Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 39 (1934)
- Issue
- Heft 70 (31.8.1934)
- Date
- 1934-08-31
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Ann1hme«chlu6 1(1 r dl# IDietmag-Auagib# Montag K) Uhr, far 41• Freltag.Atiegab« Mittwoch 13 Uhr (Fetnilitaerueigen bi« Docmereteg 10 Uta־) pgr Zionismus erstrebt tOr da» jPdlscho Volk die Schaffung einer Cffentllch• rechtlich gesicherten Helmstltte In Pallstlna. ״Baseler Programm i /V-1! Hr 1■ ן «*awl ^^■1״,* .1■״ V■. « 3 ILmT Km 4m|J ׳JÜ U^.' [)ic politische Atmosphäre Europas!st von schweren ft'tttcrwolkcn verdüstert. Die Gefahr eines Krieges, in den die Volker des Kontinents verwickelt werden könnten, ist zu lnfr 11i1.1t geworden. Nicht Phantasten und Schwarzmaler lind cs, die mit diesem Gedanken spielen, sondern einer der fuhren d en Staatsmänner Europas hat erst vor wenigen Tagen diese von allen mit Schrecken gesehene Ge• fihr als etwas beinahe Unausweichliches bezeichnet. Der Kon• flikt in Ostasien kann zu unübersehbaren Verwicklungen fuhren. Dabei sind alle verantwortlichen Kräfte sich in dem (ifdankcii einig, daß jene Katastrophe, die vor 20 Jahren iihcr die Welt gekommen isi, nicht wiederholt werden darf — und doch, es scheint beinahe, als ob eine elementare Eutwick* Jung dem Willen der Kulturna lionen auf diesem Gebiete nicht 1u überwindende Sehranken aufcrlcgt. Es hat in der jüngsten Vergangenheit nicht an Versuchen ftfchlt, das Gespenst des Volk ermord cns zu bannen und die Msciiiaiidcrselziingen zwischen den Staaten und Nationen in Bahnen zu lenken, die eine Wiederholung jenes furchtbaren Erlebens des Weltkrieges au «schließt. Der Völkerbund ist von seinen Initiatoren als eine solche Einrichtung gedacht worden. Um! wenn auch jene Ideen, die an die biblischen Verheißung(״׳ nicht weniger als an die Gedanken Kants anknüpften, in der Wirklichkeit bis heute nur zum geringsten Teile realisiert worden sind, wenn die Genfer Institution weniger ein Hund der Völker als eine Arena sich gegenseitig ktdnlemlcr Staaten und des Spiels der Diplomatie geworden kt, die zudem durch das Fehlen und den Austritt großer Nationen sehr viel an Bedeutung eiugcbüßt hat, so ist cs doch wichtig, di« Hoffnung aufrecht zu erhalten, daß der Zeitpunkt kommen möge, in dein ein wahrer Bund der Völker unter Teilnahme aller aus dem heutigen Torso her• vorgeht, mit der ganzen Macht des Wcltgcwisscns ausgcrüstet, um kriegerische Verwicklungen zu verhindern und jenen Albdruck nicht aufkomincn zu lassen, der durch die Gefahr bewaffneter Zusammenstöße das Leben der Völker belastet, ihre geistigen und wirtschaftlichen Beziehungen unter• gabt und so eines der Elemente der internationalen ■Welt• Irise unserer Zeit ist. Die Völkcrhiiiidsvcrsammlung wird in wenigen Tagen, am l September, in Genf zusannnentreten. Unter den zahlreichen Fragen, die die Versammlung beschäftigen werden, spielt wiederum das Problem des Minderheitenschutzes rinc Rolle. Bereits auf der vorigen Tagung war diese Frage ausgiebig erörtert worden, und damals wurde in diesem Zu• *ammenhange auch die Stellung der Juden und insbesondere der deutschen Juden behandelt. Gegenüber der wn der Mindcrlicitenkoinmission angenommenen Haltung, die «ine Ausdehnung der für den Minderheitenschutz geltenden Bestimmungen auf alle Kategorien der Staatsangehörigen forderte, die sieh von der Mehrheit der Bevölkerung durch “kre Rasse, Sprache oder Religion unterscheiden, betonte