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Jüdische Rundschau · 1934-08-10 · Heft 64 (10.8.1934) · page 9

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
39 (1934)
Issue
Heft 64 (10.8.1934)
Date
1934-08-10
Page
– (sequence 9)
Language
German
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JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr, 64, 10. Au*u*t 1934 LITERATUR - BLATT Wir erhalten folgende Mitteilung: Zum Andenken an den verstorbenen Dichter Cliajlm fjichman Bialik stiftet Herr SaImann Schocken einen Chajlm Nochinan B i a I ik -Preis jir hebräische Dichter und Schriftsteller. Der Preis wird verliehen für eine Dichtung oder Prosa-A rbeit In hebräischer Sprache, die durch jdiiipferisclic Darstellung jüdischen Wesens und jüdischer Werte das hebräische Schrifttum mehrt. DerChajim Nachman Bialik-Preis soll von dem jeweils für ein Jahr berufenen Preisrichter nach freier Entscheidung UI)d unter seiner alleinigen Verantwortung Zuerkannt werden. Der Preis beträgt für jedes Jahr 300 Pfund. Der Name de» Preisträgers wird jeweils am Jahrzcitlagc Bialiks (21. Taninius) für das darauffolgende jüdische Jahr bekanntgegeben. Der Preisrichter soll stets ein in Palästina lebender hebräischer Dichter oder Schriftsteller sein. * Die Stiftung dieses Preises ist eine sehr würdige, sinnreiche Ehrung Bialiks und?״gleich eine wertvolle Förderung der hebräischen literarischen Produktion. Die Andcutungen, die in dieser Mitteilung über die Erfordernisse der Arbeit, die aus jüdischem Geist und jüdischem Wesen erwachsen sein soll, gemacht werden, zeigt, daß die Stiftung dazu dienen soll, Bialikschen Geist im hebräischen Schrifttum weit erleb en zu lassen und den Intentionen des großen Toten gerecht zu werden. Neu ist für den Bereich des hebräischen Schrifttums die Methode, einen einzelnen Preislichter — und jedes Jahr einen anderen — zu der Verleihmig des Preises heianziiziehcti, ein Vorgang, der in Deutschland in der letzten Zeit bei einigen Stiftungen, z. B. Hem Richtpreis, angewandt wurde. Ein Bialik-Archiv Das soeben ausgegebene neue Heft der von der jüdi- Sehen Nationalbibliotbck berausgegebenen bibliographischen Zeitschrift ״Kirjat S e f e r“ bringt an seiner Spitze die Mitteilung, daß die Leitung der Bibliothek beschlossen hat, ein Bia I i k - A rc:11 i v zu gründen, worin alles gesammelt werden soll, was sich auf das Leben Bialiks und sein Schaffen bezieht. Die Bibliothek wendet sich an das gesamte jüdische Volk, bei der Sammlung dieses zerstreuten Materials mitluhelfcn. Es wird gebeten, Briefe, Manuskripte, Erinncrangen, ferner auch Bilder und Photographien einzusenden, ebenso Zeitungsnummern, die Bialik gewidmet sind, Ueber- Setzungen aus seinen Werken, und alles, was ״uns und den kommenden Geschlechtern helfen kann, das Leben und das Werk des großen Toten zu erfassen und zu verstehen“. j Oll'1’״ "'j (1־">'1״e 3 r<i 'י׳־'1׳ f‘5 fC% -ur.i >1« bl׳-.:!h und «11L ujiiriCi 5908 t Von den Frankfurter Juden Bei der kürzlich in Frankfurt ahgchaltenen Rciclistngung des N.S. Lchrcrhunclcs erklärte Oberbürgermeister Staatsrat Dr. Krebs in seiner Begrüßungsrede, die Wahl dieses Tagungs- .des ״sei eine Widerlegung der Behauptung, Frankfurt sei immer noch eine undcutschc Stadt, sei immer noch Neu- Jerusalem am fränkischen Jordan. Frankfurt habe sieh in der zeit des Umbruchs wieder auf sich