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Jüdische Rundschau · 1934-08-24 · Heft 68 (24.8.1934) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
39 (1934)
Issue
Heft 68 (24.8.1934)
Date
1934-08-24
Page
– (sequence 1)
Language
German
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AUGUST 1934 per Zionismus erstrebt tür da» jüdlscho Volk die Schaffung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte In Palästina. ״Baseler Programm•* 11-׳-״-׳■׳ - 1 .-«!«■״״*"—־ ■.. - -■ -— ■ . _________ Ans*I2«ist«rIf 1 Dl« 12 K«1p»ff«n• rnm־£wl* RM 0,20, für St«tle11Kc*«u<rJt• RM 0J9, lUr F»milienn»chrlcht*n RM 045• Elnj׳«lsnr«l*en nur!«g«n Voftusrahlufi« ■a 8rh«)t«r oder auf PoaticKock-Komo B«tlin7l<MS M«m»» bi» Donnaring <>—18•־ Ufer, Ftiitag 9־־**I6 Uhr. Aimshmpachluft für die Dirn*iaR Ausgsb• Monn! 10 Uhr (flr di# Freltag-Attsgah« Mittwoch 13 Uhr (f •reillsnantsie«» bli Dontieroug 10 Ubr) Ätur• *I des hou jfartn tahrl <ß»f! ן Viktor Jacobson Wie aus Bern telegraphiert wird, ist Viktor Jacobson dort am 23. August plötzlich gestorben. Er war 65 Jahre alt. Die Nachricht vom plötzlichen Ableben Viktor Jacobsons (rilit uns unvorbereitet, obwohl wir wußten, daß er iin letzten Jahr schwer krank war. Eben erst hat er an einer Sitzung in Zürich tcilgcnommcn, hatte in den jetzt zur Beratung, (tchenden Fragen der jüdischen Politik in Palästina seinen ii Off' hu־• cucH» ,iri»* viclitigeu, durch die Erfahrung einer mehr als 25jährlgc1t Arbeit geschulten Rat abgegeben, sicherlich war er wie stets toll Ideen und Pläne, Da hat das Schicksal ihn abberufen. Die Zionistische Bewegung, das jüdische Volk, sind wieder b tiefe Trauer versetzt. Ein Mann, der seine beste Kraft,!eine gesamte Lebensarbeit in den Dienst des Volkes gestellt lat, ist dnhingegmigeii. Er.war nicht der Typus eines populären Vol.Wnlirers oder Redners, selten ist er mit seiner, Person vor die große ()Öffentlichkeit getreten, lind vielleicht wissen nur keine engeren, jahrelang mit ihm verbundenen Freunde die uhren menschlichen Qualitäten Jacobsons zu schätzen. Denn dieser Mann war nicht nur ein sachlicher Arbeiter, er war j vor allein eine sprühende, vielseitige geistige Persönlichkeit, 1«n wirklicher Kavalier von jenem kultivierten Typ, den , ®וזג heute nur noch selten antrifft. Viktor Jacobson stammte [ ms jenem Teil Rußlands (Krim), wo es nur eine Verhältnis- : mäßig dünne jüdische Bevölkerung gab, und ist durch die!״amte russische Bildung jener Zeit hindurchgegangen, um <hnn auch die Kulturen der amlern Völker sich zu eigen zu machen. Sein unstillbarer Lcrutrich ließ ihn nicht etwa bei den ,innerlichen Forme״ oder Sprachen stclicnblciben, sondern tr liebte Kunst und Literatur, und er sammelte unermüdlich Schätze aus allen Literaturen der europäischen Völker. Gar mancher europäische Staatsmann, mit dem Jacobson später ® tu» hatte, war erstaunt, im Gespräche mit ihm den seitasten Redewendungen und Zitaten seiner eigenen Literatur st begegnen. Denn Jacobson war ein Künstler der Konvcrer verstand seinen Gesprächspartner zu fesseln und durch Pointen zu überraschen, zugleich vermochte er durch *fine liebenswürdige und weltmännische Eleganz die Sym- Pithicr! zu gewinnen. Wer je Dr. Jacobson in seinen letzten Lebensjahren in Genf gesellen und beobachtet hat, wie er!'de Stunde des Tages am Werke war, um Beziehungen zu T'Pfcn oder zu pflegen, mit Menschen zu sprechen, durch "linier neue Einfälle und Ideen für