Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 39 (1934)
- Issue
- Heft 60 (27.7.1934)
- Date
- 1934-07-27
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2651273-2653452-2653508--25549-2682693- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 10 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 60, 27. VH, m Bialikfeier in Wien Von Dr. Jakob R o $ c 11111 a I, Wien Die Trauerfeier für Bialik ln Wien, am Tage des Tel- Awiwcr Begräbnisses, wurde zu einem tiefen, unauslöschlichen Erlebnis. Lange vor Beginn mußte der grolle Saal des Hotel Kontinental polia-ilidi gesperrt werden. Im Festsaal selbst satten und standen Kopf an Kopf jüdische Miiuner und Frauen aus allen Schichten, und, was der Tnitierversamniltnig das er■ hebende• Gepräge gab, Jugend, allgemein-zionistische und chaluzischc Jugend. Die Feier war vom Zionistischen Landcskomi• t e e für Oesterreich, der ״H istadruth Iwrit h״ und dem ״Hoch.11 uz“ gemeinsam veranstaltet. Tiefe Trauer lagerte über dem ganzen Raum. An der Wand der Redner■ cstrade hing, schwarz umrahmt, das Bild Biaiiks, umgeben von einem hlauwcißcii, scliwar/.drapierteu Fahnentuch. Auf dem Redncrtisch brannten zwei Kerzen: symbolisches Zeichen für die geweihte Trau erstünde. Der Präsident der Histadruth Iwrith, Dr. Dawid Roth bin tu, spricht in hebräischer Sprache von Bialik als dem großen Vater unseres Volkes. Seine von Liebe erfüllten Gedenkworte schließen mit einer Strophe von Biaiiks unvergeßlichem Gedicht ״Gott kündet es mir“: ״... und vicllci! 111 einer JVrlc gleich, deren Clans ewig, sinkt meine .Seele mit der Tränen letzter hin und zittern wird sic, Icuelilcn durch viele Geschlechter Augen, die mirh nicht schauten.“ Der Präsident des Zionistischen Landeskomitoes, Dr. Oskar Gr ü 11 hau m, sagte, der Tod Biaiiks sei für die Wiener Juden• schaff ein Ring in der grollen Kette, die, von Smolcnski beginnend, über Hcrzl, Zwi Percz Chaics bis zu Bialik , . hinfiihrt. Fr gedachte der politischen Wirkung Biaiiks und der holländische Verlag Altert de Lange soeben veröffentlicht schloß: Am Tage, da Bialik seine Augen schloß, flatterte ein und das in allernächster Zeit auch hier in Deutschland er• Wort vom zionistischen Burgfrieden durch unsere Reihen, scheinen wird, bildet das vorhergehende Olicd in dieser An uns allen liegt cs, daß dieser Vogel nicht zu Boden fallen fünfgliedrigen Kette; und wir alle, die wir uns jetzt von möge, noch bevor er flügge geworden ist. ״Ruths schwerer Stunde“ erzählen lassen, wissen schon um die Der nächste Redner, der Vertreter des palästinensischen weiteren Schicksale dieses schönen jungen Geschöpfes und Jischuws und der Arbeiterschaft, Josef Baratz, schildert in »lircs ohne viel Schmeichelei geschilderten Freundes Fritz eindrucksvollen Worten den Trauertag in Tci-Awiw. Die Oef'lsn('r- 15"יי f-1«ö - ־״'" ”'1'י־' "י1״ — srhrmt es uns. •«!הי *mm '#״«4 Georö Hermann beschwört die Toten Georg Hermann, Ruth» schwere Stunde. 1934, Verlag Altert de Lange, Amsterdam. Ich hatte mal eine Freundin, die unendlich viele Bücher las und sie alle auf eine ganz sonderbare Art sich cinvcr• leibte. Erst las sie langsam die ersten Seiten, bis sic so mit Held und Heldin, guten und bösen Hngclu die erste Be* kannischaft gemacht hatte. Dann schlug sie das Buch mit einem Ruck zu •— und öffnete es wieder bei den letzten Seiten: Ins aufmerksam die allerletzten Seiten, ״denn man will doch wissen, was draus geworden ist, nicht wahr?