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Jüdische Rundschau · 1934-08-10 · Heft 64 (10.8.1934) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
39 (1934)
Issue
Heft 64 (10.8.1934)
Date
1934-08-10
Page
– (sequence 1)
Language
German
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AUGUST 1934 08ז Zionismus erstrebt tür das jddlsche Volk die Schaffun Anxtlgealarlfi Di• Miillrn*ter*2Ui1« (IM •—»2G, für Steil*nKP«uth* RM —40, lü» F»miU**vn*tWrteh!«n RM —4S Einxelinreigen nur g*a*t1 Vorauf• «ahlung af Pf*»t*ch*Mrk-Kom0 IWlin 1161H otl«r in der Anreigrn־Annahme Montag hia Freitag UW* Anrt*hm«tdhhj& für dl« DUtiatag Au»g«h« Montag 10 Uhr (ttr di« Frvitag-Ati•■•)»• Mittwoch 13 Uhr CFamilUnanzeigan bi• Donnerstag 10 Uhr) י einer Öffentlich - rechtlich gesicherten Heimstätte In PalSstlna. ״Baseler Programm" ג"׳/ \ \ in Die Ausschreitungen in Constantine Die Unruhen in Constantine haben, wie Europapreß nicl- (Jet, außerordentlich _ ernste Formen angenommen. Nach vorübcrßchemler Beruhigung griffen die Eingeborenen die Jujen erneut an. Nach einer amtlichen Meldung vom־ 8, 8, aus Paris betrügt die Zahl der Opfer 27 Tote undan die hundert mehr oder weniger schwer Verletzte. Die Toten sind fast sämtlich Juden (23), U(td unter ihnen befinden sich Greise, Frauen, mehrere Mädchen und sogar vier jüdische Kinder im Alfer von!»■ei bis zehn Jahren. Die Ruhe scheint zwar im großen und ganzen wiedcrhergestellt zu seir, doch kam cs am 6. 8. erneut zu Zusammenstößen, bei denen wieder zwei Araber und zwei Juden getötet wurden. Der l.andwirtschnftsministcr Qucuillc, der den in Urlaub hefimilichen Innenminister vertritt, ist aus der Pro■ vta nach Paris zuriickgekchrt, um die etwa noch notwendig »•erdenden Anordnungen sogleich treffen zu können. Er hat Jen neuernannten Präfekten von Constantine, der seinen Posten noch nicht aiigetrrten hatte, dies sofort zu tun. Der Ci c n c r a 1 g o nvcmnir von A 1 g e r i c n, der sich in Paris befand und im Begriffe war, im Auftrag der Regierung eine Reise nach Kanada anzutreten, ist mit dem Flugzeug nach Algier zuriickgckelirt. Den Aula (t 7 11 den Z u s a m menstößen gab ein in sich geringfügiger Zwischenfall: Ein betrunkener jüdi• scher Soldat war am Samstag abend während der Gebets* stunde in eine Moschee cingcdrungcn und von den Gläubigen vctpruficlt worden. Als diese Nachricht in der Stadt bekannt wurde, strömten die Muselmanen zu Hunderten in das jsi■ difche (icschältsviertel der Stadt, richteten dort beträchtliche Vcns'iistnngen an und zogen erst gegen Morgengrauen wieder ab. Nach einer Schlichtungskonfcrcnz zwischen den Vertretern der beiden Bevölkcruiigsschielitcn, die am Sonntag vormittag im Rathaus stattfand, schien der Zwischenfall erledigt. A1!1 Nachmittag veranstalteten jedoch extreme mohammedanische Elemente neue Ausschreitungen, an denen bald große Teile der arabischen Bevölkerung Constantines und der umliegenden Ortschaften tcilnahmcn. Sichen jüdische Geschäftshäuser wurden in Brand gesteckt, die anderen ge■ plündert. Die jüdische Bevölkerung hatte sich in ihren Häusern verbarrikadiert, jedoch gelang cs den Ambern, in die Häuser cinzudringen, ohne daß die Sicherheitskräfte der Stadt sic daran hindern konnten. Erst als gegen Abend aus Algier eine Brigade Gendarmerie, zwei Bataillone Seile• (׳»lesen und eine Feuerwehrabteilung mit Spritzen anrückten, gelang es, die Ruhe einigermaßen wiederlicrzustelleii. In drei kleinen Ortschaften der Umgebung jedoch dauerten die Kample weiter au. Etwa 50 V e r 11 a f 111 n g e n wurden vorgenommen, wobei es sich meist um Araber handelt, die beim Plündern von jüdischen Warenhäusern festgeuomnieii wurden. So wurden mehrere Araber verhaftet, die in einem Auto die geplünderten Waren abtratisportieren wollten, ein