der Vertreter Deutschlands, der damals noch an den Beratungen Mlnahin, daß diese Anschauung der grundsätzlichen Auffasimg der deutschen Delegation widerspreche, da der An- *tndungsbcrcich der Resolution sich auf die ״ei g ent• liehen׳‘ Minderheiten zu beschränken habe. Die Entschlic* Bang wurde daraufhin nur in ihrem ersten allgemeinen Teil, •jcr sich mit den durch Miiulerheitenverträgc nicht gebundenen ühaten beschäftigt, angcnominen, während der zweite Teil A'rch den Widerspruch Deutschlands abgefeimt wurde. Die Diskussion über das Mändcrhcitenproblcm, das eine der den Frieden Europas stefs von neuem gefährdenden Fragen ist, "ו״ג im Völkerbund jedoch nicht zur Ruhe und wurde durch t!nc11 Antrag Polens im April d. J. auf ein neues Gleis Stschoben; dieser Antrag geht dahin, daß ein allgemeines ״״kommen über den Schutz der Minderheiten %csc11־I0sscn werden solle, durch das der internationale ^kutz auf alle Minderheiten der Sprache, Rasse und Religion *jls«ukhncn sei, und zwar durch eine Konvention, die allen ״Ikerbundsmitßljedem diese Verpflichtung auferlcgt. Der Nnischc Antrag wird auf der jetzt beginnenden *Rung des Völkerbundes erörtert werden. Wir können ' Voraussagen, ob aus seiner Diskussion greifbare Rcsul• tt e hervorgehen werden, die die Lage der Minderheiten jjfcichtern, zumal ja dieses Problem im besonderen auch für 11Rland uiul Frankreich mit ihren komplizierten Minderheiten• lraRc11 in den Kolonialgcbk'ten äußerst heikel ist. In jedem 8*111! beweist aber die Tatsache der Erörterung J bst, wie wichtig in der Welt der internationalen Diplomatie 18 Minderheitenfrage auch jetzt genommen wird. Dieses a beschränkt sich gewiß nicht auf die Mitgliedstaateil 88 Völkerbundes, die an der Beratung teilnehmen werden, ndem ist nicht weniger z. B. in Deutschland vor• mätv’ ^as c'״ v'talcs Interesse daran hat, ob den zahlen• bna »0 bedeutenden deutschen Volkstumsgruppen des Aus• 0e» die Möglichkeit der nationalen Existenz erhalten wird. Wir Juden, die in der ganzen Welt in der Situation einer Minderheit sind, sind an einer befriedigenden Lösung dieser Frage nicht weniger interessiert, da all das, was im Interesse der Minderheiten wie auch gegen sic geschieht, in allererster Linie das Volk der Minderhell par excelicnce, die Juden trifft. Dabei sind wir uns bewußt, daß alle Regelungen, die in den einzelnen Staaten oder durch internationale Abmadum• gen getroffen werden, für uns nur einen relativen Wert haben, da das jüdische Volk auch in das Begrilfsschcma der nationalen Minderheit nur sehr bedingt hincinpaßt und — wie auf vielen anderen Gebieten, so auch auf diesem — einen S o 11 d e r f a I I eigener Art darstcllt. Diese Sonderstellung hat sicli auch i» der Stellung der jüdischen Vertreter auf dem I ntcrnatinnalcn Minilcrheltcnkongreß, derVer• Irctung der »laiionalen Minoritäten selbst, gezeigt, aus dem die jüdischen Gruppen im vorigen Jahre ausgetreten sind, weil der Kongreß als solcher nicht geneigt war, gegen Diskrimi■ nicrung zuungunsten der Juden Stellung zu nehmen. Wie man hört, wird auch bei der demnächst stattfindenden Tagung des MimlcrhciiciikongrcsKcs die jüdische Vertretung aus diesem Grunde fern bleiben. x Das Mindcrheitcnproblern ist eine Angelegenheit der eminent praktischen Politik; zugleich aber Ist es Gegenstand der wissenschaftlichen Erörterung und Unter•!uclnin g, und man kann sagen, daß gerade hierbei eine fruchtbare •Wechselwirkung zwischen