selbst besonnen“. Wir Juden haben zwar die Geburtsstaiit Goethes niemals als ״Neil-Jerusalem“ in Anspruch genommen, die Juden in Frankfort haben aber in der Tat eine lange und merkwürdige Beschichte, auch bevor im 19. Jahrhundert eine Reihe von Frankfurter jüdischen Familien im Wirtschaftsleben der ganzen Welt bedeutend wurden und dadurch auch das Aufblühen ihrer y.iterstadt gefördert haben. Ueber einen Abschnitt dieser Geschichte der Juden in Frankfurt, über ihr Leben, ihr Leiden und ihre Bräuche, berichtet das Buch ״Jüdische Mcrckwürdigkeitcn“ von Johann Jacob Sc hu dt, einem evangelischen Theologen, das 1711 erschienen ist und aus dem jetzt eine gut zusammeugestellte Auswahl von E f r a i m Frisch als Nr, 12 der ״Bücherei des Schocken-Verlagcs“ unter dem Titel ״Von der F r a n c k f 11 r t c r J 11 d c 11 V e r- Pag en heit“ erschienen ist. Schudt lebte in Frankfurt!651-1722, er war ein genauer Kenner des Hebräischen, befaßte sich eingehend mit der Geschichte der Jude״ und stellte sich wohl auch in den Dicest der Judeiimission. Die tendenziösen und polemischen Teile, sowie das mehr rhetornclie Raukenwerk hat Frisch weggelassen, und so wurde eia Zeitbild hcrniisgeschält, das sich auch dem heutigen Leser sehr eindrucksvoll präsentiert und in einer Zeit, da das Interesse der deutschen Juden an ihrer eigenen Vergangen- ״eh wieder stärker zu werden beginnt, sehr willkommene Dienste leisten wird. Denn gerade die Schilderung jüdischen Lebens durch einen Christen wirft ein eigentümliches Lieht ,״l (las dustere Leben im Ghetto, das dem Außenstehenden 1'var manches Absonderliche hot, vor dessen innerer niensch* ״eher Kraft und geistiger Gebundenheit aber auch er offen- *1entlieh Respekt hat. Die Schilderung der ehemaligen Frankturter Jt1dcngas.se zeigt das furchtbare Elend der 111 der Latte zusammengepferchten Judenheit, die einfach durch die *,״gezwungenen äußeren Wohnverhältnisse in eine Vernach- “ügiing äußerer Sauberkeit und anderer Beouenilielikeiten ״mcingedrängt wurde, die nur der verhöhnen kann, der die ״wecken dieser Lebensform nicht keimt oder sich darüber keut. Am wichtigsten scheint uns die Darstellung der jü- {11•’dien Bräuche in den alltäglichen Ereignissen des Menschen• kbens, heim Gottesdienst, an den Feiertagen usvv. In naiver ronn wird liier über manche Vorstellungen des jüdischen ,digiösen Lebens berichtet, aber der heutige jüdische Leser J'lfa mit Ergriffenheit entnehmen, welche Innigkeit und sec- 1 ,cbe Wärme bei aller äußeren Not in solchem Judenghetto “b(c• Das Büchlein zeigt alle die nun bereits bekannte« Vorzüge der S c h 0 c k e n - B ii eher c i, die uns m deutscher Sprache eine vorbildliche jüdische Buchreihe beschert. Be• 50״derc Sorgfalt wird auf Druck und äußere Ausstattung P'gt. so daß wir jetzt etwas haben, was es bis v011 *“r«m kaum in dieser Form gegeben hat: das sclumt, ״lfn Anforderungen des künstlerischen Geschmacks genu pidc und dabei wohlfeile jüdische Buch. Es ist nicht zu z5'C|LeI11, daß die Schocken-Biicherei, als deren II. "E ז * ä 111 u 11 tr e 11 von Engeln, Geistern und da• ״onen“ von8 Martin Bub er, gleichfalls eben crs'''^cl'׳ "«h zu würdigen sein wird, bei allen deiitsehsprechcndcn Juden populär werden wird ,;Preis pro Band 1,25 HM.). a. In.Kürze erscheint in Jerusalem eine ״Bi bi iog rap nie . ז Jüdischen Bibliographien“, zusammengestcut Von S. Shunami Bibliothekar an der Jüdischen Nationalfaß! Universitätsbibliothek, Jerusalem. Die B'bli0&J?P1"e aRt Bibliographien aller Gebiete der jüdischen ״»®8'׳*י“"!,*: *1lc« Sprachen, und zwar sowohl selbständige Bücher ah Dkh• f!ufs;lDe aus Zeitschriften und Sammelwerken ist nach 1״*dplinen geordnet und enthält die zur praktischen öc• nutzung des Buches erforderlichen Indizes. bc- Band Der heute 74jährige Nestor der jüdischen Geschieht.»