Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 39 (1934)
- Issue
- Heft 65 (14.8.1934)
- Date
- 1934-08-14
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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EinitUm•!(•» nur (*gen V«1uf *•hlung *ul Fchm■check*Konto Berlin 71618 ©dar in der Antcigen* Annahm• Mont•( hl• Freitag 9—18 Uhr Annu1hm«echl1jfi lür die Dt«m!»g At*»t»h• Monteg 10 Uhr für dl• Fr«iteg• Auegeh• Mittwoch 13 Uhr (Fetnili«nen1*ig«n bi» Donneret•( 10 Uhr) I; cn ti 31.9־1 » |k 3941 Mu» WH i'W*; IST junjea filtert M» jilh.1491 »IMF■* יי•!7" ׳יי׳; I e.KnfM ■ kk '*fi; t ln diesen;111 Ereignissen und an Erinnerungen reichen Ingen sind wir deutschen Juden uns wieder unserer ganz: besonderen einzigartigen Lage stark inne geworden. Wir wissen, daß die große Mehrheit der Juden eng mit Deutschland verbunden ist, aus inneren und äußeren Oründen hier eine Lebensmöglichkeit suchen muß und daß diese große Mehrheit, die es nie an der Erfüllung ihrer Pflichten hat fehlen lassen, in Liebe an Deutschland und Deutschtum hängt; aber uns wurde das Zusammenleben aufgesagt, wir stehen außer* halb. Ein Umbruch hat sich vollzogen, die Welt um uns hat sich anders gestaltet, die geistigen und politisehen Führer des deutschen Volkes von heute knüpfen bewußt an eine germanische Vergangenheit und Vorstcllungswclt an, die vor jener geschichtlichen Periode liegt, in der wir Juden in den deutschen Umkreis cintratc!1. Durch die konsequente Ausscheidung des Frcimlrassigcn sind wir eine Enklave geworden, manch* mal werden wir innerhalb Deutschlands ״Feinde“ ge* mimt; das sind wir nicht, aber wir können die Entwick* hing unseres Daseins nur mehr als unsere innere Angelegenheit behandeln. N'acli der Erschütterung des Jahres 1933 haben weite Kreise eine Rückkehr zum Judentum gesucht, viele haben sie gefunden, vielen ist Sinn und Weg noch unverständlich, radikale Formeln können liier nicht helfen, weil das!.eben selbst auf organischem Wege Mischbar* men gcscliaften hat, die nicht durch Beschlüsse oder Befehle wieder in die einfachen Urformen zurückzuverwan* dein sind. Viele Ungeduldige meinen, daß man heute schon klare Resultate der Umwälzung von 1933 auch int jüdischen Lehen sehen mühte und wundern, sich, daß im Grunde noch die gleichen jüdischen Typen'da sind wie ehedem. Sic übersehen, daß das, was 1933 für uns an* j gehoben hat, ein langsamer Prozeß ist; wir wissen, 1 daß uns noch v i e 1 zu tu 11 übrig bleibt. j ן Die jüdischen Menschen in Deutschland haben sich י - wie alle Menschen in Deutschland — an den neuen > Stil des deutschen Lebens ge w ö 11 n t. Aber für uns *־ Juden hat diese Gewöhnung etwas Eigentümliches ge* I i)racl1t. Wir sahen vor unseren Augen, wie die Lehre,; die tms als Menschen minderen Wertes bc*!7dehnet, immer tiefer einsickert und schlechthin als :allgemein-gültige, unanfechtbare, bekannte Maxime ge-;braucht wird. Immer hat es Antisemitismus gegeben,;11־cl1 eine umfangreiche antisemitische Literatur bestand, "as aber kränkend ist, ist die wegwerfende und herab* atzende Behandlung in einem Nebensatz, so neben* b1׳, wie das der allgemein übliche Ton der meisten Zei* 111״gen in Deutschland geworden ist. Für uns Juden besteht die größte Gefahr dieses Zustandes darin, daß man 3‘Imahlich abstumpft. Viele von uns lesen schon dar* , '1her hinweg und empfinden gar nicht mehr, wie un* ' gewöhnlich unsere Lage ist. Wir können allmählich das "erden, was man Zyniker oder gar Nihilisten