‘1 — Und schließlich, wenn das Schicksal des Helden oder der Heldin sie lockte, kehrte sie zurück und las mm mit gesammelter Aufmerksamkeit und ungestört von jeder Neugierde alles Da• zwischcnliegemle. — I)urcl1 die Ironie des Schicksals befindet sich der Leser in Deutschland den! eben erschienenen Buche Georg Hermanns gegenüber unfreiwillig in eben der Lage, die meine Freundin — wir glaubten« Ihr nicht ganz ־— als die ideale für den Bticlierlescr sich auswähltc. Vor kurzer Zeit veröffentlichte die Jüdische Buch-Vereinigung sein an der gleichen Stelle gewürdigtes Buch ״Eine Zeit stirbt“. Dies Buch war das letzte in einer Reihe von fünf Romanen, die die Schicksale der gleichen Menschen über ein Lebensalter weiter spinnen, und handelte vom Sterben der jungen tapferen und schönen Ruth und zugleich vom Versinken so manches unter ihren Zeitgenossen. Das Buclv dagegen, das schon in diesem Buche kommen sicht. Der Wesenskern ihr Seins war von jüdischen Inhalten unberührt; das n1״,, sie schutzlos am Tage der Not ... wie dieser Paul q״ 'l( gar nicht versteht, worum es geht. ״Gehe hin ״Jl ferneI׳• möchte mau ihm oder seinem Autor sagen. Noch eins aber sollte man Georg Hermann jetzt in aller Bescheidenheit wie Moses Mendelssohns Kcgcijurn',' drr auch da» Recht hat, zu urteilen, ob die Fürsten pt 0,׳■• schlecht kegeln. Sieh, Ruth ist tot —• die Einzige au» ujf Zeit, die wußte, was eigentlich leben hieß; und die sind tot und zu Grabe getragen mit ihrer Zeit. Von AnncW und M’chen, von Hanse und Friinzc wissen wir jetzt und übergenug vom Rosenemil und Paul Oumpert und t!־i Andern. — Aber unterdessen ist rechts und links von dir ein! neue Jugend zum Leben erwacht: prachtvolle die cs schwerer hatte als ihre Eltern und Großeltern J und die sich doch ihren eigenen neuen, alten Weg sucht durch alles Gestrüpp hinweg. Hic Rhodus—hic ו,ן(ןן Dichter haben eine neue Jugend im Herzen, wenn auch <)» Haare ergrauten. Zeige, daß du die Wege der neuen Jugend verstehst, wie du einst die Wege der früheren Jugend y(r. standest; zeige dich lebendig unter den Lebendigen! Da» wirst du leben — wenn deine Zeit auch starb. Bertha Badt-Strauj. spräche Biaiiks mit Kindern, so sagte er, offenbaren die Grölte Biaiiks vielleicht noch mehr, als so manche seiner Schriften. Unvergeßlich bleibt für den Jischtiw das Wirken Biaiiks in den letzten Jahren. Wie ein Sendbote eilte Bialik von Kwuzah zu Kwtizali lind predigte dort V011 der Hciligliaitung des Sahli,־dli. Dr. Viktor Kellner, Direkfor des Chajcs-Oymnasiums, charakterisierte die schöpferische Persönlichkeit Biaiiks, indem er in ihr die harmonische Verschmelzung gegensätzlicher, ja widersprechender Elemente nachwies. Schon in der Sprache des Dichters offenbart sich solcher Gegensatz.: Bialiic, der Mensch mit dem allumfassenden Gedächtnis, schreibt in einer Sprache, die das Spracligut dreier Jahrtausende in sich enthält, und vermag dennoch in dieser Sprache sein persönlichstes Erleben zu bringen. Er ist der Dichter der Vergangenheit und der Dichter der Zukunft, er ist national und übernational in einem. Seine Dichtung ist gekennzeichnet durch Ernst und ';Schwermut; er hat aber auch Gedichte geschaffen, die leicht und volksliedhaft sind, in einer Sprache voller Duft und Glanz, In seinem Wesen und in seinem Werke ist ein gewaltiger prophetischer Zug. Unermüdlich und furchtlos sagt er seinem Volke die bittere Wahrheit, an der er selbst am schwersten leidet, und ist doch voll Mitleid und Erbarmen mit den Ge• drückten des Volkes, in dessen Erdreich er wurzelt und dem er die Treue hält. Der Künstler, dessen Werk von seltener .: Vollkommenheit ist, ist zugleich Lehrer und Führer seines Vol• •kos, die einzige sittlich«• Autorität in einer Zeit furchtbarer Zerrissenheit, Herz