* Wissenschaft, Simon Dubnow, läßt soeben, zunächst in russischer Sprache, ein ״Buch der Lcbeus-Erinnc* ru ngcii ״ n <1 Reflexionen“ (Riga, Verlag ״Jaunatncs Granula“, 420 S.) erscheinen. Mit der Schlichtheit und Offenheit, die wir an dem Menschen Dubnow kennen, entrollt sich hier vor uns das Bild eines Lebens, überreich an materieller Sorge und Entbehrung, und dennoch erfüllt von hohem Strcben und fruchtbringender Arbeit. Es ist für die Persönlichkeit Duhnows kennzeichnend, daß dieses ״ßuuli des Lebens“ überwiegend von inneren Erlebnissen und Kämpfen, von Kämpfen um eine Weltanschauung, und weitaus weniger von äußerem Schicksal handelt. Es ist von dem diirclHlnmgen, was inan ״geistige Juden not“ genannt hat: es zeigt den Verfasser in jahrzehntelangem, un* aufhürlichcm Ringen mit den tiefsten Problemen des jüdischen Daseins. Und darum hat es weit mehr als nur individuelle Bedeutung, Die ״geistige Judennot“ begann Dubnow schon im Anfang seines geistig bewußten Lehens zu spüren. Er wurde am 10. Sept. 18(10 in dem malerisch gelegenen Städtchen Mstislawl des Gotiv. Moliilcw in einer frommen, orthodoxen Familie geborett, die zu ihren Ahnen den Kabbalisten Joseph, Rabbiner in der wolhymsehen Stadt 1) 11 b 11 o, zählte. Die jüdischen Sitten jener Zeit forderten, daß der Knabe schon im zarten Kindesalter in das Dibelstudiiun, daun aber so früh wie möglich in das Talimidsltulium eingeführt wurde. In dieser frühen Epoche empfängt der lebhafte, lyrisch gestimmte Knabe Eindrücke, die, wie wir jetzt ziiriickschaucnd sehen, von dauernder Bedeutung auch für sein späteres Leben wurden. Wohl liebt er den beseligenden ״Empfang des Sabbath“ an den Freitag- Abenden im Eiternheim und in der Synagoge, wohl empfindet er die Schönheit des Hebräisch, ergötzt sich an der talmudischen Agada, und die Lektüre des ״Josippon“ erweckt zum ersten Male auch das geschichtliche Interesse in ihm — allein das alles sind Lichtblicke in ■hier, nach seiner eigenen Schilderung, überwiegend düsteren Lebensperiode. Das Eingcpfcrchtsein in engen Chcder-Räumcn, die Ucbcrfiittcrung des erst im Beginn der Entwicklung stehenden kindlichen Geistes mit unverständlichem Stoff, die Lebensfremdheit und Dialektik des Talmuds — das alles sind für ihn negative Erscheinungen und Empfindungen. Hier wurzelt seine, noch bis Ende der 80er Jahre, also bis ins Manncsaltcr dauernde ״Antitlicsis“ gegen das überlieferte Judentum. Nicht zu vergessen ist freilieh, daß die den jungen Dubnow hinreißende Lektüre des Spinoza, der französiseheii Enzyklopädisten, der Positivsten Comtc, Mil! und Spencer, der Materialisten Büchner und Mo- Icscliott und ihrer russischen Geistesgenossen jene ״Antithesis“ verstärkte und ■ erweiterte,. wenn ■nicht gar mitbedingte. Er gerät in den Bann eines schrankenlosen Rationalismus upd Kosinopolitisnuis. Er gibt das (von־ seinem Großvater geleitete) Talnuidstudium auf, zeigt sich in der Synagoge fast nie und beginnt