nennt! Denn da wir dein, was über uns gesagt wird, nicht in (*cr Form der Diskussion begegnen können, so nehmen '׳eie es hin, und allmählich verliert sich das eigene Ge* lirhl dcr Lhrc. Die seelische Lage eines immer geschmäh* len Menschen hat Shakespeare in der großen Rede des 'liylock zu kennzeichnen versucht. An diesem Beispiel ״hissen wir erkennen, zu welcher Denkart die deutschen Juden nicht gelangen dürfen. We Aufgabe, die vor uns steht, ist schwierig: In u'cscn Verhältnissen mit Wahrung unserer Menschen* "ürde zu leben und uns nicht von Haßgcfühlen oder Ressentiments erfüllen zu lassen. Deutsche Juden haben 111 diesem letzten Jahr viel Größe und Tapferkeit ge- ^1Kt, sei es auch nur darin, wie inan Kränkungen Ctuntersciilucktc, mit dem festen Vorsatz, sich nicht auJ den [,fad des Unrechts abdrängen zu lassen. Wir 5. .nc1h was uns widerfuhr, als großes geschichtliches •rc1gnis, als säkulares Schicksal, aber wir suchen — '? müssen suchen — unser inneres 01 eich ge«;1«■H und dieses können wir nur in unserer eigenen c״. in der Welt des Judentums, finden. Der Ge« P 1c nich bin ein Jude“ war für viele ein gewaltiges 'r cb n i s, aber dies genügt nicht als Grundlage r das lange beschwerliche Leben des Alltags, das 1. 3״schloß. Diesem Alltag standzuhalten, ist viellc״t einC noch schwerere Aufgabe als der Erschufte*! nS einer plötzlichen Katastrophe gewachsen zu sein. pp J! ,״׳׳׳> r 3 J v._3 Li v,3 '\j wj רךי frrfjö^ ILI r T V»✓ Rückkehr der Ruhe Constantinc, 9. August. (J. T.A.) Das Begräb* n i s der Opfer der jüngsten Ausschreitungen Ist ruhig verlaufen. Der Soldat Elle Kalifa, dessen Benehmen den um* mittelbaren Anlaß zu den Ausschreitungen geboten hat. Ist von den Militärbehörden verhaftet worden. In Constantine herrscht jetzt Ruhe, doch sind Meldungen elngclaufcn, daß cs in einer anderen algerischen Stadt zu Störungen der Ordnung gekommen ist. Die Behörden verweigern hierüber jede Auskunft. Nach den neuesten Meldungen scheinen die Ausschreitungen in Ain Bel da blutiger verlaufen zu sein, als anfänglich angenommen wurde. Es heißt jetzt, daß elf jüdische Einwohner ermordet wurden, unter ihnen fünf Frauen. Sehr ernst waren die Unruhen auch In Tcbcssa und Jemmapcs; die dortigen jüdischen Einwohn er, deren Häuser geplündert und niedergebrannt worden sind, haben in Militärbaracken Zuflucht gefunden. Gcneralgoiivcrncur Garde hat nach Besprechungen mit den Kommandanten der militärischen Kräfte und mit den Führern der mohammedanischen und jüdischen Bevölkerung die Verstärkung der Garnison nngcortfnct und einen Aufm! zu Frieden mul Eintracht an die Bevölkerung gerichtet. Gleichzeitig wurde eine Sammlung für die Opfer 3er Ausschreilungen cingclcitet. Die Lage ist noch immer äußerst gespannt. Es herrscht Besorgnis um das Schicksal vieler Familien, die auf entlegeneu Gehöften und in kleinen Städten lebten. Man rechnet damit, daß diese Familien nicdergcmetzelt wurden. Die 20 Namen umfassende erste Liste der Todesopfer enthält die Namen von vier Kindern und vier Frauen. Unter den Getöteten befindet sich auch der Zionist Atta II, ehemals Redakteur der zionistischen Zeitung ״La Vi'ritd“. Die Zahl der Verhafteten ist auf etwa 300 gestiegen. Mehrere Araber aus Jemmapcs wurden zu je einem Jahr und einem Tag Gefängnis verurteilt. Wie United Preß aus Algier meldet, Ist der Bc* lagertmgs/ustaml, der über Constantine verhängt werden mußte, aufgehoben worden. Das jüdische Viertel von Con* stantinc weist deutliche Spuren