anderer, als er iin Begriffe war, einem von ihm erschlagenen Juden die Brieftasche wegztinchmcn. Unter den Toten befinden sich zahlreiche jüdische Gcldvcrleihcr, die von ihren arabischen Schuldnern ermordet worden sind. Die Art der Vcrwundüngen zeigt fanatische Grausamkeit. Den meisten Opfern \vurde der Hals durchschnitten, die Mädchen und Kinder sind in der Mehrzahl erwürgt worden, und den Frauen wurde der Schmuck aus eien Ohrläppchen gerissen. Das französische Innenministerium gibt amtlich bekannt, daß die Zahl der während der Unruhen in Constantine Oetöteten 27 beträgt, von denen 21 Juden seien. 80 Vcr• liaftungcn seien vorgeuommen worden. Die Zahl der Vcrwundeten betrage etwa 20. Die französischen Korrespondenten sprechen dagegen von über 200 Verwundeten. Constantine, 8. August. (J.T. A.) Die Behörden sind der Ansicht, daß die Ordnung nunmehr bereits vollkommen W’iederhergestellt ist. Trotzdem bleiben die Lüden an den Fenstern der jüdischen Häuser weiterhin geschlossen. Die Aerzte in den überfüllten Krankenhäusern erklären, sie hätten selbst im Kriege nicht so gräßliche Verletzungen gesehen, wie bei den Opfern des Massakers. Der in Constantine eingetroffene Generalgonvernenr Cardc hat das Judcnvicrtcl inspiziert und den Umfang der dort aiigcriehtetcn Vcrwiistungen fcstgcstcllt. Unter den jüdischen Todesopfern befinden sich vier Kinder im Alter von 10, 8, ft und 2 Jahren. In A i n Bei da sind nach den bisher vorliegenden Meldungen keine Todesopfer zu verzeichnen, jedoch wurden elf Juden, unter ihnen sechs Frauen, schwer verwundet. Die Ausschreitungen in den übrigen Distrikten waren weniger schwer. Die Ereginisse in Constantine sind so grauenhaft! daß jedes Wort des Kommentars nur abschwächcnd wirken würde. Die Nerven der Welt sind gegen bestialische Gewalttaten abgestumpft, dennoch rufen diese Vorgänge allgemeines Entsetzen hervor. Ucbcr 20 völlig unschuldige jüdische Mensehen sind dem Toben des nationalen und religiösen Fanatis» mtis zum Opfer gefallen. Die zuständigen Behörden tragen eine schwere Verantwortung. Eine der Judentragödien unserer Geschichte hat sich abgespielt, überraschend und unvermittelnd. Den unglücklichen Opfern und ihren Angehörigen wendet sich das Mitgefühl der ganzen Judcnhcit zu. Verhandlungen Uber die Palästina-Einwanderung Jerusalem, 6. August. (J. T. A.) Die Mitglieder der Palästina-Exekutive der Jewish Agency David Ben Gu- Hon und Dr. Werner Senator haben mit dem Leiter des Einwanderungsamtes der Palästinaregicrung Eric Mills eine Besprechung betreffend die für die Zeit vom Oktober 1934 Ws März 1935 auszvigebcndc Arbeitcrcimvandcrungs-Schcdule geführt. Wie mitgcteilt wird, haben die Vertreter der Jewish Agency unter Betonung der im Lande bestehenden Arbcitsmöglichkeilen eine wesentlich höhere Schedulc *erlangt, als sie für das laufende Halbjahr festgesetzt Worden ist. Einer Meldung des ,,Doar Hajom“ zufolge hat die Jewish beschlossen, im Hinblick auf die jüngsten Judenfeindliehen Ausschreitungen in Thrazien <10 Zertifikate für üie Einwanderung türkischer Juden bereitzu* Bellen. Der südafrikanische Anlisemifcn-Prozcß , per Herausgeber der südafrikanischen Grauhcmdcn-Zcit- Wrnft ״Rapport“, David Hermanns Ol i vie r, einer der drei Grauhcmdcn-Fiihrcr, die sich vor dem Gericht in Grahams- ■own (s• ״J• R.