sich in seiner Familie und seinem Studium ״wie• ein heutiger Elischa-Achcr“ (ein im Talmud erwähnter Ab■ trimniger. — A. d. R.) zu empfinden. Es drängt ihn hinaus, Reisen nach der Gouvcrnementstadt Moliilcw, nach Wilna, nach Smolensk und Petersburg — um das so hcißcrschntc Reifezeugnis und dadurch den Zugang zur höheren, ״allgemeinmenschlichen“ Bildung zu erlangen. Das Schicksal wollte es anders. Furchtbare Mittellosigkeit, ein Leben, das fast ein Hungerdasein ist, und die Strenge der russischen Behörden gegen jüdische Prüflinge schneiden ihn! diesen Weg ab. Und vielleicht war es so besser. ״Vielleicht mußte cs so sein“, sagt Dubnow seihst (S. 121): ״daß mir kein privilegiertes Dasein eines Diplomjuden, sondern dieselben Leiden, wie sic die jüdische Volksniassc erfährt, zuteil wurden, damit ich diese Leiden später im hohen Zorne eines jüdischen Publizisten und mit dem verhaltenen Pathos eines Historikers darsteiien sollte". Allein die Hinwendung zur Publizistik und Geschichte kam nicht sofort. Dubnow entschließt sich zunächst nur, statt der Regicrungsimiversität eine ״eigene Hochschule״ in den vier Wänden seines Kämmerleins in Petersburg (wo er ״ohne Bercohtigimg“ lebt) zu gründen, d. 11. Selbststudium zu betreiben. Nur um seine prekäre finanzielle Lage etwas zu bessern, nimmt er den Rat des damaligen Rcdnktioimekretärs des ״Rasswjet“, M. Kalian (bekannt unter seinem hebräischen Schriftstellernamen M o r d e c 11 a i b c 11 H i 11 c I H a k 011 c n) an, an der jüdischen Presse mitzuarbeiten, dem somit das Verdienst gebiihrt, vielleicht unbewußt den ganzen späteren Lebensweg Duhnows beeinflußt zu haben. Allein trotz dieses materiellen Motivs (dessen er sieh, wie in seinen Briefen verlautet, schämt) gibt er sich dieser neuen Arbeit völlig selbstlos hin und ״vergißt dabei die ganze Welt“. Was er aber gibt, steht noolt völlig im Zeichen, ja man möchte sagen, im Banne jener Antithesc. In einer Zeit, da die ji'ulisohc ()Öffentlichkeit durch Pinskers ״Autoemanzipation" aufgcriittelt wurde, schreibt er im ״Wossohod“ unter dem Titel ״Welche Autocmanzipation tut den Juden not?“, daß die Wiedergeburt des Judentums nur auf zwei gleichzeitigen Wegen: dem der bürgerlichen Gleich- Berechtigung und dem der geistigen Selbstcmanzipation sich vollziehen könne. In der jiidisollen Religion sicht er ״nur ein System von Riten, die bis zum Absurdum entwickelt sind“. .Er schlägt die Bildung eines ״Rcforinhundcs״ vor, beruft sich auf die Autorität Ludwig P11 i Iip ps on s und bekämpft S mo- 1 e n s k i wegen dessen scharfer Kritik an dein Berliner Refortn« 11 tum. Selbst Gabriel Riesser erscheint ihm noch als zu nationalistisch, wogegen er in Börne die Verkörperung seines kosmopolitischen Ideals findet, Gewiß, in dem jüdisch-russisehen ״Wosschod“ (Sonnenaufgang), an dem er damals rcgclmäßig ru arbeiten anfing und dein er ein Vicrtcljahrlmnücrt seines Lebens widmen sollte, begann er einen ״Kampf ums Recht“ für die Juden. Allein mit welcher Begründung? ״Die Juden werden ungcrcchtcrwcise unterdrückt — das genügt, damit jeder, der ein Herz hat und Sinn für Gerechtigkeit, sich ihrer Sache annimmt... Der Verfasser dieser Zeilen glaubt erklären zu müssen, daß er kein geschworener Verteidiger des Judentum ist, und daß weder, in seinen Motiven noch in seinen Ucbcrzeugiingcii etwas enthalten ist, was ihn bewegen könnte, speziell Menschen jüdischer Religion oder Nationalität als solche zu verteidigen“ (Wosschod,. 