der Geschehnisse auf. Viele Häuser sind bis auf die Mauern niedergebrannt, Läden und sonstige Geschäfte sind vollständig ausgeplündert, Trümmer von Möbeln und anderem Eigentum liegen rn den Straßen und Gassen in Haufen bis zu einem Meter hoch herum. Der Sachschaden wird auf mindestens 50 Millionen Francs geschätzt. Wo ist die Ursache? Nach Zeitungsnachrichten englischer und französischer Blätter haben die Ausschreitungen in Algerien doch einen etwas anderen Charakter, als cs zuerst den Anschein hatte. Die Erzählung von dem ״betrunkenen jüdischen Sol dat cn“, der in die Moschee cindrang und dadurch die Exzesse cnticsseltc, scheint keineswegs die volle Wahrheit zu enthalten. Es wird behauptet, daß ■ bereits mehrere Tage vor den Ereignissen von Constantine in dem kleinen algerischen Städtchen Scttiz Unruhen stattfanden, bei denen eine Anzahl von Juden ermordet worden sei. Die französischen Behörden hätten nicht gestattet, etwas Uber diese Ereignisse zu veröffentlichen, und erst als die Unruhen auf Constantine Übergriffen, war cs unmöglich, sic zu verheimlichen. Für eine vorbedachte Or« ganislerung des Pogroms spricht auch der Bericht des Korre- *pondenten der Londoner ״Times“, der schildert, wie an dein blutigen Sonntag die mohammedanische Jugend unauf-, fällig in kleinen Gruppen von zwei bis drei Menschen nach dem Judcnvicrtcl geströmt ist. Die Frage, welche Kräfte Im Spiel waren, um dieses furchtbare Blutbad zu organisieren, wird unbedingt geklärt werden müssen. Daß, wie die ״Times״“ andeutet, die jüdisch-arabische Spannung In Pa* 1 äst Ina dabei eine — wenn auch vielleicht nur sekundäre —* Rolle spielt, Ist bisher keineswegs erwiesen. Paris, 9. August. (J.T. A.) In der französischen Presse werden die verschiedensten Vermutungen über die Hinter* gründe der Unruhen geäußert. Die antisemitische ״L’Action Francaisc“ behauptet, Schuld an den Un* ruhen sei die Cremicuxschc Gesetzgebung, die die Juden in Algerien gegenüber den Arabern begünstige. Die Organe der radikalen Linken sehen hinter den Unruhen eine Provokation der ״imperialistischen Polizei“. ״Temps“ wendet sich gegen solche Kombinationen; schuld sei der religiöse Fanatismus der arabischen Bcvcil• kerung und ihre wirtschaftliche Not. * Die Londoner ״T i m c s“ veröffentlicht einen Leitartikel über die Vorfälle in Algerien, in dem sie die Spannungen darstellt, die seit jeher zwischen der mohammedanischen und jüdischen Bevölkerung Fra nzösLsch-Nord Afrikas bestellen. Das Blatt meint, daß unter anderem auch die an sich interessante und malerische Art der Jahrhunderte alten Constantiner Judengemeinde, den Sabbat zu feiern, — die Frauen sitzeil am Sonnabend in kostbaren Gewändern und mit ihrem ganzen Schmuck angetan in den I latiseingängcn , dazu beigetragen haben mag, die ärmeren Teile der mohammedanischen Bevölkerung zu reizen. Die französischen Behörden hätten offenhar nicht mit der Möglichkeit eines so wilden Ausbruchs der Leidenschaften gerechnet. Wirtschaftliche Mo* mente, besonders die Not unter den Bauern, seien zwcifcllos mit eine der Ursachen der Exzesse; im wesentlichen aber trugen sic denselben Charakter wie ein religiöser Aufrulir in Indien oder die Unruhen des Jahres 1929 in Pa* lästina. Die Ereignisse würden ihre Wirkung auf die gemäßigten Führer der Judcnhcit in Palästina, die in letzter Zeit wachsende Besorgnis angesichts der Tätigkeit jugendlicher Extremisten empfanden, nicht verfehlen. Gefahr auch in Tunis? Tunis, 