“ Nr. 61) zu verantworten haben, veroffenthcht eine Erklärung, in der er sich von der antisemitischen ״'äUhcmden-Bcwegung I 0 s s a g t. Zählung der ausländischen Araber , Jerusalem, 6. August. (J.T.A.) Der High Commis- «oner hat eine Zahlung der in P a lä s ti na arbeiten- “en landesfremden Araber, die verdächtig sind, in "in letzten Monaten einßcwandert zu sein, angeordnet. * r Nach Meldungen der palästinensischen Presse hat der Gouverneur des C 11 au ran, jener syrischen I ro\ nz, "י den letzten Jahren aufs schwerste durch anhaltende ״״״« betroffen ist, über starke W a .1 d e r u 11 gen «״׳י י; ,unten Fellachen nach Palästina berichtet. Er an daß im fetzten Jahre gegen 300(» Menschen1 aus scr Gegend in Palästina Brot und Arbeit gesuef t ha cn. R־*״ch die gute wirtschaftliche Lage un Lande seien( diese Mensche!! fähig gewesen, sich selbst zu erhalten und auch1 an S fabeimgebl,•ebenen Familie״ ein Minimum an Sub^stcnz• J'ftcln zu überweisen. Auf diese Weise sei m jener Gegend 816 schwere Not um einiges gemildert worden, .. Am 5. August trat in Jerusalem eine Beratung der »rablchen Exekutive zusammen, die über die Einberufung Kongresses der palästinensischen Ara» 'r entscheiden soll. NSDAP und Warcnhausfragc Der Gauwirtscluflsher;iter der NSDAP, des Gaues Köln• Aachen teilt mit: ״Es bestellt Veranlassung, darauf hinzuweisen, «laß die grundsätzliche Einstellung der NSDAP, zur Ware n 11 a u s f r a g c nach wie vor die gleiche ist, die auch im Programm 11 er Bewegung eindeutig fcstgelcgt ist. Es ist deshalb der Einkauf im Warenhaus mit wahrer nationalsozialistischer Gesinnung nicht zu vereinbaren. Diese Einstellung gilt für das Warenhaus schlechthin. Damit, daß gewisse jüdische Warenhäuser eine sogenannte Gleich- Schaltung vorgenommen haben, deren Wert zudem zumeist zweifelhaft ist, kann an der grundsätzlichen Ein- Stellung selbstverständlich nichts gelindert werden.“ Diese Erklärung des Gauwirlsclfaftslieratcrs dürfte fm Zusammciihang mit einer Klage stehen, die die Westdeut• sehe Kaufhof A.-G. (ehemals Leonhard Tictz A.-G.) gegen den ״Westdeutschen Beobachter“ wegen zweier Aufsätze, die itt diesem Blatt anläßlich des Saison- Schlußverkaufes erschienen sind, erhoben hat. Zu dieser Klage, durch die eine einstweilige Verfügung beim Landgericht Köln beantragt wurde, nimmt der ״Westdeutsche Beobachter“ am 6. d. M. Stellung. Er weist darauf hin, daß in dem betreffenden Aufsatz die in letzter Zeit von Nichtariern als Geschäfts- Inhabern oft ausgemitzten Möglichkeiten, ihren Namen zu verbergen, angeführt waren, sowie die gesetzlich erlaubte .Möglichkeit bei Aktiengesellschaften, die Hinterleute dem ,Publikum zu verborgen. Die Zeitung hält der Behauptung des Anwalts des Kaufliofs, dieses Unternehmen sei arisch, entgegen, daß dem Vorstand, der aus sechs Mitgliedern besteht, noch immer die Nichtarier Franz Levy und Julius Schloß ,angehören. Daß diese ihre Aeintcr grundsätzlich zur Vcrfiigung gestellt haben, sei unwesentlich, Im Aufsichtsrat seien von acht Mitgliedern drei Nichtarier, nämlich Dr. Elicl, Dr. Frank und Dr. Tietz (Amsterdam). Aus dem Artikel erfährt man weiter, daß vom Personal am 1. Juli 1934 3,85 «Vo N ich tarier waren. Hierzu bemerkt der ״Westdeutsche Beobachter“, daß dieser Prozentsatz die leitenden Stellen umfaßt, Auch 47 jüdische Lehrlinge seien noch im Betrieb vorhanden. Daß Dr. Tictz. im Vorjahre einstimmig in den Aufsichtsrat gewählt wurde, sei zwar kein rechtsgültiger Beweis für die Annahme, daß er stärker als mit den angegebenen 7,5«/» an dem Gesamtkapital seines alten Unternehmens beteiligt ist, lasse aber den Schluß zu, daß die Besitzer der Aktien Juden oder ludcnfreundc sind, ״lud’ oder Judenircund ist für uns dasselbe!