die jüdische Palästinasache ־ä wirken, wie er jeden in seiner Art taktvoll und herzlich behandeln verstand, der konnte ein Bild von der Arbcits* (*rgie und dem inneren Reichtum dieses Mannes gewinnen, "d nacli getaner Arbeit las er Bücher aller Sprachen, bildete Slt" noch im Aller unermüdlich fort. Jacobson begann seine Karriere als zionistischer Funk* non,1r im Jahre 100h, als er mit der Leitung der Bciruter "Hak der Anglo Palcstine Co. betraut wurde. Jacobson hatte Sc™n zu jener Zeit die Ueberzeugung, daß der Zionismus nicht nur an die europäischen Nationen wenden dürfe, sondern daß es darauf ankommt, Beziehungen zu der Welt cs Orients und besonders zu den Arabern herzustcllcn, מ Beirut hafte er dann Gelegenheit zu praktischer Fühlunglma״C m'* *,0*,0,י türkischen und arabischen Kreisen. Im Jahre j wurde ihm der verantwortungsvollste Außenposten iiber- /3Ren, den der Zionismus damals zu vergeben hatte: Jacobson ■ “r1ic Politischer Vertreter in Koiistautinopel, 19! i wurde er!;"38יו l:״krerc Aklionskommitee — wie die Zionistische Exc״ ״,«'! *״ab hieß — gewählt. So oblag es ihm auch während * Krieges, die Interessen des Zionismus und der jüdischen 3•,stinasicdluug in einer überaus schwierigen Zeit zu ver*! n״(j®Cn׳ Bic zionistische Leitung hatte ihren Sitz in Berlin. JaJ0 hatte Jacobson Gelegenheit, nicht nur den deutschen : j "lstc11 besonders nahe zu kommen, sondern auch mit: an* ״ Kreisen des deutschen Judentums in Fühlung zu treten,. Am 20. d. M. begann in Genf eine jüdische Welt- Konferenz, über die auch eine Reihe deutscher Zeitungen Berichte brachten. Es handelt sich um eine Konferenz von Delegierten jüdischer Verbände und Organisationen verschiedener Länder, die schon vor einigen Jahren die Vorbereitungen für einen ״Jüdischen Weltkongreß“ bcgönnen hat, auf dein vor aller Welt die jüdischen Fragen der Gegenwart diskutiert werden sollen. Seit der Begründüng des Zionismus durch Theodor Hcrzl hat sich ja im jüdischen Leben das Prinzip durchgesetzt, die Fragen des jüdischen Lebens vor aller Öffentlichkeit zu bchandeln. Das jüdische Volk hat keine Geheimnisse. Die Splitter der jüdischen Gemeinschaft leben in ihren Liindern meist unter überaus prekären Bedingungen, grolle Massen besonders des osteuropäischen Judentums sind in einem Zustand der Verelendung, die jüdische Lage in allen Ländern, so große Unterschiede auch bestellen mögen, weist doch einheitliche Grundziigc auf, und seit langem ist cs allen Denkenden klar geworden, daß eine Nichtbeachtung der Judcnfragc nur zu immer größeren Schwierigkeiten für die Juden und die andern Völker führen muß. Darum glauben wir, daß für alle Völker ein Interesse daran besteht, an Stelle eines Chaos eine geordnete, unter verantwortlicher Leitung stehende• Lösung der Jtulenfragc oder mindestens Milderung ihrer Schärfen zu begünstigen. Solche Absichten mögen auch dem Gedanken eines jüdischen Weltkongresses zugrunde gelegen haben. Aber die Verwirklichung dieser schon 1022 proklamierten Idee stieß immer auf große Schwierigkeiten, die sich aus der besonderen Struktur der jüdischen Gesellschaft, teilweise wohl auch aus tiefgehenden Meinungsverschiedenheiten über die cinzuschlagcndcn Wege ergeben. So z. B. gibt cs weite Kreise, die befürchten, ein. solcher Kongreß׳ könnte nur eine leere Demonstration und eine Schau- Stellung rednerischer Talente sein, ohne eine wirkliche konstruktive Arbeit leisten zu können. An dem heutigen Wendepunkt