Theorie und Praxis möglich ist. Besonders diejenigen Völker, die selbst an der Regelung der nationalen Fragen interessiert sind, haben auch •wichtige theoretische Beiträge geliefert. Daher ist es auch erklärlich, wenn cs in der Hauptsache deutsche Bearbeiter waren, die sich an einem Preisausschreiben aut diesem Gebiete beteiligten, das von dem selbst einer Minderheit angchürcndcn ״instituciö Patxot“ in Barcelona, einer k a t a I a n i s c 11 c n wissenschaftlichen Institution, veransfaltct wurde und sicli mit dem Einfluß des gegenwärtigen internationalen Rechtes und seiner Einrichtungen auf das innere öffentliche Recht der Staaten beschäftigte. Preisträger dieses Aussclircibens war der Hamburger Professor Rudolf La 1111, der das Ergebnis seiner Untersuchungen In einem umfangreichen Werk; ״Der Wandel der Ideen Staat und Volk als Aeußcrung des Wcltgewis« sens“ (Verlag von Bruno Cassircr, Berlin) vorlegt. Laun, der aus Oesterreich stammt, kennt die Nationalitätenfrage aus der Praxis und hat sich während des Krieges ausgiebig mit diesem Problem beschäftigt, auch als Mitglied der östcr* reicliischeii Fricdcnsdclcgatlon in der praktischen Politik mit• gewirkt. Er ist also in jeder Weise berufen, sich zu diesem Fragenkreis zu äußern. Er vertritt die These, daß »ich die Idee des Volkes insbesondere auch durch die Erlebnisse des Weltkrieges einen Platz im Gewissen und Rechtsgefühl der Welt erobert hat, und daß sic sich gegenüber der Idee der Staatssouveränität allmählich mehr und mehr Starker Anstieg des deutschen Palästina - Exports Wie der ״Eildienst für Außenhandel und Auslandswirt• Schaft“, Berlin, vom 24. 8. meldet, zeigt die Einfuhr deutscher Waren nach Palästina in den ersten drei Monaten 1934 folgendes Bild: 1934 1933 (in 1000 £i>) Januar 130 76 Februar 108 69 März 170 106 408 251 Die Einfuhr deutscher Waren in den ersten drei Monaten 1934 hat also gegenüber dem Vorjahre um rund .CP 156 000 zugenommen, was eine Steigerung um Uber 60 ״/o bedeutet. Da andererseits das Jahr 1933 bereits eine Steige־ rung der Einlulirkurvc deutscher Waren nach Palästina um ebenfalls 60 <»/!> gegenüber 1932 gebracht hatte, springt die weitere Vergrößerung der Einfuhr deutscher Waren nach dem Mandatsgebiet in die Augen, um 80 mehr, als nach vorliegenden privaten Berichten auch Im zweiten Vierteljahr 1934 die Warenclnfuhr nach Pa• lästina für Deutschland Ihre günstige Ent* Wicklung bcibchaltc n hat. Deutschland steht unter den Einfuhrländern in Palästina an zweite! Stelle nach Großbritannien; 1933 stand <5 prozentmäßig unter den Ein• fuhrländern mit den Vereinigten Staaten von Amerika gleich, die inzwischen aber überflügelt sein dürften.: durchsetze. Durch die Wirkungen dieser Wandlung müsse sich der Einfluß des internationalen Rechtes auf die inner• staatliche Gesetzgebung auf all den Gebieten zeigen, die die nationale Frage betreffen. Dieser Standpunkt liegt also durchaus in der Richtung einer Anerkennung des Lebensrcchfcs der nationalen Minderheiten und ist für sie optimistisch gestimmt. Das Urteil, das Laurt in dieser Frage abgibt, steht vielleicht allzusehr unter dem Eindruck einer verhältnismäßig kurzen Periode der Nach• kricgsgeschiehtc, in der es in der Tat so schien, als ob der nationale Gedanke als solcher gegenüber dem staatlichen Souveränitätsstreben im Vordringen begriffen war. Inzwischen hat sich aber gezeigt, daß nicht zuletzt auch die neu geschah• fenen Nationalstaaten, die