“, schließt der ״Westdeutsche Beobachter“ seine Betrachtung, Zur Organisationsfragc der deutschen Juden Es ist oftmals der Versuch gemacht worden, eine Bilanz der jüdischen Situation der letzten U'a Jahre zu ziehen, aufzuzeigen, welche Konsequenzen das deutsche Judentum aus der Erschütterung seines ideologischen und materiellen Bestandes gezogen hat und welchen cs sich auszuweichen bemüht. Diese Versuche werden immer wieder erneuert werden müssen, denn cs darf nicht zugelassen werden, daß der Glaube an Boden gewinnt, daß sich eigentlich wenig oder garniclits ereignet habe, daß sich die Dinge ״irgendwie“ wieder einrenken werden, daß cs ein Zurück in kürzeren oder längeren Zeiträumen in das gebet! kann, was Jahrzehnte die wirtschaftliche Sicherheit und die innere Ruhe des in jüdischer Beziehung niedergehenden deutschen Judentums ausmachte. Nichts ist gefährlicher, als eine Vernebelung der S i t u ation, als der Zweifel an der Ernsthaftigkeit der Ercignissc, weil cs dazu führen kann und muß, in der Zeit, die uns gesetzt ist, an den entscheidenden Aufgaben im jüdischen Bereich vorbeizusehen und sic uneinbringlieh zu versäumen. Nicht weniger dringlich aber ist die bilanzmäßige Analyse für das Gebiet des 0 r g a >1 i s a t i o 11 s m ä ß i - -gen Aufbaus des deutschen Judentums. Sic ist deshalb so besonders wichtig, weil das Wesen und das Geschick des deutschen Judentums, wie kein anderes der Welt, in seiner gegenwärtigen Gestaltung untrennbar verknüpft ist mit seinem organisationcllen Uebcrbau, mit seinen seit alters 11er bestehenden freiwilligen oder zwangsmäßigen Zusammenschlüssen. Man mag das je nachdem begrüßen oder bedauern, als Faktum ist es jedenfalls nicht zu bestreiten. Welcher Art war nun die Antwort des deutschen Judentums in organisatorischer Beziehung auf die Ereignisse der letzten IG Jahre, auf den tiefschürfenden Wandel seiner inneren und äußeren Situation, auf den vollkommenen organisatorischen Neuaufbau, der sich ringsherum allüberall, in Wirtschaft und Gesellschaft, in . den Korn muri cu und im Staat vollzog? Das deutsche Judentum verfügte seit jeher über eine unheimliche, verwirrende Fidle von Organisationen. Von den offiziellen öffentlich-rechtlichen Vertretungskörperschaften, den jüdischen Gemeinden und Landesverbänden angefangen, von den großen weltanschaulichen und soziälen Organisationen bis hinunter zu den tausenden Veteinen kleinster und kleinlichster Art gab cs wohl kaum eine Aufgabe (eine wirklich vorhandene oder eine ad hoc produzierte), der nicht irgendeine Sonderorganisation, Vereinigung oder Sondergruppierung zugeordnet war. ‘ Das deutsche Judentum konnte es sich in seiner relativen Wohlhabenheit leisten, Traditionen zu wahren, auch wenn ihr Sinn längst nicht mehr erkenntlich war, persönliehen Eitelkeiten zu fröhneu, Nebenwege aller Art zu gehen und dafür nicht unerhebliche Geldmittel zu ver* wenden, konnte den Gemeinden gestatten, ihre Steuermittel in einer Weise zu verwalten, die einer wohlhabcnden und an den Gemeindeeinrichtungen wenig interessierten, sicher aber sic nicht in Anspruch nehmenden Oberschicht angemessen war. Ein paar Monate — in der Mitte des vergangenen Jahres — schien es, als ob diese allzu vielen Organisationen, Gruppen und Grüppchcn sich auflockerten, auf Resonanz verzichteten oder sie verloren, neuen Tendenzen und Methoden, einer neuen Sinngebung jüdischer Arbeit zugänglich waren, kurz, als ob eine Ncugliederung des deutschen Judentums in organisatorischer und damit auch jüdisch-weltanschaulicher Art nicht nur mäglieh, sondern bereits im Gange sei. Doch cs war nur ein kurzer, allzu kurzer Frühling. Bald gaben die organisations-egoistischen Tendenzen allüberall wieder den Ausschlag. Was tat es, wenn die Organisation ihren Sinn eingebüßt, ihre Aufgabe verloren hatte; nun, dann mußten eben neue Aufgaben um jeden Preis gefunden werden, damit der bürokratische Apparat erhalten werden kann. Zu den ״jüdisch-politischen“ Organisationen gesellten sich die sozialen. Warum sollten gerade sic in ihrer vcr- ,wirrenden Fülle etwas von ihrem Eigenleben aufgeben, wenn auch besonders auf diesem Gebiete straffste Zusammenfassung, einheitliches Handeln und größte Sparsamkeit nottat Auch in den meisten Verwaltungen

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