und Gewissen des Volkes zugleich. Es ist eine Tragik im Leben des Dichters, daß sein Werk nur von wenigen voll gewürdigt werden kann und daß der größte Teil des Volkes an ihm vorbcilebt. Doch besitzt die bloße Existenz des künstlerischen Werkes Biaiiks metaphy* sischen Wert. Die künftigen Generationen werden sich zu die• sem Werk hin entwickeln und werden wahrhaft jüdisch sein, wenn sie seine ganze zeitlose öröße in sich aufnehmen. Aus palästinensischen Zeitungen Erzlehun giresuliate in der Kwuza In der vom ״Kibbuz m cuc 11 a d“ in En Ch ar0d her• ausgcgcbcncn Zeitschrift ״M i b b i f!1 i in“ bat sich eine sehr interessante Diskussion tiber die Erziehungsfragen in der Kwuza entspannen. Eingclcitet wurde die Diskussion durch einen bedeutsamen Artikel von D. Malczt der in mutiger Weise schonungslos die Fehler des jetzigen Erzicliungssystems in der Kwuza aufdeckt. Das System habe t ׳otz großer Erfolge in bezug nut naturwissenschaftliche Kenntnisse und in bezug auf die Erziehung der Kinder zur Arbeit in wesentlichen Punk• teil fchlgcschbgcn. Die Ursache dieses Fchlsclifags sieht Ma• icz in der rationalistischen Einstellung, welche den Geist der Schule bestimmt. Das Resultat dieser rationalistischen Er- Ziehungsgrundsätze sei, daß unter den Kindern der Sinn für das Praktische in einem ungesunden Malte überhand genom* men habe. Die Kinder sind — klagt ein Lehrer in seinem Berieht — sehr trocken und hartherzig. Der Alte, der Schwache erregt bei ihnen kein Mitgefühl, weil man sie von Jugend an gelehrt hat, die Kraft zu verehren. Es gibt unter ihnen keine vcrelmingsvolle Einstellung zum Menschen, keine Ehrfurcht. Die geistigen Güter des Volkes sind ihrem Herzen nicht nahe. F.isncr. Und fast — aber eben nur fast — scheint es uns, als habe die emlvcrschlingendc Freundin dennoch Recht gehabt. Denn dies Buch fesselt uns jetzt auf eine ganz besondere Weise ... die freilich beinahe nur bei Georg Hermanns herrlich plauderhaften Büchern denkbar ist. ״Bei Ge• schricbencm ist der Inhalt gleichgültig!“ lautet ein viel zitiertes Wort. Und also fassen wir uns hier, wenn wir irgend in diesen aufgeregten Tagen die Sammlung dazu aufbringen, gerne von Georg Hermann von allen diesen uns eigentlich ganz gleichgültigen Leuten erzühten, deren kleine Schicksale wir schon von ihrem bitteren Ende aus kennen — nur weil cr’s noch immer kann, der alte Hexenmoistcr, der uns früher einmal — ich glaube, cs war im ״Kleinen Gast“ — auf hundertiiiulzwanzig Seiten von Wertheim bis nach Steglitz führte. Gleichgültig und fremd sind uns diese Leute alle, wenn sie auch noch so schöne Bilder kaufen und noch so entzückende Fehmiintel tragen, tot sind sic (ür uns — auch wenn wir nicht wüßten, daß sic sterben müssen mit Ihrer Zeit: tote Lieb', tote Lust, tote Zeit ... Bis auf die Eine — bis auf Ruth. In diese kluge, anmutige, tapfere und ganz, untrivialc Person sind wir schon nach den ersten zehn Seiten ebenso verliebt wie Fritz Eisner oder Georg Hermann es offenbar noch heute ist: wie sie ohne viel Aufhebens davon zu machen, aber auch ohne sich unnötig als Heldin zu drapieren, die ״schwere Stunde״ hcranmdien fühlt — ohne ein Dach überm Haupte, ohne einen Vatersnamen für ihr Kind.;; Und daß wir . nun schon von ihrem, frühen Sterben wissen, das umgibt ihr junges Haupt für uns mit der Glorie der Todgeweihten, die es schon trug, als sic noch in München im Entbindungsheim ihr kleines Mädchen zur Welt brachte. Wie auf jenen alten Atädciienbildern, bei denen Gevatter Tod dem blühenden Mädchen über die Schulter guckt oder im Spiegel erscheint, so ist auch Ruth niemals