9. August. (J. T. A.) Hier wird befürchtet, daß die algerischen Unruhen auch auf die Mohammedaner 1n Tunis übergreifen könnten. Es werden entsprechende Vor* beugungsmaßnah men getroffen. Die feindselige Stirn* mung mancher Kreise der mohammedanischen Bevölkerung kommt in Beschimpfungen der Juden zum Ausdruck. Aus S f a x werden einige kleinere Zwischenfälle infolge der erregten Atmosphäre gemeldet. Der Aufbau unseres Lebens Ist noch schwankend. Unsere Eingliederung in die deutsche Welt, in der wir, jeder einzelne hier lebende Jude, eine Existenz finden müssen, wird nur von einem Judentum vollzogen werden können, das wirklich Judentum geworden ist und nicht mehr auf jüdische Zusammenhänge verzichtet. So weit zu sein behaupten ja jetzt fast alle jüdischen Gruppen'in Deutschland, auch solche, die früher anders dachten. Um so besser! Dann können wir ein cinhcit* lichcs Arbeitsprogramin haben. Seit April 1933 wurde in diesem Blatte für diese Idee der Einheit eingetreten, weil unsere Situation uns urplötzlich einheitlich machte und alle alten Theorien niederwarf. Aber wie steht cs im Inneren? Religion, Wissen, Schule, Le-, bcnsgcstaltung — alles ist noch in den ersten An* fangen. Viele sind innerlich ergriffen, aber ■— gestehen wir cs nur — die jüdische Gedanken- und For* inenwclt i%t ihnen entfremdet. Vielfach finden wir als Ersatz für wirkliches Leben die innerjüdische Weltanschauungs-Diskussion und Polemik in den jüdischen Reihen. Das ist unfruchtbar. Nicht dadurch können wir erlöst werden.! Wir müssen den Mut zu einem innerlichen Aus*, harren haben, auch wenn wir selbst noch zwischen zwei Welten leben und von der ersten Verwirrung noch wie betäubt > sind. Die jüdische Welt erschließt sich jedem, der mit Liebe, mit dem ehrlichen Willen des rückkehrenden Sohnes, an sic hcrangcht. Die vielen. unübersehbaren Einzclproblcme, die vielen individuellen Schattierungen, das alles soll von uns voll gewürdigt werden. Niemand soll sich über seinen Bruder erheben, weil er nicht in dieses oder jenes Schema paßt. Die ,Welt des deutschen Judentums ist nüancenreich. Aber alle müssen daran arbeiten, daß diese Welt nicht bodenlos wird. Sic muß eine Grundlage haben, diese müssen wir selbst bauen, aus dem Material, das die ungeheuere Wirklichkeit des Judentums uns bietet. Nicht in Kanzleien (die wir nicht unterschätzen) vollzieht sich dieser Bau, sondern in der Kammer jedes Einzelnen, und dann von Mensch zu Mensch, von Einzelnen zu Einzelnen und von Gruppe zu Gruppe. Gebt sie weiter, die heilige Fackel, von Hand zu Hand! So wird unser Weg er« leuchtet, auch wo Dunkel über uns zu sein scheint. In Palästina erstellt eine neue jüdische Gemein* schaft; noch ist sic unfertig und nicht schlackenfrei, auch sie wird noch manches durchzumachen haben und bedarf des Beistandes. Nicht jeder Jude kann Palästinenscr werden; aber die Verantwortung für das Werden der Heimstätte ist zum Bestandteil des Judentums von heute geworden. Die jüdische Geschichte steht in der großen Spannung von Ercz Israel und Diaspora. Durch Erez Israel wird die Diaspora zur Diaspora, aber auch sie ist eine jüdische Konzeption, denn Jüdischsein ist hier wie dort eine ewige, den Alltag durch* ziehende, sittliche, geistige Aufgabe. Sie zu erfüllen, ist schwer und stets von neuem gefordert. Sie wenigstens zu sehen, ist in Zeiten der Krise leichter als in Zeiten eines benebelnden Wohlbehagens. Wir lernen sehen; möge auch ein Stück des Erfüllens uns be« -schieden sein.