Baseler Programm** ר/ח ) i \/ j“*׳* ץ^־ ןי׳-ץ ץ'"/׳ י י '־־/ ] j ' . -~*mJ Sem Gedanken, in einer jwc Mcnschengruppen |P Die Frage, ob es einen einhcitliclien konstanten Yolkscbnrakter gibt, ist umstritten. Wenn cs ihn aber ״(jt, dann zeigt er sich nur in den allgemeinen formalen Voraussetzungen des Seelenlebens; innerhalb jedes Vol-;[S gibt cs die ganze Abstufung der Temperamente, der Anlagen und Neigungen, eben jene Fülle der Varialionen, durch die das bunte Leben entsteht. So ist es ,!!eh im jüdischen Volk. Wir werden häufig, besonjjtrs von unseren Gegnern, als eine Einheit betrachtet; 311er niemand weilt besser als wir Juden selbst, wie vielfältig die Typen sind, die die jüdische Gemeinschaft umfaßt. So ist es denn auch keineswegs der fall, daß die Ereignisse des Jahres 1933 auf alle Juden oder wenigstens auf alle deutschen Juden gleichartig gewirkt hätten. Wenn mail sagt, daß die dcutsehen Juden dem Judentum näher gekommen sind, so plt das nicht allgemein. Es gibt noch immer viele Juden, die nicht in einer Besinnung auf ihr jüdisches Sein, in einem Versuch, die Probleme zu entwirren und sclbstlätig eine neue Situation aufbaucn zu helfen, ihre AuSgahe sehen, sondern die sieh mürrisch, verärgert, oder pr mit ironischer . Ucbcrhcblichkeit abwenden. Es gibt such Gleichgültige und Unbelehrbare. Manche meinen, «nt» sie materiell gesichert sind oder wenn sic die Grenze überschritten haben, die Wirklichkeit ignorieren »können; diese Wirklichkeit, die von ihnen verlangt, von nun an ein anderes Leben zu führen, als sic d bisher gewohnt waren. Die Verlockung, dort wo eicht äußerer Zwang keine Wahl läßt, in dem alten Lebensstil zu verharren, ist begreiflicherweise allzu groß; und moralische Elemente, so stark sic für offene Seelen zu sein scheinen, sind für den Einzelnen nicht immer der letzte Beweggrund seines Handelns. Wenn wir dies fcststellen, so wollen wir niemandem Unrecht tun. Die große Mehrzahl der deutschen Juden hat gewiß die Erlebnisse der letzten zwei Jahre in «ch angenommen, und sehr viele haben von Tag zu Tag Gelegenheit, sich aufgerüttclt zu fühlen; schon z. B. bei Welt zu leben, in der es für als unschicklich erklärt wird, ■di an öffentlichen Orten oder etwa in Sommerfrischen “it Juden sehen zu lassen. Sogar die Erfahrung, daß ielc Nichtjuden in ihrem privaten Verkehr keine Degiilicrung und Diffamierung des Juden wünschen, ist ,'ir eine menschliche Befriedigung, aber keine Bescif::PMg des Konflikts, denn die Eigentümlichkeit liegt 1p 'Sarin, daß uns allen, die wir — wenigstens zum {großen Teil — noch vor einigen Jahren als Menschen j Gleiche unter Gleichen“ zu sein meinten, die Beziehung 1jedem nichtjiidischen Menschen, sei sic nun feindlich >c*r freundlich, zu einem jüdischen Problem ge-!'*ordcn ist. Diese Dinge sind heute nicht akademische j Theorien, sondern tägliches Leben, und so geben sie 1*31 cm zu denke n. Der Jude kann sich heute v0n der Judenfrage nicht frei machen. Und "nn erst wieder Juden zu denken beginnen, dann lst nicht mehr alles verloren. Nur Gedankenlosigkeit, Apathie, Indolenz sind die wirklichen Feinde jedes neuen pens. Das Schreckliche unserer früheren jüdischen Epoc 11c, die weite Schichten unbewußt so sehr in Halt- °%keit hineingleiten ließ, war ja die Zuge knöpf theit f'Rfiiiiber jedem Impuls jüdischer Besinnung. Am ersten %il 1933 