sehr fern von Tod und Todesgcdanken. Auch hier ruft sie den Tod einmal, um dem Freunde und sich selbst Leid zu ersparen -- aber der Gerufene, dessen Flügel sie schon umwehten, bleibt nicht bei ihr, läßt sich gern wie cs scheint wieder hinwegscheuchen. Der wird erst wiederkommen, wenn sie sein am wenigsten begehren wird ... Was bleibt uns außer diesem lichten Bilde Von diesem Buche? — Es gibt uns eine kluge und weitsichtige Schil• derung einer süddeutschen Stadt vor etwa zehn Jahren. Und auch hier scheint es uns w׳ic bei Ruths Schicksal und dem ihrer Freunde ... wir wissen das Ende. Unterdes sind wir ja um zehn Jahre klüger und ... trauriger geworden; was einst den! ״Alten Seemann״ in Einer Nacht geschah, dazu haben wir zehn Jahre gebraucht ... und mancher von uns scheint noch mehr zu dieser Aufgabe zu''braucl1en. Aber der Seemann sah auch den Albatros fliegen, den Sturmvogel; und wenn wir heut Georg Hermanns Buch lesen, so kommt es uns vor, als schwirrten Sturmvögel ähnlichen Gefieders durch alle Seiten dieses Buches. Einmal wird man diese Kette von Romanen vielleicht nicht nur als Kunstwerke, sondern auch als Zelt- Chronik schäl/cn. Alle diese Dinge, die wir vielleicht allzu rasch vergaßen, weil wir sie gern vergaßen: den Wirrwarr der ersten Naohkriegsjahre, die Eingecngthcit ln allen Lebens• Bedürfnissen, die Wertlosigkeit des Geldes, das Brodeln unter der Oberfläche ... ach, und das schwelende Glimmen des Judenhasses, das nach dem verlorenen Kriege hier und dort schon hell aufflammte. ,,Ich habe den Krieg nicht begonnen, nicht geführt und nicht verloren“ sagt einer von Fritz Eisncrs Freunden, ״Ich hin nur in ihm zum Krüppel geworden und habe meinen einzigen Sohn dabei gelassen“ ... ״Mein Nachbar, Nicht nur, daß sie den Snbbatli in seiner traditionellen Form ntit dem ich tausend Jahr und länger zusammen gelebt habe nicht kennen, sie sind auch nicht imstande, sich in ihn cinzu• haßt mich plötzlich; weil ich für ihn der Jude bin und weil fühlen. Er glaubt ferner bei den Kindern eine ungesunde er behauptet, daß ich kein Deutscher für ihn bin. Der Pole .... t I . .. _.. f _ -11 ״..ו «« ...I ii A« M f.^1 *. 'lAr.rt «...II .«•int« inte T1,\״ Selbstzufriedenheit, einen Mangel an Begeisterung und an sec lischcr Problematik fcsfsfellen zu müssen. Die Kinder sind große Egoisten. Die Schuld schreibt Malez — so paradox es klingt — der Verfassung der Kwuza und der Kinder■ gemeind czu. Indem die Kwuza sich bemüht, durch rein organisatorische Maßnahmen, die Gleichberechtigung aller hcrbcizufülireu, enthebt sic den Einzelnen der persön• liehen Anstrengung in der Richtung auf das soziale ideal In der Londoner ״Times״ vom 2t. Juli veröffentlicht Ge• ncral Harington die Mitteilung, daß er die Memoiren seines früheren Chefs, des verstorbenen Lord Plumcr schreibe. Da Lord Plumer keine Tagebuch-Aufzeichnungen!unterlassen hat, bittet er alle, die mit ihtu in Verbindung standen, um lieber• mitilung von Material. Bei der Bearbeitung der Kapitel be• treffend Malta und Palästina hat der ehemalige Kolonial• minister Amery seine Mitarbeit zugesagt. und der Franzose will mich totschlagen, weil ich ein Deutscher für ihn bin. Der Russe will mich totschlagcn, weil er mich für einen hoffnungslosen Bourgeois hält ... Es ist kein reines Vergnügen, zwischen Leuten dieser Art zu wohnen ..." Worin man Paul Gumpeil — oder Fritz Eisner — oder Georg Hermann — sicherlich nicht Unrecht geben wird, Und doch: ist das alles, was wir aus dieser Zeitschil• derung und diesem nachdenklichen und Nachdenken erwecken* Malez sicht die Heilung in der Einführung gefühlsmäßiger den Buche fortnehmen können: Ist diese ein wenig altersmüde Elemente in den Untcrrjcht, besonders in den Unterricht in der Skepsis und Meiisehenvcrachtung letzte Weisheit dieses J’Literatur, »11 der Betonung des irrationalen Eie* Buches? Auge, das alles sah — auch was unter der Erde Ve Wendung vonM׳ uTikalsÄufekSr!