1884).. ״Diese kalten Worte“, bemerkt Dubnow heute rückschauend, ״kamen zwei« fellos nicht vom Herzen, sondern aus einem doktrinären Geist, ebenso wie das demonstrative Pseudonym Externus, d. h. Außenstehender“. Nur noch eine einzige Einschränkung keimt dieser Rationalismus: zwar fordert er bürgerliche, lehnt aber religiöse Assimilation ab: ״Solange Golgatha existiert, hat auch Sinai sein Dascinsrecht“. Aber auch brennende praktische Fragen, hervorgerufen durch die Pogrome in Stuirußland im Beginn der 80er Jahre, beschäftigen den jungen Publizisten. A m c r i k a o d c r Palästina? — Das ist damals die Frage. Dubnow entscheidet sich ausschließlich für A m e r i k a. ,,Palästina mit seinem despotischen türkischen Regime, seiner primitiven arabischen Bevölkerung und seinen jüdischen Wallfalirern, die einem modernen Schulwesen und landwirtschaltlieber Kolonisation feindlich gesinnt sind, taugt für eine Masscneinwandcrimg nicht. Nur ein Weg bleibt: die große Demokratie Nordamerikas“ (״Raxswjct", 1881). Schon hier sehen wir die Wurzel jener Lehre von der Ucbertragung der jüdischen Massenzentren, die Dubnow spater zu einem System ausgebildet hat. Daß die weitere Entwicklung jene Prognose bestätigt und ״in der Tat ein riesiges jüdisches Zentrum in den Vereinigten Staaten geschaffen hat“, betont Dubnow auch jetzt in seinem Erinnerungsbuehe (S. VW, vgl. auch S. 411), Und doch ist gerade an dem Beispiele Amerikas klar, daß die Bildung eines ״jüdischen Massenzcntruins“ allein vielleicht genügt, um die überkommene jüdische Kultur aufrcchtzuerhaltrn (auch da wäre indessen das Problem der zweiten undl dritten Generation noch zu untersuchen!), keineswegs aber, um dem Judentum und der Judenheit neue Impulse zu geben, Duhnows Stellungnahme rief’schon damals M. L. Lilien« bl um mit einem berühmt gewordenen Aufsatz ״Die allgcmeine Judenfrage und Palästina“ in demselben ״Rasswjct" auf den Plan, Und doch beginnt wesentlich unter dem Einfluß und im Prozesse der publizistischen Arbeit in Dubnow eine innere Wendung sich vorzubereiten. Wie früher an dem Glauben, so beginnt er jetzt an der Allmacht der Ratio zu zweifeln. Er beginnt, den abstrakten Positivismus als lästig ZU empfinden. Pessimismus und Depressionen stellen sich ein. Währenddem aber bemüht sich sein älterer Bruder Wolf, dem er stets innig zugetan bleibt, ihm in langen Briefen auseinanderzusetzen, daß ״die abstrakte Liebe zur Menschheit mich des Glückes der konkreten Liebe zum eigenen Volke beraube“. Vor allem aber ist cs, wie gesagt, die regelmäßige ptiblizistisebe Arbeit selbst, die ihn auch innerlich zu seinem Volke zurückführt. ״Jede Wochennuinmer der ״Chronik des Wosschod“ mit der Aufzählung judenfeindlicher Vcrfolgungen machte mich traurig, und ich pliegte zu sagen, daß ich allwöchentlich Tischa-bcaw habe“. ״Ich begriff jetzt, daß mein Weg zum Universalen eben durch jenes Gebiet des Nationalen führt, auf dem ich bereits arbeitete“ (S. 207). So heißt es unter dem Jahre 1887, als Dubnow also 27 Jahre alt war. Merkwürdigerweise bezeichnet er diese Zeit der Umkehr als ״Epoche der Resignation“. Es ist aber wohl nur als Gegensatz zu der vorangehenden ״Epoche des Aufruhrs“ gemeint. Mit der ״literarischen Selbstbestimmung“ zeichnet sich aber allmählich auch der Zukunftsweg seiner wissenschaftlichen Be« tätigung vor ihm klarer ab: es ist eben die jüdische Ge« s c 11 i eilte. Bereits seine 18S2 geschriebene Skizze über Sabbatai Zwi wurde beachtet und gab ihm den Mut zur weiteren Arbeit an den Quellen des Frankismus. 