haben wir an dieser Stelle geschrieben, dieser *ag könne ein Tag des jüdischen Erwachens J1!lf der jüdischen Wiedergeburt sein, wenn die Ju- Cn wollen. Es wäre heute noch verfrüht, eine Bilanz!u ziehen. Sehr viele Juden sind erwacht, sind um- Mehrt, haben sich in die Gemeinschaft eingestellt, ״aber! gelernt. Wir alle sind Lehrende und Lernende zu- Weh geworden. Die jüdischen Institutionen sind °c" ■י״י schwerfälligsten, sic passen sich zwar not- Kurungen den Anforderungen auf manchen Gebieten Cr praktischen Tätigkeit an, aber man hat das Gefühl, ■ dies mit einer Spur von Bitternis geschieht, mit חי־ kleincn Verärgerung darüber, daß der eigene Iuhcrc Standpunkt sich als unhaltbar erwiesen hat. Auch ,״״*rer Gemeinschaft ist man natürlich nicht vor kleinw״'a '11^ressenpolitik sicher. Aber all das kann über- L״*״ werden aus dem wirklichen, echten jüdischen ״cn heraus, und bei diesem kommt cs auf den Eine'״cn an. j״(^ie,e Einzelne haben den Weg gefunden und sich «eniacht, ihn zit gehen, der eine langsamer, der, Die Stellung der jüdischen Jugend ״ Pie große sozialpolitische Maßnahme, die von der Reichs; regiernng soeben cingcleitct worden ist, um die älteren Jahrgänge, die im Laufe der Wirtschaftskrise besonders schwer von der Arbeitslosigkeit betroffen worden waren, wieder zu Arbeit und llrot zu bringen, mul die zu diesem Zwecke einen Austausch 11er Arbeitsplätze Vorsicht, hat auch in allen Kreisen des deutschen Judentums lebhaften Widerhall gefunden. In der Tat muß der Grundgedanke dieser Maßnahme, daß für ältere Arbeitskräfte Platz geschaffen werden soll, begrüßt werden. Die Not der älteren Arbeiter und besonders der Angestellten ist eine so bekannte Erscheinung, daß wir hier nicht näher auf sie ciuzugchen brauchen. Es gibt auch zahlreiche ältere jüdische Angestellte, die vielfach kaum noch eine Hoffnung hatten, wieder Arbeit zu finden. Nun glauben wir, daß auch sic wenigstens zu einem Teil wieder in den Arbeitsprozeß cingeglicdert werden können, und daß an die Stelle jüdischer Jugendlicher, die auf Grund der erwähnten Maßnahmen aus der Arbeit ausschciden, eine erhebliche Anzahl älterer jüdischer Angestellter wieder Arbeit finden wird. So sehr naturgemäß diese Folge der neuen Maßnahmen zu begrüßen wäre und daher auch in der jüdischen Jugend nicht weniger verständnisvoll aufgenommen worden ist als von allen anderen Gruppen der Jugend, kann doch nicht verkannt werden, daß sich für die jüdische Jugend der in Frage kommenden Jahrgänge gewisse Sorgen ergeben, die durch ihre besondere Situation bedingt werden. Einige der Ausnahmen, die dazu fuhren, daß die betreffenden Jugend• liehen ihren Arbeitsplatz behalten dürfen, Ist ihre Teilnahme am Arbeitsdienst b/.w. ihre besondere Bewährung als Kämpfer der nationalen Bewegung. Diese beiden Ausnahmefalle kommen für die jüdischen Jugendliehen natürlich nicht in Frage, so daß also eine verhältnismäßig größere Zahl von der Gesamtsumme der bctreffenden Jahrgänge ausschciden muß, als es bei der übri* gen Jugend der Fall ist. Diese Folge wird allerdings dann wieder zu einem Teil aufgehoben werden können, wenn bei der Durchführung dieser Maßnahmen, wie es ja auch wohl gedacht ist, in verständnisvoller Weise auf die besonderen Umstände des Ein 7. clfallcs Rücksicht genommen wird. Für die Arbeit der jüdischen Organisationen uml insbesondere