׳ ■»?»״״״Schute noch scIllidl ־ 'md skh ^hließlich tröstete mit dem Qrüne- Verwendung von Musik als Erzahungsfaktor in der Schule. vvald.A|tar in Colmar, oder vielleicht noch häufiger mit den .״״•״״■■.- blühenden Weißdornhecken und den Bienen, die iit den Lin* den summen ... Vielleicht standen wir alle wie Oeorg Her• mann in diesen Jahren ״in der Sünder Reihe״: weil wir ln ruchlosem Optimismus uns trösteten und immer wieder tröste• ten — und uns noch altersweise und überlegen dabei vor• kamen. Statt: Waffen zu schmieden — keine Waffen des Krieges, sondern Waffen des Geistes; statt uns zu rüsten, uns und unsere Jugend, daß wir nicht einst seelisch wehr• los stünden am Tage des Angriffs. Diese Menschen haben alle — wie einst der Handwerksbursche im Märchen — das . üie New Yorker Monatsschrift ״The Llterary Beste vergessen. Darum starben sic und mußten sic sterben World" widmet ihr Jtiji-Hcft dem Gedächtnis des vor zehn mit ihrer Zcitf Juden waren sie, wenn es galt, Notleidenden lanrcn verstorbenen Dichters Franz Kafka. Denis tu helfen; als Juden entdeckten sie sich — mit empfind* techer Schrßt«ften*;’I׳!CSK,r fraPr ■Ludc ¥ der größte deut• liehen» Schmerzgefühl - wenn es galt, dem Antisemitsmus unserer!te n *i c s,e1t Nietzsche, der einzige Schriftsteller zu wehren. Aber der soziale Jude und der Abwehr• unserer Zeit, der neben Proust stehen kann/ Jude reichte nicht aus für die Zeit, die kam -Zmm Zur jüdischen Religionsgesdiidiie ln den kürzlich erschienenen Sammclhsmd ״Wirklich', kelt der Seele“ von C. G. Jung (Verlag Rascher tt Co., Zürich) ist neben Aufsätzen von Jung, die höchst bedcutum! Arbeiten des berühmten Psychologen enthalten, auch eij Aufsatz des den Lesern der ״Jüdischen Rundschau“ m5 zahlreichen Beiträgen wohlbekannten Hugo Ros enthal aufgenommen, der dem Thema gewidmet ist: ״Der Typen, gegensatz in der jüdischen Religionsee. Schicht c". Die beiden Hauoltypen der Jungscheit Psychologie, von der Rosenthal ausgeht, sind der Extravertierte und der Intto vertierte. Beide unterscheiden sich voneinander grundsätilkl! durch ihre verschiedene Einstellung zur Welt, während do Extravertierte nach ״außen“, auf die Objekte, gerichtet ist, dort seine Interessen liegen und er auch dort sein Schicksal erlebt, liegt beim introvertierten der Schwerpunkt beim Subjekt, er ist eingestellt auf die ״Innenwelt". Das bedeutet aber nicht, wie es oft mißverstanden wird, daß er ״mir subjektiv'• urteile und handele, Die Innenwelt ist etwas ebenso Allge■ meines und Objektives wie die Außenwelt. Der Extravcrticm ist dein einen Teil der ״Welt“, der allgemeinen Struktur der Außenweit zugewandt, der Introvertierte dem anderen Teil, der allgemeinen Struktur des Menschen. Erst beide Teile zu• sammen ergeben ein vollständiges Bild der Welf, jede ein• seifige Haltung aber, welche eine Weltscite unterdrückt und ausschlicßt, führt zu einer Gefahr. Gerade die Einseitigkeit aber kennzeichnet den psychologischen Typ. Im ersten Teil seiner Arbeit behandelt Roscnthal de Gegensatz Jude-Niclitjiide. Das auffallendste Merkmal dt! jüdischen Volkes ist sein Bewußtsein, ״auscrwählt“ zu sti׳ d. 11. im Gegensatz ztirWelt und allen übrigen Völkern zu stelle nicht zu sein wie die Völker der Erde. Diese Haltung km zeichnet sich aber, psychologisch