1884 erhält er den Auftrag, für die Regicrungskommission, die sich mit der Regelung der jüdischen Frage in Rußland beschäftigte (sog. Pahlenschc Kommission) eine Denkschrift über die Geschichte der Judengcsctzgcbung in Rußland abzufassen. Doch hat er inzwischen die begonnene Sammlung von Quellen zur Ocschichtc des Chassidismus nicht ver« gessen und nimmt sie 1887 wieder auf, 11. zw. auch buchstäblieh, indem er in Warschau bei jüdischen Antiquaren herum« stöbert und gar manches wcrivolle einschlägige Buch auftreibt und erwirbt. ״Je mehr icli mich aber in di« religiösen Bewcgungen des Ende des 18. Jahrhunderts vertiefte, erweiterte sich der Horizont und wuchs in mir ein neuer, grandioser Plan auf: eine systematische Sammlung von Materialien zur Geschichte der Juden in Polen und Rußland und die Gründung einer bcsonderen Organisation zu diesem Zweck, einer jüdischen Historischen Gesellschaft. Die von meinem Bruder Wolf, der in Mstislawl einige alte Piiikassiin der dortigen Ge« meitulc fand, gemachten archivalischcn Entdeckungen brachten mich auf den Gedanken, in allen jüdischen Gemeinden (des russischen Reiches )Pinkassim zu sammeln“. Und schließlich notiert er in seinem (mit erstaunlicher Sorgfalt sein Leben lang geführten) Tagebuch am Neujahr 1890 als endgültige ״Selbstbestinimung“: ״Meine Ziikuuftspläne sind vor allem mit der jüdischen Geschichte verbunden. An sie denke ich jetzt und werde auch weiter denken“. Fine ״Historisch-Ethnographische Kommission“ wurde in der Tat, nach dem Plane Duhnows, 1891 in Petersburg ins Leben gerufen und sammelte Jahre hin* durch aus weithin verstreuten Quellen ״Regesten und Inschrif« teil“, die sich auf die Geschichte der östlichen Judenheit bc* ziehen und ganze Bände füllten. Ihr schlossen sich ähnliche Gründungen in Moskau und Odessa an. Es war eine bahnbrechende historiographischc Tat. Aber auch eine tief erziehcrisclie. ״Aus allen von uns benutzten Quellen“, so schrieben die Mitglieder der ״Historisch-Ethnographischen Kommission“ Jahre später bei der Ueberreiclmrig des ersten Bandes der ״Regesten“ an Dubnow, ״erschloß sich uns eine neue reiche Vergangenheit. Die Lektüre der trockenen Dokumente hatte für uns dieselbe Wirkung, wie die Berührung von An« täos mit der Mutter Erde“. — Doch dies alles fällt bereits in einen dritten Lcbcnsabschnitt Dubnows, der mit seiner Uebcrsiedlung (Herbst 1890) nach Odessa heginnt, und der in mehr als einer Beziehung bedeutsam ist. In Odessa kam Dubnow in persönlichen Kon* takt mit einer Reihe führender Männer der jüdischen Geistig« keit. Der stets ruhige Achad-Haam, dessen jüdisches Gefühl mehr einer stillen, unsichtbaren Flamme glich, der kaustische, mit treffenden Paradoxen argumentierende Abramowitsch (Mendele Mocher Sfarim), der Hebraist Rawnitzki, und ein junger bescheiden schweigender Lehrer eines reformierten Cliedcr mit hebräischer Unterrichtssprache: Ch. N. Bialik, — sic und manche andere erstehen plastisch in Dubnows Memoiren. Bald bildet sich ein Freundeskreis, der 8i?h jeden Samstagabend versammelt und über die brennenden

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