derjenigen, die auf dem Gebiete der Ber 11 f s 11 tu s c h i c h t u n g tätig sind, ergeben sich hieraus neue Aufgaben. Ohne Zweifel wird unter den Jugendlichen, die bisher als Angestellte tätig waren und nunmehr ihren Arbeitsplatz älteren Anwärtern abgeben müssen, ein starker Drang zur beruflichen Umschichtung wach werden, den es nach Möglichkeit zu befriedigen gilt. Ein erheblicher Teil dieser Jugendlichen wird auch seine Hoffnungen für die weitere Ent- Wicklung in der Auswanderung sehen, und besonders der Wunsch, nach Palästina zu kommen, wird in diesen Krcisen noch stärker werden, als cr cs bisher schon war. Hier erwachsen sowohl den zionistischen Organisationen wie auch den zentralen Instanzen des deutschen Judentums Aufgaben, deren organisatorische, finanzielle und nicht zuletzt pädago» gische Bewältigung in den Vordergrund unseres Interesses treten sollte. Die Beschäftigung von Nichtariern Zur Frage der Beschäftigung von N i eh t a r i er n wird It. ״Frankf. Zeitung“ vom 2. 9. ein Schreiben des Reichs wirtschafts minister« vom 5. April 193 $ be* kannt, welches erneut hervorhebt, daß Betriebsvertretungen und andere Stellen sich in Widerspruch zu den wiederholten Verlautbarungen der Rcichsregierung setzen, wenn sie eine Entlassung jüdischer Arbeitnehmer wegen deren Rassczugchftrigkeit fordern. Anlaß dazu boten Angriffe gegen den Geschäftsführer einer Einkaufsgenossenschaft des Handwerk» In einer großen sudwcslclcutschcii Stadt wegen seiner Rasse- Zugehörigkeit. Die Oenosscnsclialt stellte in einem Rundschreiben daraufhin fest, daß das Interesse der Genossenschaft die Beibehaltung des jetzigen Gcsrhäftstührers erfordere, und zwar wegen seiner bewiesenen Eignung und Tuchtigkeit. Zugleich gab sie den Wortlaut eines Bescheids des Herrn Rcichswirlschaftsministcrs vom 5. April 1934 bekannt, der der׳ Genossenschaft auf eine frühere Eingabe wegen gleichartiger Angriffe zugegangen war. In dem Bescheid heißt cs: ״Gegen Einflußnahmen außerbetrieblicher Stellen auf die Einstellung und Entlassung von Arbeltnel*- mern, etwa wegen deren Rasscnzugchörlßkelt, haben bereits der Herr Rcichsarbellsminister und ich in einem Erlaß vom 21. Oktober 19.33 Stellung genommen. Außerdem hat der Herr Rcichsarbcitsmlnlster in einem Rundschreiben an die Treuhänder der Arbeit vom 24. November■ 1933 — IIIb Nr. 14872 33 — darauf hingewiesen, daß Bctrlcbsvcrtrctungcn und andere Stellen sich mit der Forderung, jüdische Arbeitnehmer zu entfernen, ln Widerspruch zu den wiederholten Verlautbarungen der Rcichsregierung setzen. Aus der Tatsache nämlich, daß nach dem Willen der Rcichsregierung Im Wirtschaftsleben zwischen arischen Und nichtarischen Firmen zum Zwecke der Boykottierung nichtarischcr Geschäfte nicht unterschieden werden solle, könne ohne weiteres abgeleitet werden, daß auch den nichtarischen Arbeitnehmern der Schutz der Regierung zustehe... andere schneller. So stehen wir heute in der jüdischen Gemeinschaft vor dein Phänomen, gleichzeitig mit einer großen Zahl von Menschen zu tun zu haben, die alle aktiv interessiert sind, aber auf ganz verschiedcncn Stufen stehen, sowohl was jüdisches Erleben als auch was jüdisches Wissen anlangt. Manche 7. B. kommen aus dem Staunen über das, was ihnen nun hei ihrer Blickwcndung ins Auge fällt, nicht heraus. Gestehen wir es, der durchschnittliche deutsch-gebildete