des jüdischen Geschicks müsse alle Energie darauf verwandt werden, neue Formen des jüdischen Lebens zu schaffen, wie sic sich z. B. aus der Erriclitung des Jüdischen Nationalheims in Palästina ergeben. So kommt cs, daß, wie die ״Frankfurter Zeitung“ vom 22. August meklct^auch in diesem Jahr ״angesichts des Widerstandes aller bedeutenderen jüdischen Organisationen in der Welt, darunter auch der offiziellen Zionistisehen Organisation“ von dem Kongreß abgesehen werden mußte, und aus diesem Grunde trat die ״vorbereitende Konferenz“ zum zweitenmal zusammen. Erschienen sind lt. ״Frankfurter Zeitung“ ״rund 100 Personen, die sich als Vertreter von 40 Organisationen und 26 Ländern betrachten“. Die deutschen Juden sind dieser Konferenz gegenüber in einer merkwürdigen Lage. Sic sind zu der Konferenz weder eingcladcn worden, noch sind sie auf ihr vertreten; sic haben keinen Einfluß auf die Verhandlungen und werden sogar manchmal mit Mißtrauen betrachtet. Dabei ist in Genf auch von der Lage der deutschen Juden die Rede; ja, alles, was sich auf Deutschland bezieht, findet in der deutschen Presse am meisten Interesse, wird manchmal sogar sensationell aufgemacht (wie z. B. im 8״-Uhr-Abcndblatt“ vom 22. d. M.). ln Wahrheit scheint nach den vorliegenden Berichten die Konferenz im wesentlichen wiederholt zu haben, was auch schon im Vorjahre gesagt wurde. Daß sich eine Konferenz, die die Lage der Juden diskutiert, auch mit den deutschen Verhältnissen beschäftigt, kann nie* manden verwundern. In den ״Baseler Nachrichten“, an deren Bericht sich auch die ״Frankfurter Zeitung“ hält, wird hervorgehoben, daß die Leiter der Konferenz bei ihrer Besprechung der deutschen Verhältnisse betont hätten, ihr Kampf richte sich nicht gegen Deutschland, auch nicht gegen das Regime in Deutschland und die gegenwärtige Regierung, sondern nur gegen die deutsche Judenpolitik. Dies ist zwar eine Selbstverständlichkeit, aber in unserer erregten Zeit, die so leicht zu Mißdeutungen neigt, war cs gut, auch Selbstverständlichkeiten ausilrücklich zu sagen. Eine jüdische Konferenz kann sich ihrem Wesen nach weder in europäische Politik noch in die Politik einzelner Staaten einmischen. Ihr Thema kann ausschließlich die Judenfrage sein. Die Juden aller Länder stehen auf dem Standpunkt, daß, für jüdische Ehre cinzustchen, Sache des ganzen Judentums sei, und sie rechnen hierin gerade auf das Verständnis jener Schichten aller Völker, die selbst ein starkes Ehrgefühl haben. Freilich bewegen sich manche jüdische Redner bei ihren politischen Gedankengängen in jenen Vorstellungen, die der weltanschaulichen Grundläge ihres Herkunftslandes entsprechen. Amerikanische oder englische Juden z. B. betrachten staatspolitisch« Dinge in der gleichen Weise wie die überwältigende ¥ Mehrheit ihrer Mitbürger, Will man die Haltung mancher Redner der Konferenz verstehen, so muß man sich klar machen, daß auch in den liberalen Ländern die Juden durch eine antisemitische Weltpropaganda sich bedroht fühlen und demgegenüber an die liberalen Prinzipien appellieren. Diese jüdischen Politiker arbeiten nicht ״für die deutschen Juden“ oder um ihretwillen, sondern es geht ihnen um ein Prinzip, von dem ihre eigene Lage mit abhängt. Wenn man den Bericht der Londoner ״Times“ über die Rede von Dr. Stephen Wise in Genf liest, dann hat mau den Eindruck, daß der Redner gegen die deutschen Juden polemisicrcn wollte. Er erklärte — nach dem Bericht der ״Times“ —, er befürchte, daß die deutschen Juden ״ein׳ Arrangement, das. ihnen leichte Milderungen gewährt, aber sie als Bürger zweiter Klasse beläßt, akzeptieren könnten“. Darum ״warnte“ der Redner und erging sich' dabei anscheinend in Ausführungen, die weit über das Judenthema hinausreichen. Auch das 8״-Uhr• Abendblatt“ schließt aus Wisc’s Rede, daß cs ״auch in jüdischen Kreisen Opportunisten gebe“; denn gegen wen hätte Wise sonst polemisiert? Dr. Wisc kann als Amerikaner in Genf natürlich sagen, was er sagt, aber zu einer Klärung der realen Lage und des vor den deut« sehen Juden stehenden Problems wird dadurch kein Beitrag geliefert. Der Irrtum liegt schon darin, Vor- Stellungen amerikanischer Demokratie auf einen Staat zu übertragen, der innerlich ganz anders aufgebaut ist und auch eine andere Form der Gesetzgebung hat. In dem autoritären Staat entsteht nicht die Frage, was die Juden ״akzeptieren“, denn auch bisher sind sie lediglich Objekt der Gesetzgebung gewesen. Für die Juden in Deutschland, die nicht ausgewandert sind, handelt es sich darum, innerhalb dieses so gearteten Staates eine Einordnung zu finden. Kein Jude kann der Theorie von und man kann wohl sagen, daß dieser kluge und besonnene Mann überall mir Freunde gewann. Jacobson, der Deutschland und die deutsche Kultur sehr lichte, genoß auch bei maßgebenden Kreisen des damaligen deutschen politischen Lebens großes Ansehen, und schon die Tatsache des deutschtürkischen Bündnisses im Kriege brachte es mit sieh, daß Jacobson in Konstantinopc! und Berlin viel mit deutschen, Politikern zu tun hatte und deren Interesse für den Zionismus gewann. Seit 1925 war Jacobson Vertreter der Zionistischen Organisation in Genf, am Sitze des Völkerbundes, der dent Palästinamandat seine Autorität gibt. Hier verstand er cs, bei allen Faktoren, die mit dem Palästinamandat zu tun haben, die jüdischen Interessen wirksam zu vertreten. Jacobson war der Mann, der Hcrzls Idee, der Zionismus bedürfe einer Atmosphäre des Wohlwollens, am klarsten realisiert und ziel« bewußt durchgeführt hat. Er ist auch der Vater der in verschicdcncn Ländern entstandenen ״Pro Palästina-Komitees׳.״ Jacobsons Beruf war die politisch-diplomatische Arbeit. Aber niemals hat dieser Mann vergessen, daß Judentum mehr »st als Politik,: daß das Jüdische Natiotvaiheim in Palästina kein' Selbstzweck ist, und daß es darauf ankommt, die jüdischen geistigen Güter zu pflegen, die Voraussetzungen für ein echtes geistiges Leben zu schaffen. Er ließ sich nicht in irgendeinen Dogmatismus cincngcn, alles was freie geistige Schöpfung war, sollte die nationale Bewegung befruchten. Sein Lieblingsgedanke war die Gründling einer hochwertigen jüdisch-geistigen Zeitschrift von weltweitem Horizont. So hat er s. Zt. in Deutschland bei der Schaffung der Zeitschrift. ״Der Jude“ Pate gestanden, er gründete dann in Frankreich die ״Revue Juivc“ und ״La Palcstine“, die Verwirklichung, weiterer Pläne hat er nicht mehr erlebt. Als Politiker war er Realist, als Denker ein Romantiker von Phantasie und echtem Gefühl. Als er vor einem Jahre wieder in die Zionistische Exekutive gewählt wurde, schien eine Zeit neuer Aktivität für ihn anzubrechcn. Nun ist in unseren Reihen eine Lücke entstanden, die nicht 80 leicht ausgefüllt werden kann. Wir trauern um einen Führer und Freund, und wir sind mit inniger Anteilnahme bei der verwaisten Familie.

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