gesprochen, als lntrovcrsix denn .,der Introvertierte stellt sich der Welt gegenüber“. Df« Grumleinsicht wird aber von Rosenthal nicht bis in ihre s«!!; wichtigen Konsequenzen weiterverfolgt, sondern der Akzts! seiner Arbeit liegt auf der Behandlung des Typcngegensitm als eines ״innerjüdischen“ Problems. Die Verfolgung des Typengegensatzes In der jüdisches Geist esgeschichte ist außerordentlich klärend. Die Immer sich wiederholende Zwiespältigkeit in der jüdischen Entwickln»': mit ihrem ununterbrochenen inneren Kampf bekommt tut ganz anderes Gesicht, wenn man sie als eine unausweich■ liehe Auseinandersetzung der zwei sich bekämptenden Grund• typen erkennt. Der Gegensatz Extravcrtiert-lntrovertiert 138׳ sich durch alle jüdischen Grundgegcnsätzc hindurch verfolge״, von der Polarität ״Priester-Prophet", ״Halacha-Aggada" h» zum Kampf des Rabbinismus gegen Knbbalah und Chassldi״ mus und bis in unsere Tage. All dies ist in Rosenthals Arbeit nur augcdcutct, doch wird von jetzt an keine sich um ein Vcrständnis bemühende Auseinandersetzung mit dem Judentum an dieser Betrachtungsweise Vorbeigehen können, die manches Mißverständnis zu klären, manche Zweideutigkeit aufzuheiim imstande ist. Vom Typenproblcm ausgehend, wendet Roscnthal fast das ganze Riisizeug der analytischen Psychologie zur Anahse zweier sehr verschiedener Bi bei texte an. Er behandelt einmal die Gestalt Sauls in ihrem Gegensatz zu der Davids W’obei er zu einem umfassenden Verständnis der Persönlich■ keit und des Schicksals dieses Königs kommt; von größerer Wichtigkeit als dieser Teil, gegen den einige grundsätzlich methodische Bedenken erhoben werden können, ist ab« der andere Teil der Arbeit, der den Jakob—Esau-Gcgcnssti behandelt. Der Zweifel an der Zulänglichkcit einer psychologisch«! Untersuchung von Texten wie cs die Bibel ist, ist heute nicht mehr angebracht, denn durch Jungs Entdeckung des ״kollA• tiven Unbewußten“ als des allgemeinen Fundamentes, ad dem die menschliche Kultur errichtet ist, wurde eine adäquat* Erfassung mythischer Stoffe und religiöser Phänomene mö:• lieh. Die Erzählung vom Kampf Jakobs mit dem Engel, der nach alter Auffassung der Schutzherr Esaus ist, stellt 1« gewissem Sinn als Mvthos einen ״Traum des Volkes“ dar. Er wird von Roscnlhal zum Gegenstand einer Analyse gemacht, welche die tiefsten Schichten des Volksclurakt«« aufdeckt, indem sie nachweist, daß in diesem Kampf d״ Kampf des Judentums mit sich selbst, seiner minderwertige1׳ Seite ״Esau" dargestcilt Ist. Die Verschränkung der Staffl־״ yätergescliichte mit dem mythisch-allgemeinen das ganze Volk betreffenden Geschehen wird bis in die Einzelheiten d« ׳ Textes hinein verfolgbar, und gerade aus der symbolls«״ mythischen Realität der Ereignisse läßt sich ablcitcn, "'* der Kampf der Qegcntypen über den Kampf mit der eigen*" Minderwertigkeit hinauswächst zum Ootteskämpfertum ׳5י raels. Diese Andeutung des Inhaltes ist naturgemäß ärrnlicb und unzureichend, cs ist aber auch nicht ihr Sinn, die Lek• turc der Roscnthalschcn Arbeit zu ersetzen, die, auch wen* manches gegen sie einzuwenden ist, eine Fülle bedeutsam** Ergebnisse birgt. Die Anwendung der analytischen Psychologie aut <lj* Religionswissenschaft, von der die Roscnthalsche Arbeit *'* erster Anfang ist, vermittelt nicht nur neue Antworten u"? Fragestellungen, sondern sie. kann einen entscheidenden B*1‘ trag liefern zur Wicdertinwurzelimg des Juden ins Judentum׳ Indem sie .dem modernen Menschen einen persönlichen Z*־ gang zu den religiösen und allgemeinen Fundamenten jüdischen Schnfttums ermöglicht. Dr, Erich Ncumann, T«l*Awiw<