Jude hatte, sofern er nicht einer intensiv jüdischen Intcrcsscnrichtung angchörtc, früher sehr wenig mit jüdisehen Dingen zu tun. Nun findet er eine Fülle des Interessanten, unvergleichliche Gemütswerte, auch Stoff für Tätigkeit. Der eine erfaßt allmählich den Sinn der jüdischen Religion, läßt sich zum ersten Male von der Bibel bezaubern, ein anderer entdeckt die jüdische Solidarität und Hilfsbereitschaft, den Rest eines verpflichteiulcn Zusamincnhaiiggcfühls, ein dritter erkennt die spezifische Eigenart der jüdischen sozialen Bedingungen, die die Gemeinschaft vor ungeheuere Aufgaben stellen; dann ist einer da, ein besonders wacher Beobachter des täglichen Lebens mit Sinn für den tiefen Gehalt kleiner Begegnungen, der plötzlich seine Gespräche mit Juden ganz anders begreift als vorher. Einer stöbert in alten Familienpapieren, freut sich über Entdeckungen, die einem anderen wenig oder gar nichts sagen mögen; ein anderer findet in einem Buche einen erleuchtenden Hinweis. So geht cs durcheinander. Wir alle sind Wanderer auf verschiedenen Stadien derselben Wanderschaft. Und es ist eine überaus wichtige Aufgabe, zu wissen, daß es sich so verhält, und den Reiz dieser Situation auszukosten, obwohl sic nur ein Uebergangszustand sein kann. Es erfordert große Duldsamkeit, und besonders diejenigen, die selbst schon weiter sind, die sich seit vielen Jahren mit jüdischen Dingen beschäftigen, müssen Verständnis haben für solche, die sich an dein Reiz der Neuheit oft fast naiv zu freuen verstehen. Denn was anderes lehren uns solche Episoden und Anek* doten, die jeder von uns oft hört, oder die er z. B. in der ״Jüdischen Rundschau“ liest, wenn nicht die erfreu liehe, ja für uns beglückende Wendung, daß die Begeisterung für das Judentum, für das Jüdischsein, die Menschen ergreift! Gewiß, diese Begeisterung ist nicht alles, und wenn man erst in die komplizierten Probleme der jüdischen Existenz eingedrungen ist, scheint einem so manches primitiv. Aber Begeisterung ist für ein Volk in unserer Lage, das sich fast nur nach innen auslebcn kann, ein unersetzliches Gut. Wir haben die Aufgabe, den Unterschied des Niveaus, der Kenntnisse, des Verständnisses allmählich auszugleichen, aber auch die Kenntnisreichsten können von denen, die neu hinzukommen, manches empfangen. Nur die Starrsinn»- gen oder Gleichgültigen sind wirklich verloren, die aber, die guten Willens sind, sollen von denen, die schon weiter sind oder zu sein glauben, mit Liebe und Geduld aufgenommen werden. Und die ein Stadium schon überwunden haben, werden mit Interesse die Etappen des Weges anderer, die z. T. in hohem Alter nachzufolgen begonnen haben, beobachten. Jüdische Dinge darf man nicht vom Standpunkt Cnger Eigensucht betrachten. Dies zeigt sich nirgends so deutlich wie in dem Verhältnis zu dem neuen jüdi* sehen Leben in Palästina. Zuweilen kann man die Meinung hören, Palästina wäre nur für diejenigen Mensehen interessant, die selbst hingehen wollen. Wer diese Absicht nicht hat, will sich mit anderen Dingen befassen. So liegen die Dinge in Wahrheit nicht. Was in Palästina geschieht, ist ein Bestandteil des jüdischen Lebens schlechthin, und zwar ist nirgends in der Welt das jüdische Leben so intensiv nach allen Richtungen wie in Palästina. Die Qualität, nicht der äußere Umfang der Siedlung bedingt ihre Bedeutung für das