auf Grund dieser Idee nach Kriegs• ende entstanden waren, ihren eigenen Minoritäten gegenüber bestrebt sind, den Grundsatz der Souveränität so auszulegen, daß diese von dem herrschenden Staatsvoik aus■ geht; sic schränken daher die Lcbensmögiichkciten der auch in ihnen vorhandenen Minderheiten nach Möglichkeit ein. Damit ist überhaupt die Frage zu stellen, ob die von Laun angenommene letzte Ursache des Wandels der Staatsidee, die von einem auf Machtausübung beruhenden Zwangsstaate zu einem ethisch begründeten Staatsorganismus hinführt und damit die Möglichkeit gibt, daß das ״W c 11 gewiss en“ auf die innere Gestaltung der Staaten und damit auch auf die Lage •ler Nationalitäten stärkeren Einfluß gewinnt, richtig ist Die Fr»gc nach der Beziehung von Macht und Recht erscheint uns Heutigen bereits in etwas anderenf Lichte, als cs in dem 1930 abgeschlossenen Werke Rudolf Launs hervortritt. Die Entwicklung der Nationalstaaten zeigt vielmehr, daß eine Identifizierung von Staat und Nation rintritt, wobei der Staat als die Organisationsform' der Nation die absolute Macht über die Ausgestaltung seines Innenlebens beansprucht. Die Lage der Nationalitäten ist daher in den meisten Ländern Europas unbefriedigend, und die Hoffnungen Launs auf den Fortschritt des Wcltgcwisscns, d. h. die Zurückdrängung der Gewaltandrohung von Mensch gegen Mensch und das Vordringen autonomen sittiich-rccht• liclien Handelns sind vorerst kaum berechtigt. Im Zusammenhang mit dieser ein sehr weites Blickfeld umschließenden Untersuchung muß naturgemäß die Frage nach dem Wesen des Volkstums aultauchen, und Laun versucht gegenüber der Fülle der auf diesem Gebiete vorhandenen Theorien und praktisch.politischen Grundsätze ein einheitliches Begriffsschema fiir das ■Wesen des Volkes zu geben. Er sagt hierzu u. a. folgendes: ״Bas Volkstum beruht drmnaeh auf drei Voraussetzungen: de! Abstnmmu n g s gcmriiischsil, der Spra c hgcineinsrhait , und den ri u t o no in ־ s i 11 1 i 1־ hc 11 Werturteilen der Glieder der Gemeinschaft, Werturteilen, denen zufolge das Individuum nach der Stimme seines Gewissens und Rccht-geiühls der Gemeinschalt zugehören soll und sich verpflichtet und berechtigt fühlt, sich zu der Gemeinschaft zu bekennen. Wir pflegen die Stimme des Gewissem und Reeht-gehilils soweit sie diesen Inhalt hat, da» ״N ationalgefiih I“, ״nationale Empfinden“ oder ״N a t i o n a I bc w u ß t se i n“ des Individuums zu nennen. Al» M a s s e n e r s c h c i n u n g kann man sie etwa als das Natio« naibewußtscin eines ganzen Volkes bezeichnen.“ Diese Klassifizierung des Volksbegriffes ist für uns insofern besonders interessant, als sie neben die beiden Fak• toren Abstammung und Sprache, die also objektive, äußerlich in gewissem Maße erfaßbare Tatbestände dem Begriffe des Volkes einvcrleibcn, nun nicht etwa das freie Bekenntnis des Einzelnen, d. h. seinen Willen zur Zugehörigkeit zu einem Volke als drittes Merkmal stellt, wie es sehr oft in der Wissenschaft vom Volkstum der Fall war, sondern daß Laun ein ethisches Moment den beiden natürlichen Faktoren hinzugesellt. Es sind di« gleichgerichteten sittlichen Impulse, die in einer großen Zahl von Menschen da sind und ihnen die Zugehörigkeit zu «ine! tiMqkcil Un iimUmts - Cinfyktö Ut PxdäciUta! . 'Prof. Dr. S. Brodetiky MltQllad dor Exokutivo dor Jewlsh Agency spricht am Sonntag, den 2. Sept., 20.15 Uhr Im Brüder-Vereln&haus Berlin W 82, KurfürstenatraBe 118 > ו